Autor Thema: Rückzugslinie (Randbezirke)  (Gelesen 319 mal)

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Offline Uli

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Rückzugslinie (Randbezirke)
« am: 27 März 2018, 23:29:38 »
hallo, Hölle!
Es gibt Röstfutter!
Eine der bösartigeren Geschichten aus den Randbezirken - und ich bitte um Nachsicht, dass ich keine genauen Fragen stellen möchte. Um keine Röstung zu beeinflussen.
Deswegen bitte ich auch darum, keine Vorröstungen zu lesen - und einfach drauflos zu schreiben, was der Text bewirkt.

Danke!
Uli

Rückzugslinie

Ich werfe die Granate, lasse mich fallen und rolle zur Seite.
Perfekt. 
Was auch immer in dem Graben gelauert haben mag, es hat sich ausgelauert. Endgültig. 
Trotzdem mache ich einen Umweg, natürlich. Nur für den Fall ...

Das Gebiet hier ist ... ziemlich sicher. Ziemlich sicher tödlich, wenn man nicht aufpasst. Wenn man sich nicht auskennt. 
Es ist perfekt.

Giftquallen in beinahe jeder Wasserstelle, explodierende Pilze, deren Sporen auch durch Panzerwesten dringen, Sumpfgreifer und Harpyien, die nur deswegen nicht den Luftraum beherrschen, weil die Lanzenkröten alles vom Himmel holen, was niedriger als dreißig Schritte fliegt ... 

Man muss hier aufgewachsen sein, um länger als eine Viertelstunde zu überleben.

Aufgewachsen, nicht geboren. 

Niemand wird hier geboren, in den Wolken aus Fieber und Angst. Dazu braucht man bessere Orte. 
Man wächst hier auf, wenn sich die besseren Orte als schlechter herausstellen, wenn Väter oder Mütter fliehen, und einen mitnehmen. Und wenn sie gut genug sind, um einem über die ersten Jahre zu helfen.
Wer hier aufwächst, ist ein Waise ... und hatte Glück.

Ich bin hier aufgewachsen, und ich hatte Glück. Und jetzt bin ich wieder hier ... so viel Glück hatte ich.

Wie viele andere wollte ich fort, dahin, wo meine Eltern hergekommen sind. Wollte herausfinden, warum, wovor sie geflohen sind, an diesen Ort. 
Mutter hat durchgehalten, bis ich etwa acht war, aber natürlich hat sie nichts hinterlassen - keine Antworten.

Und ... ich bin zurückgekehrt, und es war ... knapp. Sehr knapp. 
Es waren keine Lanzenkröten, keine Harpyien, es waren ... Menschen. Also, im Großen und Ganzen. 
Und ich weiß jetzt, warum die Harpyien und die Kröten so unversöhnlich alles zu töten versuchen, was aussieht wie ein Mensch. 

Sie trugen Anzüge und Krawatten und Aktentaschen, und sie sprachen von Vernunft und Sachzwängen und ... 

Sie waren so liebevoll wie ein Tümpel voller Giftquallen.

 Ich schleudere einen Stein, treffe den Todesvogel und liege rechtzeitig wieder flach auf dem Boden, um der Krötenlanze zu entgehen. Einfach. 

Hierhin können sie mir nicht folgen, hier haben ihre Formulare keine Macht.
Hier sterben sie, noch bevor sie ihren Aktenkoffer öffnen und die Stirn in sorgenvolle Falten legen können.

Hier sind wir sicher.

Offline Xaranis

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #1 am: 28 März 2018, 11:56:22 »
Ein Text in üblicher Uli-Manier.

Der Überlebenskampf in einer unwirtlichen Welt ist für ihn nichts Ungewöhnliches. Er kennt die Gefahren und hat längst gelernt zu überleben. Deshalb kann er das Ganze auch recht nüchtern und distanziert betrachten.
Bitterkeit und Sarkasmus schwingen für mich mit, als er sagt:

Zitat
Ich bin hier aufgewachsen, und ich hatte Glück. Und jetzt bin ich wieder hier ... so viel Glück hatte ich.

Danach bereitet mir deine Geschichte allerdings Bauchweh.
Wer an einen Ort wie diesen flüchtet und für gewöhnlich als Waise dort landet, muss verzweifelt aus einer Heimat geflohen sein, in der ein Leben nicht mehr möglich ist.
Ich denke da an nukleare Verstrahlung, Krieg, Vertreibung, Planetensterben oder so was. Irgendwas Gravierendes eben. Etwas, das schlimmer ist als die jetztige Situation. Aktenköffer und Kravatten sind eigentlich nicht die Art Gefahr, die ich auf dem Schirm hatte - nicht dass ich diese Sorte verharmlosen möchte. Aber irgendwie tue ich mich schwer zu glauben, dass - wer auch immer hinter den freundlichen Anzugträgern stecken mag - (Versicherungsvertreter? Zeugen Jehovas? :watchout:) sie Grund genug sein könnten, in eine Umgebung wie diese zu wechseln, in der man ziemlich sicher stirbt.  :wow:
Eine Überraschung ist es sicherlich. Denn die Erwartungen, die zu weckst, decken sich nicht mit dem Resultat, mit dem du dann um die Ecke kommst.
Aber ich persönlich tue mich wirklich schwer, dir das abzukaufen.


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Offline Lilith

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #2 am: 28 März 2018, 23:19:02 »
Hallo Uli,

an dem Text gefällt mir genau eine Formulierung, die dafür aber richtig gut:
Zitat
Niemand wird hier geboren, in den Wolken aus Fieber und Angst.
Das hat Atmosphäre und ist ausrucksstark.

Den Rest finde ich ... schwierig. Nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern wegen seiner Form. Er wirkt auf mich wie ein Argument in Geschichtenform und ist auch in diesem Ton gehalten. Der Erzähler erzählt, um sein Argument zu unterstreichen.

Abschnitt für Abschnitt:
  • Granate werfen! Assoziation Schützengraben - Aussage: "Ich bin sicher." Check!
  • "Das Gebiet ist sicher." Check!
  • Umgebungsbeschreibung, warum das Gebiet sicher ist (man kennt sich aus - das macht die Gefahr zum Schutz vor Eindringlingen)
  • Es ist gut, hier zu sein, Flucht wird angerissen
  • Und es ist gut, wieder hier zu sein, war es schon immer
  • Ein Blick auf den Feind, vor dem die Umgebung schützt
  • Erzähler nimmt den Kampf wieder auf, schützt sich, Minimalcharakterisiering der Aktenmenschen
  • Wortwörtlich: "Hier sind wir sicher."
Summa summarum: mensch (:cheese:), ist das sicher hier!

Ich finde nicht nur in den Formulierungen viele Redundanzen durch Wiederholungen, die den Text eher schwächen als Aspekte zu unterstreichen. Außerdem bleibst du recht kopflastig, statt in die Welt einzutauchen mit deiner Figur. Ich höre mehr dich zu mir sprechen als diese Figur etwas erzählen

Später gerne mehr, vor allem Details, wenn ich wacher hin. Das wollte ich dir nur schon mal als Rückmeldung dalassen. :)

Liebe Grüße,
Lilith
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"Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller."
- Bodo Kirchhoff

Offline Uli

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #3 am: 28 März 2018, 23:27:40 »
 :dops:

ich freue mich über jede Anmerkung - aber vorerst antworte ich nur per PM, um niemanden zu beeinflussen ...

(gerne mehr, Lilith ... )

Offline eska

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #4 am: 29 März 2018, 13:02:23 »
Zitat
Es gibt Röstfutter!
:jubel:


Naja, was willst du hören?

Klar zu lesen, gut zu verstehen. Aussage: Das Setting 'lebensfeindliches Umfeld Natur' (mit unbekannten Fiespflanzen und -tieren) ist einer uns vertrauten gezähmten Umwelt mit Bürokraten und Wirtschaftlern (oder Juristen?) vorzuziehen. Du erwähnst keine Details, aber ich lese folgende Vorwürfe heraus: mangelnde Liebesfähigkeit, Heuchelei, Machtstreben und hohe Gefährlichkeitsstufe, möglicherweise durch gnadenlose Gründlichkeit/Effizienz (in einer Generation hat sich nichts geändert, also besteht auch kaum Hoffnung).
Was genau dem/der Prota passiert ist, verliert an Bedeutung.
Wer genau er/sie ist, auch.
Oder was für eine Welt das ist.

Der Text sagt, menschliche Gesellschaften sind so, Wüste ist besser, giftiger Sumpf ist besser, ständiger Überlebenskampf ist besser (Vermutung: sauberer). Sehr negativ, aber klar. Nur das mit den Geburten: Wenn Paarbildung und Paarung nur im Dort geschehen kann, genau wie Geburt, dann bleibt es wohl bei kurzen Leben einzelner Freier und der Allmacht der Anzugträger.

Noch etwas: Woher kommen die Granaten? Selbst gebaut oder erhandelt? Gibt es also doch vereinzelte Beziehungen zu anderen Menschen?

Eine Erbse: M.E. heißt es die Waise, auch bei Jungen.

edit: Vergessen: Wer ist 'wir' (letzter Satz)? Gibt es also doch noch andere, einen anderen? Eingebung beim Lesen: ein empfangenes Kind? Das würde das Leben der Prota dann aber deutlich verkomplizieren und unsicherer machen.

Gruß,
eska
« Letzte Änderung: 29 März 2018, 13:07:32 von eska »
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Offline Taurussieben

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #5 am: 02 April 2018, 12:08:45 »
So. Also, der Text ist irgendwie klar verständlich, aber ebenso auch verwirrend. (Und mein Browser hat überall so komische Zeichen eingefügt  :glotz:)

Was klar ist:
- Die Sprache ist klar und schnörkellos, was ich sehr mag.
- Ich war überrascht, wie gut ich mir die Umgebung vorstellen konnte, mit den wenigen Worten, die du benutzt
- Die Tierchen klingen witzig, auch sehr tödlich, aber auch sehr witzig


Verwirrend:
Ich weiß grad nicht ob Randbezirke eine größere Bedeutung hat, vielleicht bin so verwirrt. Ich habe das Gefühl, du versuchst eine Metapher aufzubauen für irgendwas bestimmtes, was sich mir aber nicht ganz erschließt. Vielleicht war das auch gar nicht dein Plan, und ich lese das nur rein, aber für mich funktioniert da irgendwas nicht. Ab dem Moment wo du Krawatten erwähnst, war ich ein bisschen "Hä?"
Ebenfalls gestört haben mich die Verwendung von "...", die haben mich jedesmal raus gerissen.

Der erste Teil hat mich angesprochen, das Ende war... strange  :wiejetzt:
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Offline Rilyn

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #6 am: 03 April 2018, 18:14:56 »
Hoi Uli,

Sümpfe voller Monster, dann mal rein. :reiten1:

Zitat
Rückzugslinie
Nach dem Lesen: Um eine Linie geht es nicht; das mag Erbsenzählerei sein, aber im Titel und aufgrund der Kürze des Textes fällt's auf, wenn es auch nur eine kleine Irritation ist. Die Konnotation ist eine rein militärische, aber es geht hier um eine Entscheidung, die nichts mit einem möglichen Kampf zwischen der geordneten, restriktiven Welt und dem Monstersumpf zu tun hat; vielmehr kommt mir so ein Kampf gar nicht in den Sinn, denn "Hier sterben sie, noch bevor sie ihren Aktenkoffer öffnen".

Zitat
Ich werfe die Granate, lasse mich fallen und rolle zur Seite.
Mach "in Deckung" draus oder etwas dergleichen, gib dem Ganzen den Eindruck von Lebensgefahr, ganz gleich, wie abgebrüht dein Protagonist ist. Denn darum geht es: Eine empfundene Bedrohung, stark genug, um diese hier zu wählen statt der anderen. Mit dem Monstersumpf fährst du schweres Geschütz auf. Nutze es! :)

Zitat
Perfekt. Was auch immer in dem Graben gelauert haben mag, es hat sich ausgelauert. Endgültig. Trotzdem mache ich einen Umweg, natürlich. Nur für den Fall ...
Der Tonfall, hier nur als Beispiel, ist sehr distanziert und eben Uli. Möglich, dass dein Protagonist eben genau so spricht; es will im Augenblick nicht zueinander passen, er könnte genauso gut in einem Ohrensessel sitzen und planen, wie er seine Einnahmen vorm Finanzamt rettet.

Im Weiteren führt er die Situation nochmals aus, und nochmals, und vertieft sie etwas, aber die erste neue Erkenntnis ist das Aufwachsen ohne Eltern (ab einem recht jungen Alter, in dem ich nicht sehe, wie er durchgekommen sein soll). Dazu offene Fragen: Weshalb nichts hinterlassenes, keine Antworten, wenn doch viele von diesem Ort zurück gehen?
Hier scheint jeder auf sich allein gestellt zu sein, und dennoch sind diese Informationen bekannt; klar, Menschen begegnen einander, nur ist hier keine Ahnung einer Gemeinschaft von Aussteigern. Ich bin nicht sicher, ob du hier noch etwas mehr präzisieren kannst und vor allem überhaupt musst, denn relevant ist ja der Eindruck: Weg von der Gesellschaft, auf sich gestellt sein und auf sich selbst vertrauen können und müssen. Der Monstersumpf ist ein Extrem, die Darstellung des Überlebens dort ebenso. Mit erscheint das Individuum als der passende Gegenpart zur reglementierten, bürokratisierten Gesellschaft, Selbstbestimmung gegenüber Fremdbestimmung, offene, ehrliche Gefahr gegenüber verlogener Fürsorge.
Ich möchte nicht "Feindseligkeit" sagen, denn all die Viecher haben einfach nur Hunger und machen daraus keinen Hehl. Ihr Lauern ist nichts weiter als ihre Art des Überlebenskampfes, etwas, das verstanden, akzeptiert und respektiert werden kann, auch von einem Wesen einer anderen Art (Mensch). Zudem geht es in beiden Systemen um eine Anpassung, mit dem Unterschied, dass eines davon vom Protagonisten massiv bevorzugt wird. Verständlich, seine Entscheidung. Aber beispielsweise bin ich mir aufgrund der Erklärungen, der Charakterferne und der minimalistischen Darstellung der Alternative in Kombination nicht sicher, ob er mir da seine ernsthafte Meinung unterbreitet oder sich selbst etwas einreden will, und diese Unsicherheit schwächt die Aussage des Textes ab.

Zitat
Ich bin hier aufgewachsen, und ich hatte Glück. Und jetzt bin ich wieder hier ... so viel Glück hatte ich.
Wie viele andere wollte ich fort, dahin, wo meine Eltern hergekommen sind. Wollte herausfinden, warum, wovor sie geflohen sind, an diesen Ort. Mutter hat durchgehalten, bis ich etwa acht war, aber natürlich hat sie nichts hinterlassen - keine Antworten.
Hier bleibt eine Frage offen: Wie hat dieser Achtjährige überlebt?
Und insgesamt stellt sich auch die Frage: Woher hat der Protagonist, damals vielleicht auch und definitiv heute, Granaten?
Beide Fragen müssen im Text nicht geklärt, also am Besten auch nicht gestellt werden. Die Granate sehe ich als geringfügiges Problem an - er braucht sie, also wird er wohl Wege haben, an eine ranzukommen - das Alter als ein schwerwiegendes, weil dein Protagonist das Aufwachsen hier thematisiert. Ist das ansich wichtig genug, um offene Fragen zu hinterlassen, die sich mit dem Grundtenor des Monstersumpfes beißen?
Auf der anderen Seite spricht die Flucht der Eltern mit einem kleinen Kind aus einem "sicheren" Umfeld in ein tödliches eine deutliche Sprache; vielleicht kannst du das auch anders einflechten, damit das erhalten bleibt, ohne weitere Hintergründe möglicherweise in Frage zu stellen.

Zitat
Und ... ich bin zurückgekehrt, und es war ... knapp. Sehr knapp. Es waren keine Lanzenkröten, keine Harpyien, es waren ... Menschen. Also, im Großen und Ganzen. Und ich weiß jetzt, warum die Harpyien und die Kröten so unversöhnlich alles zu töten versuchen, was aussieht wie ein Mensch.
Sie trugen Anzüge und Krawatten und Aktentaschen, und sie sprachen von Vernunft und Sachzwängen und ...
Sie waren so liebevoll wie ein Tümpel voller Giftquallen.
Noch etwas, weswegen mir die Sprache für diese Geschichte unangebracht erscheint: Er relativiert, schiebt ein, schwächt damit ab. Dabei geht es ihm doch um Ehrlichkeit, Eindeutigkeit im Gegensatz zur Falschheit, Ablenkung und Verschleierung derjenigen seiner eigenen Spezies, die im Anzug daherkommen und ihm womöglich fremder erscheinen als die Harpyien, Kröten und Giftquallen.

Zitat
Ich schleudere einen Stein, treffe den Todesvogel und liege rechtzeitig wieder flach auf dem Boden, um der Krötenlanze zu entgehen. Einfach.
Ich bin nicht sicher, ob das "Einfach" zu viel des Guten ist, denn obwohl ihm das hier im Vergleich einfach erscheint, ist es das nicht ansich. Schwäch es nicht ab, denn damit würdest du ebenso die Formulare und Aktentaschen abschwächen.
Den Satz "Hier sind wir sicher" finde ich dagegen wichtig. Er ist emotional, stärke ihn ruhig noch mehr durch die spürbare Gefahr, die dennoch zu ihm führt. Denn auch das ist das gewählte Wildnisleben, das eigene Risiko: Emotional geladen, persönlich, während die Anzüge mit den Krawatten sehr kalt, fern und desinteressiert sind. Gegenüber den Kreaturen empfindet dein Protagonist wie ein Jäger; er ist eine Kreatur, die im Sumpf (über)lebt und dafür auch tötet. Gegenüber den Menschen im Anzug, vielmehr dem System oder den Strukturen, deren Teil sie sind, fühlt er sich hilflos und ausgeliefert, und als sei er knapp davongekommen, bevor ihn dieses System verschlungen hat, in dem er sich nicht behaupten, nicht auf sich selbst verlassen kann, nach dessen Regeln er nicht spielt.

Liebe Grüße! :kaffee2:
Ril
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Offline Zitatus

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #7 am: 06 April 2018, 08:13:14 »
Da hat der Autor aber eine schwere Krawatte in bezug auf Schlipsträger ...


Rückzugslinie

Treffender wäre Fluchtpunkt oder Rüchzugsgebiet.

Zitat
Perfekt. 
Was auch immer in dem Graben gelauert haben mag, es hat sich ausgelauert.
(...)
ziemlich sicher. Ziemlich sicher tödlich
(...) 

Man muss hier aufgewachsen sein, um länger als eine Viertelstunde zu überleben.
Aufgewachsen, nicht geboren. 

Niemand wird hier geboren,
(...)
usw. usw. usw.
Es mag ein gewolltes Stilelement sein: Wortwiederholungen in Kombination mit Gegensätzen oder ihren Verneinungen. Terry Pratchett verwendet diese auch. Allerdings nicht so inflationär. Deine Absicht ist klar: Du möchtest zynische, sarkastische Bemerkungen machen. Funktioniert für mich nicht, weil das den Protagonisten in den Hintergrund drängt und den Autoren nach vorne holt. Es ist zu gewollt und stößt mich als Leser aus der Story raus. Es ist schlicht zu vie des Guten.


Zitat
Wer hier aufwächst, ist ein Waise ... und hatte Glück.
Atmosphärisch, ja. Aber in Bezug zum Ende bzw. zur Auflösung macht der Satz wenig Sinn.

Zitat
Ich bin hier aufgewachsen, und ich hatte Glück. Und jetzt bin ich wieder hier ... so viel Glück hatte ich.

Wie viele andere wollte ich fort, dahin, wo meine Eltern hergekommen sind. Wollte herausfinden, warum, wovor sie geflohen sind, an diesen Ort. 
Mutter hat durchgehalten, bis ich etwa acht war, aber natürlich hat sie nichts hinterlassen - keine Antworten.
Darf man hier schon "Show, don't tell" sagen? Nach dem actionreichen Einstieg passiert nichts mehr.

Zitat
Und ... ich bin zurückgekehrt, und es war ... knapp. Sehr knapp. 
Es waren keine Lanzenkröten, keine Harpyien, es waren ... Menschen. Also, im Großen und Ganzen. 
Und ich weiß jetzt, warum die Harpyien und die Kröten so unversöhnlich alles zu töten versuchen, was aussieht wie ein Mensch. 

Sie trugen Anzüge und Krawatten und Aktentaschen, und sie sprachen von Vernunft und Sachzwängen und ... 

Sie waren so liebevoll wie ein Tümpel voller Giftquallen.
Die Auflösung. Die Moral von der Geschicht'. Gehört ganz ans Ende, oder?

Zitat
Hierhin können sie mir nicht folgen, hier haben ihre Formulare keine Macht.
Hier sterben sie, noch bevor sie ihren Aktenkoffer öffnen und die Stirn in sorgenvolle Falten legen können.
Erinnert an "Die Klapperschlange" oder "Running Man": Da sind die Protas auch lieber in der Todeszone als unter Bürokraten.  :the_brow:
Die Pointe ist klar. Der Weg dorthin ist in meinen Augen nicht gut gelöst.

Soweit mein Senf dazu
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Offline Zitatus

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #8 am: 06 April 2018, 08:27:03 »
ich freue mich über jede Anmerkung - aber vorerst antworte ich nur per PM, um niemanden zu beeinflussen ...
Finde ich übrigens nicht gut. Ist nicht im Sinne des Forums, weil wir ja alle vom Rösten lernen wollen.
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Offline Uli

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #9 am: 07 April 2018, 21:36:20 »
ay Teufels,

ich denke, ich ˋlöse dann mal auf´ ...
Die letzten drei ˋRandbezirke ´ waren ein Experiment, der Versuch, einen neuen Ansatz zu nehmen für gewisse Dinge. Und das ist offenbar eher gescheitert ...  :flenn:

Der Plan war:
Bisher haben meine Protas regelmässig selber ihre jeweiligen ˋZustände ´ mitgebracht und mir aufgedrängt - mit diesen Geschichten wollte ich ausprobieren, ob das auch umgekehrt geht: Dass ich einen psychischen Zustand den handelnden Personen direkt zuschreibe, und diese damit handeln lasse.
Und das klappt offenbar nicht so richtig ...

In allen drei Geschichten ist das Setting (obwohl nur mit wenigen Sätzen angerissen) ziemlich gut rübergekommen, die Handlungen der Protas wurden verstanden - aber (fast) gar nicht auf ihre Verfassung bezogen.
Genauer: Die Ich-Erzähler haben es geschafft, ihren persönlichen Film als Wahrheit rüberzubringen ... Zweifel daran sind eher nicht aufgetaucht, sondern im Gegenteil wurde immer wieder die Darstellung dieser ˋRealität ´ als unzureichend wahrgenommen. Hmmm.

Mein Ziel war, dass an den jeweiligen Ich-Erzählern bzw deren Darstellung der Ereignisse gezweifelt wird - weil alle drei entsprechende Verfassung mitbekommen hatten, die sie Dinge sehr ... eigen wahrnehmen lassen.
Ich wollte damit so etwas wie ˋgebrochene Charaktere durch ihre Erzählung als - eben - gebrochene Charaktere zeigen, nicht durch irgendetwas, was (für mich) überzogen wirkt. Und das klappt nicht wirklich.

Nicht gut genug, jedenfalls - nicht in dieser kurzen Form, nicht als subtiler Hinweis.
Schade ... aber wieder was gelernt.

Was mir sehr freut ist, dass ein paar andere Dinge (fast wieder Erwarten) gut funktioniert haben.

Howauchever, ich danke allen RösterInnen für Geduld und Engagement und es gibt  :lava: und  :b5: , und ich denke diese Sache jetzt noch mal von vorne durch ...

alles Liebe, Gute und Nützliche,
 Uli

Offline Zitatus

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Re: Rückzugslinie (Randbezirke)
« Antwort #10 am: 09 April 2018, 06:30:59 »

Dann haben Deine Storys das gleiche Problem wie die letzte Story von nus und das gleiche Problem wie fast alle meine Pandora-Storys: Wir als Autor haben zahlreiche Hintergedanken in die Story gelegt, versiegelt und verschlüsselt, darauf hoffend, dass der Leser mit dem gleiche Um-die-Ecke-Denken den Text angeht wie wir. Was fehlt, ist der Schlüssel, der den Zugang gibt. Ein Hinweis, der dem Leser halbwegs eindeutig darauf hindeutet, den Text anders zu betrachten.

Neutral betrachtet, bleibt dem Leser keine andere Wahl: Er muss zunächst dem Autoren vertrauen. Das ist das Setting! Das ist das Gefühlsleben! Das ist der Prota! Genau so! In so einem kurzen Text bleibt kaum Platz für Zweifel. Es nutzt nichts, wenn der Autor außerhalb des Textes sagt: "Das habe ich so oder so gemeint." Die Story (oder schlimmstenfalls das Vorwort) müssen das dem Leser vermitteln.

Denke ich.
  • Ich schreibe gerade: Der Letzte macht dein Licht aus / Daimonia