Autor Thema: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel  (Gelesen 347 mal)

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Offline Taurussieben

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Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« am: 14 März 2018, 18:24:32 »
Mein erster Roman, den ich fertig machen werde: Lucretias Traum - Eine Sci-Fi Romance Story.
Das Problem, das ich im Moment habe, ich weiß nicht welchen Anfang ich nehmen soll. Im Grunde hatte ich zwei Szenen, die mir mal mehr mal weniger plausibel als Einstieg erschienen. Nun bin ich auf die Idee gekommen noch eine weitere Szene an den Anfang zu setzen, und nun weiß ich gar nicht mehr ob das überhaupt Sinn macht. Ich poste die Reihenfolge der Szenen, wie ich sie gerade habe. Die erste ist dabei sehr kurz, weil sie noch neu ist.
Zum allgemeinen Stand, es ist nun die zweite Überarbeitung insgesamt durch, und einiges ist noch ein wenig eckig und sehr kantig.

Wichtig ist für mich:
Welche Szene wäre der bessere Einstieg? (Vielleicht ist es auch gar keine :cheese:)
Kann der Leser ungefähr erahnen was passiert ist, oder ist er am Ende nur komplett verwirrt?


Szene 1:
Sie ankerten im Schatten eines Asteroiden. Kapitän Logan hatte das Zeichen für den vollen Stopp der Blackwater gegeben. Nun mussten sie warten. Die meisten Systeme hatten sie abgeschaltet, sie waren zu nahe an der Grenze. Wenn eine Patrouille sie aufgriff, würde es den gesamten Plan durcheinander bringen. Logan schob seine Kapitänsmütze ein wenig tiefer ins Gesicht. Er fragte sich einmal mehr, warum er sich auf die ganze haarsträubende Aktion eingelassen hatte. Wenn er ehrlich war, war es am Ende nicht nur die Person, die den Plan vorgeschlagen hatte, das er eingewilligt hatte, sondern Neugierde. Reine Neugier, wie die ganze Angelegenheit über die Bühne gehen würde. Noch tiefer darunter gab es dazu eine vage Hoffnung, dass sich so ein Krieg verhindern ließe, der sich zusammenbraute und bei dem er nicht das geringste Interesse hatte mitzumachen.
"Incoming" waren die leisen Worte von Brok, seinem ersten Offizier. Einen Klicken ertönte, dann füllte eine Reihe von Pieptönen die Brücke. Eine kurze Frequenz, die sich dreimal wiederholte.
"Es ist ein ‘Go!’. Bringt die Systeme online und folgt dem Drill."


Szene 2:
“Und damit meine Herren, schließe ich den Rat für heute.” Verdutzt schaute Robert von Holden auf, er hatte darauf gewartete, das ein Anliegen aufgerufen wurde. Er sprang auf.
“Aber ich-” Dallos Breskers kalter Blick wanderte zu ihm.
“Ja, Minister von Holden?”
“Ich hatte noch ein Anliegen auf der Tagesordnung.” Breskers Augenbrauen wanderten nach oben.
“So, so. Dann wollen wir mal schauen.” Der Fraktionsvorsitzende und momentane Regierungssprecher machte eine Show daraus, durch den Kommunikator zu scrollen. Einige Abgeordnete begannen zu murren, sie alle wollten den Saal verlassen und sich um dringendere Angelegenheiten kümmern.
“Aber, aber meine Herren, wir wollen allen die gleichen Rechte einräumen.” Selbst so einem, wie er es war, doch Bresker würde dies niemals laut aussprechen. Robert von Holden presste die Zähne aufeinander. Er spürte wie sich warme Stellen auf seinen Wangen bildeten. Doch er beugte sich nicht und blieb aufrecht stehen.
“Hm, wie es aussieht, Minister,” einen Titel, den, wenn es nach mir ginge, du niemals tragen würdest, suggerierte seine Stimme, “scheint ihr Anliegen nicht mehr auf der Tagesordnung zu stehen. Sicher, dass sie sich nicht im Tag geirrt haben? Sie wirkten gegen Ende etwas abwesend.” Er lächelte milde. Einige Minister lachten zurückhaltend. Robert neigte den Kopf in der Niederlage.
“Ich danke euer Ehren, das sie sich die Mühe gemacht haben, den Sachverhalt nachzuprüfen.” Er setzte sich. Manch einer Kollegen bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick, doch Robert starrte weiter gerade aus.
Falscher Tag? Pah, jemand hatte sein Anliegen von der heutigen Tagesordnung genommen. Es war sein Fehler gewesen, das er das Manifest nicht noch einmal kontrolliert hatte vor der Sitzung. Kurz vor Beginn hätte er es noch nach reichen können, wenn es dann verschwunden wäre, wäre es zu offensichtlich gewesen.

Mit einem schon fast verzweifelten Stöhnen lehnte sich Robert von Holden in seinem Arbeitssessel zurück. Er rieb sich mit der linken Hand über die Nasenwurzel und schloss für einen Augenblick die Augen. Er konzentrierte sich nur auf die Atmung. Ein und aus. Es half, langsam fand er in das hier und jetzt zurück. Er fuhr sich noch einmal über das Gesicht und öffnete dann wieder die Augen. Abgeordnete, die ihm einmal gefolgt waren, als er seinen Weg in den Rat von Arcon gemacht hatte, wandten sich nun langsam von ihm ab. Die laute neue Stimme, die er hatte sein wollen, verlor sich langsam zu einem heiseren Flüstern. Er musste einen Weg zurück finden und zwar schnell, oder er würde wie all die anderen nur ein Teil der Maße um sich herum sein. Er stieß sich vom Tisch ab, und erhob sich. Er trat um die Möbel herum zum riesigen Fenster in seinem Rücken. Die Sonne war gerade dabei sich langsam den weit entfernten Bergen entgegen zu neigen. Das Gelände um ihn herum war ruhig, nur wenige Lichter brannten draußen. Das Familienanwesen lag in Mitten eines riesigen Grundstückes fern von allem. Seine Familie hatte es nie gemocht, wenn man versuchte in ihre Angelegenheiten zu blicken. Hier draußen waren sie weit entfernt von allen neugierigen Blicken gewesen und waren es noch immer.
Robert stütze sich auf den Fenstersims und zwang sich den Blick nicht von dem Draußen abzuwenden. Aufrecht zu bleiben war die einzige Option. Doch wie weiter machen? Er wollte die Dinge ändern, nein, er musste die Dinge ändern, das hatte er sich geschworen als er seinen Weg in den Rat gemacht hatte. Noch war es zu früh aufzugeben. Er brauchte einen neuen Plan. Für einen Moment erlaubte er sich den Gedanken sein direkter Vorgesetzter würde vielleicht ja doch bald zurück treten. Aber jeder wusste, das der alte Bert irgendwann aus dem Rat getragen werden musste und seinen Posten nie freiwillig abgeben würde. Abgesehen davon, das, wenn Bert in diesem Augenblick das zeitlichen segnen würde, der Aufstieg vom 2. zum 1. Agrarminister nun wirklich keine Positionsverbesserung war. Wirtschaftsminister wäre ein anderes Thema gewesen, doch der Posten war fest in der Hand eines ganz besonderen Speichelleckers und der würde den Teufel tun seinen Platz zu räumen. Die dicke fette Made Rarek stammte nicht einmal aus einer Familie von Kaufmännern. Robert war sicherlich nicht der einzige, der sich fragte ob Rarek überhaupt rechnen konnte. Dessen Beschlüsse und Reden weckten einen starken Zweifel. Doch Rarek stammte aus einer alten politischen Familie, alle Schlüsselpositionen lagen in den Händen der alteingesessenen Familien.

Die niederen unwichtigen Positionen waren mit niederen unwichtigen Personen besetzt. Doch die bisherige Ordnung begann Brüche zu bekommen. Ratspräsident Dallos Bresker regierte mit einer eisernen Faust unterstützt von der Handelsgilde und seinen Speichelleckern, allen voran Rarek. Doch Unmut machte sich breit, die niederen unwichtigen Personen wollte nicht mehr einfach ihre Stellung hinnehmen, es brodelte im Rat. Robert wollte die Gunst der Stunde nutzen und sich selbst in eine Stellung bringen, in der er mehr ausrichten und seine eigenen Handlungsspielraum ausbauen konnte.

Roberts Blick schweifte vom nur noch schmalen Sonnenstreifen zu den Stallungen, die nun im Dunkeln lagen, zu den Bäumen, des riesigen Waldes, welcher das gesamte Gelände umgab. Es gab noch weitere Pläne wenn man den Gerüchten vertrauen konnte, die die Runde machten. Ihr Nachbar Barros hatte durch den Zusammenschluss und Annektierung mehrerer Systeme in seinem Rücken seine Machtstellung im System entscheidend ausgebaut und begonnen den Blick auf die Ressourcen, auf der anderen Seite des Asteroidengürtel zu werfen. Die Minen von Dalvos zum Beispiel, reich an Erzen und Metallen, waren komplett in arconischen Besitz. Sie würden eine weitere Expansion entscheidend unterstützen. Arcon verkauft die Materialien schon seit Jahrzehnten mit einigem Gewinn in die barrischen Systeme. Es war kein Geheimnis, das das Ala de Veil, der Flottenkommandantin der Barrischen Galaktischen Flotte wenig gefiel. Wie so oft fragte sich Robert, warum die Handelsgilde und der Wirtschaftsminister sich weigerten neuerliche Verhandlungen über die Lieferverträge zu zu lassen.
Mehr als einmal war eine entsprechende Diskussion im Rat im Keim erstickt worden. Ein paar der Minister wollten die Beziehungen zu einem solch militärisch starken Nachbarn verbessern, vielleicht sogar ein Bündnis eingehen. Doch die Fraktionen hatten sich nie einigen können.
War es nur reine Profitgier? Er schüttelte den Kopf um seine Gedanken wieder zu klären.
Egal, er brauchte noch immer einen neuen Plan. Einen guten und einen, den er schnell umsetzen konnte, er hatte das Gefühl, das seine Zeit begonnen hatte abzulaufen.

Ein lautes Piepen zog ihn zu seinem Schreibtisch zurück. Auf dem Kommunikator blinkte “Tristan Isol”. Seine Finger wollten schon automatischen das Feld für Ablehnen “betätigen”; sein Cousin war Drama, schlechte Witze und die meiste Zeit noch schlechtere Ideen. Aber wie so viele blinde Hühner, fand auch dieses ab und an ein Korn, das durchaus zu gebrauchen war. Tristan rief selten an, wenn er Robert wirklich nerven wollte, wäre er vorbei gekommen, hätte sich in seinen Sessel gesetzt und seinen Whiskey getrunken, natürlich den guten. Er nahm den Anruf an.
Tristans Gesicht wirkte nachdenklich, Tristans Gesicht war nie nachdenklich. Musste er sich Sorgen machen?

Die Sonne war mit einem letzten Aufleuchten untergegangen und hatte das Zimmer in fast volle Dunkelheit mit noch dunkleren Schatten getaucht. Roberts Hand ballte sich zu einer Faust. Er hatte sich entschieden. Die Nummern, die er brauchte, schlug er in den Kontakten der Familiendatenbank nach. Die Zeit drängte. Timing war nun essentiell, alles musste schnell gehen oder das Zeitfenster und die Chance würden sich sofort schließen. Er war nun davor einen Weg einzuschlagen, den er von sich aus nie beschritten hätte. Aber die Gelegenheit hatte sich praktisch direkt vor seine Füße geworfen und er musste jetzt nur den Mut haben entsprechend zu handeln, entgegen seiner Moral. Er wählte die erste Nummer mit hastigen Fingern. An anderer Stelle wurde fast sofort abgenommen.
“Dockmeister Mates, ich glaube Sie kennen meine Familien, die von Holdens. Ich habe ein kleines Anliegen an sie.”

Szene 3:
Lucretia de Veil erwachte mit wild pochendem Herzen, hochgeschreckt aus einem Albtraum, der sich mit jeder Sekunde verflüchtigte. Sie suchte nach dem Schalter für das Nachtlicht. Doch die Dunkelheit ihres Zimmers war anders als sie es gewohnt war.
Langsam kamen ihr nur die Ereignisse des letzten Abends in den Sinn.

Ein kleines Raumschiff der Garros Klasse. Groß genug für kleine Transportfrachtflüge. Sie hatte Glück gehabt, das der Kapitän sie hatte an Bord gehen lassen. Ihr eigentlicher Flug von Tellos nach Barros war ohne sie abgeflogen. Dockmeister Mates war hilfsbereit und entschuldigend gewesen, doch hatte er sie nur an die Blackwater verweisen können. Das einzige Schiff, das noch nach Barros reisen würde. Schwarz und matt schimmernd im Abendlicht der künstlichen Sonne hatte das Schiff vor ihr geschwebt. Sie hatte gezögert das Angebot anzunehmen. Sie könnte bis zum nächsten Tag warten, doch sie wollte nach Hause und ihr Geld sollte dafür sorgen, das sie dieses auch unbeschadet erreichen würde.

Der 1. Offzier hatte sie in Empfang genommen, ein großer Mann, kahl rasiert mit einer Narbe über dem linken Auge, welches es milchig erscheinen ließ. Sie ließ eine ordentliche Summe springen und er gab ihr seine eigene Kabine bevor er sich wo auch immer hin zurück zog.

Wie hieß er nochmal?

Sie versuchte sich zu erinnern, was sie geweckt hatte. Sie spürte wie die Blackwater plötzlich erzitterte. In der Ferne ertönte eine Sirene, gefolgt von weiteren, das gedimmte Licht in der Kabine erlosch, einen Atemzug lang geschah nichts, dann war sie in ein rotes Licht getaucht. Lucretias Puls beschleunigte sich erneut. Sie war in Gefahr. Wie auf Kommando neigte sich die Blackwater langsam zur Seite. Lucretia rutschte fast aus dem schmalen Pritschenbett. Mit wackeligen Beinen stand sie auf und stolperte zum Tisch auf dem ihre Tasche lag und griff danach. Sie schlich langsam zur Wand und an dieser entlang zur Tür. Das Schifft neigte sich plötzlich in die andere Richtung und sie krache unsanft gegen die Rohre und Metallwand auf der anderen Seite. Ihre Schulter schmerzte. Sie rappelte sich auf und machte einen erneuten Anlauf, während die Blackwater immer wieder erneut erzitterte und sich in eine andere Richtung bäumte. Sie brauchte mehrere Versuch ehe der Türöffner reagierte, die Energie der Systeme schienen zu fluktuieren. Auf dem Gang gab es mehr rote Lichter und weitere Sirenen. Sie sah keinen der Crewmitglieder. In der Ferne hörte sie lautes Rufen und ein noch lauteres Ächzen, das ihr die Knie erneut weich werden ließ. Würde sie hier sterben? Was war nur los? Ein Angriff? Piratenüberfälle waren im Asteroidenfeld zwischen Tellos und Barros nicht selten. Die Grenze zu Arcon war nah, vielleicht waren sie auch der Grenze ein wenig zu nahe gekommen, oder sie hatten einen der großen Felsbrocken um sie herum gestreift. Mit zitternden Beinen ging sie weiter. Versuchte jemanden zu finden, der ihr helfen konnte, sie aufklären konnte. Aus dem roten Licht heraus packte sie eine Hand am Arm. Eine raue Stimme an ihrem Ohr.
“Zu den Rettungskaspeln. Das Schiff ist verloren.”
 
Ihr Herz schlug noch schneller. Das Schiff verloren? Wie betäubt stolperte sie dem anderen hinterher. Es war der 1. Offizier. Sie konnte sich noch immer nicht an seinen Namen erinnern. Irgendwas mit Logan? Egal, es war unwichtig. Sie hasteten durch die Gänge. Immer wieder erklangen Sirenen, erschauderte das Schiff oder warf sich plötzlich auf die Seite. Ihr Begleiter nahm keine Rücksicht und zog sie weiter. Im Laderaum hielten sie an, an den Seiten reihten sich die einfachen Standardrettungskaspeln aneinander. Sie waren vollzählig.
Der 1. Offizier zog sie zu einer, und machte sich mit der freien Hand daran die notwendigen Befehle einzugeben. Kaum war die Kapsel offen, stieß er Lucretia hinein und verschloss sie wieder mit routinierten Griffen. Er presste den gleichen Knopf noch einmal um den Startvorgang einzuleiten. Ihr panischer Blick traf den ihres Retters, er lächelte ihr schwach zu und verschwand in der Dunkelheit des Ladesraumes. Ein metallenes Ächzen ertönte, dann verlor sie allen Sinn von oben und unten. Farben und Formen verliefen ineinander, zeigten ihr ein wildes Kaleidoskop, die auf ihrer Netzhaut explodierten.
Sie schrie, schrie die Panik heraus, die Angst und die Verzweiflung. Sie hustete und musste sich fast übergeben. Etwas schlug gegen die Außenhülle, und eine Aufprallwellle ging durch sie durch. Dann wurde alles dunkel um sie herum.

Als Lucretia wieder zu sich kam, war es nach allen den Geräuschen und roten brennenden Lichtern sonderbar Still um sich herum. Sanftes Licht umgab sie und erlaubte er ihr die gröbsten Umrisse zu erkennen. Ihr stoßweise kommender Atem wirkte unnatürlich Laut in ihren Ohren. Erneut Panik stieg in ihr auf. Die Rettungskapsel war schmal und eng, die ersten Anzeichen von Klaustrophobie krochen in ihre Sinne, benebelten ihren Geist. Es kostete Lucretia Kraft all das nieder zu ringen und rational an die Situation heran zu gehen. Sie versuchte sich zu erinnern, was ihre Lehrer ihr beigebracht hatten. “Mach einen Katalog aller Informationen, die du zur Hand hast und bring sie in eine Reihenfolge, daraus leite dein weiteres Handeln ab.”

Mental ging sie alles durch, was sie zur Hand hatte und wusste. Sie war in einer Standardrettungskapsel, ein einfaches Modell, wie sie die meisten Kurzstreckenflieger hatten. Die Kapsel war darauf ausgelegt gefunden zu werden und den Passagier so schnell wie möglich zu bergen. Das gab ihr zwei Handlungsmöglichkeiten. Sie konnte warten und darauf vertrauen, dass man sie finden würde oder selber nach Hilfe suchen.
 Sie verfolgte Option eins weiter: Hilfe konnte potentiell ewig brauchen. Das Schiff ist im Asteroidengürtel der neutralen Zone zwischen Barros und Arcon abgestürzt oder waren sie vielleicht wirklich abgeschossen worden? Es war nur ein schmaler Korridor, der mit Tellos ausgehandelt worden war. Sie wusste, nicht ob sie noch im Korridor, oder auf einer der beiden Seiten aufgeschlagen war. Wenn sie sich auf arconischer Seite befand, würde Hilfe nie kommen. Option zwei war nicht weniger gefährlich. Die Kapsel hatte einen dünnen Raumanzug mit einem begrenzten Vorrat an Sauerstoff. Sie griff tief in ihre Erinnerung und das damit verbundene Training an einem ähnlichem Gerät.

Karte, es gab eine Karte, wenn die Ortungssysteme noch intakt waren. Sie hob eine Hand und legte sie auf die leicht abgesetzte Fläche über sich, die nicht größer als ihr Kopf war. In einem bläulichen Licht erwachte sie zum Leben. Statusmeldungen erschienen. Sie berührte die Karte, die in der unteren Ecke eingeblendet wurde um sie zu vergrößern.

Sie hatte Pech gehabt, sie befand sich auf einen mittleren Asteroiden nahe der neutralen Zone auf arconischer Seite. Sie scrollte weiter und fand einen kleinen Außenposten am anderen Ende des Asteroiden. Hatten sie den Absturz bereits bemerkt und waren sie auf den Weg sie zu holen? Konnte sie es riskieren gefunden zu werden? Oder würde sie ihnen zuvor kommen können? Sie suchte nach den Optionen für den Raumanzug. Weitere Darstellungen huschten über den Bildschirm. Er befand sich direkt unter ihr. Die Schale in der sie lag würde sich über die Seiten oben schieben und sie würde direkt darauf fallen. Sie hatte Glück. Dadurch, dass sie sich Schlafen gelegt hatte, hatte sie nur ein dünnes Unterkleid an. Nicht ihr geliebtes Kleid aus talischer Spitze mit dem sanften metallischen Funkeln. Sie erlaubte es sich einen Moment diesem nachzutrauern. Sie würde ihren Vater bitten ihr ein neues zu besorgen, wenn sie wieder zu Hause war. Ihr Finger hielt über der Fläche um den Mechanismus für den Anzug auszulösen inne. Tat sie das Richtige? Vielleicht hätte sie besser im Unterricht aufpassen sollen, so wie ihre Schwester. Sie könnte noch ein wenig länger warten, das Lebenserhaltungssystem der Kapsel würde sie drei bis vier Tage ohne Probleme am Leben erhalten können. Es gab sogar ein wenig Wasser. Danach würde sie noch immer raus gehen können um nach Hilfe zu suchen. Ein Herzschlag, ein zweiter, sie atmete aus und presste den Knopf. Sie zog sich an, nahm noch mal einen tiefen Atemzug und sprengte dann den Deckel der Kapsel. Als sie vorsichtig heraus stieg und über die karge Oberfläche starrte, beschlich sie das Gefühl, einen sehr weiten Weg vor sich haben würde.
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Offline Uli

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #1 am: 19 März 2018, 21:55:59 »
ay ...

ich mache es kurz, ohne tiefere Analyse - rein Bauchgefühl und ˋwürde ich weiterlesen ´ - OK?

Die Szene eins zieht mich mehr in den Text als die beiden anderen.

Weil da ein paar Dinge drin sind, die ˋanfüttern ´ - und das in wenigen Zeilen, vermute ich.

cheers, Uli

(wenn du mehr wissen musst, sag das einfach - aber die Grundaussage wird wohl so bleiben)

Offline eska

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #2 am: 19 März 2018, 23:23:25 »
Hi Taurus,

ich suche schon seit ein paar Tagen die Muße, dir ein bisschen Feedback auf deine Texte und deine Fragen zu geben, und da das scheinbar den anderen genauso geht, müssen meine heutigen Gedanken herhalten.

Also: Zu deiner eigentlichen Frage, mit welcher Szene du beginnen solltest, sage ich mal etwas Grundsätzliches (und lehne mich damit weit aus einem mir gar nicht so vertrauten Fenster). Der richtige Beginn hängt an der gesamten Strukturplanung und vor allem am Ende. Der Hauptspannungsbogen wird normalerweise vorne eröffnet (inciting incident) und zielt auf die Klimax am Ende. Das heißt, deine Entscheidung kannst nur du treffen, weil du weißt, um welches Problem des Protagonisten es gehen wird und wie es gelöst wird. Entweder konfrontierst du den Prota und uns Leser unvermittelt mit dem Problem oder du bringst ihn/sie uns erst näher (zur Identifikation), indem du sein/ihr Leben vor dem Problem zeigst. Auf jeden Fall sollte die erste Szene den Leser fesseln, also einen Moment darstellen, der besonderes Interesse weckt, eine ausgefallene Handlungsweise oder ähnliches des Protas... Große Erklärungen haben da nichts zu suchen, die sind kontraproduktiv.

Zu deinen drei Textstücken: Bis auf den ersten ist keines davon in meinen Augen eine Szene. Im zweiten sitzt Robert da und überdenkt die Situation (Infodump ohne Action) - auch wenn ich so etwas in Maßen ganz gerne lese (*duck*), kannst du so nicht anfangen, erstmal musst du uns Leser einfangen. Und falls du es später bringst, kürzen.
Im dritten wacht Lucretia in fremder Umgebung auf (soweit gut), aber ich fühle nicht, wie es ihr damit geht, lese nur in Ansätzen ihre Gedanken, kann so gar nicht nachvollziehen, wieso sie ohne irgendeine nähere Information in diese Rettungskapsel steigt. Was ist das für eine Frau, die nur gehorcht, und zwar einem Wildfremden ohne Argumente, die nichts hinterfragt, nicht mitdenkt... Das passt nicht zum ersten Absatz, wo sie ein Schiff chartert, nur um schneller zu Hause zu sein (entschlussfreudig), und nicht zum Danach auf dem Asteroiden.

Ein Beispiel:
Zitat
Langsam kamen ihr nur die Ereignisse des letzten Abends in den Sinn.
Nämlich? Doch nicht nur das fremde Raumschiff, gleichbedeutend mit irgendeinem Nachtbus, das war ihr gar nicht wichtig. Die grüngoldenen Lichter der XXX-Bar und das unglaubliche Gefühl, über die Tanzfläche zu schweben? Dieser Cocktail hatte es in sich, Mannomann. Oder warum hat sie ihren eigentlichen Flug verpasst? Wie lebt sie, was ist ihr wichtig, was macht sie mit ihrem Geld?

Zum Ganzen: Ich argwöhne, dass Lucretia deine Protagonistin ist, die durch einen fingierten Absturz Opfer von Roberts politischen Manövern wird, gegen Teile ihrer Familie gerichtet, nicht gegen sie persönlich. Er wäre dann der Antagonist. Wenn das so ist, solltest du ihn auch nicht zuerst bringen, schon gar nicht als Identifikationsfigur, sonst hast du ein Problem mit dem Wohlwollen der Leser.
Wenn es anders ist, er der Prota, der eigentlich bisher immer anständig gehandelt hat und erst nach dieser Sitzung zum ersten Mal zu unlauteren Mitteln greift, dann kommt mir dieser Sinneswandel zu schnell, dann würde ich gern erst sehen, wie er vorher guten Mutes Gutes plant und grausam enttäuscht wird. Und ich würde gerne seinen Sinneswandel miterleben, die Erkenntnis einer illegalen Möglichkeit, das Abwägen, den Verführer (politisches Kalkül der Gegenseite?)...

Damit habe ich noch nicht zu den eigentlichen Texten Stellung genommen (= geröstet  :diablo:), aber das ist ein späterer Schritt, scheint mir. Eine Anmerkung erlaube ich mir aber: Mich nervt die konsequent fehlende Unterscheidung zwischen 'das' und 'dass'. Vielleicht bin ich da besonders empfindlich, aber die Unklarheit reißt mich jedes Mal aus dem Lesefluss raus; daran solltest du arbeiten.

Sorry, wenn das nicht der richtige Senf ist. Mehr im Detail krieg ich zur Zeit nicht hin. Nutze, was du brauchen kannst!

Gruß,
eska
  • Ich schreibe gerade: an den letzten Lücken in Brenda 2, hoffentlich

Offline Taurussieben

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #3 am: 20 März 2018, 09:34:48 »
@Uli, danke dir. :cheerful: So was ähnliches habe ich vermutet

Hi Taurus,

ich suche schon seit ein paar Tagen die Muße, dir ein bisschen Feedback auf deine Texte und deine Fragen zu geben, und da das scheinbar den anderen genauso geht, müssen meine heutigen Gedanken herhalten.

Vielen Dank schon mal.  :) Feedback zum Anfang zu bekommen, war mir wichtig, da ich mit dem Fluss der Geschichte ein wenig Probleme habe, und ich den Eindruck habe, das da am Anfang was nicht stimmt.  :watchout:

Zitat
Also: Zu deiner eigentlichen Frage, mit welcher Szene du beginnen solltest, sage ich mal etwas Grundsätzliches (und lehne mich damit weit aus einem mir gar nicht so vertrauten Fenster). Der richtige Beginn hängt an der gesamten Strukturplanung und vor allem am Ende. Der Hauptspannungsbogen wird normalerweise vorne eröffnet (inciting incident) und zielt auf die Klimax am Ende. Das heißt, deine Entscheidung kannst nur du treffen, weil du weißt, um welches Problem des Protagonisten es gehen wird und wie es gelöst wird. Entweder konfrontierst du den Prota und uns Leser unvermittelt mit dem Problem oder du bringst ihn/sie uns erst näher (zur Identifikation), indem du sein/ihr Leben vor dem Problem zeigst. Auf jeden Fall sollte die erste Szene den Leser fesseln, also einen Moment darstellen, der besonderes Interesse weckt, eine ausgefallene Handlungsweise oder ähnliches des Protas... Große Erklärungen haben da nichts zu suchen, die sind kontraproduktiv.

Der wichtige Incident ist in der Tat, das meine eine Hauptprota abgeschossen wird und sich plötzlich in einem weniger freundlichen Territorium wiederfindet. Die Geschichte an sich wird damit enden, das sie von eben jenem Schiff doch noch nach Hause gebracht wird. Aber vielleicht werde ich hier ein wenig früher ansetzen müssen und nicht direkt mit dem Abschuss.

Zitat
Zu deinen drei Textstücken: Bis auf den ersten ist keines davon in meinen Augen eine Szene. Im zweiten sitzt Robert da und überdenkt die Situation (Infodump ohne Action) - auch wenn ich so etwas in Maßen ganz gerne lese (*duck*), kannst du so nicht anfangen, erstmal musst du uns Leser einfangen. Und falls du es später bringst, kürzen.

Ich mag auch Infodumps (wenn sie gut sind), aber hier bin ich wohl in meine eigene Falle gerannt, obwohl, du willst die ersten Fassungen, davon nicht sehen...  :cheese:

Zitat
Im dritten wacht Lucretia in fremder Umgebung auf (soweit gut), aber ich fühle nicht, wie es ihr damit geht, lese nur in Ansätzen ihre Gedanken, kann so gar nicht nachvollziehen, wieso sie ohne irgendeine nähere Information in diese Rettungskapsel steigt. Was ist das für eine Frau, die nur gehorcht, und zwar einem Wildfremden ohne Argumente, die nichts hinterfragt, nicht mitdenkt... Das passt nicht zum ersten Absatz, wo sie ein Schiff chartert, nur um schneller zu Hause zu sein (entschlussfreudig), und nicht zum Danach auf dem Asteroiden.

Okay, hier werde ich umschreiben, warum sie so reagiert. Da kam mir grad eine Idee. An sich aber, ich meine Alaram Sirenen, Chaos, noch nicht ganz da und jemand zerrt mich zu einer Rettungskaspel, ich bin mir unsicher wieviel Widerstand ich leisten würde. Das Schiff hat sie notgedrungen nehmen müssen, da es das einzige ist, das noch an dem Abend sich auf den Weg. Hier sollte ich wahrscheinlich anfügen, dass das Schiff unter der militärischen Flagge ihres Heimatsystems fliegt, Barros, und sie deshalb, der ganzen Sache mehr Vertrauen entgegen bringt, als es sonst vielleicht üblich wäre, auch wenn sie die Crew und Kapitän sonst nicht kennt.

Zitat
Ein Beispiel:
Zitat
Langsam kamen ihr nur die Ereignisse des letzten Abends in den Sinn.
Nämlich? Doch nicht nur das fremde Raumschiff, gleichbedeutend mit irgendeinem Nachtbus, das war ihr gar nicht wichtig. Die grüngoldenen Lichter der XXX-Bar und das unglaubliche Gefühl, über die Tanzfläche zu schweben? Dieser Cocktail hatte es in sich, Mannomann. Oder warum hat sie ihren eigentlichen Flug verpasst? Wie lebt sie, was ist ihr wichtig, was macht sie mit ihrem Geld?

Ja, da ist irgendwie eine Lücke reingeraten, die ich nicht ausgefüllt habe. Warum auch immer.  :twitch:

Zitat
Zum Ganzen: Ich argwöhne, dass Lucretia deine Protagonistin ist, die durch einen fingierten Absturz Opfer von Roberts politischen Manövern wird, gegen Teile ihrer Familie gerichtet, nicht gegen sie persönlich. Er wäre dann der Antagonist. Wenn das so ist, solltest du ihn auch nicht zuerst bringen, schon gar nicht als Identifikationsfigur, sonst hast du ein Problem mit dem Wohlwollen der Leser.
Wenn es anders ist, er der Prota, der eigentlich bisher immer anständig gehandelt hat und erst nach dieser Sitzung zum ersten Mal zu unlauteren Mitteln greift, dann kommt mir dieser Sinneswandel zu schnell, dann würde ich gern erst sehen, wie er vorher guten Mutes Gutes plant und grausam enttäuscht wird. Und ich würde gerne seinen Sinneswandel miterleben, die Erkenntnis einer illegalen Möglichkeit, das Abwägen, den Verführer (politisches Kalkül der Gegenseite?)...

Ja, Robert und Lucretia sind die beiden Protagonisten in der Story, Robert versucht ein Antagonist zu sein, aber das geht ein wenig schief. Aber wie oben schon erwähnt werde ich hier wohl ein wenig früher ansetzen müssen. Ein ganz unbeschriebenes Blatt ist er nicht (was Lucretia auch noch feststellen wird), aber im Moment will er es richtig machen. Ist aber vom Plan an sich nicht überzeugt. Hier muss ich in der Tat die Ambivalenz seiner Gefühle besser hervorbringen. Da muss ich nachbessern. Den Rest hast du auch richtig festgestellt. Lucretia soll als Schachfigur dienen um seine Pläne voran zu treiben.

Zitat
Damit habe ich noch nicht zu den eigentlichen Texten Stellung genommen (= geröstet  :diablo:), aber das ist ein späterer Schritt, scheint mir. Eine Anmerkung erlaube ich mir aber: Mich nervt die konsequent fehlende Unterscheidung zwischen 'das' und 'dass'. Vielleicht bin ich da besonders empfindlich, aber die Unklarheit reißt mich jedes Mal aus dem Lesefluss raus; daran solltest du arbeiten.

Sorry, wenn das nicht der richtige Senf ist. Mehr im Detail krieg ich zur Zeit nicht hin. Nutze, was du brauchen kannst!

Gruß,
eska

An sich war der Text noch nicht fertig zum rösten. Aber wie Eingangs erwähnt, irgendwas war nicht richtig und ich konnte nicht richtig feststellen was. Wie das halt so ist, wenn man lange in seinem Kämmerchen vor sich hin werkelt, vor allem, wenn dann doch das Erstlingswerk ist. Deine Anmerkungen haben mir schon sehr geholfen. Mir fallen da gerade einige Sachen ein, wie ich bestimmte Dinge besser zusammenbringe. Wie du schon meintest der Anfang ist die Grundlage, und ich sehe hier einige Dinge, die ich besser miteinander kombinieren kann, so das die Story im Allgemeinen besser fließt.

Das mit dass und das. Ja, das ist eine Schwäche von mir, aber, verflucht, ich krieg nie den Unterschied mit.  :genervt:

Vielen Dank
  • Ich schreibe gerade: Lucretias Traum, Ewigkeit

Offline Xaranis

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #4 am: 20 März 2018, 11:20:48 »
Hallo.  :wink:

Ohne die Kommentare der anderen gelesen zu haben, geb ich auch noch meinen Senf ab.

Ich sag mal so: Gefallen tut mir keine.  :cheese:
Aber die bessere davon ist für mich Szene 1.
Die ist nicht so behäbig, wie die anderen. Allerdings immer noch zu behäbig. Dein Einstieg umfasst vier lahme Sätze, bevor du in Satz fünf langsam mal um die Ecke kommst.
Doch immerhin kommst du dann auch ins Geschehen rein. Da kann man etwas draus machen.


Szene 2:
Ein Dialog wirft einen sofort in die Handlung. Allerdings überzeugt mich der Dialog überhaupt nicht. Und das liegt nicht nur an „wandernden Augenbrauen“ und anderen unausgegoren Formulierungen, sondern vor allem daran, dass dort ein Minister sich gebärdet, als wäre er zwölf und sich mit einem „na gut“ einfach mit allem abzufinden scheint. Entweder du verschenkst hier eine Menge Potential oder dein Charakter ist wirklich ein Weichei. Wie kann ein solches Weichei Minister werden?
Achte darauf, ob die Charaktere, so wie du sie darstellst, auch plausibel sind und sich so verhalten, wie man es von Menschen ihres Alters/Werdegangs/beruflichen Status etc. erwarten kann. Auch die Handlung seines Gegners ist unplausibel. Die ganze Situation steng genommen. In politischen Gefilden begegnet man einander mit dem gebotenen Respekt und Takt. Man denunziert einander nicht öffentlich. Man muss schließlich miteinander zusammenarbeiten und man trifft sich im Leben stets zweimal. Will man dagegen einen Konkurrenten loswerden, sucht man irgendwas Feines aus seinem Lebenslauf und bringt es an die Presse. Den Rest erledigt die reißende Meute. Einen Punkt von einer Tagesordnung einfach verschwinden zu lassen degradiert nicht nur deinen Minister zu einem Waschlappen, der ein gefundenes Opfer ist, sondern ist auch ein Punkt, der in der Realtität nie geschehen würde, weil man damit nicht durchkäme und sich selbst schadet. Der kleine "Schlagabtausch", der eigentlich nicht mal einer ist, ist ziemlich willkürlich aus der Luft gegriffen und da hängt er nun rum und will nicht recht Sinn ergeben.
In Anschluss jetzt noch eine Portion Weichei-Prügel, die ich an jeden verteile, der mich in den ersten Zeilen mit Weichei-Charakteren konfrontiert, die mich als Leser vergraulen.  :pruegel:
Deutlich herauszulesen war für mich auch, dass du nicht nur Probleme hast, die treffenden Formulierungen zwischen den Dialogzeilen zu finden, sondern auch Unsicherheiten zeigst, an welchen Stellen du sie einstreust, um Tempo zu erhöhen oder zu verlangsamen.
Danach habe ich eigentlich schon aufgehört zu lesen. Hab mich dann nochmal zusammengerissen und die nächsten Zeilen überflogen. Mir passiert hier aber viel zu wenig auf der Bühne, sondern alles hinter den Vorhängen. Arbeite mehr mit bildhaften Elementen und rücke die Ereignisse in den Vordergrund.


Szene 3:
Ein Aufwachen aus einem Albtraum. Immerhin entsteht mal ein Bild am Anfang. Auch wenn das Erwachen aus einem Albtraum doch ziemlich totgelutscht ist.  ::)
Dann gehts auch hier auf direktem Wege wieder in eine bla-bla-bla-Phase und dann wieder zurück zum eigentlichen Thema. Was hat sie nun eigentlich geweckt? Ein Albtaum oder eine Gefechtssituation? Das frage ich mich an der Stelle. Die Gefechtssituation liest sich - du errätst es - wiederum behäbig und erzielt keine Atmosphäre. Und hat man in Situation wie diesen wirklich Zeit, sich über mehrere Zeilen hinweg Gedanken über Kleidung zu machen? Ist das der Situation denn angemessen?


Um die gröbsten Punkte, die mich beim Lesen stören zusammenzufassen:
- Deine Charaktere bleiben blass, man kann sich nicht in ihr Gefühlsleben hineinversetzen und sie verhalten sich nicht so, wie man es angesichts von beruflicher Stellung, Erfahrung, Alter, sozialen Hintergründen etc etc zu erwarten hat. Das Gesamtbild ist somit nicht plausibel.
- Du schreibst du ausschweifend und bringst viel zu viel Erklärpassagen, die sich einfach zu lahm lesen und in denen nicht wirklich etwas passiert. Für mich kann man gefühlt 2/3 des Textes streichen. Schreibe knapper und verpacke Hintergrundinfos dezenter ein in direkte Situationen, die vor dem Auge des Lesers auch sichtbar werden.
- die korrekten Worte finden, die zur Situation und Atmosphäre passen
- Deine Texte ergeben irgendwie kein Ganzes. Es fehlen die kausalen Zusammenhänge, sprich: Dass du die Dinge zeigst, die sich dann auf den Verlauf der Szene auswirken, die Handlung geschmeidig weiterspinnen und sich wie aus einem Guss lesen, weil korrekt geordnet.
- Stilistisch ist Luft nach oben. Achte auf jedes Füllwort, ob es den Satz färbt oder schwächt, kann man kürzer, knapper, aussagekräftiger schreiben oder umformulieren, um Sätze zu erzielen, die rasiermesserscharf sind?

Ich hoffe, mein Eindruck hilft ein wenig weiter.
Viel Glück mit deinem Projekt. :blume:
« Letzte Änderung: 20 März 2018, 11:50:24 von Xaranis »
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Offline Taurussieben

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #5 am: 20 März 2018, 19:49:40 »
So, ich geh dann mal dahinten in die Ecke für einen Moment...  :cheese:

Ne, schon mal vielen Dank für die Kommentare. Wie ich schon bei eska geschrieben habe, wenn man lange alleine an einer Sache arbeitet, braucht man andere Perspektiven. Ich habe die vage Hoffnung, das ich bei späteren Projekten, selbstständiger durch die Bearbeitungsphasen komme und die Schwachstellen besser erkenne.

Hallo.  :wink:

Ohne die Kommentare der anderen gelesen zu haben, geb ich auch noch meinen Senf ab.

Ketchup dazu?

Zitat
Ich sag mal so: Gefallen tut mir keine.  :cheese:
Aber die bessere davon ist für mich Szene 1.
Die ist nicht so behäbig, wie die anderen. Allerdings immer noch zu behäbig. Dein Einstieg umfasst vier lahme Sätze, bevor du in Satz fünf langsam mal um die Ecke kommst.
Doch immerhin kommst du dann auch ins Geschehen rein. Da kann man etwas draus machen.

Ich sollte wohl nicht erwähnen, das ich die Szene in vielleicht fünf Minuten geschrieben habe, mit nur einer Bearbeitung.  :grinwech:

Sie muss auf jeden Fall noch geändert werden, aber ich denke, ich werde sie als Einstieg belassen (bis sich halt was anderes wieder in den Vordergrund mogelt  :watchout:)

Dinge, die ich vor allem aus deiner Kritik mitnehme:
- mehr Atmosphäre und mehr Pep (sprich weniger behäbig), oder wie du es auch meintest "Rasiermesserscharf"
- mit meinen Figuren noch mal ins Gericht gehen, wie sie sich verhalten  :nudelholz:
- Dialoge laut lesen um die Kinks zu finden und zu sehen wie der Fluß ist
- Streichen  :the_brow:
- und Dinge besser ordnen, mir besser über die Abläufe klar sein...

 :lesles:


Vielen, vielen Dank für deine Zeit und Analyse
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Offline Xaranis

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #6 am: 20 März 2018, 20:27:32 »
Bei den Dialogen mach ich's so, dass ich zuerst gar keine Beats dazwischen schreibe, also nur das, was gesprochen wird.
Wenn ich das ganze Gespräch dann lese, merke ich recht schnell, wo Pausen hin müssen und wo nicht.
Vielleicht hilft das ja.  :weissnicht:
« Letzte Änderung: 20 März 2018, 20:50:24 von Xaranis »
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Offline Taurussieben

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #7 am: 20 März 2018, 20:51:46 »
Das ist echt ne gute Idee, ich denke das werde ich mal versuchen und schauen wie es läuft.
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Offline Rilyn

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #8 am: 23 März 2018, 13:42:29 »
Hallo Taurus,

ein spätes Rösti; ich hoffe, du kannst damit noch etwas anfangen.

Ich schließe mich eska an: Das Problem ist größer als die Frage nach der packendsten Szene. Dem habe ich an dieser Stelle nicht viel hinzuzufügen und pieke lieber die Röstgabel in die drei Szenen.

Szene 1:
Ich fliege beim ersten Satz raus. Raumschiffe ankern nicht. Ankern bedeutet eine mehr oder weniger feste Verbindung mit einem festen Punkt, im All dagegen ist alles Bewegung. Wie soll man im Schatten eines Asteroiden ankern, wenn er sich - wie die meisten - um sich selbst dreht? Am Asteroiden nicht, und andere Punkte fehlen. Mir ist an dieser Stelle im Text sogar egal, ob es dafür eine Erklärung gibt und ob sich "ankern" aus der Seefahrt in der Sprache dieser mir fremden, möglicherweise zeitlich sehr fernen Kultur erhalten hat, für einen Prozess, der demselben Zweck dient: sich nicht von einem bestimmten Bezugspunkt wegbewegen. Denn die Frage ist da, wirft neue auf, die beste Antwort ist: "Wird noch erklärt und ist hier irrelevant", die schlimmste: "Undurchdacht." In beiden Fällen gehört's nicht an den Anfang.
Da der erste Satz aber inhaltlich etwas von einem Versteckspiel trägt, das hier stattfindet, und damit Neugier weckt, ist er inhaltlich nicht schlecht, nur sehe ich nicht, wie das mit abgeschalteten Systemen funktioniert.

Der Abschnitt erklärt, statt ein Erlebnis oder Mitfühlen zu ermöglichen. Deine Protagonisten verschweigen sich selbst, ihre eigene Agenda, auch die Aktion, um die es geht, und die vage Hoffnung auf das Vermeiden eines Krieges ist mir zu fern, da ich die Handelnden und die Situation nicht kenne, und damit bleibt der Moment der Spannung genau das; ein Moment. Er trägt mich nicht in die Geschichte.
Es muss nicht unglaublich charakternah sein, auch ein kurzer Abschnitt mit etwas Abstand kann funktionieren. Dafür muss aber die gesamte Situation spürbarer und bedrohlicher werden. Und wenn nicht der große politische / militärische / soziale Konflikt das Hauptthema deines Romans ist, dann gehört diese Szene hier nicht einer neutralen Erzählstimme, sondern einer der Hauptfiguren; ich würde sagen, der Namensgeberin.

Szene 2:
Ich habe weder etwas gegen Politik noch gegen unsympathische Typen in der Hauptrolle - aber ein unsympathischer Typ in einer langweiligen politischen Umgebung ist zu viel des Guten.
Für mich liest sich der Abschnitt wie eine kurze (wackelige) Verbildlichung mit sehr langer folgender Erklärung für Roberts Versuch, in der Politik aufzusteigen und dabei im Augenblick zu scheitern. Er als Person bleibt mir aber bis auf diesen Charakterzug, erfolgreich sein zu wollen, fast vollständig fremd, seine Agenda ist zu schwach, und dann bricht die ganze Charaktervorstellung an der Stelle ab, an der endlich etwas mit persönlichem Bezug geschieht - oder geschehen könnte, denn erstmal wird es nur angekündigt. Vielleicht bleibt es harmlos, das ist an dieser Stelle nicht klar.
Der Text erklärbärt zu viel herum, Dinge, die mir etwas verständlich machen sollen, ohne mir dabei wichtig zu sein; mir wären sie wichtig, wenn sie für Robert in diesem Augenblick relevant sind, auch emotional, weil sie z.B. seine Ziele sind oder ihm im Weg stehen, und in beiden Fällen wird er nicht die gesamte politische Situation ausbreiten, die er verinnerlicht haben müsste.
Erklär deinen Lesern nicht den Hintergrund, lass sie alles, soweit irgendwie möglich, erleben. :)

Szene 3:
Die Szene ist mir zu langatmig und nicht packend geschrieben. Lucretia gerät augenscheinlich zufällig in Gefahr, muss sich selbst retten und endet in einer scheinbar ausweglosen Situation, soweit okay. Allerdings ist der Grund, wie sie reingerät, zu beliebig: "sie will nach Hause", sie hat ihren Flug verpasst, und sie selbst bleibt dabei ebenso farblos. Die Spannung bleibt ansonsten im Augenblick; ansich nicht verkehrt, solange es einfach nur ums Überleben geht, und gleichzeitig schwierig, weil du sämtliche Erklärungen im Nachhinein bringen musst. Im weiteren Verlauf gibt es noch ein paar nachgeschobene Erklärungen, die aber wiederum der Spannung schaden, weil sie aus der Situation reißen.

Eine hilfreiche Überlegung für erste Szenen: So früh wie nötig, so spät wie möglich in die Geschichte einsteigen. Wenn du haufenweise Information unterbringen musst, ist es vermutlich zu spät, wie Szene 3 zeigt. Frag dich also, ob du diese Informationen jetzt schon brauchst, und wenn ja, ob sie in dieser Szene oder früher präsent sein müssen; und welche nötig sind, um in dieser speziellen Szene in eine Geschichte, nicht nur eine Situation hineinzuführen.

Liebe Grüße! :kaffee2:
Ril
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Offline Taurussieben

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Re: Lucretias Traum - oder drei Anfänge sind zwei zuviel
« Antwort #9 am: 23 März 2018, 20:36:41 »
Hi Rilyn,

danke für deine Zeit und deine Anmerkungen, im Grunde decken sie sich mit den anderen.

Ich fand ankern eigentlich eine ganze gute Umschreibung (und es waren zumindest nicht alle Systeme ausgeschaltet  :cheese:), hier werde ich aber noch nachbessern.

Beim Rest bin ich in der Tat gerade am umschreiben und versuche im gleichen Zug herauszufinden, wo ich die Story eigentlich beginnen lassen muss. Deine Anmerkungne haben mir auf jeden Fall auch geholfen.


 :b5:
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