Autor Thema: (KG) Nabelschnur  (Gelesen 2362 mal)

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(KG) Nabelschnur
« am: 01 März 2018, 19:16:27 »
Hallo, Ihr Teufels!

Diese Geschichte hockte mir schon lange auf der Schulter. Jetzt habe ich sie endlich angepackt. Feuer frei!

*************************
Nabelschnur

Er steht mit dem Rücken zur Hauswand, die Schnur locker in seiner Hand. Es ist ein kalter Februartag. Die Sonne schneidet scharfe Schatten in das blasse Grün des Rasens. Mitten auf dem Gartenweg sitzt die Katze und starrt zu ihm herüber. Er hasst sie. Es ist kaum zu ertragen, wie sie reglos dasitzt und ihn verspottet. Er weiß, was sie tun wird, wenn er sich ihr nähert: Sie wird ungerührt sitzen bleiben, bis der Abstand zwischen ihnen auf eine Armlänge geschrumpft ist, dann wird sie ohne Hast aufstehen, sich dreibeinig ruckend ein Stück von ihm wegbewegen und in sorgfältig abgemessener Entfernung wieder auf dem Gartenweg niederlassen. Von dort wird sie ihn weiter anstarren, bis sie ihren Triumph ausgekostet hat und davonhinkt, um sich interessanteren Dingen zuzuwenden.

Sie weiß, dass er sie nicht erreichen kann, dass die Schnur ihn zurückhält, ihm nicht erlaubt, weiter als bis etwa zur Mitte des Gartenweges zu gehen. Darum hasst er sie. Er hasst ihre hochmütige Haltung, den gleichgültigen Blick aus ihren hellen Augen, ihr bunt geschecktes Fell, auf dem Sonnenflecken tanzen. Eine Glückskatze. Aber auch sie kann nicht ewig Glück haben. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf: Wenn sie ein weiteres Bein einbüßt, ist es vorbei. Als ihm das klar wird, verschiebt sich etwas. Unzählige Male hat er sich vorgestellt, schnell genug zu sein, sie packen zu können, bevor sie außer Reichweite ist. Aber er hat nie darüber nachgedacht, was er dann mit ihr machen würde. Jetzt sieht er es deutlich vor sich. Entschlossen stößt er sich von der Hauswand ab.

Während er über den Gartenweg auf die Katze zugeht, lässt er die Schnur durch seine kältesteifen Finger gleiten. Sie fühlt sich rau und spröde an. Der eisige Wind setzt ihr zu. Er sollte besser wieder ins Haus gehen und den Ofen anzünden. Nein, zuerst muss er das mit der Katze erledigen.

Langsam geht er weiter. Die Katze rührt sich nicht. Er versucht den kleiner werdenden Abstand zwischen ihnen abzuschätzen, die Schritte auf dem schütteren Kies des Gartenweges zu zählen, die ihn von seinem Ziel trennen. Unmittelbar vor der Vorderpfote der Katze schimmert etwas Helles auf dem Weg: ein einzelner Kieselstein. Anders als die anderen ist dieser nicht schmutziggrau, sondern fast weiß. Eine Markierung. Er verwirft den Gedanken, zur Sicherheit noch einmal auf der Zeichnung nachzusehen, die sorgfältig zusammengefaltet in der Brusttasche seines Hemds steckt. Stattdessen beginnt er zu laufen, den Blick fest auf den weißen Stein geheftet. Er nimmt Anlauf. Am Ende wird er springen. Es fühlt sich seltsam an zu laufen, wie etwas, das er lange vergessen hat und das ihm jetzt plötzlich wieder eingefallen ist. Noch seltsamer fühlt es sich an, springen zu wollen. Aber er will springen. Er will nichts mehr als das, hat nie etwas mehr gewollt. Alles läuft auf diesen einen Punkt hinaus, auf diesen einen Moment. Er springt.

Ohne Hast steht die Katze auf.

Ein heftiger Ruck reißt ihn zurück. Er stürzt und schlägt auf den harten, kalten Boden, der mit scharfkantigen Krallen seine Haut aufreißt. Nach Atem ringend bleibt er liegen, bis seine aufgeschürften Knie und Handflächen zu brennen beginnen und ein bohrender Schmerz in seine rechte Schulter fährt. Als er sich stöhnend zusammenkrümmt, sieht er die Katze, die sich dreibeinig ruckend ein Stück von ihm wegbewegt und in sorgfältig abgemessener Entfernung wieder auf dem Gartenweg niederlässt. Sie wird ihn eine Weile anstarren, bis sie ihren Triumph ausgekostet hat, dann wird sie davonhinken, um sich interessanteren Dingen zuzuwenden.

***

Im Arzneischrank hat er ein Mittel zur Wunddesinfektion gefunden, mit dem er die Schürfwunden reinigt. Seine schmerzende Schulter kühlt er mit Eis aus dem Tiefkühlfach. Es war gut, etwas zu tun zu haben, um sich nicht dem zuwenden zu müssen, was ihm am meisten Angst macht. Aber jetzt kann er es nicht mehr länger aufschieben.

Er setzt sich auf den Rand der Badewanne, legt die Schnur behutsam über seine Beine und schließt für einen Moment die Augen. Vielleicht ist alles in Ordnung. Er zwingt sich, die Augen wieder zu öffnen, und beginnt sein Hemd aufzuknöpfen. Aber noch ehe er beim letzten Knopf angekommen ist, sieht er es: Die Schnur ist halb abgerissen. Wo sie zuvor angewachsen war, hat sich eine bräunlich rote Kruste gebildet. Er zieht scharf die Luft ein und knöpft sein Hemd hastig wieder zu.

Den Rest des Tages verbringt er im Sessel vor dem Ofen. Das Feuer darin ist längst erloschen, aber er wagt es nicht, hinauszugehen und Holz zu holen. Er wagt es nicht einmal aufzustehen, aus Angst, die Schnur könnte an einem Möbelstück hängen bleiben und vollständig abreißen. Was dann passiert, mag er sich nicht ausmalen. Auf seinem Schoß hat er die Zeichnung ausgebreitet, die am Morgen noch in seiner Hemdtasche steckte: eine Skizze des Grundstücks mit den Umrissen des Hauses in der Mitte. Rund um das Haus sind unzählige Punkte markiert, die, wenn man sie verbinden würde, einen Kreis ergeben würden.

Am Abend steht er doch auf. Er ist durstig und hungrig, und er sieht ein, dass die Entscheidung, nie wieder aufzustehen, einem Selbstmord gleichkäme. Er zerknüllt die Zeichnung, so gut es mit seinen aufgeschürften Händen geht, und wirft sie in den Korb mit dem Zeitungspapier, das er zum Anfeuern des Ofens benutzt.

Vorsichtig bewegt er sich durch das Haus und hält dabei die Schnur in seiner zitternden Hand. In der Küche legt er sie locker über einen der Holzstühle, ehe er den Kühlschrank öffnet und eine halbvolle Limonadenflasche herausnimmt. Mit Mühe unterdrückt er den Impuls, direkt aus der Flasche zu trinken, und zwingt sich, ein Glas aus dem Schrank zu nehmen. Nachdem er das Glas dreimal gefüllt und genauso oft gierig geleert hat, fühlt er sich besser, und er öffnet den Kühlschrank ein weiteres Mal, um die Kohlrouladen herauszunehmen, die der Mahlzeitendienst am Vormittag gebracht hat. Er schiebt das Essen in die Mikrowelle und stellt die Garzeit auf sechs Minuten.

Das vertraute Geräusch der Mikrowelle beruhigt ihn. Alles wird wieder gut werden. Wenn er Glück hat, wächst die Schnur wieder vollständig an. Ja. Wenn er Glück hat, wird er eines Tages über die alberne Geschichte mit der Katze lachen.

Sein Blick fällt durch das Küchenfenster in den Garten. Er kann ein paar kahle Sträucher und einen Teil des Gartenweges sehen. Dort sitzt, unbeweglich wie eine Statue, die dreibeinige Katze und starrt zu ihm herüber.

Der Schreck lässt ihn taumeln, und er stößt gegen einen Stuhl, ausgerechnet gegen den, auf dem die Schnur liegt. Ehe er nach ihr greifen kann, ist sie schon von der Sitzfläche gerutscht. Das leichte Ziehen, das er im gleichen Moment spürt, jagt ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. Keuchend macht er sich an den Knöpfen seines Hemds zu schaffen. Sie sind so klein, dass sie immer wieder durch seine fahrigen Finger schlüpfen. Es dauert eine Ewigkeit, bis er es geschafft hat.

Frisches Blut glänzt auf der Kruste. Sein Herz hämmert wie wild in seiner Brust. Täuscht er sich, oder ist die Schnur noch ein wenig weiter abgerissen? Nein, er täuscht sich nicht. Kalte Angst krallt sich in seinen Nacken, während er auf den Küchenboden starrt, wo sich die Schnur wie eine welke Pflanzenranke ringelt. Der Signalton der Mikrowelle reißt ihn aus seiner Erstarrung. Er muss etwas unternehmen.

Die Linke auf seinen Bauch gepresst, die Rechte, so fest er es ertragen kann, um die Schnur geschlossen, tastet er sich rückwärts in den Flur und dann ins Badezimmer. Dort schlingt er die Schnur ein paarmal um einen Handtuchhalter und vergewissert sich noch einmal, dass sie sich nicht lösen kann. Erst dann holt er ein Päckchen mit Verbandsmaterial aus dem Arzneischrank. Auf den Badezimmerfliesen sitzend beginnt er, die Schnur mit Heftpflastern in einem Bogen auf seinem Bauch zu befestigen. Dann umwickelt er seinen Rumpf mit einem straffen Verband. Die Enden der Binde befestigt er mit zwei Verbandklammern. Prüfend betastet er noch einmal die Stelle an seiner Seite, wo die Schnur unter dem Verband hervortritt.


***

Nachts träumt er von der dreibeinigen Katze, die wieder auf dem Gartenweg sitzt. Seltsamerweise hasst er sie nicht und er hat auch keine Angst mehr vor ihr. Stattdessen sehnt er sich danach, sie zu berühren, mit seinen Fingern durch ihr weiches Fell zu streichen. Als er die Hand nach ihr ausstreckt, wird er wach.

Er dreht sich auf den Rücken und starrt eine Weile ins Dunkel. Das Brennen seiner aufgeschürften Knie und Handflächen hat einem dumpfen Schmerz in seinen Gelenken Platz gemacht, der mit dem Pochen in seiner Schulter wetteifert. Aber das macht ihm keine Sorgen. Er schaltet die Nachttischlampe an und schlägt die Decke zurück. Auf der weißen Gaze des Verbands zeichnet sich ein hellroter Fleck ab.


***

Die Zeichnung ist zerknittert, und an einigen Stellen ist die Tinte verwischt, aber wenn sie glatt und unversehrt wäre, könnte sie nicht deutlicher sein als jetzt. Er fährt mit dem Finger an der unsichtbaren Verbindungslinie der Markierungspunkte entlang. Ein Kreis. Jeder Kreis hat einen Mittelpunkt.

Es ist so einfach. Er folgt der Schnur. Sie führt zur Kellertür. War er jemals dort unten? Er kann sich nicht erinnern. Die Tür ist abgeschlossen. Hat er das getan? Hatte er Angst vor dem, was im Keller ist? Jetzt hat er keine Angst mehr. Er dreht den Schlüssel im Schloss und öffnet die Tür. Eine dunkle Treppe erwartet ihn. Seine Hand tastet vergeblich nach einem Lichtschalter. Damit hat er gerechnet. Er schaltet seine Taschenlampe an und steigt langsam die Stufen hinunter. Feuchte Kälte hüllt ihn ein, er friert, barfuß und nur mit seiner Pyjamahose bekleidet, aber er will nicht umkehren.

Unten angekommen spürt er bloße Erde unter seinen Füßen. Der Lichtkegel der Taschenlampe erleuchtet einen schmalen Kellerraum, dessen gegenüberliegende Seite an einen Bretterverschlag grenzt. Die Schnur führt auf den Verschlag zu und verschwindet unter dem Holzgatter.

Er tritt näher, um zu sehen, was dahinter ist. Aber dann lässt er die Taschenlampe sinken. Er weiß es. Hat es die ganze Zeit gewusst. Aber dieses Wissen hat ihn nicht befreit.


***

Die Nachtluft ist kalt, doch er friert nicht, obwohl er jetzt sogar den Verband abgenommen hat. Die Schnur wird nur noch von einer einzigen Faser gehalten, als er sich vom Dachfirst fallen lässt.
« Letzte Änderung: 29 Mai 2019, 19:44:36 von FF »

Offline Lilith

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Re: Mutter
« Antwort #1 am: 01 März 2018, 21:47:41 »
Hallo nus,

ich habe einige Schwierigkeiten mit diesem Text.

Zunächst einmal bin ich mir nicht ganz sicher über seine Aussage. Ich meine, einiges verstanden zu haben, aber worauf du am Ende hinaus willst, das erschließt sich mir nicht. So hoffe ich darauf, dass du mir noch erhellen kannst.

Was ich meine, verstanden zu haben: Der Protagonist hat ein Problem mit seiner Mutter, die Schnur ist eine Nabelschnur, das gestörte Verhältnis zu seiner Mutter spiegelt sich im ganzen Text, die Schnur ist darüber hinaus noch Symbol für eine tiefergehende Verbindung, am Ende beim Keller hatte ich Norman-Bates-Assoziationen, ohne dass diese aufgelöst werden - was insofern kein Problem ist, als dass ich diesen Keller auch als die verbotenen Kammern im Geiste lesen kann, die Türen, die er sich nie zu öffnen getraut, hinter die er alles Schmerzhafte gesperrt hat, bis dahinter die Erkenntnis lauert, dass alle Auseinandersetzung ihm nichts bringen kann - er zieht daraus eine Konsequenz und bringt sich um.

Womit ich Probleme habe: Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich eine Ahnung hatte, was es mit dieser Schnur auf sich hat. Ich habe den ganzen Text über herumgerätselt, am Anfang hielt ich es für eine normale Schnur, einen Faden, als die Wunde ins Spiel kam und dass die Schnur mit ihm verbunden war/ist, dachte ich sogar noch an chirurgische Fäden (es kann ja vorkommen, dass solche Fäden mit der Haut verwachsen, wenn sie schlechter Qualität sind und/oder mies genäht wurde; und es gibt wiederum Fäden, die mit der Zeit vom Körper absorbiert werden, sodass sie nicht mehr gezogen werden müssen) und habe mich gefragt, ob er sich die Wunde am Bauch vielleicht selbst zugefügt hat. Ich habe bis zum Keller gebraucht, bis ich auf "Nabelschnur" kam. Aber ich bin mir immer noch nicht sicher. Ein weiteres Problem ist, dass viele Assoziationen und ein gewisses Verständnis erst durch den Titel entsteht. Die Mutter kommt im Text selbst ja gar nicht vor bzw. wird nicht genannt. Das muss sie auch nicht! Mir gefällt, wie subtil du arbeitest, es geht für mich nur insgesamt noch nicht auf.
Hinterher hatte ich auch den Gedanken, dass du in die Schnur sogar eine Dreifachbedeutung gelegt hast und auf das alte Wort für Schwiegertochter anspieltest. Ich trau's dir zu. Lassen wir das einfach mal so stehen.

Vielleicht steh ich aber auch nur auf einem sehr breiten Schlauch.

Ich geh das mal strukturell und Stück für Stück durch, um dir zu zeigen, was der Text wo bei mir auslöst.

Zitat
Mutter

Er steht mit dem Rücken zur Hauswand, die Schnur locker in seiner Hand. Es ist ein kalter Februartag. Die Sonne schneidet scharfe Schatten in das blasse Grün des Rasens. Mitten auf dem Gartenweg sitzt die Katze und starrt zu ihm herüber. Er hasst sie. Es ist kaum zu ertragen, wie sie reglos dasitzt und ihn verspottet. Er weiß, was sie tun wird, wenn er sich ihr nähert: Sie wird ungerührt sitzen bleiben, bis der Abstand zwischen ihnen auf eine Armlänge geschrumpft ist, dann wird sie ohne Hast aufstehen, sich dreibeinig ruckend ein Stück von ihm wegbewegen und in sorgfältig abgemessener Entfernung wieder auf dem Gartenweg niederlassen. Von dort wird sie ihn weiter anstarren, bis sie ihren Triumph ausgekostet hat und davonhinkt, um sich interessanteren Dingen zuzuwenden.

"Mutter" ist ein sehr starkes Wort und dadurch, dass der Text mit einem Mann einsteigt, stelle ich automatisch eine Verbindung zwischen beiden her und assoziiere: "seine Mutter".

Bis zu der Katze auf dem Gartenweg passiert erst mal nichts. Das ist eine reine Situationsbeschreibung, mit der ich nicht viel anfangen kann, bis die Katze ins Spiel kommt, denn erst die löst etwas in deinem Protagonisten aus. Die Schnur ist hier noch eine ganz normale Schnur, es gibt keinen Grund, etwas anderes anzunehmen.
Ob du den kalten Februartag und die Sonne auf dem Gras brauchst? :weissnicht: Sie tragen nichts zur Geschichte (!) bei, dienen lediglich einer Atmosphäre, die du aber nicht weiter aufnimmst, die kein Echo findet.
Wie er die Katze wahrnimmt, da denke ich gleich an die Mutter: Hat sie immer so dagesessen, ihn verspottet? Er fühlt sich angegriffen und doch machtlos ihr gegenüber, ihr, dieser Übermacht - sie wird gewinnen. Wie seine Mutter immer über ihn gewonnen hat?
Er ist dazu verdammt, zurückzubleiben, nichts tun zu können.

Zitat
Sie weiß, dass er sie nicht erreichen kann, dass die Schnur ihn zurückhält, ihm nicht erlaubt, weiter als bis etwa zur Mitte des Gartenweges zu gehen. Darum hasst er sie. Er hasst ihre hochmütige Haltung, den gleichgültigen Blick aus ihren hellen Augen, ihr bunt geschecktes Fell, auf dem Sonnenflecken tanzen. Eine Glückskatze. Aber auch sie kann nicht ewig Glück haben. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf: Wenn sie ein weiteres Bein einbüßt, ist es vorbei. Als ihm das klar wird, verschiebt sich etwas. Unzählige Male hat er sich vorgestellt, schnell genug zu sein, sie packen zu können, bevor sie außer Reichweite ist. Aber er hat nie darüber nachgedacht, was er dann mit ihr machen würde. Jetzt sieht er es deutlich vor sich. Entschlossen stößt er sich von der Hauswand ab.
Weitere Unterstellungen an die Katze folgen. Also hat seine Mutter ihm das mit der Schnur angetan? Das denke ich übrigens erst jetzt, beim zweiten Lesen, vorher war ich nur verwirrt, warum die Schnur ihn zurückhält - ist er also angebunden? Scheint so. Wenn es eine Nabelschnur ist, frage ich mich erst recht, was es mit der auf sich hat. :glotz:
Der Hochmut, die Gleichgültigkeit (zusammen mit dem Detail der hellen Augen) sind weitere Attribute seiner Mutter. Dadurch, dass die Katze nur drei Beine hat, sieht er erstmals (s)eine Chance kommen: Er konnte sie nie wehren, auf einmal hat sie ein Merkmal, mit dem sie ihm leicht unterlegen ist! Und er wird diese Chance nutzen, diesmal wird er sie nicht ungeschoren davon kommen lassen.
Auch das sind Gedanken, die mir erst beim zweiten Lesen kommen. Vorher hatte ich vor allem die Zuschreibung an die Mutter herausgelesen, aber nicht in dieser Tiefe weitergedacht, denn noch war ich zu verwirrt über diese Schnur und was damit passieren wird, habe mich gefragt, was er mit der Katze tun wird.

Zitat
Während er über den Gartenweg auf die Katze zugeht, lässt er die Schnur durch seine kältesteifen Finger gleiten. Sie fühlt sich rau und spröde an. Der eisige Wind setzt ihr zu. Er sollte besser wieder ins Haus gehen und den Ofen anzünden. Nein, zuerst muss er das mit der Katze erledigen.
Wieder die Kälte. Aber mit der passiert nichts, sie ist ihm nicht mal ein Hindernis, sie ist nur da, um den Text auszuschmücken. Der Gedanke an den Ofen ist da, aber leer, denn er hält ihn nicht auf, er schiebt ihn schnell beiseite, er ist ja entschlossen, sich an der Katze zu rächen.

Zitat
Langsam geht er weiter. Die Katze rührt sich nicht. Er versucht den kleiner werdenden Abstand zwischen ihnen abzuschätzen, die Schritte auf dem schütteren Kies des Gartenweges zu zählen, die ihn von seinem Ziel trennen. Unmittelbar vor der Vorderpfote der Katze schimmert etwas Helles auf dem Weg: ein einzelner Kieselstein. Anders als die anderen ist dieser nicht schmutziggrau, sondern fast weiß. Eine Markierung. Er verwirft den Gedanken, zur Sicherheit noch einmal auf der Zeichnung nachzusehen, die sorgfältig zusammengefaltet in der Brusttasche seines Hemds steckt. Stattdessen beginnt er zu laufen, den Blick fest auf den weißen Stein geheftet. Er nimmt Anlauf. Am Ende wird er springen. Es fühlt sich seltsam an zu laufen, wie etwas, das er lange vergessen hat und das ihm jetzt plötzlich wieder eingefallen ist. Noch seltsamer fühlt es sich an, springen zu wollen. Aber er will springen. Er will nichts mehr als das, hat nie etwas mehr gewollt. Alles läuft auf diesen einen Punkt hinaus, auf diesen einen Moment. Er springt.
Das mit dem Kieselstein hat geradezu was Psychotisches/Wahnhaftes, aber dadurch, dass er in der Lage ist, den Gedanken zu verwerfen, kann es kein echter (Beziehungs-)Wahn sein (dann würde ihm eine Begründung einfallen, warum der Kieselstein doch eine Markierung ist). Dennoch sucht er Verknüpfungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Dingen - der Zeichnung und dem Kieselstein in diesem Falle. Das weckt mehr Neugier. Genau wie die Frage, warum er solange nicht gelaufen ist, wo hat die Schnur ihn denn festgehalten? Er will sich befreien und springt.
Beim ersten Lesen hatte ich die absurde Frage im Hinterkopf, ob er vielleicht kein Mensch ist, sondern ... ebenfalls eine Katze - und die Katze auf dem Gartenweg ist seine tatsächliche Mutter. Dadurch, dass ich aufgrund der fehlenden Relevanz über die kälftesteifen Finger hinweggelesen habe, schien mir das eine Möglichkeit, bis das Hemd usw. sie eindeutig ausgeschlossen hatten.

Zitat
Ohne Hast steht die Katze auf.

Ein heftiger Ruck reißt ihn zurück. Er stürzt und schlägt auf den harten, kalten Boden, der mit scharfkantigen Krallen seine Haut aufreißt. Nach Atem ringend bleibt er liegen, bis seine aufgeschürften Knie und Handflächen zu brennen beginnen und ein bohrender Schmerz in seine rechte Schulter fährt. Als er sich stöhnend zusammenkrümmt, sieht er die Katze, die sich dreibeinig ruckend ein Stück von ihm wegbewegt und in sorgfältig abgemessener Entfernung wieder auf dem Gartenweg niederlässt. Sie wird ihn eine Weile anstarren, bis sie ihren Triumph ausgekostet hat, dann wird sie davonhinken, um sich interessanteren Dingen zuzuwenden.
Wieder ein Triumph seiner Mutter - wie gesagt, beim zweiten Lesen bin ich (fast) sicher, dass sie die Schuld an seinem Dilemma trägt, aber beim ersten Lesen war ich nur verwirrt, warum die Schnur eine solche Kraft hat.

Zitat
Im Arzneischrank hat er ein Mittel zur Wunddesinfektion gefunden, mit dem er die Schürfwunden reinigt. Seine schmerzende Schulter kühlt er mit Eis aus dem Tiefkühlfach. Es war gut, etwas zu tun zu haben, um sich nicht dem zuwenden zu müssen, was ihm am meisten Angst macht. Aber jetzt kann er es nicht mehr länger aufschieben.
Aber reingehen kann er ohne Probleme. Hm, das verwirrt mich wieder. Dass es gut war, etwas zu tun haben, habe ich übrigens erst mal auf die Aktion mit der Katze bezogen, aber ich glaube, du meinst die Wundversorgung ...?
Was ihm am meisten Angst macht, scheint mir klar: die Sache mit seiner Mutter.

Zitat
Er setzt sich auf den Rand der Badewanne, legt die Schnur behutsam über seine Beine und schließt für einen Moment die Augen. Vielleicht ist alles in Ordnung. Er zwingt sich, die Augen wieder zu öffnen, und beginnt sein Hemd aufzuknöpfen. Aber noch ehe er beim letzten Knopf angekommen ist, sieht er es: Die Schnur ist halb abgerissen. Wo sie zuvor angewachsen war, hat sich eine bräunlich rote Kruste gebildet. Er zieht scharf die Luft ein und knöpft sein Hemd hastig wieder zu.
Auch hier war ich noch bei einer ganz normalen Schnur, die irgendwie mit ihm verwachsen zu sein schien. Mehr Verwirrung.

Zitat
Den Rest des Tages verbringt er im Sessel vor dem Ofen. Das Feuer darin ist längst erloschen, aber er wagt es nicht, hinauszugehen und Holz zu holen. Er wagt es nicht einmal aufzustehen, aus Angst, die Schnur könnte an einem Möbelstück hängen bleiben und vollständig abreißen. Was dann passiert, mag er sich nicht ausmalen. Auf seinem Schoß hat er die Zeichnung ausgebreitet, die am Morgen noch in seiner Hemdtasche steckte: eine Skizze des Grundstücks mit den Umrissen des Hauses in der Mitte. Rund um das Haus sind unzählige Punkte markiert, die, wenn man sie verbinden würde, einen Kreis ergeben würden.
Wärme gegen die Kälte. Er mummelt sich ein, lässt es sich gutgehen, so gut er es sich gehen lassen kann. Er fürchtet es, dass die Verbindung reißen könnte - wie gesagt, auch das lese ich erst beim zweiten Mal eher symbolisch, beim ersten Durchgang war es mehr die Rätselei über die Natur dieser Schnur ... Es bereitet ihm aber wahnsinnige Angst, auch nur daran zu denken, was wäre, wenn sich diese Konstante in seinem Leben verändern würde.
Dann nimmt er die rätselhafte Zeichnung wieder heraus. Was genau es mit ihr auf sich hat, darüber bin ich mir nicht sicher.

Zitat
Am Abend steht er doch auf. Er ist durstig und hungrig, und er sieht ein, dass die Entscheidung, nie wieder aufzustehen, einem Selbstmord gleichkäme. Er zerknüllt die Zeichnung, so gut es mit seinen aufgeschürften Händen geht, und wirft sie in den Korb mit dem Zeitungspapier, das er zum Anfeuern des Ofens benutzt.
Bis hierhin dachte ich, die Zeichnung hätte eine größere Bedeutung in seinem Leben, wäre etwas, mit dem er schon länger gehadert hätte, aber anscheinend ist das gar nicht so, sonst könnte er sie nicht ohne Weiteres verbrennen. Also ist sie nur ein weiteres Gimmick? Aber sie war ihm doch wichtig? Was übersehe ich?

Zitat
Vorsichtig bewegt er sich durch das Haus und hält dabei die Schnur in seiner zitternden Hand. In der Küche legt er sie locker über einen der Holzstühle, ehe er den Kühlschrank öffnet und eine halbvolle Limonadenflasche herausnimmt. Mit Mühe unterdrückt er den Impuls, direkt aus der Flasche zu trinken, und zwingt sich, ein Glas aus dem Schrank zu nehmen. Nachdem er das Glas dreimal gefüllt und genauso oft gierig geleert hat, fühlt er sich besser, und er öffnet den Kühlschrank ein weiteres Mal, um die Kohlrouladen herauszunehmen, die der Mahlzeitendienst am Vormittag gebracht hat. Er schiebt das Essen in die Mikrowelle und stellt die Garzeit auf sechs Minuten.
Hier wieder der allgegenwärtige Druck und Zwang, den seine Mutter auf ihn ausübt, ohne anwesend zu sein. Er würde lieber so aus der Flasche trinken, aber sie hat ihn dazu erzogen, aus dem Glas zu trinken. Das bereitet ihm Schmerzen.
Mahlzeitendienst - für die Mutter? Noch so ein Gedanke beim zweiten Lesen. Die Schnur hat mich beim ersten Mal zu sehr verwirrt.

Zitat
Das vertraute Geräusch der Mikrowelle beruhigt ihn. Alles wird wieder gut werden. Wenn er Glück hat, wächst die Schnur wieder vollständig an. Ja. Wenn er Glück hat, wird er eines Tages über die alberne Geschichte mit der Katze lachen.

Sein Blick fällt durch das Küchenfenster in den Garten. Er kann ein paar kahle Sträucher und einen Teil des Gartenweges sehen. Dort sitzt, unbeweglich wie eine Statue, die dreibeinige Katze und starrt zu ihm herüber.
Da hätte er sich fast erholt und wollte erleichtert sein, da kreuzt sie wieder auf, seine Widersacherin, diese allesbeherrschende Königin.

Zitat
Der Schreck lässt ihn taumeln, und er stößt gegen einen Stuhl, ausgerechnet gegen den, auf dem die Schnur liegt. Ehe er nach ihr greifen kann, ist sie schon von der Sitzfläche gerutscht. Das leichte Ziehen, das er im gleichen Moment spürt, jagt ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. Keuchend macht er sich an den Knöpfen seines Hemds zu schaffen. Sie sind so klein, dass sie immer wieder durch seine fahrigen Finger schlüpfen. Es dauert eine Ewigkeit, bis er es geschafft hat.

Frisches Blut glänzt auf der Kruste. Sein Herz hämmert wie wild in seiner Brust. Täuscht er sich, oder ist die Schnur noch ein wenig weiter abgerissen? Nein, er täuscht sich nicht. Kalte Angst krallt sich in seinen Nacken, während er auf den Küchenboden starrt, wo sich die Schnur wie eine welke Pflanzenranke ringelt. Der Signalton der Mikrowelle reißt ihn aus seiner Erstarrung. Er muss etwas unternehmen.

Die Linke auf seinen Bauch gepresst, die Rechte, so fest er es ertragen kann, um die Schnur geschlossen, tastet er sich rückwärts in den Flur und dann ins Badezimmer. Dort schlingt er die Schnur ein paarmal um einen Handtuchhalter und vergewissert sich noch einmal, dass sie sich nicht lösen kann. Erst dann holt er ein Päckchen mit Verbandsmaterial aus dem Arzneischrank. Auf den Badezimmerfliesen sitzend beginnt er, die Schnur mit Heftpflastern in einem Bogen auf seinem Bauch zu befestigen. Dann umwickelt er seinen Rumpf mit einem straffen Verband. Die Enden der Binde befestigt er mit zwei Verbandklammern. Prüfend betastet er noch einmal die Stelle an seiner Seite, wo die Schnur unter dem Verband hervortritt.
Okay, nach nochmaligem, genauem Lesen dieser Passage scheint es endlich Klick gemacht zu haben: Ist er immer noch über die Nabelschnur mit seiner Mutter verbunden? Wenn ja, habe ich keine weiteren Fragen, denn dann verstehe ich das hier als ... tragische Geschichte (mit Gruselfaktor) über einen Mann, der sich nie von seiner (quälenden) Mutter lösen könnte und für den diese Erkenntnis im Suizid endet. Quintessenz: ohne Mutterliebe können wir nicht leben. Er hatte sie nie wirklich erfahren, diese Liebe, klammerte sich stattdessen an diese Schnur und als diese Verbindung riss, konnte er nicht, war da nichts mehr - nur die endlose Leere, die er nicht überbrücken, der er nichts entgegensetzen kann. Er sieht keinen Ausweg als den Tod, lieber sterben als so zu leben.

Was mir bis zu dieser Erkenntnis Probleme bereitet hat, war, wie vage alles blieb, und dass ich mir lange nicht sicher war, was es mit dieser Schnur auf sich hat. Das kam erst, als ich mir vertraut habe, sie als Nabelschnur zu lesen. Und diese Idee hatte ich erst überhaupt in diesem Drittel des Texts, aber ich fand es so subtil eingewoben, dass ich den Gedanken nicht klar fassen konnte.
Jetzt ist es für mich verständlicher. Ich hoffe, ich irre mich nicht. ;D

Zitat
Nachts träumt er von der dreibeinigen Katze, die wieder auf dem Gartenweg sitzt. Seltsamerweise hasst er sie nicht und er hat auch keine Angst mehr vor ihr. Stattdessen sehnt er sich danach, sie zu berühren, mit seinen Fingern durch ihr weiches Fell zu streichen. Als er die Hand nach ihr ausstreckt, wird er wach.
Sehnsucht nach (echter) Liebe.

Zitat
Er dreht sich auf den Rücken und starrt eine Weile ins Dunkel. Das Brennen seiner aufgeschürften Knie und Handflächen hat einem dumpfen Schmerz in seinen Gelenken Platz gemacht, der mit dem Pochen in seiner Schulter wetteifert. Aber das macht ihm keine Sorgen. Er schaltet die Nachttischlampe an und schlägt die Decke zurück. Auf der weißen Gaze des Verbands zeichnet sich ein hellroter Fleck ab.
Gelenkschmerzen: Ist er also schon recht alt?

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Offline Lilith

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Re: Mutter
« Antwort #2 am: 01 März 2018, 21:48:10 »
Zitat
Es ist so einfach. Er folgt der Schnur. Sie führt zur Kellertür. War er jemals dort unten? Er kann sich nicht erinnern. Die Tür ist abgeschlossen. Hat er das getan? Hatte er Angst vor dem, was im Keller ist? Jetzt hat er keine Angst mehr. Er dreht den Schlüssel im Schloss und öffnet die Tür. Eine dunkle Treppe erwartet ihn. Seine Hand tastet vergeblich nach einem Lichtschalter. Damit hat er gerechnet. Er schaltet seine Taschenlampe an und steigt langsam die Stufen hinunter. Feuchte Kälte hüllt ihn ein, er friert, barfuß und nur mit seiner Pyjamahose bekleidet, aber er will nicht umkehren.
Das hier hat für mich fast etwas von einer Umkehrung der Wärme und Geborgenheit, die ein Embryo im Mutterleib spürt. Für ihn ist es nur Kälte und unangenehme Nässe, er friert, und fast nackt steht er hier seiner Nemesis gegenüber, obwohl sie nicht explizit genannt wird (die Mutter).
Das finde ich übrigens gut, wie du Raum für diese Assoziationen schaffst, gleichzeitig schwierig, weil so vieles Andeutung bleibt. Aber ich mag Texte, die man mehrmals lesen kann. Beim ersten Lesen dachte ich nur: "Hm. Ich bin nicht sicher, was sie mir sagen will."
Und, wie gesagt, ich finde es schwierig, dass dieser Text ohne Titel nicht so recht funktioniert. :weissnicht:

Zitat
Unten angekommen spürt er bloße Erde unter seinen Füßen. Der Lichtkegel der Taschenlampe erleuchtet einen schmalen Kellerraum, dessen gegenüberliegende Seite an einen Bretterverschlag grenzt. Die Schnur führt auf den Verschlag zu und verschwindet unter dem Holzgatter.

Er tritt näher, um zu sehen, was dahinter ist. Aber dann lässt er die Taschenlampe sinken. Er weiß es. Hat es die ganze Zeit gewusst. Aber dieses Wissen hat ihn nicht befreit.
Norman Bates.
Hier war ich noch so in meinen Assoziationen gefangen, dass der klare Gedanke sich nicht durchringen konnte, gefasst zu werden.

Er konnte sich also nie von seiner Mutter befreien - die Ursache des ganzen Dilemmas.

Zitat
Die Nachtluft ist kalt, doch er friert nicht, obwohl er jetzt sogar den Verband abgenommen hat. Die Schnur wird nur noch von einer einzigen Faser gehalten, als er sich vom Dachfirst fallen lässt.
Abnabelung und Suizid miteinander verbunden. Weil seine Mutter schon tot ist, folgt er ihr.
Auf ewig verbunden im Tod, obwohl er sich darüber von ihr trennt? Die Schnur wird reißen, wenn er stürzt.

Mehr habe ich zu diesem Text gerade nicht zu sagen, aber ich hoffe, mein spontanes Geschreibsel hilft dir weiter.

Liebe Grüße!
Lilith
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Offline nus

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Re: Nabelschnur
« Antwort #3 am: 01 März 2018, 23:46:41 »
Liebe Lil!
Ich antworte Dir morgen.
Erst mal habe ich das Ganze umgetauft, um zu sehen, ob es dann weniger Verständnisprobleme aufwirft.
Danke schon mal!
 :-* nus

Quisille

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Re: Nabelschnur
« Antwort #4 am: 02 März 2018, 11:47:51 »
Ist Literatur, also ich nix rösten. :cheese:

Stattdessen ein paar Fragen:

  • Helfen die Symbole der Geschichte? Oder hilft die Geschichte den Symbolen?
  • Als Gedankenexperiement: Könntest Du die Geschichte ohne Symbolik erzählen? Was bliebe an Handlung?
  • Du hast erkennbar ein starkes Thema. Wie führst Du den Diskurs? Wie bildest Du ihn in Handlung ab? Wie orchestrierst Du ihn anhand der Figuren? Reichen die thematischen Aspekte, um die Geschichte zu tragen? Fallen Dir weitere ein, die diskutiert werden sollten? Reicht das Personal, um den Diskurs zu dramatisieren? Diskutierst Du eher die eigene Aufassung, oder gehst Du auf Entdeckungsreise in den Köpfen anderer Leute? Beziehst Du Stellung? Oder beobachtest Du?
  • Die Katze ist wichtig. Sie trägt in genau der richtigen Weise alle dramaturgischen Schlüsselstellen. Bis auf den Klimax. In welchem Zusammenhang steht das klimatische Opfer mit dem thematischen Aspekt, den die Katze verkörpert?

Bitte sieh es mir nach, wenn ich nicht den Text auseinanderschraube. Texte dieser Art schaffen sich ihre Gesetzmäßigkeiten selbst, da kann ich mit meinem Formalkram nur Schaden anrichten.

Liebe Grüße
Quisille

Offline eska

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Re: Nabelschnur
« Antwort #5 am: 02 März 2018, 15:58:18 »
Liebe Nus;

es gibt nicht viel, das ich an dieser Geschichte rösten kann. Sie beschäftigt einen, wirft Fragen auf und ist ein bisschen strange, ein gutes Bisschen, das nicht abstößt, sondern lockt.

Etwas schade fand ich, dass der Titel einen jetzt bereits vom ersten Satz an auf die Spur setzt, ansonsten würde ich mit Schnur etwas Dünnes, leicht zu Zerreißendes assoziieren, das würde aber dem Verhalten widersprechen. Eine Lösung fällt mir nicht ein.

Zitat
Er stürzt und schlägt auf den harten, kalten Boden, der mit scharfkantigen Krallen seine Haut aufreißt.

Hier würde ich das Bild mit den Krallen rausnehmen, der Boden ist nicht die Katze, oder? 'mit scharfen Kanten' würde mir reichen.


Ich wartete schon lange auf den Blick zum anderen Ende der Schnur, dem Ende, das ihn fesselt. Der Ausflug in den Keller kommt spät. Dass er ihn zwar unternimmt, dann aber doch nicht zu Ende geht, ist einerseits enttäuschend (er rafft sich auf, etwas zu ändern, sich zu befreien, gibt dann auf halbem Weg auf), andererseits wohl folgerichtig: Im Innersten weiß er die ganze Zeit über, was ihn fesselt, wovon er nicht loskommt, und fürchtet die Loslösung zu sehr. Sie gelingt ihm erst im Sterben (schönes, eindrucksvolles Bild!). 
Ansonsten hast du mit der greifbaren Nabelschnur einen psychischen Zustand der Abhängigkeit sichtbar gemacht und konsequent durchgespielt: Der Hass auf die Katze als ein freies Wesen, das sich nicht im Kreis bewegen muss, die Sehnsucht und Hoffnung, es einmal weiter weg zu schaffen, den Radius zu erweitern (weißer Kiesel), die eigene Kraft zu spüren (Laufen), die trotz allem nicht ausreicht, die Angst angesichts der Verletzungen der Schnur, die Entschlossenheit, das Leiden zu beenden, erst positiv durch erhoffte Ablösung, dann resigniert durch Auslöschung.
Ich weiß nicht, ob das professionell psychologisch bestimmten Stadien entspricht, aber es wirkt glaubhaft.

Was allerdings nicht klar wird, ist das hinterm Holzgatter, und das soll es ja auch nicht. Nur hängt am anderen Ende einer Nabelschnur eben definitorisch die Mutter bzw. die Plazenta, und warum es jetzt die Mutter ist, die ihn an das Haus bindet und nicht freilässt, kommt so gar nicht raus. Wenn dieser Aspekt nicht wesentlich ist (für mich als Leser reicht die Fessel als solche aus), könntest du die Story anders betiteln, sonst ihn ein wenig mehr ausführen.

Soweit mein Senf.
Nimm nur das, was als Würze dient.

Gruß,
eska
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Offline Rilyn

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Re: Nabelschnur
« Antwort #6 am: 02 März 2018, 21:00:06 »
Hoi nus :)

Schön, wieder mal eine Geschichte von dir zu lesen! :cheerful:

Noch mit dem alten Titel, und der gefiel mir besser. Er war nicht sofort klar, aber gerade das machte ihn aus. Die Nabelschnur als solche konkreter zu benennen, eher: zu implizieren, ist in meinen Augen Sache der Geschichte ansich.

Ich sah zuerst eine normale Stoffschnur, dünn, wie sie ist. Das ging so weit, dass ich bis ins Badezimmer annahm, dass er irgendwie festgebunden sei - übrigens über die Assoziationen Kind und Wachhund hinweg - und die Schnur entweder aufgrund eines Verbotes nicht zu entfernen ist, ein Begriff, der nicht mit dem übereinstimmt, was sie ist (Kette) oder sogar eine Schnur, irgendwann ums Gelenk gewickelt und eingewachsen (ew).
Erst auf dem Badewannenrand wurde die Nabelschnur klar.

Mein Hauptproblem mit der Geschichte im Augenblick ist die Unklarheit über Realität und Symbol oder Einbildung. Ich wäre am Anfang der Geschichte nie auf eine Nabelschnur gekommen, weil die offensichtlich viel zu lang ist. Weil sie einen Menschen nicht mit solcher Wucht zurückreißen könnte, wie sie es tut. Weil er erwachsen ist und seine Mutter Ma Bates (diese Assoziation hatte ich im Keller auch), und das bei Annahme einer realen Nabelschnur sowie unserer Realität (Essenslieferdienst, alles Eindringen der Außenwelt in seine, bis auf die Katze) binnen Stunden zu einer Sepsis und Tod führen würde. Die Logikbrüche lenken ab und überschatten den Grusel, der sowohl in dem Bild wie auch der Bedeutung der Nabelschnur liegt. Damit meine ich nicht, dass du sie eindeutig symbolisch darstellen müsstest oder eindeutig real, sondern dass die Welt deines Protagonisten nicht konsistent genug rüberkommt.

Ich bin sicher, dass mir noch mehr dazu einfällt, aber im Augenblick nicht, was nicht an deinem Text liegt. Aber ich schnappe mir den Text gerne nochmal und geh ihn im Detail durch. :schreib:

Liebe Grüße! :kaffee2:
Ril
  • Ich schreibe gerade: Zuviel auf einmal.

Offline nus

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Re: Mutter
« Antwort #7 am: 03 März 2018, 12:48:09 »
Liebe Lil!

Als Antwort auf Deine Röstung ein paar Fragen:

Zitat
Womit ich Probleme habe: Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich eine Ahnung hatte, was es mit dieser Schnur auf sich hat. Ich habe den ganzen Text über herumgerätselt, am Anfang hielt ich es für eine normale Schnur, einen Faden, als die Wunde ins Spiel kam und dass die Schnur mit ihm verbunden war/ist, dachte ich sogar noch an chirurgische Fäden (es kann ja vorkommen, dass solche Fäden mit der Haut verwachsen, wenn sie schlechter Qualität sind und/oder mies genäht wurde; und es gibt wiederum Fäden, die mit der Zeit vom Körper absorbiert werden, sodass sie nicht mehr gezogen werden müssen) und habe mich gefragt, ob er sich die Wunde am Bauch vielleicht selbst zugefügt hat. Ich habe bis zum Keller gebraucht, bis ich auf "Nabelschnur" kam. Aber ich bin mir immer noch nicht sicher.
Deine Verwirrung bzgl. der Schnur hält, wie Du schreibst, im Verlauf der Geschichte noch lange vor. Die Änderung des Titels hätte dieses Problem von Anfang an gelöst. Findest Du es so besser? Auf jeden Fall ist es so unmittelbar verständlich. Aber ich zahle einen Preis dafür, wie ich meine. Was denkst Du?

Zitat
Ob du den kalten Februartag und die Sonne auf dem Gras brauchst? :weissnicht: Sie tragen nichts zur Geschichte (!) bei, dienen lediglich einer Atmosphäre, die du aber nicht weiter aufnimmst, die kein Echo findet.
Wirklich? Wäre die Geschichte die gleiche, wenn sie an einem warmen Sommertag oder an einem verregneten Herbsttag spielen würde?

Zitat
Wie er die Katze wahrnimmt, da denke ich gleich an die Mutter: Hat sie immer so dagesessen, ihn verspottet? Er fühlt sich angegriffen und doch machtlos ihr gegenüber, ihr, dieser Übermacht - sie wird gewinnen. Wie seine Mutter immer über ihn gewonnen hat?
Nach der Änderung des Titels: Denkst Du immer noch, dass die Katze für die Mutter steht?

Zitat
... vorher war ich nur verwirrt, warum die Schnur ihn zurückhält - ist er also angebunden? Scheint so.
Genauso ist es. Sollte das aus Deiner Sicht noch deutlicher werden? Inwiefern?

Zitat
Der Hochmut, die Gleichgültigkeit (zusammen mit dem Detail der hellen Augen) sind weitere Attribute seiner Mutter.
S.o.: Denkst Du immer noch, dass die Katze die Mutter symbolisiert? Wieso deuten die hellen Augen Deiner Meinung nach darauf hin?

Zitat
Dadurch, dass die Katze nur drei Beine hat, sieht er erstmals (s)eine Chance kommen: Er konnte sie nie wehren, auf einmal hat sie ein Merkmal, mit dem sie ihm leicht unterlegen ist! Und er wird diese Chance nutzen, diesmal wird er sie nicht ungeschoren davon kommen lassen.
Warum denkst Du, dass die Katze "auf einmal" dreibeinig ist?

Zitat
Das mit dem Kieselstein hat geradezu was Psychotisches/Wahnhaftes, aber dadurch, dass er in der Lage ist, den Gedanken zu verwerfen, kann es kein echter (Beziehungs-)Wahn sein (dann würde ihm eine Begründung einfallen, warum der Kieselstein doch eine Markierung ist). Dennoch sucht er Verknüpfungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Dingen - der Zeichnung und dem Kieselstein in diesem Falle. Das weckt mehr Neugier.
Das wird später aufgelöst: Der Kieselstein markiert einen Punkt auf der äußersten Kreislinie, also den Punkt auf dem Gartenweg, bis zu dem er gehen kann. Wird das durch die Szene mit der Zeichnung weiter unten nicht klar? Wenn nein: Wie könnte ich das klarer machen?

Zitat
Bis hierhin dachte ich, die Zeichnung hätte eine größere Bedeutung in seinem Leben, wäre etwas, mit dem er schon länger gehadert hätte, aber anscheinend ist das gar nicht so, sonst könnte er sie nicht ohne Weiteres verbrennen. Also ist sie nur ein weiteres Gimmick? Aber sie war ihm doch wichtig? Was übersehe ich?
Die Zeichnung dokumentiert seinen Bewegungsradius. Wie kann ich das klarer machen?

Zitat
Zitat
Er dreht sich auf den Rücken und starrt eine Weile ins Dunkel. Das Brennen seiner aufgeschürften Knie und Handflächen hat einem dumpfen Schmerz in seinen Gelenken Platz gemacht, der mit dem Pochen in seiner Schulter wetteifert. Aber das macht ihm keine Sorgen. Er schaltet die Nachttischlampe an und schlägt die Decke zurück. Auf der weißen Gaze des Verbands zeichnet sich ein hellroter Fleck ab.
Gelenkschmerzen: Ist er also schon recht alt?
Ja, das ist er. Ich meinte hier aber eher den Schmerz in den Knien und Handgelenken von seinem Sturz.

Offline nus

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Re: Mutter
« Antwort #8 am: 03 März 2018, 12:52:03 »
Zitat
Norman Bates.
Hier war ich noch so in meinen Assoziationen gefangen, dass der klare Gedanke sich nicht durchringen konnte, gefasst zu werden.
Hm. Das ist schade. Hast Du eine Idee, wie ich dieses Problem umgehen kann?

Zitat
Okay, nach nochmaligem, genauem Lesen dieser Passage scheint es endlich Klick gemacht zu haben: Ist er immer noch über die Nabelschnur mit seiner Mutter verbunden? Wenn ja, habe ich keine weiteren Fragen, denn dann verstehe ich das hier als ... tragische Geschichte (mit Gruselfaktor) über einen Mann, der sich nie von seiner (quälenden) Mutter lösen könnte und für den diese Erkenntnis im Suizid endet. Quintessenz: ohne Mutterliebe können wir nicht leben. Er hatte sie nie wirklich erfahren, diese Liebe, klammerte sich stattdessen an diese Schnur und als diese Verbindung riss, konnte er nicht, war da nichts mehr - nur die endlose Leere, die er nicht überbrücken, der er nichts entgegensetzen kann. Er sieht keinen Ausweg als den Tod, lieber sterben als so zu leben.

Was mir bis zu dieser Erkenntnis Probleme bereitet hat, war, wie vage alles blieb, und dass ich mir lange nicht sicher war, was es mit dieser Schnur auf sich hat. Das kam erst, als ich mir vertraut habe, sie als Nabelschnur zu lesen. Und diese Idee hatte ich erst überhaupt in diesem Drittel des Texts, aber ich fand es so subtil eingewoben, dass ich den Gedanken nicht klar fassen konnte.
Jetzt ist es für mich verständlicher. Ich hoffe, ich irre mich nicht. ;D
Nein, Du irrst Dich nicht. Genau darum geht es.

Danke für Deine Rückmeldung!
 :cheerful:

Offline nus

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Re: Nabelschnur
« Antwort #9 am: 03 März 2018, 13:42:04 »
Hi Quisi!

Dann versuche ich mal, Deine Fragen zu beantworten ...

Zitat
Helfen die Symbole der Geschichte? Oder hilft die Geschichte den Symbolen?

Letztlich können das nur die Leser (jeweils individuell) beantworten. Aber da Du mich als Autorin fragst: Ja, ich denke, dass die Symbole der Geschichte helfen. Dazu ein bisschen Hintergrundinfo zur Entstehung der Geschichte: Das Thema Persönlichkeitsentwicklung ist eines, das mich immer wieder sehr beschäftigt. Im Zentrum dieses Themas steht aus meiner Sicht das Erwachsen-Werden. Ein wichtiger Teil des Erwachsen-Seins ist m.E. das Eingehen und Führen erwachsener* Beziehungen zu anderen Menschen. Eine absolut notwendige Bedingung dafür ist es, sich von seinen Eltern zu lösen. Was passiert, wenn man das nicht hinkriegt, darum geht es in diesem Text.

Zu den Symbolen im einzelnen:
Symbol Nabelschnur: Es behindert einen in vielfältiger Weise, wenn man es als Nicht-mehr-Kind (ich schreibe hier absichtlich nicht "als Erwachsener") nicht geschafft hat, sich von seinen Eltern zu lösen. Diese Behinderung lässt sich m.E. in vielen Facetten durch die physische Nabelschnur symbolisch umsetzen.
Symbol Katze: Kein Tier eignet sich m.E. so gut, um die Kombination aus Gezähmt-Sein und zugleich Frei-Sein, Liebesfähigkeit und zugleich Autonomie zu symbolisieren.
Symbol Haus: Ein eigenes Haus ist zugleich Zuhause und Last. Darüber hinaus eignet es sich m.E. in vielen Teilen sehr gut als Symbol für unsere Psyche (Keller, obere Etage/Dach, Mauern, Fenster ...).

Wie siehst Du das aus Leserperspektive?

(Die zweite Frage, ob die Geschichte den Symbolen hilft, verstehe ich nicht. *schäm*)

Zitat
Als Gedankenexperiment: Könntest Du die Geschichte ohne Symbolik erzählen? Was bliebe an Handlung?
Ja, das könnte ich. Ich könnte die Geschichte eines Mannes erzählen, der seine Mutter pflegt. Der sie hasst, aber der nicht von ihr loskommt. Und dessen Beziehung zu einer wirklich erwachsenen Frau scheitert, eben weil er sich nicht von seiner Mutter lösen kann. Ich könnte sein Zusammenleben mit der Mutter erzählen, vielleicht Einblicke in seine Kindheit geben, erzählen, wie eine Frau in sein Leben tritt und wie seine Beziehung zu ihr schiefläuft. Dann stirbt die Mutter, aber er kommt (emotional) immer noch nicht von ihr los. Die Beziehung zu der Frau scheitert endgültig. Sein Leben wird zur Einzelhaft ...

Zitat
Du hast erkennbar ein starkes Thema. Wie führst Du den Diskurs? Reichen die thematischen Aspekte, um die Geschichte zu tragen? Fallen Dir weitere ein, die diskutiert werden sollten? Reicht das Personal, um den Diskurs zu dramatisieren? Diskutierst Du eher die eigene Auffassung, oder gehst Du auf Entdeckungsreise in den Köpfen anderer Leute? Beziehst Du Stellung? Oder beobachtest Du?
Ich führe keinen Diskurs. Ich habe eine Meinung dazu, die ich kundtun möchte. ;)
Zu Deinen Fragen, ob die thematischen Aspekte, das Personal etc. reichen: Für eine KG m.E. schon. Ich hatte ursprünglich vor, das Thema in einem Roman zu verarbeiten, und es gäbe auch noch einige Aspekte, die es wert wären, in der Handlung umgesetzt zu werden (Scham wäre einer davon, die Bildung und Verteidigung von Werten ein weiterer). Dann bräuchte ich auch noch mehr Personal. Aber in der aktuellen Form wäre das zuviel.

Zitat
Die Katze ist wichtig. Sie trägt in genau der richtigen Weise alle dramaturgischen Schlüsselstellen. Bis auf den Klimax. In welchem Zusammenhang steht das klimatische Opfer mit dem thematischen Aspekt, den die Katze verkörpert?
Das ist etwas, über das ich so noch gar nicht nachgedacht habe. Es ging mir darum, dass der Protagonist die Ausweglosigkeit der Situation erkennt, zugleich ist die Situation aber so unerträglich, dass er sie beendet. Es gibt also keine Lösung, sondern nur ein Ende. Dieses Ende sollte eine Sackgasse sein (Tod), zugleich aber auch den Aspekt der Befreiung in sich tragen. Daher das Fallenlassen (hier absichtlich kein Sprung!) vom Dach.
Für mich hatte die Katze in diesem Ende keinen Platz. Wie siehst Du das?

Bis hierher schon mal danke für die Denkanstöße.

 :blume:
nus

Offline Lilith

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Re: Nabelschnur
« Antwort #10 am: 03 März 2018, 14:03:20 »
Hallo nus!

Zitat
Womit ich Probleme habe: Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich eine Ahnung hatte, was es mit dieser Schnur auf sich hat. Ich habe den ganzen Text über herumgerätselt, am Anfang hielt ich es für eine normale Schnur, einen Faden, als die Wunde ins Spiel kam und dass die Schnur mit ihm verbunden war/ist, dachte ich sogar noch an chirurgische Fäden (es kann ja vorkommen, dass solche Fäden mit der Haut verwachsen, wenn sie schlechter Qualität sind und/oder mies genäht wurde; und es gibt wiederum Fäden, die mit der Zeit vom Körper absorbiert werden, sodass sie nicht mehr gezogen werden müssen) und habe mich gefragt, ob er sich die Wunde am Bauch vielleicht selbst zugefügt hat. Ich habe bis zum Keller gebraucht, bis ich auf "Nabelschnur" kam. Aber ich bin mir immer noch nicht sicher.
Deine Verwirrung bzgl. der Schnur hält, wie Du schreibst, im Verlauf der Geschichte noch lange vor. Die Änderung des Titels hätte dieses Problem von Anfang an gelöst. Findest Du es so besser? Auf jeden Fall ist es so unmittelbar verständlich. Aber ich zahle einen Preis dafür, wie ich meine. Was denkst Du?

Nein, um ehrlich zu sein nicht, denn ich finde den Preis zu hoch, auf der anderen Seite zeigt sie sehr gut die Probleme des Textes auf: Er ist nicht konsequent genug. Ich mag den alten Titel lieber, weil er das zentrale Thema trifft, die Nabelschnur ist ja nur ein Symbol für das Dilemma, sie sollte nichts im Titel zu suchen haben. Und ich bleibe dabei, dass ich es für kritisch halte, eine wichtige Information über den Titel zu transportieren. Sowohl "Mutter" als auch "Nabelschnur" geben eine Richtung vor, die den Text färbt - versuch mal, ihn ohne Titel zu lesen, was bleibt dann davon über?

Zitat
Zitat
Ob du den kalten Februartag und die Sonne auf dem Gras brauchst? :weissnicht: Sie tragen nichts zur Geschichte (!) bei, dienen lediglich einer Atmosphäre, die du aber nicht weiter aufnimmst, die kein Echo findet.
Wirklich? Wäre die Geschichte die gleiche, wenn sie an einem warmen Sommertag oder an einem verregneten Herbsttag spielen würde?
Ja. Im Grunde schon.
Denn die Geschichte dreht sich um den Protagonisten und seiner Mutter, einen Abnabelungsprozess, das ist im Grunde zeitlos. Du spielst mit den Einflüssen, die das Wetter auf die Figur hat (kältesteife Finger, der Ofen später), aber all diese Elemente könnten an einem verregneten Herbsttag genauso gut aufgegriffen werden, es sei denn, man will dem Winter (Februar) noch zwingend etwas Metaphorisches abgewinnen (der Winter der Seele, Tod, Verderben, du weißt schon).
Natürlich ist es für deine Art zu schreiben wichtig, dass du die Geschichte zeitlich und räumlich verortest, aber damit gibst du auch ein paar Bedingungen vor.

Zitat
Zitat
Wie er die Katze wahrnimmt, da denke ich gleich an die Mutter: Hat sie immer so dagesessen, ihn verspottet? Er fühlt sich angegriffen und doch machtlos ihr gegenüber, ihr, dieser Übermacht - sie wird gewinnen. Wie seine Mutter immer über ihn gewonnen hat?
Nach der Änderung des Titels: Denkst Du immer noch, dass die Katze für die Mutter steht?
Da hast du mich missverstanden: Ich denke nicht, dass die Katze für die Mutter steht, ich nehme ihn nur so wahr, dass er auf die Katze das projiziert, was er an seiner Mutter nie direkt auslassen konnte. Die Katze steht im Grunde zwischen seinem Drang nach Freiheit - er springt ihr nach, aber er kann ihr nicht folgen, und warum nicht? Weil er wortwörtlich an seiner Mutter hängt!
Die hat ihm alles genommen, seine ganze Entwicklung vorweggenommen. Er konnte nie ein eigenes Leben haben wegen seiner verdammten Mutter. Die Bindung ist viel zu eng! Unnatürlich. Grotesk. Sie ist krank und sie macht ihn krank, vergiftet ihn so sehr, dass sie ihn in dem Moment, in dem er sich von ihr zu lösen wagt, zerstört - nun verliert er auch noch sein Leben an das, was seine Mutter getan hat.

Zitat
Zitat
... vorher war ich nur verwirrt, warum die Schnur ihn zurückhält - ist er also angebunden? Scheint so.
Genauso ist es. Sollte das aus Deiner Sicht noch deutlicher werden? Inwiefern?
Nein, das ist schon in Ordnung so, aber deine Frage wirft ein ähnliches Problem auf wie es bei der dreibeinigen Katze zu Tage zu treten scheint ... Deshalb unten mehr.

Zitat
Zitat
Der Hochmut, die Gleichgültigkeit (zusammen mit dem Detail der hellen Augen) sind weitere Attribute seiner Mutter.
S.o.: Denkst Du immer noch, dass die Katze die Mutter symbolisiert? Wieso deuten die hellen Augen Deiner Meinung nach darauf hin?
Nun, in einem kurzen Text erwarte ich keine Zufälle, denn jedes Wort zählt. Die hellen Augen fallen ihm besonders auf. Helle, kalte Augen in Kombination mit Hochmut und Gleichgültigkeit ... Seine Mutter war ihm gegenüber all die Jahre gleichgültig genug und auch hochmütig, ihn nicht gehen zu lassen, ihrem Kind keinen Entwicklungs- und Entfaltungsraum zu lassen.

Zitat
Zitat
Dadurch, dass die Katze nur drei Beine hat, sieht er erstmals (s)eine Chance kommen: Er konnte sie nie wehren, auf einmal hat sie ein Merkmal, mit dem sie ihm leicht unterlegen ist! Und er wird diese Chance nutzen, diesmal wird er sie nicht ungeschoren davon kommen lassen.
Warum denkst Du, dass die Katze "auf einmal" dreibeinig ist?
Ich denke nicht, dass sie insgesamt "auf einmal" dreibeinig ist, aber vor meinem inneren Auge ist sie das. Es verhält sich ähnlich wie mit der Schnur: Du wirfst mir ein paar Stichworte hin und ohne weitere Merkmale assoziiere ich da erst mal das naheliegendste. Dadurch, dass ich mir sowas leicht vorstelle, habe ich es auch sehr lebhaft vor Augen.
Das eine Stichwort ist "Schnur" - ohne weitere Eigenschaften bleibt es also eine stinknormale Schnur, die Katze ist nur dieses Tier - und da denke ich zunächst mal an eine nicht behinderte mit allen vier Beinen. Der Protagonist bzw. der Erzähler geht über das besondere Merkmal (drei Beine, im Falle der Schnur bspw. ihre organische Natur) hinweg, also habe ich keinen Grund, etwas anderes anzunehmen, bis zu diesem Punkt, an dem es wichtig wird.

Zitat
Zitat
Das mit dem Kieselstein hat geradezu was Psychotisches/Wahnhaftes, aber dadurch, dass er in der Lage ist, den Gedanken zu verwerfen, kann es kein echter (Beziehungs-)Wahn sein (dann würde ihm eine Begründung einfallen, warum der Kieselstein doch eine Markierung ist). Dennoch sucht er Verknüpfungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Dingen - der Zeichnung und dem Kieselstein in diesem Falle. Das weckt mehr Neugier.
Das wird später aufgelöst: Der Kieselstein markiert einen Punkt auf der äußersten Kreislinie, also den Punkt auf dem Gartenweg, bis zu dem er gehen kann. Wird das durch die Szene mit der Zeichnung weiter unten nicht klar? Wenn nein: Wie könnte ich das klarer machen?
Doch, das wird mir klar, aber die Art zu denken hat fast (!) etwas Wahnhaftes. Etwas sticht heraus und sofort wird ihm eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Erst mal ist es nur ein weißer Kieselstein. Wenn es sich später zu etwas anderem verdichtet, ist das okay, aber an dieser Stelle erhält es durch den fehlenden Kontext der Zeichnung eine andere Qualität. Das sind Merkmale, die sich erst später klären (wie die Schnur und die dreibeinige Katze) ...

Als Autorin steuerst du durch die Art und Weise, wie, aber vor allem auch was du erzählst, die Wahrnehmung deiner Leser. Manipulierst sie, wenn du so willst. Du malst Bilder auf der Leinwand unserer Vorstellung. Es gäbe Möglichkeiten, früher auf besondere Eigenschaften hinzuweisen - das fände ich bei der Schnur wichtig, bei der Katze weniger, es sei denn, dir ist es wichtig, ihre drei Beine früher zu betonen. Aber schau mal, worauf der Fokus im ersten Absatz liegt:

Zitat
Er steht mit dem Rücken zur Hauswand, die Schnur locker in seiner Hand. Es ist ein kalter Februartag. Die Sonne schneidet scharfe Schatten in das blasse Grün des Rasens. Mitten auf dem Gartenweg sitzt die Katze und starrt zu ihm herüber. Er hasst sie. Es ist kaum zu ertragen, wie sie reglos dasitzt und ihn verspottet. Er weiß, was sie tun wird, wenn er sich ihr nähert: Sie wird ungerührt sitzen bleiben, bis der Abstand zwischen ihnen auf eine Armlänge geschrumpft ist, dann wird sie ohne Hast aufstehen, sich dreibeinig ruckend ein Stück von ihm wegbewegen und in sorgfältig abgemessener Entfernung wieder auf dem Gartenweg niederlassen. Von dort wird sie ihn weiter anstarren, bis sie ihren Triumph ausgekostet hat und davonhinkt, um sich interessanteren Dingen zuzuwenden.
Satz 1: Verortung. Dadurch dass die Schnur locker in der Hand liegt, wird der Eindruck von etwas Leichtem verstärkt. Es liegt also nahe, dass es eine ganz normale Schnur ist.
Satz 2: Temperatur. Zeit. Formuliert im Ton der simpelsten Beschreibung, derer man habhaft werden kann ("Es ist ...").
Satz 3: Verortung, Atmosphäre, ein Bild. Immer noch Zustandsbeschreibung, Setting.
Satz 4: Ein zweites Lebewesen betritt die Bühne - eine Katze, direkt mit dem Protagonisten verbunden ("starrt herüber"), wird von diesem aktiv wahrgenommen, bedrohlicher Ton ("anstarren").
Satz 5: Emotion! Genauso platt (sorry) beschrieben wie du den kalten Februartag einbringst. Das ist nicht zwingend Kritik, das hat seine Berechtigung, wenn man es so will. Hier lese ich es als Absicht, es macht es im Grunde aber nicht weniger simpel als wenn du behaupten würdest: "Er hatte Angst."
Satz 6: Charakterisierung der Katze in emotionaler Färbung des Protagonisten ("verspotten"), sie ist seine Antagonistin (wie seine Mutter insgesamt, btw), auf sie projiziert er seine ganze Verachtung (die Katze wird wohl kaum Spott oder Hochmut ausdrücken, Gleichgültigkeit schon eher, aber auch das liegt im Auge des Betrachters - sie könnte auch einfach neugierig sein, aber darüber ist er schon hinaus).
Satz 7: Er glaubt, sie gut zu kennen. Aber der einzige Mensch, den er in seinem Leben gut kennen kann (aufgrund der Gegebenheiten), ist seine Mutter. Siehst du, woher meine Fixierung kommt? Hat nix mit Freud zu tun ;D, sondern mit dem zentralen Thema deines Texts.
Satz 8: Dasselbe in grün.

Die Schnur indes spielt keine Rolle mehr, denn der Fokus liegt ganz klar auf der Katze und was sie mit ihm macht - was sie in ihm auslöst, denn ein Handlungsimpuls seinerseits entsteht hier noch nicht. Dein Protagonist ist passiv, schreibt die einzige Aktivität der Katze zu - auch hier sehe ich wieder die Mutter, denn er ist der passive Part in der Beziehung der beiden. Die Entscheidung, auf ewig mit ihr über die Nabelschnur verbunden zu bleiben, hat nicht er getroffen (wie soll eine Säugling die treffen?), sondern seine Mutter vor langer, langer Zeit. Die Aufgabe, die er nie bewältigt hat, war, sich von ihr zu lösen.
Dazu später mehr, wenn ich auf die Inkonsequenz im Text und damit auch Inkonsistenz innerhalb der Welt, die du hier aufbaust, eingehe.

Zitat
Zitat
Bis hierhin dachte ich, die Zeichnung hätte eine größere Bedeutung in seinem Leben, wäre etwas, mit dem er schon länger gehadert hätte, aber anscheinend ist das gar nicht so, sonst könnte er sie nicht ohne Weiteres verbrennen. Also ist sie nur ein weiteres Gimmick? Aber sie war ihm doch wichtig? Was übersehe ich?
Die Zeichnung dokumentiert seinen Bewegungsradius. Wie kann ich das klarer machen?
Darum geht es nicht.
Es findet kein Konflikt statt, es fehlt der emotionale Bezug. Er wirft sie einfach weg, als wäre sie nichts, ein Stück Zeitungspapier, Werbung, Müll, ohne Widerstand/-spruch.

Zitat
Zitat
Zitat
Er dreht sich auf den Rücken und starrt eine Weile ins Dunkel. Das Brennen seiner aufgeschürften Knie und Handflächen hat einem dumpfen Schmerz in seinen Gelenken Platz gemacht, der mit dem Pochen in seiner Schulter wetteifert. Aber das macht ihm keine Sorgen. Er schaltet die Nachttischlampe an und schlägt die Decke zurück. Auf der weißen Gaze des Verbands zeichnet sich ein hellroter Fleck ab.
Gelenkschmerzen: Ist er also schon recht alt?
Ja, das ist er. Ich meinte hier aber eher den Schmerz in den Knien und Handgelenken von seinem Sturz.
Dadurch, dass du "Gelenke" schriebst, verstand ich das so allgemein wie der Begriff ist und habe bei Gelenkschmerzen Rheuma bzw. typische Altersgebrechen assoziiert.
Diese Unklarheit halte ich aber nicht für ein Problem im Text. :)

Zitat
Norman Bates.
Hier war ich noch so in meinen Assoziationen gefangen, dass der klare Gedanke sich nicht durchringen konnte, gefasst zu werden.
Hm. Das ist schade. Hast Du eine Idee, wie ich dieses Problem umgehen kann?
Ja, habe ich.
Gib der Schnur von Anfang an mehr Charakter. Lass sie nicht bloß eine Schnur sein, gib ihr mehr Eigenschaften. Nicht, indem du sie dem Protagonisten aufdrückst, der sich nach so vielen Lebensjahrzehnten keine Gedanken mehr drüber machen würde, sondern indem du die kleinen Details hervorhebst, in denen sie sein Leben verändert hat. Die Beziehung zur Mutter ist hier das Wichtigste, dennoch vermeidet deine Figur konsequent irgendeine Emotion in Bezug auf sie selbst. Was hindurchträgt, ist die Angst, aber auch die eher ... schwach. Da sind keine Anknüpfungspunkte. Das hat seine Berechtigung insoweit, als dass diese Angst so beherrschend ist, dass er nicht einmal wagt, dieses Thema in irgendeiner Form tiefer zu durchdringen. Auch bei der möglichen Konfrontation wählt er ja lieber die Flucht als Ausweg. Aber tiefer liegt doch viel mehr darunter. Wenn ich mir vorstelle, dass er sechzig, siebzig, achtzig Jahre mit seiner überlangen Nabelschnur durch die Welt spaziert, wirft das doch einige Fragen und Probleme auf. Hier sehe ich die fehlende Konsequenz. Wie war das, als er noch jünger war, seine Mutter noch gelebt hat? Kinder sind wild, Kinder toben, ist die Schnur wirklich nie (nur an-)gerissen? Wenn, hat sie Narben, hat seine Mutter sie irgendwann mal wieder zusammenflicken müssen, hatte er da mal ein Befreiungserlebnis, das seine Mutter sofort wieder unterbunden hat? Was ist mit der Außenwelt? Er bewegt sich offenbar draußen und das Haus liegt nicht völlig fernab der Zivilisation (darauf deuten Katze, Gartenweg und später Lieferdienst hin), wie war das in seiner Begegnung mit anderen Menschen? So eine Nabelschnur fällt doch auf und zwar als unnatürlich. Gab es da keine Konfrontationen, Versuche, ihn von seiner Mutter wegzuholen? Wie hat die Mutter darauf reagiert? Stellt er diese Verbindung nicht selbst infrage? Zur Schule wird er nicht gegangen sein, aber wie haben die beiden die Notwendigkeiten des Alltags bewältigt? Einkaufen, Krankenhaus, sowas Gewöhnliches wie einen neuen Personalausweis beantragen zu müssen ... Seine Mutter ist auch an ihn gebunden, die beiden konnten nie ohneeinander irgendwohin, wie siamesische Zwillinge. Woran ist seine Mutter gestorben? Hat er sie umgebracht, war es ein natürlicher Tod und er hat sie "nur" in den Keller verfrachtet, um sie nicht ganz so endgültig verlieren zu müssen? Was ist mit dem Vater? Hat er nie Fragen gestellt? Ist es ihm nie aufgefallen, dass er, im Vergleich zu anderen Menschen, anderen Lebewesen, "anders" ist? Im Vergleich zu der Katze z.B. oder zu den Menschen vom Lieferservice. Hat er nie hinausgewollt, nie rebelliert? Warum nicht? Wie hat seine Mutter das unterbunden? Gewaltsam, physisch, psychisch? Hat er nicht vorher schon mal den Tod gesucht? Was hat diese krankhafte Mutter-Kind-Beziehung mit ihm gemacht, welchen seelischen Schaden hat er vielleicht davongetragen? Wenn er keinen davongetragen hat, was hat ihn davor bewahrt? Und viel mehr ...
Nein, das gehört nicht alles in den Text selbst, aber das ist der Hintergrund, vor dem deine Welt spielt, und ich denke, du solltest dir bewusst sein über die Implikationen, die du machst, sonst wird es ... schwierig. Nimm Kafka zum Vergleich ("Die Verwandlung"), da zieht sich ein fantastisches (und ebenso unnatürliches) Element durch die Geschichte, aber er spielt dieses Szenario bis in die letzte Konsequenz durch (bis zum Tod Gregor Samsas) und lässt Protagonist, Welt und Umwelt in eine Wechselbeziehung miteinander treten.
Das fehlt mir hier, das macht den Text für mich (noch) statisch.

(Aus dem Nähkästchen: Ich habe mal eine Frau kennengelernt, die auf eine ähnlich ungesunde Weise mit ihrer Mutter zusammenlebte (leben musste). Ergebnis: Dependente Persönlichkeitsstörung und akute depressive Episode, ausgelöst durch den Tod der Mutter. Die war vollkommen hilflos, auf einmal auf sich gestellt zu sein und dankbar für jeden, der ihr beibringen konnte, vermeintliche Kleinigkeiten an Alltagsaufgaben zu bewältigen. Wir reden hier davon, einer Sechzigjährigen eine Waschmaschine zu erklären oder beizubringen, wie man sich regelmäßig duscht. Nach dem monatelangen Psychiatrieaufenthalt hieß das erst mal Leben in einem betreuten Wohnheim für psychisch Kranke, ohne große Aussichten, sich da jemals zu verselbstständigen.)

Ich hoffe, die Denkanstöße helfen dir weiter.

Liebe Grüße,
Lilith
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Offline nus

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Re: Nabelschnur
« Antwort #11 am: 03 März 2018, 16:33:42 »
Liebe Lil!

Ich muss da noch mal nachhaken.
Ich bin mir durchaus dieser Implikationen bewusst. Über all das habe ich nachgedacht, als ich den Entwurf für den Roman gemacht habe (eigentlich sollte es ja nicht nur eine KG werden, sondern eine umfangreiche Geschichte, die einen viel längeren zeitlichen Ausschnitt umfassen würde, die Raum hätte für Begegnungen mit anderen Charakteren, evtl. für Rückblenden etc.). Aber, wie Du selbst sagst, diese Dinge kann ich unmöglich in einer Kurzgeschichte unterbringen (Wenn Die Verwandlung eine KG wäre, dann hätte Kafka das womöglich auch nicht gekonnt.). Ich verstehe, dass diese Fragen beim Leser aufkommen. Aber ich weiß nicht, wie ich ihnen gerecht werden soll. Ich verstehe, was Dir fehlt, aber ich weiß nicht, wie ich das konkret ändern soll. Kannst Du mir da helfen? Oder ist eine KG einfach nicht die passende literarische Form?

 :-\

Offline Lilith

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Re: Nabelschnur
« Antwort #12 am: 03 März 2018, 16:59:30 »
Hallo nus!

Ich schicke dir am besten mal 'ne PN dazu. Kann nur noch ein bisschen dauern.
Du hast hier ja auch positive Rückmeldung erhalten, das ist schon viel wert. :cheerful:

Liebe Grüße,
Lilith
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Quisille

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Re: Nabelschnur
« Antwort #13 am: 05 März 2018, 12:42:51 »
Hallo!

Zu den Symbolen im einzelnen:
Symbol Nabelschnur: Es behindert einen in vielfältiger Weise, wenn man es als Nicht-mehr-Kind (ich schreibe hier absichtlich nicht "als Erwachsener") nicht geschafft hat, sich von seinen Eltern zu lösen. Diese Behinderung lässt sich m.E. in vielen Facetten durch die physische Nabelschnur symbolisch umsetzen.
Symbol Katze: Kein Tier eignet sich m.E. so gut, um die Kombination aus Gezähmt-Sein und zugleich Frei-Sein, Liebesfähigkeit und zugleich Autonomie zu symbolisieren.
Symbol Haus: Ein eigenes Haus ist zugleich Zuhause und Last. Darüber hinaus eignet es sich m.E. in vielen Teilen sehr gut als Symbol für unsere Psyche (Keller, obere Etage/Dach, Mauern, Fenster ...).

Wie siehst Du das aus Leserperspektive?

Verständlich sind die Symbole allemal, wobei mir doch tatsächlich beim Verständnis was durchgerutscht ist (siehe unten), obschon naheliegend und im Grunde im Text enthalten.

(Die zweite Frage, ob die Geschichte den Symbolen hilft, verstehe ich nicht. *schäm*)

Symbole gibt's in zwei Geschmäckern: als Werkzeuge, die helfen, die Geschichte zu erzählen, oder als Nebelgranaten, die helfen, das Thema zu verschleiern. In letzterem Falle treten die Symbole und ihre Interpretation durch den Leser in den Vordergrund, die Geschichte selbst tritt in den Hintergrund.

Zitat
Als Gedankenexperiment: Könntest Du die Geschichte ohne Symbolik erzählen? Was bliebe an Handlung?
Ja, das könnte ich. Ich könnte die Geschichte eines Mannes erzählen, der seine Mutter pflegt. [...]

Der Pflegeaspekt ist mir durchgerutscht. Was mich fast ein bisschen ärgert, denn darauf hätte man kommen können anhand des Texts.

Zitat
Du hast erkennbar ein starkes Thema. Wie führst Du den Diskurs? Reichen die thematischen Aspekte, um die Geschichte zu tragen? Fallen Dir weitere ein, die diskutiert werden sollten? Reicht das Personal, um den Diskurs zu dramatisieren? Diskutierst Du eher die eigene Auffassung, oder gehst Du auf Entdeckungsreise in den Köpfen anderer Leute? Beziehst Du Stellung? Oder beobachtest Du?
Ich führe keinen Diskurs. Ich habe eine Meinung dazu, die ich kundtun möchte. ;)

Das erklärt, warum ich den Klimax der Symbolik der Katze nicht zuordnen kann, denn die hätte im Klimax den Diskurs führen können (vielleicht sogar sollen). Ich bin übrigens nicht Deiner Meinung, was den Diskurs angeht. Das Vorhandensein der Katze und ihre dramaturgische Funktion sind ein starker Hinweis, dass Du sehr wohl einen Diskurs führst. Allerdings kann es sein, dass Du den im Klimax auf eine Meinungsäußerung verkürzt. Das fände ich dann schade, aber wie sagt man doch so schön? Des Gustavs Bus ist nicht disputgeeignet.

Zitat
Die Katze ist wichtig. Sie trägt in genau der richtigen Weise alle dramaturgischen Schlüsselstellen. Bis auf den Klimax. In welchem Zusammenhang steht das klimatische Opfer mit dem thematischen Aspekt, den die Katze verkörpert?
Das ist etwas, über das ich so noch gar nicht nachgedacht habe. Es ging mir darum, dass der Protagonist die Ausweglosigkeit der Situation erkennt, zugleich ist die Situation aber so unerträglich, dass er sie beendet. Es gibt also keine Lösung, sondern nur ein Ende. Dieses Ende sollte eine Sackgasse sein (Tod), zugleich aber auch den Aspekt der Befreiung in sich tragen. Daher das Fallenlassen (hier absichtlich kein Sprung!) vom Dach.
Für mich hatte die Katze in diesem Ende keinen Platz. Wie siehst Du das?

Eieiei. Jetzt lockst Du mich aus der Komfortzone des konsequenzarmen Dummschwätzens. Also, nur zur Illustration, nicht um Dir ein neues Thema unterzujubeln: Die Katze trägt ebenfalls den Aspekt der Befreiung in sich, und sie bemüht sich um den Protagonisten an drei Schlüsselstellen: Sie tritt den äußeren Konflikt los, sie sorgt zum Mittenpunkt für ein Umdenken des Protagonisten und damit für Aktivität, sie erscheint ihm im Traum als Idealbild und eröffnet damit seinen Weg zum klimatischen Opfer. Da könnte Dein Text in jedem Lehrbuch als Musterbeispiel für Dramaturgie zitiert werden. Die Ausweglosigkeit ist also NICHT in der Geschichte und der Symbolik codiert, denn die Alternative streunt auf drei Beinen durch den Vorgarten. Vielmehr ist die Ausweglosigkeit eine aktive Entscheidung des Protagonisten. Oder sollte es zumindest sein.

Dieser bis auf den Klimax lupenreine dramaturgische Wurf verleitet mich zu der Annahme, dass Du sehr wohl einen Diskurs führst, nur dass mir scheint, Du zuckst im letzten Moment zurück, indem Du eine Zwangsläufigkeit behauptest, die in Deiner Symbolsprache nicht angelegt ist. Dadurch wirkt es stellenweise auf mich, als seien die Symbole eher Interpretationsköder als erzählerische Werkzeuge, und Dein Protagonist eher Archetypos als Figur. Denn Du enthältst ihm die Möglichkeit der Entscheidung und damit die Möglichkeit der Handlung vor, indem Du im Klimax die Katze im Sack lässt.

Liebe Grüße
Quisille

Offline Trippelschritt

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Re: Nabelschnur
« Antwort #14 am: 05 März 2018, 19:54:09 »
Hallo nus,

schön ein Lebenszeichen von Dir zu bekommen. Und jetzt würde ich gern etwas Geistreiches sagen. Na gut, tue ich es mal. "Ich verstehe Deine Geschichte nicht."
O.k., ist nicht viel Geist. Es baut sich eine interessante Stimmung auf, aber ich verstehe die Logik ncht. Due Schnur führt vom Nabel bis in den Keller runter und bindet ihn an den Keller fest. Und er macht sich gEdanken über ene Katze, anstatt gleich im Keller nachzusehen.

Wie soll man da auf Hitchcock kommen?

Liebe Grüße
vom Trippel
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Womit kann der alte Vol Jin euch helfen

Offline nus

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Re: Nabelschnur
« Antwort #15 am: 05 März 2018, 20:07:57 »
Ihr Lieben!
Ich könnte platzen, weil ich so viel spannendes Feedbaack von Euch bekommen habe (von Lil noch mal per PN) und nicht gleich antworten kann (bin beruflich wie immer ziemlich eingespannt). Bitte habt noch ein wenig Geduld. Ich möchte die Diskussion über die Geschichte unbedingt noch weiterführen. Ich gehe auf jedes einzelne Statement ein, sobald ich ein bisschen Luft habe.
Lg
nus

Offline nus

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Re: Nabelschnur
« Antwort #16 am: 06 März 2018, 15:21:38 »
Liebe eska!

Zitat
Etwas schade fand ich, dass der Titel einen jetzt bereits vom ersten Satz an auf die Spur setzt, ansonsten würde ich mit Schnur etwas Dünnes, leicht zu Zerreißendes assoziieren, das würde aber dem Verhalten widersprechen. Eine Lösung fällt mir nicht ein.
Der Hinweis ist auch ohne Lösung wertvoll. Ich denke, ich werde denTitel wieder in "Mutter" ändern. Ich fand das nämlich auch besser. Um in die Irre gehende Assoziationen mit dem Begriff "Schnur" zu vermeiden, könnte ich sie vllt. etwas genauer beschreiben. Dazu habe ich auch schon ein paar Ideen.

Zitat
...
Hier würde ich das Bild mit den Krallen rausnehmen, der Boden ist nicht die Katze, oder? 'mit scharfen Kanten' würde mir reichen.
Stimmt. Die Verknüpfung mit der Katze ist an der Stelle schief.

Zitat
Ich wartete schon lange auf den Blick zum anderen Ende der Schnur, dem Ende, das ihn fesselt. Der Ausflug in den Keller kommt spät. Dass er ihn zwar unternimmt, dann aber doch nicht zu Ende geht, ist einerseits enttäuschend (er rafft sich auf, etwas zu ändern, sich zu befreien, gibt dann auf halbem Weg auf), andererseits wohl folgerichtig: Im Innersten weiß er die ganze Zeit über, was ihn fesselt, wovon er nicht loskommt, und fürchtet die Loslösung zu sehr. Sie gelingt ihm erst im Sterben (schönes, eindrucksvolles Bild!).
Ja, genau darum ging es mir. Außerdem dient das Verschieben des Kellerausflugs ans Ende der Geschichte natürlich auch dem Spannungsaufbau.

Zitat
Was allerdings nicht klar wird, ist das hinterm Holzgatter, und das soll es ja auch nicht. Nur hängt am anderen Ende einer Nabelschnur eben definitorisch die Mutter bzw. die Plazenta, und warum es jetzt die Mutter ist, die ihn an das Haus bindet und nicht freilässt, kommt so gar nicht raus. Wenn dieser Aspekt nicht wesentlich ist (für mich als Leser reicht die Fessel als solche aus), könntest du die Story anders betiteln, sonst ihn ein wenig mehr ausführen.
Ok. Das verstehe ich. Darüber muss ich aber erst noch nachdenken.

Danke für Deinen Senf!
:) nus

Offline nus

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Re: Nabelschnur
« Antwort #17 am: 06 März 2018, 19:06:03 »
Ach, Trip ...  :-*

Zitat
"Ich verstehe Deine Geschichte nicht."
O.k., ist nicht viel Geist. Es baut sich eine interessante Stimmung auf, aber ich verstehe die Logik ncht. Due Schnur führt vom Nabel bis in den Keller runter und bindet ihn an den Keller fest. Und er macht sich gEdanken über ene Katze, anstatt gleich im Keller nachzusehen.

Wie soll man da auf Hitchcock kommen?

Du musst ja nicht auf Hitchcock kommen.  ;)
Ich werde das Ganze noch mal grundlegend überarbeiten, vielleicht wird das Eine oder Andere dann klarer.

:) nus

Offline nus

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Re: Nabelschnur
« Antwort #18 am: 06 März 2018, 19:14:39 »
Hi Quisi!
Jetzt verstehe ich, was Du meinst.
Das ist eine grundlegende Sache, die ich nicht einfach so hinter den Pflug bekomme. Da muss ich noch einiges an Hirnschmalz investieren. Aber das ist egal. Ich glaube, es wird sich lohnen.
Danke für Deine Mühe, in die Geschichte einzutauchen, danke für Deine Hellsichtigkeit.
:) nus

Offline felis

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Re: Nabelschnur
« Antwort #19 am: 06 März 2018, 19:30:14 »
Hi Nus,
tut mir echt leid, aber ich kann mit der Geschichte komplett nichts anfangen / verstehe sie nicht. Die Symbolik finde ich stark überfrachtet.
- Nabelschnur
- Angebunden im Keller (des Unterbewusstseins)
finde ich doch n ziemlichen Overkill.

Auch das der Protagonist nur mit einem distanzierten "er" daherkommt finde ich nervig..

Seine sadistischen Anwandlungen gegenüber der Katze sind nicht im Geringsten nachvollziehbar. Und warum er vom Dach springen (sich umbingen????) muss, um sich von der ohnehin schon fast gerissenen Nabelschnur zu befreien, habe ich dann überhaupt nicht mehr kapiert.

Nix für mich. Schade. Weil meistens mag ich deine KGs.
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