Autor Thema: mit deinen Augen (schluss)  (Gelesen 149 mal)

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Online Uli

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mit deinen Augen (schluss)
« am: 12 Juni 2020, 22:08:04 »
hallo, Hölle!

Es ist zwar recht still, in letzter Zeit, aber gutes Grillwetter ...
Passend dazu die Schlusssequenz von ˋmit deinen Augen ´.

Zwischen den Anfang und ˋjetzt ´ erkunden Kai und El! die Welt, und es gibt haufenweise Zeug, das Kai über diese seine Welt lernt, und all sowas, und ... das ist alles bestimmt ganz lustig, aber erst dieser Schluss ist wichtig.

Also:

Schluss

Zuletzt ist sie gegangen.
Die Agentur hat Millionen verdient mit dem, was El! und ich an Content geliefert haben, viele Millionen, und unser Anteil war ... sehr anständig. Klar, weil die Agentur natürlich auf noch viel mehr Millionen hoffte und ich nie einen Exklusivvertrag unterschrieben hatte. Mal abgesehen davon, dass es gute Leute dort gibt, beinahe ... Freunde.

Jedenfalls war das Konto prall gefüllt, bereit, alles zu finanzieren, was das Leben angenehm machen konnte. Eigentlich.
Nur ... das was El! brauchte, war nicht zu kaufen.
Sie wurde trauriger mit jedem Tag, schweigsamer, einsamer ...
Traurig, so sagte sie, weil sie Liebe gefunden habe, bei mir - aber Liebe allein ihr nicht genug Kraft gäbe, diese - meine - Welt auszuhalten.

Und deshalb ging sie fort.
Sie bat nicht um meine Zustimmung. Sie wusste, dass ich sie nicht zurückhalten würde.
Sie hatte im Wald ein Blatt gefunden, ein Ahornblatt glaube ich, und das heftete sie mit drei Stecknadeln an die Wand - die gleiche Wand, an der damals das Auenland-Bild hing. Und dann umarmte sie mich, weinend, sagte noch etwas - du kannst eine Tür finden, vielleicht - und ... sprang.

Sie sprang in das Blatt hinein, das habe ich gesehen. Und das Ahornblatt wurde welk, in einem Sekundenbruchteil, und verdorrte und verging schließlich in einer weiß-blauen Flamme, und sie war fort.
Nur ihr Körper, der lag auf dem Boden vor dieser Wand, beinahe in der gleichen Haltung wie damals, aber unverletzt.

Ich habe sie gewaschen und in ein Leinentuch gehüllt um im Garten begraben. Und ...

Seitdem suche ich die Tür, von der sie sprach, seitdem laufen alle Nachrichtenkanäle, und ich habe drei Bots, die das Netz absuchen, und einen Privatdetektiv und ... nichts.
Bis heute.

Ich habe heute, nach Wochen, gebadet, mich rasiert und bin dann in den Garten gegangen. Einfach so. ˋMüsste mal wieder ...´ dachte ich, und dann sah ich es: Auf ihrem Grab, das kaum mehr erkennbar unter Gras und Kräutern lag, wuchs eine Pflanze. Eine, die ein einziges, silberweißes arhornförmiges Blatt trug, und in der Mitte des Blattes erkannte ich ein sehr kleines, hellrotes stilisiertes Herz ...

Ich weiß nicht, wie lange ich es angestarrt habe, jedenfalls war es finster, als ich mit dem Blatt zurück in die Wohnung ging.
Die drei Stecknadeln waren noch in der Wand, und wie El! befestigte ich das Blatt mit ihnen, ohne es zu durchstechen.

Wie funktioniert das? Was hat sie darüber erzählt?
Der erste Versuch - ganz fest an sie denken und springen - endete mit einer veritablen Beule an der Stirn. Denke nach! Denke nach!
Sie sagte einmal sowas wie ˋTüren sind nicht für Leben, nur für Sein ´, erinnerte ich, und ... ich habe noch das kleine Sichelmesser, dass sie damals geschmiedet hat und ...

Das Blatt an der Wand scheint zu welken, ich habe keine Zeit mehr - macht´s gut und die Welt zu einer besseren.
Alles Liebe, Chai

Nachwort des Herausgebers
Kai Dirk Mauser hat dieses Manuskript elektronisch zur Agentur übermittelt, und weil wir alle darauf gewartet hatten, wurde ich trotz der späten Stunde sofort informiert.
Mitten in der Nacht habe ich es gelesen, und im Morgengrauen gelangte ich zu den letzten Absätzen, die mich natürlich sofort in Alarmstimmung versetzten. Unverzüglich informierte ich den Sicherheitsdienst der Agentur und orderte ein Taxi, aber ...
Wir kamen zu spät.

Kai lag mit einer Schnittwunde am Hals an der Nordwand seines Apartments, tot.
Ich habe nach dem ersten Schock und nachdem der Notarzt diese traurige Wahrheit bestätigt hatte, das Apartment versiegeln lassen und ein privates Forensik-Institut beauftragt, alle - ausdrücklich alle Spuren zu sichern und eine detaillierte Auswertung - auch unter Berücksichtigung der letzten Absätze des Manuskripts - vorzulegen.

Heute ich dies Auswertung eingetroffen.

Die Ermittler haben den Garten komplett ausgegraben, das Erdreich analysiert , und tatsächlich eine Stelle gefunden, an der vor einiger Zeit ein Leinentuch vergraben worden ist. Nur ein Leinentuch. Sonst nichts.

In der Wand, vor der Kai lag als ich ihn fand steckten drei Nadeln in einer Formation, die ein normals Ahornblatt dort hätte festhalten können, es gab aber keinerlei Spuren eines solchen Blattes.

Kai wies an der Stirn eine Beule auf, und die Spurenleute stellten mit, wie sie sagten, an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest, dass es mit Schwung und ebenso wahrscheinlich mit Absicht gegen eben diese Wand geprallt ist, und zwar etwa eine halbe Stunde vor seinem Tod.

Die Schnittverletzung an seinem Hals hätte mit Sicherheit zum Tod geführt - allerdings ergab die Obduktion, dass Kai nicht daran verstorben ist. Das das Leben in vorher verlassen hat.
Diesen Verdacht äußerten die Fachleute bereits angesichts der zu geringen Blutmenge auf dem Boden.

Das Fazit?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß es wirklich nicht. Deshalb füge ich diese Tatsachen (und, im Anhang, die Quellen dem Manuskript bei und gebe dieses zur Veröffentlichung frei, ohne eine weitere Überarbeitung durch unser Lektorat.

Kais letztem Willen, der uns vorliegt, entsprechend werden alle Einnahmen aus diesem Werk sowie alle ihm zustehenden Tantiemen aus seinen vorherigen Veröffentlichungen einer von ihm benannten gemeinnützigen Organisation zugeführt.
In Trauer um einen Freund,
Jay H. und die Agentur Traumbilder

Offline FF

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #1 am: 17 Juni 2020, 22:36:21 »
Huh. Sehr melancholisch. Und traurig. Aber wenn's Fantasy ist, glaube ich an diese Art Tür. :)

Ein paar Tippfehler:

arhornförmiges Blatt

Heute ich dies Auswertung eingetroffen.


Das das Leben in vorher verlassen hat.
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Online Uli

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #2 am: 17 Juni 2020, 22:51:04 »
(schäm wg Typpfählern ...)

Danke, CheFFin - offenbar ist das also gelungen:
Es ist traurig, wenn man nicht an solche Türen glaubt.
So war das gedacht.

dops!


Offline FF

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #3 am: 17 Juni 2020, 22:56:06 »
:lava:
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Offline eska

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #4 am: 19 Juni 2020, 00:00:26 »
Lieber Uli;

vor der Lektüre hat mich dieser Satz ziemlich irritiert:
Zitat
es gibt haufenweise Zeug, das Kai über diese seine Welt lernt, und all sowas, und ... das ist alles bestimmt ganz lustig, aber erst dieser Schluss ist wichtig.

Alles, was den beiden geschieht, ist nur Geplänkel zum Zeitfüllen und verändert nichts? Was, wenn nicht El's Vorbild oder ihre so viel bessere als die menschliche Art, nach dre er sich als Lebensform sehnt, bringt denn Kai am Ende dazu, sein irdisches Leben aufzugeben?
Und wenn das alles wirklich keine Rolle spielt, dann kannst du es auch nur knapp zusammenfassen wie oben.



Ein paar Anmerkungen: Wieso bleibt ihr Körper zurück? Bei ihrer Ankunft kam auch ihr Körper neu in unsere Welt, nicht als werdendes Leben, sondern fix und fertig erwachsen. Was geschieht dort, wo sie hinspringt, mit ihr ohne Körper?
Es ist mir zu ähnlich dem normalen Sterben: erst geht es ihr nicht gut, dann ist ihre 'Seele' fort, der Körper tot und übrig. Begraben wird sie auch noch.
Als Allegorie auf den Tod und einen Übergang in eine Art Jenseits lese ich den Text aber auch nicht. Eben weil der Anfang anders ist.

-----
Heute komme ich nicht weiter, sorry. Mehr demnächst.

Ciao,

eska
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Online Uli

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #5 am: 19 Juni 2020, 15:06:51 »
ay Eska,

gut erkannt: Die Begebenheiten während der ˋHeldenreise ´ sind durchaus wichtig - nicht nur für Kai. Aber nicht wichtig ist, diese Teile auf den Grill zu legen. Im Gegensatz zu dieser Schlusssequenz.

Die ˋTechnik´ der Türen ist ein bisschen komplex, und ein Teil davon ist, dass sie keine Materie transportieren, nicht einmal ˋLeben ´ sondern nur ˋSein ´. El! hat also bei der Anreise bereits ihren vorherigen Körper zurückgelassen.

Und nein, eine Allegorie auf Tod/Nachleben soll das auch gar nicht sein - also ist es gut, dass du so etwas nicht erkennst (obwohl du offenbar diesen Gedanken hattest, was wiederum sehr gut ist).

Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass nach Kais Erleben El! beerdigt wurde, aber das mit unserer Wissenschaft nicht nachweisbar ist - so, wie ihre ganze Existenz in dieser Welt keine Spuren hinterlassen hat.
Es ist also möglich (und bleibt offen), dass die ganze Sache ausschließlich in Kais Erleben stattfindet, und im ersten Teil biete ich den LeserInnen sogar Kais  möglichen Drogenmissbrauch als Erklärung an. Zusätzlich zu seiner Persönlichkeit, die als ˋgenialer Irrer´ bezeichnet wird.

Ebenso ist nicht nachweisbar, ob Kai (sein ˋSein ´) irgendwo hingelangt ist und dort vielleicht gar glücklich ist. Oder ob er in einer Ausnahmesituation war, durchgedrehte und während eines Suizidversuchs einem Hirninfarkt oder plötzlichem Herzversagen erlegen ist (oder so).
Jay H., der Agenturverantwortliche, setzt ziemlich alles daran, darüber Gewissheit zu erlangen, und scheitert - und kann am Schluss doch nicht sagen ˋdies ist die Wahrheit ´.





Offline eska

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #6 am: 19 Juni 2020, 23:17:55 »
So, nächster Anlauf.

Danke schonmal für die bisherigen Erläuterungen, Uli.

Zitat
Türen sind nicht für Leben, nur für Sein
Das sagt ja eigentlich schon: keine Materie, wie du es nennst. Aber woher kam dann bei ihrer Ankunft El!s Körper? Was sagte dessen Äußeres über elfisches Wesen aus? Wieso konnte sie mit einem irdischen Körper nicht alles essen? Et cetera.

Vielleicht wird Kai sie im Verlauf ja dazu befragt haben, tröste ich mich.


Was ich noch sagen wollte:
1. Der Abschiedssatz hat mich sehr angerührt:
Zitat
ich habe keine Zeit mehr - macht´s gut und die Welt zu einer besseren.

2. Dass er mit Chai unterschreibt, gefällt mir auch sehr: So eine minimale Buchstabenverschiebung und so viel Veränderung wird sichtbar!

3. Der Dreh mit dem Nachwort des Herausgebers ist super! Nicht nur wegen der Infos, sondern vor allem wegen der spürbaren Aufgeschrecktheit und Trauer Jays, die stellvertretend für die Leser steht. Wünschen nicht sehr viele von uns, dass es eine oder mehrere weitere Wirklichkeiten gäbe, Alternativen zu unserem oft so festgefahrenen Leben? Wünschen nicht alle Trauernden, es möge dem Gegangenen gut gehen, alles leicht geworden sein, sie sich irgendwann und irgendwie einmal wiederfinden?
Das 'Ich weiß es nicht' lässt all das offen, für Spekulationen, für Hoffnung, für Neugier. Und möglicherweise für eine Veränderung des Diesseits als Konsequenz, siehe Abschiedsgruß.

Trotzdem noch eine Frage: Weshalb stirbt Kai nicht an der Schnittwunde und geht dann? Wieso braucht es einen Herzstillstand o.ä. davor?

Und dann war da noch so ein Nebensatz über das Nicht-Aushalten dieser Welt... Wohin springen wir anderen?

Gruß,
eska
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Online Uli

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #7 am: 20 Juni 2020, 02:05:43 »
 :dops:
Danke, eska!

Das mit dem Essen können/ nicht können wird tatsächlich in der Handlung erklärt - und ist ein ziemlich wichtiger Punkt. Grob gesagt: El! findet es letztlich OK, (wild lebende) Tiere zu erlegen um diese dann zu essen - aber sie findet es entsetzlich, Tiere gefangen zu halten und das was deren Nachwuchs zusteht, wegzunehmen.
Es gibt keinen ... biologischen Grund dafür, nur diesen.

Und Kai stirbt nicht nicht an der Schnittwunde, weil er (wenn seine Wahrnehmung stimmt, wenn wir seiner Erzählung glauben) gar nicht stirbt - dann geht er nur woanders hin.
Und in diesem Moment, in dem er weggeht, stellt sein irdischer Körper seine Funktion ein.
Ich habe auch nur festgestellt (bzw, die Forensiker haben festgestellt) dass die Schnittwunde eben nicht die Todesursache war, was ich auch so lesen kann, dass er schon fort war, bevor diese Verletzung wirksam werden konnte.

Und ja: Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt der Geschichte, dass wir alle uns wünschen, es gäbe da noch was. Für uns, für die Gegangenen, egal. Wir wünschen, dass da etwas ist.
Und ... wir wissen es nicht.
Im Gegenteil: Alle Wissenschaft sagt uns, dass hinter dem Himmel nur noch mehr Himmel ist, dass das Auenland nicht existiert, genauso wenig wie das Land nördlich der Landkarte.
Die Wissenschaft sagt uns, dass Winnetou und Julia und Antigone und Wolf Larsen nie und nirgendwo gelebt haben. Dass unsere eigenen Protagonisten und Welten nicht existieren.

Bleibt nur, daran zu glauben.

Und, wie ich der CheFFin schon geantwortet habe: Ja, es ist todtraurig, wenn man nicht daran glaubt.
In dieser Geschichte halt Elfen, ihre Welt und diese Türen, in anderen Welten sind es ... Nebelbrücken, vielleicht, oder ...

Was auch immer.
Etwas, was einem sagt, dass es besser sein kann und soll.

Und die, die an so etwas glauben, die sollten eben nicht springen. Glaube ich.
Sondern diese verdammte Welt lebenswert machen.
Auch, damit die nächste Elfe nicht weinend zurückgehen muss ...

und auch sonst niemand.

(OK, das trieft vor Pathos ... zugegeben. Was aber nur bedeutet, dass du die richtigen Fragen gestellt hast. Nochmal Dank dafür und  :lava: )

« Letzte Änderung: 20 Juni 2020, 13:18:34 von Uli »

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Re: mit deinen Augen (schluss)
« Antwort #8 am: 20 Juni 2020, 17:10:50 »
:umarm: Manchmal finde ich Pathos echt gut.
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