Autor Thema: eine Hand für das Boot /KG /Randbezirke  (Gelesen 145 mal)

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Offline Uli

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eine Hand für das Boot /KG /Randbezirke
« am: 21 August 2020, 21:34:39 »
was macht man, wenn es mit dem Schreiben zäh wird?
Richtig, man schreibt. Etwas anderes.

Diese Kurzgeschichte (die nicht unbedingt den Regeln einer KG entspricht) ist entstanden, weil ich ganz nebenbei jemandem ein Prinzip klarmachen musste ... aber sie passt in die Serie ˋRandbezirke ´.
Und deswegen landet sie jetzt auf dem Grill. So.
Hier geht es wieder mal um alles: Verstehen, Interpretieren, Wortklauberei, Erbsen (mit oder ohne Speck) und Inter-.-ion.

Ach ja:
Meine Private Betaleserin sagte, sie hätte geheult nach der Lektüre, also ... mit Vorsicht zu genießen.
Aber andererseits ... Hölle ist Hölle ...


Eine Hand für das Boot.

... weil wir in diesem Boot sitzen, die Küste außer Sicht, und am Horizont ein Sturm sich ankündigt ... weil dieses Boot, dass uns an ein Ziel bringen soll, zerbrechlich ist ... weil dieses Meer, dass unser Boot trägt, so gnadenlos ist, wie es Freiheit verspricht ... weil die Reise nur gut wird, wenn wir ankommen ...
Deshalb erhebe ich Anspruch, mein Kind.

Darauf, dass du immer eine Hand frei hast für das Boot. Um die Leine zu ziehen, die gezogen werden muss, um das Ruder zu führen, das Segel zu setzen - eine deiner Hände gehört dem Boot. Zu jeder Zeit, wenn es Not tut.

Ohne diese deine Hand werden wir kentern, ertrinken, zerrieben werden im Sturm - und vergessen sein. Diese Hand, deine Hand für das Boot, gehört uns. Uns allen, und jedem einzelnen. Und dir. Und mir.

Aber.
Mehr Anspruch erhebe ich auf deine andere Hand: Die gehört dir.
Mit dieser Hand hältst du dich fest, woran auch immer, wenn die See hoch geht, und wenn die Wasser friedlich sind um so mehr. Weil dieses Meer so heimtückisch sein kann, wie es Freiheit verspricht.
Wenn die eine Hand dich nicht hält, dann fehlt die andere für das Boot. Dann sterben wir, dann sinkt das Boot mit allen, die darauf sind, weil deine Hand fehlt, weil das Ruder nicht geführt wird oder das Segel nicht gerefft, was diese deine, diese unsere Hand grade hätte tuen müssen. Halte dich fest!
Für uns.

Wir können nur gemeinsam ankommen.
Und jetzt ... ruhe dich aus, damit deine beiden Hände Kraft haben, wenn das Wetter losbricht. Denke nicht an den Sturm, damit der dir nicht den Schlaf raubt, die Kraft, die wir brauchen werden. Denke an das Ufer, das noch außer Sicht ist, und denke an die, die es nur sehen werden, wenn das Boot nicht scheitert.

Schlafe ruhig.
In Liebe.


————
danke fürs Lesen!
cheers, Uli


Offline eska

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Re: eine Hand für das Boot /KG /Randbezirke
« Antwort #1 am: 22 August 2020, 23:30:39 »
Hi Uli, ich schon wieder!

Meine Röstgabel riecht schon völlig nach deinen Texten, auch wenn sie nicht viel piekt.  :diablo:

Im Voraus: Diese KG ist nicht ganz meins, und ich glaube, das liegt am Ende, denn gut lesbar und wohl auch verständlich ist sie. Aber Schritt für Schritt:

Ich verstehe die Aussagen zum Boot als allegorisch. Jemand spricht mit der Autorität dessen, der etwas besser weiß als der Angesprochene, einer väterlichen oder elterlichen Autorität, denn er/sie nennt den Adressaten 'mein Kind'. Es geht aber nicht um Hierarchie, sondern um Einsichten: Wie muss man sich benehmen, wenn man mit anderen in einem gefährdeten Boot sitzt und überleben und ankommen will? Der Sprecher weiß das, zweifelt nicht an seinem Wissen, gibt es als lebensnotwendig weiter. Lebensnotwendig für alle im Boot, ihn eingeschlossen (wir).
Übertragen auf eine Situation, in der alle 'in einem Boot sitzen' und aufeinander angewiesen sind, z.B. alle Menschen, egal aus welchem Volk oder Erdteil, auf einer zerbrechlichen Erde, sagt der Text, dass es einen klaren Verhaltenskodex gibt, der für alle verbindlich sein muss, weil nur dann alle es schaffen können: Eine Hand fürs Boot und eine fürs Sich-Festhalten, einen Teil aller eigenen Ressourcen also für alle, uneigennützig da einzusetzen, wo es not tut, den anderen Teil aber - als wesentliche Voraussetzung für überhaupt Ressourcen - für eine/n jede/n selbst. Platt gesagt: Wer nicht für sich selbst sorgt, kann schnell nicht mehr für andere sorgen und nimmt ihnen allen damit etwas Wichtiges weg. Laut Text sogar die Lebensgrundlage, weil jede einzelne Hand so wichtig ist, dass es auf sie ankommt.

Und hier schlägt mein Unbehagen zu: 1. Wer oder was gibt dem Sprecher-Ich diese überhöhte Rolle? Wieso weiß es mehr? Wo sind die stummen anderen Mitfahrer? 2. Wenn jede/r Einzelne wichtig ist, dannn hoffentlich nicht nur als Teil eines Ganzen, als die Hand, die sonst fehlt, sondern als Individuum. Gerade einem elterlich fürsorgenden, evtl. liebenden Sprecher müsste es auch um das Glück des Du unabhängig von anderen gehen.

Zum Ende:
Zitat
Und jetzt ... ruhe dich aus, damit deine beiden Hände Kraft haben, wenn das Wetter losbricht. Denke nicht an den Sturm, damit der dir nicht den Schlaf raubt, die Kraft, die wir brauchen werden. Denke an das Ufer, das noch außer Sicht ist, und denke an die, die es nur sehen werden, wenn das Boot nicht scheitert.

Schlafe ruhig.
In Liebe.

Ich empfinde das als zu knapp, und damit irgendwie lieblos (vom Ich, nicht vom Autor). Immerhin ist dies der Part mit den Anweisungen für das Leben vor dem Sturm, die bestmögliche Vorbereitung auf die Krise: Körperlich Ruhe finden. Seelisch keine Angst schüren. Ein positives Ziel setzen. An Mitreisende (oder sogar erst Nachkommen?) denken, sich als Bindeglied sehen.
Alles richtig, aber hier immer mit der negativen Konsequenz gekoppelt statt mit der Hoffnung auf etwas Besseres. Das Ufer (Ziel) taucht hier zum ersten Mal auf und nur ganz vage. Wäre das nicht die viel stärkere Motivation? (Aber vielleicht ist das das momentane Problem der Welt, dass wir keine gemeinsame Vision vom Ufer jenseits unseres Jetzt haben und nicht wissen, wohin wir rudern sollen.)
Die beiden letzten Sätze stören mich richtig. Das 'in Liebe' wirkt wie ein Vermächtnis, was womöglich zur Textform passt, nicht aber zum Absatz davor mit 'und jetzt'. (Und wenn, fehlt eine Unterschrift.)
Das Schlafen wiederholt sich erstens und ist zweitens als letzte Anweisung zu passiv. Da fehlt mir mindestens eine Info, wer stattdessen wacht.

So, zum Schluss noch zwei Erbsen:
Zitat
weil dieses Boot, dass uns an ein Ziel bringen soll, zerbrechlich ist ... weil dieses Meer, dass unser Boot trägt, so gnadenlos ist,
dieses Boot, das
dieses Meer, das

Ach ja, das Meer, das Freiheit verspricht, wird zwar zweimal erwähnt, man spürt diese Sehnsucht aber nicht. Für das Ich ist das Meer nicht Hoffnungsträger, sondern Gefahr, tückisch und gnadenlos. Der erste Aspekt könnte stärker herauskommen.

Und dabei ist mir noch etwas aufgefallen: Weiß das Du eigentlich, wofür sich all diese Pflicht lohnt? Nicht erst irgendwann in grauer Zukunft, sondern jetzt? Wie wär's mit ein bisschen Lebenslust, dem Wind in den Haaren, dem Salz auf den Lippen, dem Glitzern der Sonne auf dem Wasser, dem Jagen der Wolkenfetzen, der Hand neben der eigenen am Ruder? Könnte das Ich dem Du nicht auch davon etwas zeigen?

Bastele mal noch ein bisschen am Text rum, ich freue mich auf die nächste Version!
Gruß,
eska
  • Ich schreibe gerade: mal wieder an einem alten Projekt herum - AT Lethbridge

Offline Uli

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Re: eine Hand für das Boot /KG /Randbezirke
« Antwort #2 am: 23 August 2020, 12:40:43 »
moin eska!

Danke für deine Anmerkungen - und dafür, dass du von vornherein die Allegorie gesehen hast.
Und besonders dafür, dass du dir eine positivere Fassung wünschst ...

In dieser Version spricht eine alte, erfahrener und vor allem erschöpfte Person mit der Autorität eben dieser Erfahrung. Diese Person hat a) für sich selbst nicht mehr die Hoffnung, ˋdas Ufer zu erreichen ´, obwohl sie den Versuch nach wie vor für richtig, für notwendig hält.

Die angesprochene Person ist in der Situation, dass Zweifel aufkommen, Hoffnung schwindet - und um dem entgegenzuwirken, engagiert sie sich über ihre Kräfte hinaus, läuft in Gefahr, instabil zu sein.

Liebevoll ist Person eins in den ersten Zeilen, in der ˋgestotterten ´ Begründung für seinen ˋAnspruch ´ - weil da nicht der Satz fällt ˋund weil ich nicht mehr lange da sein werde, um dich aufzufangen ´.
Darum ringt Person eins: Person zwei klar zu machen, dass diese sich von jetzt an selber halten muss.

Deswegen erwähnt er auch den Traum vom anderen Ufer nicht mehr, sondern spricht nur noch von ˋFreiheit ´, die das Meer verspricht.
Am Schluss sagt Person eins dann: OK, noch bin ich da - du kannst/sollst/musst jetzt ausruhen, deine Kräfte finden, das geht schon noch - aber eben nicht ewig.

Letztendlich der Konflikt zwischen ˋFreilassen ´ und ˋFürsorge ´...

Naja.
Das ist alles sehr komprimiert, was auch daran liegt, dass die ˋRandbezirke ´ eben dies erfordern: maximal 400 Worte. Dieser Text hat bisher 306, und ich schaue mal, was ich mit den 94 verbliebenen anfangen kann ...

(ach ja: Das mit der Unterschrift muss ich zurückweisen: Der Text wird gesprochen, nicht aufgeschrieben auf den Nachttisch gelegt)

alles Liebe!
Uli