Autor Thema: Wandertag  (Gelesen 506 mal)

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Offline Uli

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Wandertag
« am: 04 August 2018, 16:53:13 »
Hallo, Hölle!
Ein wenig Röstgut für heiße Sommerabende ... viel Spass damit.

Dieser Text folgt unmittelbar auf den vorherigen (Ausblick) und spielt eine ganze Weile vorher. Und soll ein paar Dinge tun. Den Prota vorstellen, beispielsweise. Und seine Situation erklären. Das Ausgangs-Setting zeigen, solche Sachen eben.
Und natürlich möchte ich ein paar Erwartungen wecken ...

Insgesamt (inklusive ˋAusblick´) sind das bislang etwa 7-8 Buchseiten, was bedeutet: Die Sache geht eher gemächlich an ...
Genug der Vorrede, Fragen am Schluss.

Wandertag

es war gar nicht spektakulär, damals.

Ich war grade von meiner Firma gekündigt worden - und am gleichen Abend auch von meiner Freundin. Wieder mal.

Das eine wegen Ehrlichkeit, das andere wegen ist-mir-egal-was-das-finanziell-ausmacht - und nun kann sich meinetwegen jeder denken, welche Begründung zu welchem Rausschmiss gehört.

Das ist nicht wichtig, und sowieso das Gleiche.

Anstatt darüber zu wehklagen, in Depressionen oder Zukunftsängste zu verfallen oder gar zu schimpfen - Strategien der Stressbewältigung, die sich schon früher als unwirksam herausgestellt hatten - beschloss ich spontan, eine Wanderung zu unternehmen.
Wandern in den deutschen Mittelgebirgen ist eine funktionierende Sache, wenn es nicht so gut läuft, und dazu ziemlich kostengünstig. Wenn man die Touristenzentren meidet jedenfalls, und auf Hotelzimmer verzichten kann.

Touristen findet man kaum welche im Solling, und demnach auch wenige Hotels, dafür eine nette, unspektakuläre, sanfte Landschaft, Ruhe und Frieden. Genau das Richtige, wenn man genug von allem hat. Nichts ˋlos´, und wenn, dann wenigstens langweilig genug, dass kaum jemand außer den Einheimischen sich dorthin verirrt.

Eine Idylle.

Genau der richtige Ort, um darauf zu vertrauen, dass alles in Ordnung kommt.

Nun, ich hatte eine schöne Woche ohne Netz, ohne WLan und ohne das Bedürfnis, jemanden zu sehen, was in dieser Gegend ziemlich leicht ist. Ein Spirituskocher, eine Wolldecke und ein Tape, mehr braucht es nicht.
Irgendwann wollte ich wieder zurück, sicher ...

Aber erstmal: Allein sein, Natur genießen, Freiheit ... 

Sorgen machte ich mir nicht: Immerhin war ich ziemlich gut in meinem Fachbereich, einen Job würde ich schon finden - und was die Sache mit der Beziehung anging, war ich auch zuversichtlich.

Irgendwann würde ich ˋdie Richtige´ treffen, die eine, mit der ich reden könnte, vielleicht in einem kleinen Haus, ein Stück außerhalb der Stadt, vielleicht ...

Hier wäre ein Platz dafür, dachte ich, als ich meine Decke ausrollte, und weil ich das dachte, wusste ich, dass der Urlaub grade vorbeiging: Zukunftspläne machen das Erlebnis ˋAllein sein´ unvermittelt zum Leiden ˋEinsam sein´.

Also gut, morgen früh geht es ... irgendwo hin, wo das andere Leben weitergeht. Dachte ich.

Bei Einbruch der Dämmerung hockte ich an einem kleinen Lagerfeuer, wegen der Stimmung, und warf einem neugierigen Eichhörnchen ein paar übriggebliebene Nüsse aus dem Müsli-Behälter zu. Das Tierchen kam auch immer näher, schaute mich an und ...
Wie blöde kann man sein?

Ein Eichhörnchen in einer verlassenen Gegend, das keine Angst vor Menschen hat? Bitte?

Wenn das Tier nicht ein Stadtparkbewohner auf Verwandtenbesuch in der Wildnis ist, gibt es dafür nur einen möglichen Grund. Was mir allerdings erst einfiel, als Herr Eichhorn bereits seine Zähne in meine Hand gehackt hatte.

Na, bestens, dachte ich. Also, nachdem ich dem Tierchen sorgfältig den Hals umgedreht hatte.
Kein Grund zur Panik, bei rechtzeitiger Behandlung ist Tollwut gut heilbar. Jetzt gleich desinfizieren und dann pronto allegro ins nächste Krankenhaus.

Desinfektion war kein Problem, nicht mit einem Spirituskocher - hochprozentiger, wenn auch vergällter Alkohol wirkt da recht gut. Brennt halt wie die Hölle, aber dafür ist das Zeug ja da.

Und Krankenhaus ist auch kein Problem.
Eigentlich.

Wenn man nicht zu früh aufsteht nach der Desinfektion, und der Kreislauf einem keinen Streich spielt und man nicht sehr rasch und unkontrolliert wieder zu Boden kommt und sich dabei ein Bein auskugelt ...

Mist, verdammter.

Dachte ich nicht, weil ich erstmal gar nichts dachte, sondern schlicht außer Gefecht gesetzt liegenblieb.

Es dauerte deswegen fast vier Tage, bis ich in einem Krankenhaus eintraf. Immerhin musste ich mir erst eine Krücke basteln, dann mit der Gehhilfe den Berg herunterkraxeln, zweimal zusammenbrechen, dann einen Bauern anhalten, der mich auf seine  Mistkarren lud und gleich nach dem Füttern und Abendessen in die Stadt fuhr. Und derweil lief die Zeit ...

Damals waren sieben Typen des Lyssavirus bekannt, die Tollwut erregen konnten - und egal, welchen man sich eingehandelt hatte, der Verlauf war, sobald die Krankheit einmal ausgebrochen war, meist tödlich. Und eine zu späte Behandlung bedeutete normalerweise mindestens schwere Hirnschäden.

Tja.

Sah nicht sehr gut aus, die Ausgangslage.

Aber: Es erwischt dich, wenn es dich erwischen soll. Und wenn nicht, dann geschieht eben ein Wunder, um dich zu retten.
Gut, oder?

Als ich endlich das Krankenhaus erreichte, dachte ich nicht an Wunder, sondern klappte in der Notaufnahme zusammen, nachdem ich dem Assistenzarzt knapp das Problem erklärt hatte.

Mein Teil war erledigt, und alles weitere würden Spezialisten tun.

Später habe ich dann erfahren, dass der infragestehende Spezialist ein - naja - sehr spezieller Spezialist war, und dass mir dieser Umstand nicht nur das Leben gerettet hat, sondern auch alle meine sonstigen Probleme lösen sollte - also, die Probleme, die ich bis dahin hatte.

———

Jock hieß natürlich anders, wenn er draußen unterwegs war, als anerkannter und gefragter Fachmann für ... Sonderfälle.
Drei Doktortitel in der Medizin (die alle gefälscht waren), eine florierende Privatklinik (die nur nebenbei alle Arten von seltenen Infektionskrankheiten heilte) und ein Steuerberater, der ...

Aber das ist egal: Nachdem die Leute im Krankenhaus zunächst feststellten, dass die Infektion schon ein klein wenig zu weit fortgeschritten war, um mit konventionellen Methoden erfolgreich behandelt zu werden und dass ich in einer recht teueren Privatkasse versichert war, riefen sie Dr.Dr.Dr. Jock an, der mich umgehend in den mitgebrachten Krankentransporter verfrachtete und mitnahm.

Ich sagte nichts dazu, weil ich in seliger Ohnmacht, bedingt durch den Kreislaufzusammenbruch und eine ordentliche Portion Betäubungsmittel, schlicht nichts davon mitbekam.

Stattdessen wachte ich irgendwann in einem kleinen, furchtbar stickigen, grellweißen und völlig überheizten Raum auf, der nichts enthielt als mein Bett - auf das ich mittels einiger Lederriemen fixiert war.
Was mir nicht gefiel, verständlicherweise.

Folglich spannte ich die Muskeln, zerriss die Bänder und stand auf, um das Fenster zu öffnen - das verriegelt war.

Mir war das alles zu kompliziert, zu eng, zu ärgerlich, und deshalb rammte ich die Faust durch das Glas, das zufriedenstellen splitterte, herrlich frische Luft hereinließ, alles war gut ... und ich rollte mich auf dem Bett zusammen, um zu schlafen.
Komisch? Ja, zugegeben ...
Aber damals fand ich das alles ziemlich ... normal. Auch, weil mein Hirn nicht eben auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit war - ziemlich viele Dinge liefen eher auf der Instinktebene, und ich kapierte erst später, was da passierte. Oder dass überhaupt etwas passierte ...

———

Zwei Monate später erklärte man mir alles. Nun, OK, man erklärte vieles, und davon verstand ich einen ziemlich großen Teil nicht, weil es um Viren, Molekularmedizin und Stoffwechseldinge ging.

Nicht eben mein Fachgebiet.
Der spannende Teil war: Das Eichhörnchen hatte mich mit dem Tollwut-Virus infiziert, ich war reichlich spät in Behandlung gekommen und das war schlecht.

Nicht so schlecht, wie es hätte sein können, weil der Virus eine Mutation hatte und die Behandlung immerhin so erfolgreich verlaufen war, dass ich nicht an der Krankheit sterben würde.

Allerdings musste ich damit leben, denn so etwas wie ˋHeilung´ gab es nicht. Nicht, ohne heftigen Schaden in meinem Kopf anzurichten, jedenfalls, und die Stoffwechselgeschichte wäre auch problematisch.

Ähm.
Die Symptome seien aber gar nicht so übel, insgesamt - erhöhter Nahrungsbedarf (das war mir schon aufgefallen) und eine deutlich erhöhte körperliche Leistungsfähigkeit, sowohl was reine Kraft als auch Reflexe anging. Beschleunigte Selbstheilung und gesteigerte Sinneswahrnehmung, solche Sachen.

Nur ... ich sollte vermeiden, mich in Gefahr zu wähnen, da dadurch meine Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt werden könnte.

Ich schaute wohl nicht sehr intelligent, als Jock das erwähnte, also erklärte er es mir in der Version für Geistig Arme:
"Du könntest ausrasten, Georg. Und zwar richtig. Und wegen der größeren Kraft könnte das schlimm enden, für dich und für alle in deiner Nähe. Das Risiko ist zu groß, als dass wir dich entlassen könnten ..."
"Aha", sagte ich resigniert, "Also geschlossene Station?"
"Nun ... nicht unbedingt. Aber auf jeden Fall erst einmal ein Trainingsprogramm, und eine Betreuung. Und wenn das klappt ..."

Er zögerte. Zuckte dann die Schultern und sprach weiter, in betont ruhiger Art:
"Wenn es nicht klappt musst du hier bleiben, also kann ich es dir erzählen. Vielleicht hilft es sogar, wenn du eine Aussicht hast, also:

Wir könnten dich einstellen. Als ... sagen wir mal, als Agent. Ein Job, in dem du deine neuen ... Eigenschaften einsetzen kannst, ohne dass es Schaden anrichtet. Sondern sogar dem Nutzen der Allgemeinheit dient."

"Schön", sagte ich trocken und konnte mir genau gar nichts darunter vorstellen. "Und um was dreht sich die Sache?"

"Wir ... erst einmal so viel: Du bist nicht der Einzige mit einem sonderbaren Problem. Jeder von uns ist ... anders. Anders als der Rest der Menschheit, manchmal auch gefährlich. Und wir versuchen eben, das beste daraus zu machen, OK?"

"Aus ˋAusrasten´ und so? Wie soll man da etwas draus machen, zum Wohl der Allgemeinheit?" fragte ich. Irgendwie funktionierte das Hirn wohl immer noch nicht korrekt ...

"Dazu kommen wir später, Georg. Wenn das Training Früchte trägt. Und wenn du einverstanden bist, stelle ich dir jetzt deine Trainerin vor, und wir entwerfen ein Programm."

Ich nickte, Jock tippte auf sein Handy und die Tür hinter ihm glitt auf.

Und Mia betrat den Raum.

Klein, zierlich, dunkles, halblanges Haar, klare, fast scharfe Züge und sehr helle Haut und ...

Irgendetwas in meinem Kopf machte ˋklick´.
Mia sah mich an, starrte geradezu, und ich starrte zurück, eine Ewigkeit lang, eine Unendlichkeit tief in ihre unergründlichen Augen ...

"Aha," sagte sie und lachte leise. "Du hast ihm nicht gesagt, was ich bin, Jock? Warum?"

"Er findet das selber heraus, denke ich. Oder?"

"Du hast ziemlich viel Vertrauen, Jock. Zu viel für meinen Geschmack. Aber gut, deine Sache. Sollen wir anfangen?"

Das letzte war an mich gerichtet, eindeutig.
Mia lachte wieder leise und fragte noch "Oder möchtest du erst reden?"

Ich wusste nichts zu antworten - genaugenommen wusste ich gar nichts in diesem Moment. Gebannt starrte ich sie weiter an, versuchte zu erkennen, was im Abgrund ihrer Augen auf mich wartete ... Himmel oder Hölle? Aber egal, es hatte mich. Gründlich. Ich starrte.

Und sie lächelte plötzlich, und es war, als hätte mich eine gewaltige Faust losgelassen.
"Reden hilft" sagte ich unsicher. "Sagt man wenigstens"
———
Um es auf den Punkt zu bringen: In dieser Zeit funktionierte mein Verstand gar nicht gut. Eine Folge der Infektion, eine Art ... Fieber, könnte man sagen.

Jock erklärte mir das wissenschaftlich exakt, und soweit ich das verstanden habe, läuft es auf Folgendes hinaus:
Der Virus verändert einen. Gründlich. Und das geht nicht von heute auf morgen, sondern dauert seine Zeit - und in dieser Zeit ist man ... nicht mehr der alte und noch nicht der neue.

Der Intellekt ist ziemlich reduziert, die Instinkte mächtig, und an die intensivere Wahrnehmung muss man sich erst gewöhnen. Schon gedämpftes Licht - wie etwa ein Vollmond - ist schmerzhaft, Geräusche oberhalb von Flüsterlautstärke furchtbar und der Geruch ... 

Ernstlich, eine kleine Flatulenz  oder ein Hauch von Lavendel wirken wie ein Hammer. Ein ziemlich großer Hammer, und der trifft den ganzen Körper gleichzeitig.
Und ...
Man ist in dieser Zeit empfindlich.

Und sehr empfänglich, was manche Dinge angeht. All die kleinen Signale, die Menschen so geben, unbewusst meistens, wirken sehr ... intensiv. Und nachhaltig.


Vor Jahrhunderten haben die Menschen sich Legenden ausgedacht, um unerklärliches fassbar zu machen, und die Legende vom Werwolf sollte die Tollwut-Symptome erklären.

Aversion gegen Licht und Wasser, Heißhunger, unmotivierte Angriffe ...
Nun gut - ich fühlte und verhielt mich wie ein Werwolf, nur eben wie ein zahmer - ein domestizierter Wolf.

Und ein domestizierter Wolf ist eben ein Hund, und Mia ... Mia hielt das andere Ende der Leine.

Gutes Frauchen.

Wuff. 


———
Danke fürs Lesen!

Also, die Fragen:
Ich denke, das Ausgangs-Setting ist recht klar: Normalwelt, erst einmal.
Ist dabei die Einführung von ˋDingen, die unsere Schulweisheit nicht träumen lässt´ einigermaßen flüssig? (Ich meine das mutierten Virus, die angedeutete ˋOrganisation ´ und die Werwolf-Sache)

Georg (der ˋbürgerliche ´ Name von Gerg) erzählt das ˋheute ´ - also im Rückblick. Er gibt sich allerdings Mühe, kein späteres Wissen einfließen zu lassen, und nicht zu spoilern - ˋfärbt´ aber die Erzählung doch sehr. (Dinge, die er damals nicht kapiert hat, werden zwar angedeutet, aber eben nicht ausgesprochen, beispielsweise)
ist der Erzählmodus gelungen?

Und nein, der Text ist nicht so sehr zum ˋMiterleben ´, sondern eher zum ˋZuhören ´ konstruiert - eben ˋErzählung´, nicht ˋFilm´. Fehlt da irgendwas, um einen eigenen ˋFilm´ zu sehen? (Personenbeschreibungen beispielsweise - ich habe nur Mia ˋgezeigt´, Georg und Jock aber gar nicht. Da hoffe ich auf eigene Bilder, bei Georg durch seiner Erzählart, bei Jock hingegen auf ein Klischee ...)

Abseits der Fragen ist (wie immer) auch jede andere Anmerkung willkommen und nützlich!

cheers, Uli


Offline Nightingale

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Re: Wandertag
« Antwort #1 am: 07 August 2018, 13:01:28 »

Lieber Uli,

diese Einführung erreicht mich nicht, der "Ausblick" gefiel mir wesentlich besser. Der Erzähler drängt sich für meinen Geschmack zu stark in den Vordergrund, das Geschehen wird oft nur angedeutet, die interessantesten Begebenheiten ausgespart und mit Kommentaren ersetzt. Das bringt auch den Ablauf durcheinander. Beispiel?

Zitat
Das Tierchen kam auch immer näher, schaute mich an und ...
Wie blöde kann man sein?

Ein Eichhörnchen in einer verlassenen Gegend, das keine Angst vor Menschen hat? Bitte?

Wenn das Tier nicht ein Stadtparkbewohner auf Verwandtenbesuch in der Wildnis ist, gibt es dafür nur einen möglichen Grund. Was mir allerdings erst einfiel, als Herr Eichhorn bereits seine Zähne in meine Hand gehackt hatte.

Na, bestens, dachte ich. Also, nachdem ich dem Tierchen sorgfältig den Hals umgedreht hatte.

Die Einschübe helfen mir an solchen Stellen nicht, ein besseres Gefühl für die Figur zu entwickeln. Dafür sind sie mir zu allgemein und erschweren es mir eher, dem Text inhaltlich zu folgen.


Zitat
Und Krankenhaus ist auch kein Problem.
Eigentlich.

Wenn man nicht zu früh aufsteht nach der Desinfektion, und der Kreislauf einem keinen Streich spielt und man nicht sehr rasch und unkontrolliert wieder zu Boden kommt und sich dabei ein Bein auskugelt ...

Mist, verdammter.

Dachte ich nicht, weil ich erstmal gar nichts dachte, sondern schlicht außer Gefecht gesetzt liegenblieb.

Wieder wird das Geschehen indirekt erzählt. Mir ist nicht klar, weshalb du das machst. Welchen Mehrwert erhoffst du dir? Oder lässt du dir von Georg die Geschichte erzählen und schreibst einfach mit?  ... Dann würde ich ein Teil seiner Einschübe (zumindest in der Kennenlernphase) ignorieren. ;D

Zitat
Es dauerte deswegen fast vier Tage, bis ich in einem Krankenhaus eintraf. Immerhin musste ich mir erst eine Krücke basteln, dann mit der Gehhilfe den Berg herunterkraxeln, zweimal zusammenbrechen, dann einen Bauern anhalten, der mich auf seine  Mistkarren lud und gleich nach dem Füttern und Abendessen in die Stadt fuhr. Und derweil lief die Zeit
Hier wünsche ich mir Details, wie darf ich mir das vorstellen? Eine dramatische Situation für die Figur, aber sie erzählt lieber, wenn nichts auf dem Spiel steht und fasst knapp zusammen, wenn es interessant wird.
Und was ist mit dem Bauern? Er findet einen Mann, der schnellstens ins Krankenhaus müsste, lädt diesen auf einen Mistkarren, füttert Tiere(?) und genießt sein Abendbrot? Den Kerl will ich kennen lernen! Ist er abgebrüht, gleichgültig, etwas deppert? Meint er, ein Eichhörnchenbiss sei ja kein Drama und hält Georg für ein Weichei aus der Stadt? Hier wittere ich etwas lesenswertes, kurioses, was mich verstört oder erheitert - je nachdem. Vor allem würde mir eine solche Konfliktsituation aber helfen, Georg kennenzulernen. Und zwar so, wie er ist (bedingt durch den Konflikt) und nicht so, wie er sich mir zeigen will.

Erstmal soviel, Verpflichtungen rufen. Ich versuche heute Abend mehr zu schreiben und auf deine Fragen einzugehen.

Liebe Grüße
Nightingale

Offline Schreibsuse

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Re: Wandertag
« Antwort #2 am: 07 August 2018, 14:57:52 »
Hallo Uli,

erst mal vorweg: Die Story gefällt mir gut! Wirklich gut! Aber . . . der Erzählstil ist leider nicht so mein Ding. Da schließe ich mich im Großen und Ganzen Nightingale an.

Auch dieses Kapitel bringt mir deinen Prota nicht näher. Er kommt gewollt cool rüber, in dem er brenzlige oder konfliktgeladene Situationen mit flapsigen Sprüchen abtut. Warum diese distanzierte Erzählweise? Ist Greg so ein Typ, der nichts an sich heran lässt. Über alles ein Witzchen reißt und nicht weiter drüber nachdenkt?

In der Situation mit dem Eichhörnchen fand ich es bis hier gut:
Zitat
Bei Einbruch der Dämmerung hockte ich an einem kleinen Lagerfeuer, wegen der Stimmung, und warf einem neugierigen Eichhörnchen ein paar übriggebliebene Nüsse aus dem Müsli-Behälter zu. Das Tierchen kam auch immer näher, schaute mich an und ...
Wie blöde kann man sein?

Ein Eichhörnchen in einer verlassenen Gegend, das keine Angst vor Menschen hat? Bitte?

Aber ab da hätte ich die Szene gerne gesehen, anstatt sie nur, wie drüber gewischt, erzählt zu bekommen. Wie hat Greg es geschafft das Tier festzuhalten? Es hat sich doch sicher gewehrt? Ist es ihm schwer gefallen ein Tier zu töten? Oder war er dabei tatsächlich so emotionslos, wie es sich in deiner Erzählung anhört. (Fällt mir schwer, Greg zu mögen, wenn er nicht tierlieb ist  :grump:)

Was mir gar nicht gefällt, ist der erste Satz, als Einstieg in das Kapitel:
Zitat
es war gar nicht spektakulär, damals.

Wenn es nicht spektakulär war, warum willst du es dann erzählen . . . und noch wichtiger: Warum soll das dann Jemand lesen?
Außerdem stimmt die Aussage ja auch nicht. Jobverlust und gleichzeitig Beziehungs-Aus, wenn das nicht dramatisch ist, weiß ich es auch nicht (Spektakulär ist, glaube ich, an der Stelle ohnehin nicht das richtige Adjektiv). Vermutlich sollte es zynisch rüber kommen. Aber auch das finde ich als Einstieg in ein Kapitel nicht so glücklich.

Bissl Infodump meine ich auch lokalisiert zu haben:
Zitat
Damals waren sieben Typen des Lyssavirus bekannt, die Tollwut erregen konnten - und egal, welchen man sich eingehandelt hatte, der Verlauf war, sobald die Krankheit einmal ausgebrochen war, meist tödlich. Und eine zu späte Behandlung bedeutete normalerweise mindestens schwere Hirnschäden.

Wenn die Information schon unbedingt muss, dann vielleicht als Dialog?

Zitat
Jock hieß natürlich anders, wenn er draußen unterwegs war, als anerkannter und gefragter Fachmann für ... Sonderfälle.
Drei Doktortitel in der Medizin (die alle gefälscht waren), eine florierende Privatklinik (die nur nebenbei alle Arten von seltenen Infektionskrankheiten heilte) und ein Steuerberater, der ...
Das muss ich an der Stelle nicht wissen. Die Info lässt sich sicher später besser in die bewegte Handlung einflechten.

Was mir richtig gut gefallen hat, ist die Begegnung mit Mia!!  :hach:
Zitat
Und Mia betrat den Raum.

Klein, zierlich, dunkles, halblanges Haar, klare, fast scharfe Züge und sehr helle Haut und ...

Irgendetwas in meinem Kopf machte ˋklick´.
Mia sah mich an, starrte geradezu, und ich starrte zurück, eine Ewigkeit lang, eine Unendlichkeit tief in ihre unergründlichen Augen ...

"Aha," sagte sie und lachte leise. "Du hast ihm nicht gesagt, was ich bin, Jock? Warum?"

"Er findet das selber heraus, denke ich. Oder?"

"Du hast ziemlich viel Vertrauen, Jock. Zu viel für meinen Geschmack. Aber gut, deine Sache. Sollen wir anfangen?"

Das letzte war an mich gerichtet, eindeutig.
Mia lachte wieder leise und fragte noch "Oder möchtest du erst reden?"

Ich wusste nichts zu antworten - genaugenommen wusste ich gar nichts in diesem Moment. Gebannt starrte ich sie weiter an, versuchte zu erkennen, was im Abgrund ihrer Augen auf mich wartete ... Himmel oder Hölle? Aber egal, es hatte mich. Gründlich. Ich starrte.

Und sie lächelte plötzlich, und es war, als hätte mich eine gewaltige Faust losgelassen.
"Reden hilft" sagte ich unsicher. "Sagt man wenigstens"
Hey Gerg!! Du bist ja gar nicht so unnahbar! Gebannt starrte ich sie weiter an, versuchte zu erkennen, was im Abgrund ihrer Augen auf mich wartete ... Himmel oder Hölle?   :applaus: Herrlich!!

Also ich bin jedenfalls gespannt wie es weitergeht, Uli! Ich würde mir nur mehr show anstatt tell wünschen. Und ein bisschen mehr vom echten Gerg.
 :kaffee2:



Offline Uli

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Re: Wandertag
« Antwort #3 am: 07 August 2018, 17:49:40 »
Hallo Nightingale und Schreibsuse!

erstmal ein großes  :danke2: !

Da ihr beide die gleiche Kritik anbringt, antworte ich mal beiden zusammen:

Ja, der Erzählton ... eine komplizierte Sache, zugegeben.
Immerhin hat ein wichtiges Dingens funktioniert: Die ˋgelangweilte ´, eher unbeteiligte Erzählung der Vorgänge und der Kontrast dazu, als Mia auftaucht. So dachte ich mir das - und offenbar habe ich ein wenig übertrieben dabei ...

Gerg erzählt die Sache ja eine ganze Zeit später - es ist also einerseits klar, dass er die Tollwut-Sache überlebt, und gleichzeitig erzählt er das nicht ˋspannend ´ - seine Wertung eben. Das war so, OK, es war schwierig, hätte schiefgehen können, aber eben ... vorbei, gegessen, abgehakt.
Bis Mia auftaucht, da fängt er an, emotional mitzugehen bei der Erzählung, und ja, erst ab hier gibt es eine Chance, die Sache ˋmitzuerleben ´.

Dass er gefeuert, verlassen und gebissen wurde, ist ihm (jetzt) absolut unwichtig, nur Hinführung auf den Moment, in dem Mia auftaucht.

Tierlieb ... nun, OK, das ist reiner Pragmatismus mit dem Eichhörnchen: An Tollwut erkrankt, also nicht zu retten, und ggf kann es noch weitere Wesen anstecken. Das Mitleid hält sich nach dem Biss in engen Grenzen ...
(Greg sagt, er mag Tiere. Auch außerhalb kulinarischen Kontextes. Manchmal füttert er Wespen ...)

Der Text ist tatsächlich so entstanden, dass Gerg erzählt und ich notiere (die Nachfragen und Antworten habe ich allerdings gleich eingearbeitet), also eine Art Protokol ...
Dadurch finden seine Wertung viel Platz ...

Ein anderer Effekt ist auch: Diese Art zu Erzählen zeigt ja nur die Meinung des Erzählers. Ist also sehr subjektiv - was auch bedeutet, dass Gerg nicht zwingend der ˋGute ´ ist, obwohl er selber das natürlich glaubt.
Diese kleinen Unklarheiten sind mir bei dieser Geschichte sehr wichtig - und dafür nehme ich ein paar Einschränkungen ganz gern in Kauf.
Zum Beispiel eben die Distanz zum Erzähler ...

Und ja, ich glaube auch, dass Greg so jemand ist der selbst bei schweren Unfällen noch scherzt ... nicht viel an sich heranlässt und eher weniger nachvollziehen kann, wenn jemand heftig emotional wird.
Trotzdem scheint er ganz OK zu sein.
Jedenfalls jetzt, wo er das alles erzählt - ob er früher anders war, weiß ich nicht. Das wird sich herausstellen ...

Der Ansatz zu Infodump (Text über Jock) war ein Versuch: Gerg erkennt ja selber, dass das grad nichts zur Sache tut und führt es nicht weiter aus (aber die beiden Sätze wurden nicht aus dem Protokol gestrichen).

Nochmal  :danke2: und  :lava: !

Offline Nightingale

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Re: Wandertag
« Antwort #4 am: 08 August 2018, 01:33:06 »
Hallo Uli, :cheerful:

zu deinen Fragen:
Also, die Fragen:
Ich denke, das Ausgangs-Setting ist recht klar: Normalwelt, erst einmal.
Ist dabei die Einführung von ˋDingen, die unsere Schulweisheit nicht träumen lässt´ einigermaßen flüssig? (Ich meine das mutierten Virus, die angedeutete ˋOrganisation ´ und die Werwolf-Sache)

Normalwelt ist klar.
Ob die Einführung flüssig ist ... die Beantwortung fällt mir nicht so leicht. Mutierter Virus, die Organisation, die Werwolf-Sache, inhaltlich ist das klar, keine Verständnisprobleme meinerseits. Bloß will der Funke nicht überspringen, der meine Neugier weckt. Wahrscheinlich liegt es an der Erzählweise.


Zitat
Georg (der ˋbürgerliche ´ Name von Gerg) erzählt das ˋheute ´ - also im Rückblick. Er gibt sich allerdings Mühe, kein späteres Wissen einfließen zu lassen, und nicht zu spoilern - ˋfärbt´ aber die Erzählung doch sehr. (Dinge, die er damals nicht kapiert hat, werden zwar angedeutet, aber eben nicht ausgesprochen, beispielsweise)
ist der Erzählmodus gelungen?

Hm. Also wenn Gerg/Georg die eigentliche Handlung unterbricht, um diese zu werten, habe ich damit kein grundsätzliches Problem, solange seine Kommentare die Erzählung garnieren und nicht dominieren. Bloß durch die Häufung solcher Einschübe vor allem am Anfang wird mir die Handlung zu oft unterbrochen und der Text zu stark fragmentiert. Die vielen Absätze und ... verstärken diesen Eindruck.


Zitat
Und nein, der Text ist nicht so sehr zum ˋMiterleben ´, sondern eher zum ˋZuhören ´ konstruiert - eben ˋErzählung´, nicht ˋFilm´. Fehlt da irgendwas, um einen eigenen ˋFilm´ zu sehen? (Personenbeschreibungen beispielsweise - ich habe nur Mia ˋgezeigt´, Georg und Jock aber gar nicht. Da hoffe ich auf eigene Bilder, bei Georg durch seiner Erzählart, bei Jock hingegen auf ein Klischee ...)

Personenbeschreibungen sind mir nicht wichtig, dementsprechend fehlt mir nichts, wenn du mir verschweigst, ob der Jock nun blonde, rote oder gar keine Haare hat. Wenn ein äußeres Merkmal für Gerg wichtig wird, nur raus damit, ansonsten soll es mir auch schnuppe sein.
Ein Film will sich bei mir nicht einstellen, sobald ich mich darin versuche, mir eine geistige Kulisse aufzubauen, quatscht mir Gerg dazwischen.  ;D
Aber im Verlauf des Textes wird das besser.

__________

Zitat
Gerg erzählt die Sache ja eine ganze Zeit später - es ist also einerseits klar, dass er die Tollwut-Sache überlebt, und gleichzeitig erzählt er das nicht ˋspannend ´ - seine Wertung eben. Das war so, OK, es war schwierig, hätte schiefgehen können, aber eben ... vorbei, gegessen, abgehakt.
Bis Mia auftaucht, da fängt er an, emotional mitzugehen bei der Erzählung, und ja, erst ab hier gibt es eine Chance, die Sache ˋmitzuerleben ´.

Der Biss des Eichhörnchens muss nicht in aller Ausführlichkeit erzählt oder dramatisch aufgeplustert werden, ebenso wenig Georgs Abstieg vom Berg. Ich störe mich nur an dem (Miss-?)Verhältnis zwischen Handlung und Kommentaren zur Handlung. Der Erzähler hakt die Ereignisse nicht schnell ab und macht weiter im Text, er schwadroniert hier und da. Dadurch, dass er einerseits viele Worte macht, andererseits um den heißen Brei herum redet, fühle ich mich als Leser nicht richtig ernst genommen.
Es ist, als wollte er daran erinnern, dass es mehr um ihn als um das stattfindende Geschehen geht, bloß verrät er nicht viel von sich.


Du schreibst, dass erst das Auftauchen von Mia Gerg emotional involviert. Auch eine gewisse Distanz ist dir recht.
Mia ist im Prolog vorhanden und hier vergeht ja nicht viel Zeit, bis sie die Bühne betritt. Hast du mal darüber nachgedacht, den Kontrast zwischen dem erzählenden Gerg und seinem "alten Ich" für den Leser spürbar zu verdeutlichen? Du könntest die Distanz zum Leser abbauen und dafür zwischen Gerg und Georg ausbauen. Diese Distanz zu der Person, die er war, schwindet dann langsam mit der Wandlung sowie dem Auftauchen von Mia, denn ab diesem Punkt versteht sich Gerg wieder.

Es ist spät und das Beispiel ist nicht das gescheiteste, aber z. B. am Anfang so was wie: Damals schien der Wald so still. Und die Nächte! Ohne meine Taschenlampe war ich blind. Meine letzten Nächte in vollkommener Dunkelheit ...

Du sollst das natürlich nicht so schreiben, sondern wie Gerg klingen, d. h. wenn er mit der Idee etwas anfangen kann.  ;)
Ansonsten und sowieso: Frohes Weiterschreiben!


Liebe Grüße
Nightingale

Offline Uli

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Re: Wandertag
« Antwort #5 am: 08 August 2018, 15:36:24 »
ay Nightingale,

noch mal ein dickes Danke für die Vertiefung!

Dass es inhaltlich funktioniert ist gut - der fehlende Funke zum Überspringen wird noch gesucht (und die Anmerkungen sind da hilfreich).
Und dass die Sache gegen Ende besser wird, ist sehr gut - so war das geplant, und ich denke, ich habe nur am Anfang etwas übertrieben ...

Dass Gerg ˋzu wenig über sich verrät´ ... nun, ja. An sich nicht, nur funktioniert das eben nicht, wie es aussieht. Was schade ist, aber ... isso.
(Gerade die Unterbrechungen und Ablenkungen verraten viel über den Kerl - nur, dazu gehört leider auch, dass er das zu vermeiden sucht. Und recht gut ist mit den Nebelkerzen ...)

den Tipp mit der Distanz Gerg/Georg werde ich mal versuchen umzusetzen - vielleicht ist das das entscheidende Element, um mit der Erzählmethode klarzukommen.

Die Methode selber finde ich nach wie vor richtig für diese Geschichte - es fehlt halt offenbar der Einstieg für Leser (besser: Zuhörer), und (fällt mir grade ein) vielleicht auch all das, was beim Zuhören so als Nebensignale gesendet wird: Stimmlage, Mimik, Körperhaltung ...
Hmm ...
Bekanntes Problem bei einem Ich-Erzähler, leider.
Die Idee mit wechselnden Perspektiven hatte ich schon mal, aber ... da zweifele ich doch sehr. Behalte das aber mal im Auge.

 :b2:!
Uli