Autor Thema: Loslassen (Randbezirke)  (Gelesen 760 mal)

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Offline Uli

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Loslassen (Randbezirke)
« am: 26 Januar 2018, 00:15:13 »
Hallo, Röster!

eine weitere Ganz-Kurz-Geschichte ... wieder eine, die mit weniger als 400 Worten auskommt und ... ihr kennt das ja.

Diese hier hat mich ziemlich beschäftigt: Ich hatte einen einzigen Satz, mitgenommen aus einem eher ernsten Gespräch - und der wollte eine Geschichte haben. Erzählt werden.
Fast eine Woche Gegrübel, bis ich dahintergekommen bin, was für eine. Und ich bin ziemlich überrascht, was es dann geworden ist.

Howauchever:
erstmal die Geschichte.

Loslassen

Jetzt steht er da an der Tür, zögert.
Wartet auf irgendetwas, auf den Augenblick, die Verriegelung zu öffnen.
Auf den Augenblick, hinauszugehen.

Oder?

Vielleicht wartet er darauf, dass ich etwas sage, ihn zurückrufe.
Damit er nicht gehen muss, oder damit er Adieu sagen kann?
Oder ist es gar kein Warten, nur ein Moment ... innerer Sammlung, Vorbereitung.

Er hat seine Waffen überprüft und poliert, sehr sorgfältig.

Noch sorgfältiger als sonst. Als hinge irgendetwas davon ab. Als könnte es einen Unterschied machen.
Aber er weiß, dass es egal ist - und er weiß, dass auch ich das weiß. Er könnte unbewaffnet hinausgehen, oder nackt, mit verbundenen Augen - das Ergebnis steht fest.

Er wird nicht zurückkehren.

Niemals.

Vielleicht erreicht er einen kleinen Sieg, ist noch einmal Held, tötet einen, zehn, hundert von ihnen, aber ... es sind zu viele.

Er sollte hier bleiben, die Türe verschlossen halten, warten.

Mit mir warten.

Auf Rettung?
Kann es Rettung geben?
Aber er könnte warten, ausharren, bleiben. Bleiben, bis zum Schluss, bis die Luft verbraucht ist oder die Vorräte zu Ende gehen. Mit mir warten ... ein paar Tage? Stunden?

Ein paar Zeiteinheiten weniger jedenfalls, als ich alleine zu warten hätte. Wenn wir Luft und Vorräte nicht teilen.

Er steht noch immer reglos an der Tür, eine Ewigkeit. Und schweigt.
Was könnte er auch sagen?
Ich schweige, es ist alles gesagt worden in den letzten acht Jahren.

Es gab nichts mehr zu besprechen, seitdem die Funkverbindung abgerissen, seitdem die Bastion gefallen ist.

Seitdem sie dort draußen herrschen.

Ich sage nicht, bleib bei mir. Ich sage nichts.

Ich weine so lautlos wie möglich, aber nicht lautlos genug. Und er dreht sich zu mir um, schaut mich an, ich sehe Tränen in seinen Augen.

Ohne ein Wort.

Sagt er ˋgönne mir diesen Tod´.

Ohne ein Wort.

Sage ich ˋja ´.

Er legt die Hand auf den Riegel, dreht langsam daran und schaut mich an. Aufforderung, zur Tür zu kommen, sie zu schließen, wenn er fort ist. Die Sicherheit wiederherzustellen, für ein Stückchen Zeit. Vielleicht lange genug ...
Ich bleibe sitzen, schaue ihn an, reglos. Ohne zu weinen.

Und er versteht.

Er lächelt.

Alles ist gut.

****
danke fürs Lesen.

Und Fragen habe ich natürlich auch, war ja klar:

Lest ihr einen Erzähler oder eine Erzählerin? Oder bleibt das unklar?

was ist eigentlich ˋdie Geschichte?´ - oder anders: Um was für eine Art Geschichte handelt es sich hier?

und was haltet ihr von dem Titel?

cheers, Uli

« Letzte Änderung: 26 Januar 2018, 00:24:15 von Uli »

Offline Ayira

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #1 am: 26 Januar 2018, 07:25:47 »
Hallo Uli,

zwei Fragen kann ich dir beantworten:

1) Der Erzähler -also das ICH in deiner Geschichte - klingt für mich nach einer Frau. Die beiden verbindet eine Beziehung, vielleicht auch eine Ehe. Was du vor allem mit der Zeitspanne von 8 Jahren untermauerst.
Es kann natürlich auch sein, dass ich das falsch gelesen habe und du einen Mann meintest (fällt mir grad ein) ... aber wenn ich den Text unvoreingenommen, ohne sonstigen Hintergrund lese, habe ich eine Frau und einen Mann vor mir.

3) Zum Kontext passt "Loslassen" - ich finde ihn treffend.
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Offline Xaranis

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #2 am: 26 Januar 2018, 08:01:42 »
Moin Uli,
auf dich hab ich schon gewartet. PC an, direkt mal nachgucken und.... da isser ja.
Wie versprochen.  :applaus:
Hole die Röstgabel aus dem Feuer.
Wie versprochen.

Zu deinen Fragen:
In den ersten vier Zeilen nahm ich noch keinen außenstehenden Erzähler war. Ich dachte, es handelt sich um eine Betrachtung von oben, auf den Charakter herab.
Dann kam dieser Satz:
"Vielleicht wartet er darauf, dass ich etwas sage, ihn zurückrufe."
Und mir war sofort klar, dass es sich um eine Frau handeln muss.
Was mir auch klar wurde: Etwas Unausgesprochenes liegt zwischen ihnen in der Luft.
Was das ist, wusste ich noch nicht. Ich dachte für einen Moment an eine Scheidung, einen schwerwiegenden Streit, einen Vertrauensbruch - irgendwas in der Art. Auf jeden Fall etwas Schwerwiegendes. Etwas Endgültiges. Wenn er jetzt geht, ohne ein Wort, werden wir das, was zwischen uns liegt nie mehr aussprechen können. Unser Beziehung ist zu Ende oder nimmt doch zumindest schwerwiegenden Schaden.

Dann kam das mit der Waffe und ich wusste, ok. Hat nix mit der Ehe zu tun.  :cheese:

Und damit kommen wir zu Frage 2: Worum geht es dann?
Die Erwähnung der Vorräte lässt mich kurz an einen Atomkrieg denken. Aber nein.
"Es sind zu viele von ihnen." Irgendwas krabbelt da draußen rum. Also keine nukleare Seuche oder sowas. Ein Krieg. Die Bastion ist gefallen.
Das Land ist in Feindes Hand. Besetzt vom Feind. Man versteckt sich. Wird man entdeckt, stirbt man (oder Schlimmeres?).
Welche Art Feind es ist, bleibt offen. Ich denke an feindliche Soldaten.
Kann mir aber auch ein Szenario alla Terminator vorstellen. Mit irgendwelchen Cyborgs da draußen.
Was dann widerum doch eine nukleare Seuche nicht ausschließt. Aber lassen wir das.
Jedenfalls gibt es da noch ein paar Wenige, die Widerstand leisten. Dem Feind trotzen. Sie kämpfen auf verlorenem Posten.
Sie müssen, auch wenn es sie das Leben kostet. Lieber mit der Waffe in der Hand sterben als im Bett. Das Überleben der anderen sichern.
Oder doch zumindest das Unvermeidliche hinauszögern.
Das ist auch der Frau klar. Deshalb braucht es keine Wort. Man versteht die Notwendigkeit.

Frage 3: Der Titel:
Wie war der noch gleich? Nochmal hoch im Text. Ah. "Loslassen". Hmmm. Passt, denk ich. Die Frau muss ihn gehen lassen. Und er muss ebenfalls loslassen. Er muss die Tür öffnen. Ein Abschied auf immer.


Wie immer reichlich Stoff für eigene Gedanken und Interpretationen oder Diskussionen, jedenfalls.


So. Jetzt hol ich mir nen Kaffee. Schönen Freitag!

 
« Letzte Änderung: 26 Januar 2018, 08:13:57 von Xaranis »
  • Ich schreibe gerade: an meinem historischen Roman

Offline Nightingale

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #3 am: 26 Januar 2018, 11:21:34 »

Hallo Uli,  :kaffee2:

mir gefällt die Geschichte. Die unaufgeregte Schilderung, die Dramatik zwischen den Zeilen, da bleibt viel Raum für eigene Gedanken.  :applaus:

Zitat
Lest ihr einen Erzähler oder eine Erzählerin? Oder bleibt das unklar?
Eine Erzählerin.

Zitat
was ist eigentlich ˋdie Geschichte?´ - oder anders: Um was für eine Art Geschichte handelt es sich hier?
Auf mich wirkt die Geschichte wie eine Momentaufnahme, die einen endgültigen Abschied festhält. Den Abschied zweier Menschen, die sich sehr nahe stehen (ich vermute ein Liebes- bzw. Ehepaar, ältere Leute) voneinander. Aber auch der Abschied vom Leben, gewissermaßen bei beiden.  Die Figuren scheinen mir hoffnungslos, aber gefasst.
Das Setting wird nur angedeutet. Ich stelle mir sowas wie das typische Endzeitszenario vor, ohne dabei wirklich an "Endzeit" zu denken. Ich gehe also weniger von einer nuklearen, sondern eher von einer politischen/gesellschaftlichen Katastrophe aus, tendenziell in die orwellsche Richtung.

Zitat
und was haltet ihr von dem Titel?
Der Titel kommt - wie auch die Geschichte - unaufgeregt daher, verrät nicht zuviel und passt. Also keine Einwände.  ;D


Liebe Grüße,
Nightingale

Offline Uli

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #4 am: 26 Januar 2018, 13:55:25 »
oy - danke schön!

ausführlicher antworte ich später, um keine Röstungen zu beeinflussen. Also nur so viel: Dass die erzählende Person so eindeutig als Frau wahrgenommen wird, ist völlig in Ordnung - als Frau gedacht ist sie nicht unbedingt. Nur als Person mit Eigenschaften, die halt normalerweise eher Frauen zugeordnet werden.

Es freut mich, dass es gefällt!

 :b5:

Rebekka

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #5 am: 26 Januar 2018, 17:08:03 »
Huhu Uli,

ich habe schon lange keine Röstgabel mehr geschwungen, da eignet sich so ein Happen doch ideal!  :teufel:

Ich fange mit deinen Fragen an:

Zitat
Lest ihr einen Erzähler oder eine Erzählerin? Oder bleibt das unklar?
Eine Erzählerin, ganz klar.

Zitat
was ist eigentlich ˋdie Geschichte?´ - oder anders: Um was für eine Art Geschichte handelt es sich hier?
Zombieapokalypse!  :bewerf: Tatsächlich, das war mein erster Gedanke. Auf jeden Fall eine Art Dystopie, eine feindliche Übernahme. Vielleicht auch Aliens. Die Art des Umgangs, das Verstecken seit 8 Jahren ... das kommt mir nicht vor wie ein realweltliches Kriegsszenario.

Zitat
und was haltet ihr von dem Titel?
Der Titel ist gut! Er führt in die Irre. Zusammen mit dem ersten Absatz dachte ich zunächst an eine Beziehungsgeschichte, eine bevorstehende Trennung ...

Nun zu den Erbsen. Obwohl du mit so wenigen Worten so viel sagst, könntest du - für mein Empfinden - noch ein paar Worte streichen, um den verbleibenden mehr Wirkkraft zu geben. Ich streiche mal kommentarlos, wo ich glaube, weil ich es teilweise als redundant empfinde:


Zitat
Loslassen

Jetzt steht er da an der Tür, zögert.
Wartet auf irgendetwas, auf den Augenblick, die Verriegelung zu öffnen.
Auf den Augenblick, hinauszugehen.

Oder?

Vielleicht wartet er darauf, dass ich etwas sage, ihn zurückrufe.
Damit er nicht gehen muss, oder damit er Adieu sagen kann?
Oder ist es gar kein Warten, nur ein Moment ... innerer Sammlung, Vorbereitung.

Er hat seine Waffen überprüft und poliert, sehr sorgfältig.

Noch sorgfältiger als sonst. Als hinge irgendetwas davon ab. Als könnte es einen Unterschied machen.
Aber er weiß, dass es egal ist - und er weiß, dass auch ich das weiß. Er könnte unbewaffnet hinausgehen, oder nackt, mit verbundenen Augen - das Ergebnis steht fest.

Er wird nicht zurückkehren.

Niemals.

Zitat
Vielleicht erreicht er einen kleinen Sieg, ist noch einmal Held, tötet einen, zehn, hundert von ihnen, aber ... es sind zu viele.

Er sollte hier bleiben, die Türe verschlossen halten, warten.

Mit mir warten.

Auf Rettung?
Kann es Rettung geben?
Aber er könnte warten, ausharren, bleiben. Bleiben, bis zum Schluss, bis die Luft verbraucht ist oder die Vorräte zu Ende gehen. Mit mir warten ... ein paar Tage? Stunden?

Ein paar Zeiteinheiten weniger jedenfalls, als ich alleine zu warten hätte. Wenn wir Luft und Vorräte nicht teilen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die vielen Wiederholungen in diesem Absatz Absicht sind ... dass du damit das Dilemma verdeutlichen willst, in dem deine Erzählerin steckt. Sie  weiß genau - das Ende kommt, sie zögert es nur hinaus. Aber sie will auch nicht allein bleiben. Vielleicht fühlt sie sich sogar ein bisschen verraten. Aber ich finde, das kommt auch so rüber.

Zitat
Er steht noch immer reglos an der Tür, eine Ewigkeit. Und schweigt.
Was könnte er auch sagen?
Ich schweige,
es ist alles gesagt worden in den letzten acht Jahren.

Es gab nichts mehr zu besprechen, seitdem die Funkverbindung abgerissen, seitdem die Bastion gefallen ist.

Seitdem sie dort draußen herrschen.

Ich sage nicht, bleib bei mir. Ich sage nichts.

Ich weine so lautlos wie möglich, aber nicht lautlos genug. Und er dreht sich zu mir um, schaut mich an, ich sehe Tränen in seinen Augen.

Ohne ein Wort.

Sagt er ˋgönne mir diesen Tod´.

Ohne ein Wort.

Sage ich ˋja ´.

Er legt die Hand auf den Riegel, dreht langsam daran und schaut mich an. Eine Aufforderung, zur Tür zu kommen, sie die Tür zu schließen, wenn er fort ist. Ddie Sicherheit wiederherzustellen, wenn er fort ist. Für ein Stückchen Zeit. Vielleicht lange genug ...
Ich bleibe sitzen, schaue ihn an, reglos. Ohne zu weinen.

Und er versteht.

Er lächelt.

Alles ist gut.

****

Im letzten Absatz "schauen" sie ziemlich viel ...  ;)

Den letzten Satz finde ich ein bisschen schwach, ehrlich gesagt. Und nach allem, was mr die Szene bislang suggeriert hat, ist gar nichts gut. Sie gehen nicht in Frieden, er zögert, sie weint ... Aber ich verstehe, was du meinst. Trotzdem ist es für mich nicht rund, weil es eine Floskel ist. Eine wirklich bessere Alternative habe ich leider nicht, ist ja auch deine Geschichte.  ;)
Wenn ich es richtig verstanden habe, wählt sie ihren Tod, ebenso wie er den seinen. Sie lassen einander los. Indem sie die Tür unverschlossen lässt. Evtl würde ich dann mit ebenjenem Satz (EDIT: Gönne mir diesen Tod) die Geschichte abschließen, aber vielleicht ist das zu plakativ. :weissnicht:

Ich hoffe, du findest etwas Hilfreiches in meinem Gekritzel. Jetzt möchte ich aber gern wissen, welcher Satz es war, der dich so gequält hat. :cheese:

Fazit: Ein schönes Stück Text, ich hatte etwas Gänsehaut.

Liebe Grüße,
Rebekka
« Letzte Änderung: 26 Januar 2018, 17:13:41 von Rebekka »

Offline Uli

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #6 am: 26 Januar 2018, 17:16:25 »
oooy!

ich schreibe dir eine PM

mit vielen  :b2: ...
Danke!

Offline eska

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #7 am: 27 Januar 2018, 23:44:25 »
Hi Uli.
Hier noch mehr Senf. ;D


Zitat
danke fürs Lesen.

Hat sich gut gelesen. Keine Ursache.

An einer Stelle hat mich die Zeichensetzung gestört:
Zitat
Ohne ein Wort.

Sagt er ˋgönne mir diesen Tod´.

Ohne ein Wort.

Sage ich ˋja ´.

Ich verstehe die besondere Betonung, werde aber durch den Punkt rausgerissen.
Möglicherweise tut es eine kleine Umstellung:
Er sagt ˋgönne mir diesen Tod´.

Ohne ein Wort.

Ohne ein Wort sage ich ˋja ´.

Zitat
Ich bleibe sitzen, schaue ihn an, reglos. Ohne zu weinen.

Und er versteht.

Er lächelt.

Alles ist gut.

Ich kann es nicht genau belegen, aber irgendwie empfinde ich diese Schlussätze als schwächer als den Rest. Und das ist schade.
1. Kann wirklich alles gut sein? Den Kummer so schnell beiseitelegen oder die wirkliche Priorität (andauernde Liebe) begreifen und damit den Kummer verdrängen - beides erscheint mir zu schnell.
2. Ich lese diesen selbstbestimmten Tod draußen vor allem als ein Opfer aus Liebe für die Person drinnen: ein paar Stunden, Tage länger, ein bisschen mehr Hoffnung auf wen oder was auch immer. Vielleicht auch das Nicht-Zugucken-Müssen bei deren Sterben, daher vielleicht das Gönnen. Wenn diese Lesart stimmt, reagiert sie (egal ob Mann oder Frau) mit Verständnis ('Ich sehe, dass du mich liebst und mich zu meinem Besten verlässt') und er bekommt, was er erhofft. Dann würde ein stummer oder unhörbar geflüsterter Dank passen.

Zu deinen Fragen:
Titel passt, gibt aber schon einiges vor an Interpretation.

m/w: Geschlecht egal, auf jeden Fall ein/e Liebende/r. Die Rollenverteilung deutet klassisch eher auf eine Frau: weibliche Rolle im Haus bleiben, übrig bleiben, weiterleben, beschützt werden, aushalten müssen, sowohl die Situation als auch die Entscheidung des/r anderen. Und verstehen sollen.

Story: Nun, was kann ich (s.o.) anderes sagen als Liebesgeschichte? :) Die uralte Frage, was wohl schlimmer ist: als Erste/r gehen und den anderen zurücklassen oder mit dem Verlust weiterleben.


Zu meinen Fragen/Gedanken:
Zitat
Vielleicht wartet er darauf, dass ich etwas sage, ihn zurückrufe.
Damit er nicht gehen muss, oder damit er Adieu sagen kann?
Hier wirkt es noch so, als bestimme der/die drinnen. Ist es doch eine gemeinsam getroffene Entscheidung - besprochen, abgewogen, das Vernünftigste? Zum Beispiel, weil einer übrig bleiben muss, wegen eines Auftrags oder so?
Zitat
Als hinge irgendetwas davon ab. Als könnte es einen Unterschied machen.
Aber er weiß, dass es egal ist - und er weiß, dass auch ich das weiß. Er könnte unbewaffnet hinausgehen, oder nackt, mit verbundenen Augen - das Ergebnis steht fest.

Hier könntest du eventuell noch kürzen.
Die Bilder nackt und mit verbundenen Augen sagen schon 'Opfer' voraus. Sie sind aber nicht, was ich als Leser hier erwarte, eher den Gegensatz zwischen 'unbewaffnet' oder 'bis zu den Zähnen bewaffnet' bzw. 'in kugelsicherer Rüstung' oder ähnliches.
Insofern könntest du das 'unbewaffnet vielleicht ersetzen durch sowas wie 'in voller Montur', dann verlierst du das Bild nicht.

Zitat
bis die Luft verbraucht ist
Draußen ist also keine Luft? 'Sie' sind also keine luftatmenden Wesen? Dann müsste die Tür eine Art Schleuse sein und nicht nur verriegelt, er einen Helm oder so tragen, dann kann man sein Lächeln nicht einfach so sehen...

Die Geschichte regt die Fantasie an: 8 Jahre was- Zusammensein, Alleinkampf gegen 'sie', in diesem Raum?
Er ist ein Kämpfer, ist Hinausgehen gewöhnt, ist immer wieder einmal ein Held gewesen. Was ist ihre (ich leg mich mal auf weiblich fest) Rolle gewesen? Wenn sie ihm das gönnt, was er kennt und kann und womit er schon oft konfrontiert war, Kampf und einen schnellen Tod im Kampf, macht sie es ihm leicht. Verzichtet sie dabei auf Vergleichbares, auf aktives Leben?

Nimm dir, was du brauchen kannst...

Gruß,
eska










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Offline eska

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #8 am: 28 Januar 2018, 00:00:08 »
Sorry, ich muss das noch loswerden:
Ich habe gerade die anderen Postings gelesen und war völlig verblüfft von Rebekkas Interpretation des Endes.
Wenn es wirklich so sein soll, dass sie die Tür unverschlossen lässt und ihm das stumm mitteilt (Aussage: 'Ohne dich will ich nicht weiterleben.'), dann wirft sie doch alles weg! Und wenn er dann versteht und lächelt (=akzeptiert), hieße das, seine Motivation war nicht, sie zu retten, sondern sich selbst den leichteren Tod zu verschaffen. Das würde mich enttäuschen.

eska   :wiejetzt:
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Offline Uli

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #9 am: 28 Januar 2018, 00:05:43 »
ay eska,

gleich zweimal Danke!

(bald mehr, bin grad einfach zu beschäftigt für längere Antworten. sorry)

Offline Uli

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #10 am: 28 Januar 2018, 10:42:41 »
Aaaalso ...

Loslassen ist tatsächlich eine Liebesgeschichte. was mich ziemlich gewundert hat, als sie fertig war ...

die ˋäußere ´ Geschichte, die Sache mit dem wie auch immer geartetem Krieg da draußen, ist letztlich unwichtig - das können Zombies oder Orks sein, oder Killertomaten aus dem Weltall. Völlig egal, das zieht alles nur eine Grenze:

Die Sache ist nicht mehr zu gewinnen, Game over.
beide Figuren sind sich in der Lageeinschätzung einig.

Tja.
Und ˋer ´ macht sich bereit für das letzte Gefecht, Pflichterfüllung, Sachzwang ... was man(n) halt so macht, wenn es soweit ist.
ˋIch ´ möchte das lieber anders: Hoffnung bewahren, miteinander bleiben, Nähe.
Weil es sich halt letztlich nicht lohnt, ist nur ein Argument.

Sie hat zugeschaut, wie er sich bereitmacht, und inhaltlich versteht sie ihn auch, akzeptiert die Entscheidung - trotzdem passt etwas nicht. Da fehlt etwas.
Und sie kann das nicht einfordern, nur vermissen.

Er denkt tatsächlich, dass ˋalles klar ´ ist, er ˋalles richtig macht ´ - und entscheidet das alleine. Ohne darüber zu sprechen - auch, weil er das für belastend hält.
Erst, als sie weint, merkt er, das etwas falsch ist:
Sachlage hin oder her, die Entscheidung muss gemeinsam getroffen werden. Das Einverständnis muss hergestellt werden. Sonst ist die Beziehung kaputt.
Und das bekommt er auch hin, er bittet darum, dass sie ihn gehen lässt.

Doch demonstrativ wiederspricht sie seinem Plan (du machst die Tür zu, damit du hier noch etwas Leben hast), soweit der sie betrifft:
Ja, ich lasse dich gehen, OK, aber was ich dann anfange, ist nicht mehr deine Sache.
Was er wiederum akzeptiert.

Damit ist ein Miteinander gerettet, für den Augenblick.
Und die Geschichte ist aus - was die beiden jetzt anfangen (gemeinsam rausgehen, gemeinsam dort bleiben, oder jede(r) sein Ding) ist nicht mehr wichtig.
Vielleicht finden sie einen Weg, das Miteinander praktisch umzusetzen, vielleicht erklingt gleich das Horn der Kavallerie ... das ist auch nicht mehr wichtig, denn das ist Bestandteil der äußeren Geschichte.
Die innere, die eigentliche Geschichte, die ist mit diesem Moment abgeschlossen - und hat ein Happy End gefunden.


Der Satz, der mich so beschäftigt hat, war ˋgönne mir diesen Tod ´.

Der Titel ist eins meiner ˋThemen des Monats ´ ... und es war mir wichtig, zwischen loslassen, fallenlassen und nicht-halten zu unterscheiden.

Fragen bitte stellen,
 :lava:

Uli

Offline eska

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #11 am: 29 Januar 2018, 12:25:00 »
Hi Uli,
danke für die Aufklärung.
Mir hängt trotzdem seine Motivation nach:
Zitat
ˋer ´ macht sich bereit für das letzte Gefecht, Pflichterfüllung, Sachzwang ... was man(n) halt so macht, wenn es soweit ist.
Nur weil man/n das so macht stürzt er sich raus? Und lässt sie alleine? Wo ist für irgendeinen da der Gewinn? Oder hält er nur das vermutlich ohnehin nutzlose Warten auf den Tod nicht mehr aus? Kennt er seine Prioritäten, kennst du sie? 'Gönne mir' klingt nach Egoismus (ich will es selbstbestimmt, schnell, als Held, auf die einfachere Weise, ohne deinem Sterben zusehen zu müssen...). Irgendwas davon zutreffend? Oder denkt er doch auch pragmatisch: wenigstens ein paar Stunden mehr Chance für sie?

eska (noch nicht fertig mit der Story, gutes Zeichen!)
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Offline Uli

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #12 am: 29 Januar 2018, 15:46:26 »
ay eska,

das freut mich!

Seine Motivation ... nun, ich fürchte, der Gute ist einer dieser ganz normalen Männer, die da schlicht nicht drüber nachdenken. Sondern brav in ihrer Rolle bleiben, weil ... Mann das eben so macht.
Er erkennt erst kurz vor Schluss, dass das nicht ausreicht - und als erstes bittet er darum, dass sein Plan akzeptiert wird. Will also trotz Erkenntniss weitermachen wie gehabt.
Bis dahin ein tausendmal erlebter Vorgang ...

Erst mit ihrer Weigerung, ihren Teil des Plans zu erfüllen und (mit größerer Chance) abzuwarten, ändert er wirklich etwas an seinem Umgang - mit ihr als auch mit ihm selber.

Und ja: Ziemlich viel von dem, was Mann so macht, macht man, weil man das so macht. Jedenfalls in meiner Generation ist das noch sehr verbreitet, aber ich sehe das auch bei jungen Leuten.
Konventionen, Pflichtgefühl, der ganze Rollenkram ...
wenn man fünf Minuten nicht aufpasst, passiert so etwas.

In dieser Geschichte habe ich ˋihm ´ immerhin gegönnt, dass die äußeren Einflüsse klar und eindeutig sind. Und von ihr auch so gesehen werden.

Der gute Mann ist halt konditioniert, und als ausgebildeter Kämpfer halt noch etwas gründlicher als ein Normalmann.
Immerhin ist er aber aufmerksam genug, um zu erkennen, dass etwas nicht passt ...
Was gar nicht soooo selbstverständlich ist, wie es sein sollte.

Offline Rilyn

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #13 am: 05 Februar 2018, 15:52:35 »



Hoi Uli,

ein ziemlich spätes Rösti, tut mir leid! :b2:

Ich schnapp mir erstmal deine Fragen:

Zitat
Lest ihr einen Erzähler oder eine Erzählerin? Oder bleibt das unklar?
Weitgehend unklar mit Tendenz zur Erzählerin.

Zitat
was ist eigentlich ˋdie Geschichte?´ - oder anders: Um was für eine Art Geschichte handelt es sich hier?
Es geht um Liebe. Loslassen können, weil jemand liebt. Und für mich geht es explizit nicht um Rollenbilder, aber dazu mehr im Einzelnen.

Zitat
und was haltet ihr von dem Titel?
Den finde ich treffend. :)

Insgesamt ist mir der Text zu langgezogen für die Handlung und auch die Aussage.
Zu viele Redundanzen, zu viel Ausgesprochenes, das schon zwischen den Zeilen steckt, und dafür weniger Platz für anderes, das den Text, die Stimmung, die Gefühlswelt dieser beiden vertiefen könnte. Damit meine ich nichts, das explizit im Text stehen müsste, denn die beiden kommunizieren ja auch "ohne ein Wort".

Aber eben das tun sie im Moment nicht. Der Text breitet sich aus, bleibt aber auf einer Ebene, statt in die Tiefe zu gehen. Es kommt nicht von innen, es kommt von außen. Sehr bemüht, Hinweise zu geben und dabei zäh, weil du das Wichtigste außer Acht lässt: den Kontext, aus dem du erzählst. Du erzählst über ihn, nicht von ihm. Dabei geht es um die Nähe, um das, was beide nicht aussprechen können oder müssen.
Vielleicht wird dabei auch der Satz zwischen den Zeilen verschwinden, der dich ursprünglich auf die Geschichte brachte; aber solange er klar zu verstehen ist, sehe ich das nicht als Verlust an.

Gerade das Ende verliert durch die Beschränkung auf Äußerlichkeiten der handelnden Personen (Lächeln, Weinen, Blicke), statt auf das Innere zu fokussieren, wo die eigentliche Stärke des Bildes liegt. Es muss keine benannte Emotion sein, ein eindrückliches Bild würde reichen: Eine loslassende Hand, Finger, die hindurchgleiten, Trümmer, Abendlicht. Letzteres nicht romantisch, offensichtlich (mein Gedanke beim ersten Lesen war "Zombieapokalypse"), sondern durch die Farbe definiert, vielleicht nicht einmal durch das Wort "Abend".

Die Wende im Text geht leider in der Flut des Ausgesprochenen bzw Ausgeschriebenen so gut wie unter: Sie lässt die Tür offen. Gib diesem Moment mehr Raum (was nicht bedeutet, ihn in Worten zu verlängern), ertränk ihn nicht in der Wiederholung des Bekannten.

Näheres dazu am Text:

Zitat
Jetzt steht er da an der Tür, zögert.
Es muss ja nicht mords einfach sein, aber ich finde, das "da" kann raus. Zusammen mit dem "Jetzt" ist es mir zu viel. Beide Worte rauszunehmen war mein erster Gedanke, aber da scheint etwas zu fehlen (und ich glaube, es ist der Moment, den das "jetzt" hervorhebt).

Zitat
Wartet auf irgendetwas, auf den Augenblick, die Verriegelung zu öffnen.
Sie weiß sehr wohl, worauf, die Unklarheit nimmt außerdem Spannung.

Zitat
Auf den Augenblick, hinauszugehen.
Oder?
Das "Oder" hat mich aus dem Text gerissen. Es ist zu vage, für sich allein stehend, es folgt nur der Gedanke: Oder nicht rauszugehen. Aber dem fehlt die Relevanz, obwohl auch ohne nähere Informationen und die "Verriegelung" schon eine unruhige Grundstimmung entsteht.

Zitat
Vielleicht wartet er darauf, dass ich etwas sage, ihn zurückrufe.
Damit er nicht gehen muss, oder damit er Adieu sagen kann?
Oder ist es gar kein Warten, nur ein Moment ... innerer Sammlung, Vorbereitung.
Ich glaube, das geht ohne das "oder". Aber ich will mich auch nicht an dem Wörtchen festmachen, denn wie oben erwähnt, kannst du so viel mehr aus dem gesamten Text herausholen.
Ich könnte höchstens in meinem Stil dran herumsezieren und zusammenflicken, und ich glaube nicht, dass ich dir damit wirklich helfen würde ... Denn du hast hier eine gute Grundlage, um dran zu arbeiten. Damit meine ich nicht, dass es ein weitgehend fertiger Text ist, sondern eine runde kleine Geschichte, an deren Erzählweise es noch viel zu arbeiten gibt, nicht nur auf Detailebene. Schnapp dir selbst das Skalpell und zerleg sie. Steck kleine Schildchen dran, wo du ihre Stärken siehst, was unbedingt nötig ist, wo du durch starke Bilder und Momente mehr rausholen kannst; und umgekehrt die Schwächen, wo deine Figuren schwurbeln, wo die Perspektive aus ihrem Kopf heraus geht, wo die Erzählerin eben nicht gefühlt loslässt, weil sie selbst viel zu distanziert ist und eher berichtet, als zu erleben.

Zitat
Er hat seine Waffen überprüft und poliert, sehr sorgfältig.
Noch sorgfältiger als sonst. Als hinge irgendetwas davon ab. Als könnte es einen Unterschied machen.
Aber er weiß, dass es egal ist - und er weiß, dass auch ich das weiß. Er könnte unbewaffnet hinausgehen, oder nackt, mit verbundenen Augen - das Ergebnis steht fest.
Er wird nicht zurückkehren.
Niemals.
Alles kursive hier ist für die Geschichte nicht nötig, es steckt drin. Natürlich ist der Rest nicht so stark, wie er sein könnte, aber er wird durch die explizite Vedeutlichung nicht stärker, er schlägt nicht ein. Überlass die endgültige Erkenntnis deiner Figur und deinen Lesern. Was nimmt sie wahr, deine Figur?

Sie bleibt bisher blass. Sie spricht das Unvermeidliche aus, zwar nach dem Herumgedruckse durch die gestrichenen Sätze, die sie nicht weiterbringen, aber sie spricht es aus ... und ich zucke beinahe die Schultern. Ja, wird er. Ist ihr offenbar klar. Aber das berührt mich nicht, oder kaum. Und das liegt nicht daran, dass ich mit derartigen Situationen in diversen Medien übersättigt wäre, sondern, dass diese hier keine Individualität besitzt. Die Situation wird zu einem leeren Blatt, und leere Blätter laden nicht zum Hineinversetzen und Miterleben ein.

Zitat
Vielleicht erreicht er einen kleinen Sieg, ist noch einmal Held, tötet einen, zehn, hundert von ihnen, aber ... es sind zu viele.
Er sollte hier bleiben, die Türe verschlossen halten, warten.
Mit mir warten.
Auf Rettung?
Kann es Rettung geben?
Aber er könnte warten, ausharren, bleiben. Bleiben, bis zum Schluss, bis die Luft verbraucht ist oder die Vorräte zu Ende gehen. Mit mir warten ... ein paar Tage? Stunden?
Ein paar Zeiteinheiten weniger jedenfalls, als ich alleine zu warten hätte. Wenn wir Luft und Vorräte nicht teilen.
Hier stecken wieder viele Redundanzen, und sie springt in der Gewichtung ihrer Gedanken: mit ihr warten, mit ihr, nicht alleine, Rettung, gleichzeitig spricht sie von "bis zum Ende", weicht die Situation auf, weicht aus, kommt zu ihrer Furcht zurück, alleine warten zu müssen.
Deshalb finde ich die Mehrfachnennung von "mit mir" und allem, das "nicht alleine" aussagt, auch nicht prinzipiell verkehrt.

Die Rettung: Die haben sie doch beide aufgegeben. Sie begehrt hier nicht mehr auf, die Entscheidung ist getroffen. Sie agiert nicht, sie überlässt die Entscheidung ihm, sie wird nicht rufen.
Bis zum Ende: Ich bin nicht sicher, ob es nötig oder hilfreich ist, das eindeutig zu benennen. Wenn ja, dann verwässert die gleichzeitige Erwähnung von Rettung nur die Gesamtstimmung.

Zitat
Er steht noch immer reglos an der Tür, eine Ewigkeit. Und schweigt.
Was könnte er auch sagen?
Ich schweige, es ist alles gesagt worden in den letzten acht Jahren.
Es gab nichts mehr zu besprechen, seitdem die Funkverbindung abgerissen, seitdem die Bastion gefallen ist.
Seitdem sie dort draußen herrschen.
Hier habe ich willkürlich durchgestrichen, was anderswo auch drinsteckt, aber ich würde in einer Überarbeitung auch hier nicht einfach diese Sätze streichen.

Zitat
Ich sage nicht, bleib bei mir. Ich sage nichts.
Ich weine so lautlos wie möglich, aber nicht lautlos genug. Und er dreht sich zu mir um, schaut mich an, ich sehe Tränen in seinen Augen.
Und hier sehe ich sie zum ersten Mal weinen. Von außen. Ich fühle nicht mit ihr, ich verliere nicht mit ihr den einzigen Menschen, der ihr für Jahre geblieben ist, den sie vielleicht liebt, der sie alleine zurücklässt. Ich fühle diese Einsamkeit nicht, die da sein müsste, höre nicht den Hall des eigenen Atems im Bunker, fühle nicht dessen dunkle Kälte im Rücken, dessen Leere ohne diese andere Person, nicht die Verbundenheit mit dieser Person, nicht die Angst vor dem Verlust und dem Alleinsein und dem einsamen Sterben.

Zitat
Ohne ein Wort.
Sagt er ˋgönne mir diesen Tod´.
Ohne ein Wort.
Sage ich ˋja ´.
Ich habe in deinen Antworten gelesen, dass das hier die Grundidee zu deinem Text ist, aber ich finde immer mehr, dass sie nicht so offen genannt werden muss. Beides steckt drin.
Sie zahlt den Preis, sich ihrer Angst zu stellen und zu sehen, wie er geht - für seinen gewünschten, schnellen Tod, nicht mit ansehen zu müssen, wie sie stirbt. Und dann fordert auch sie ein, was er ihr gönnen soll: Er muss akzeptieren, dass sie das Angebot nicht annimmt, weiter auszuharren, dass sie das allein nicht tun will. Darin steckt selbst bei einem einvernehmlichen Abschied eine gewisse Spannung, die diesem Ende ihren Reiz gibt, es offen hält und zum weiterdenken einlädt. Nicht: Was wird geschehen? Sondern: Was bedeutet es für beide, wie fühlen sie zueinander, nachdem er durch die Tür getreten ist und sie diese offen lässt?

Du merkst sicher, weshalb ich an Rollenbilder in dieser Geschichte keinen Gedanken verschwende und auch absolut damit zurechtkäme, wenn die wartende Figur ein Mann wäre. Es ist egal. Hier zählen die Gefühle: Verbundenheit, Liebe, Verständnis, Ängste, Einsamkeit.

Zitat
Er legt die Hand auf den Riegel, dreht langsam daran und schaut mich an. Aufforderung, zur Tür zu kommen, sie zu schließen, wenn er fort ist. Die Sicherheit wiederherzustellen, für ein Stückchen Zeit. Vielleicht lange genug ...
Und wieder zurück zu der längst abgehakten Rettung, raus aus dem starken abschließenden Moment.

Zitat
Ich bleibe sitzen, schaue ihn an, reglos. Ohne zu weinen.
Ich sehe beide von außen. Tatsächlich sehe ich sogar eher aus seiner Blickrichtung, aber nicht aus seiner Perspektive.

Zitat
Und er versteht.
Er lächelt.
Alles ist gut.
Nein, ist es nicht. Deshalb finde ich, dass die Geschichte durch diesen Schluss verliert statt gewinnt. Es ist nicht gut, aber sie lässt ihn trotzdem gehen. Er akzeptiert trotzdem die offene Tür und geht. Es geht hier um das gegenseitige Annehmen verdammt schwieriger getroffener Entscheidungen. Gönne ihnen ihr Gewicht, ihre Nachwirkung in den Gedanken deiner Leser, und ... lass das Ende zusammen mit der Tür offen.

Liebe Grüße :kaffee2:
Ril
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Offline Uli

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #14 am: 05 Februar 2018, 19:46:45 »
ay Rilyn,

Vielen Dank!
Tatsächlich ist da viel dran, und ich denke intensiv nach - bin aber bisher nicht wirklich auf den Trichter gekommen. Gnarf.

Ein Punkt allerdings ist mir wichtig: Ich weiß schlicht nicht, ob die Türe geöffnet wird. Und von wem.
Mit dem letzten Wort ist sie jedenfalls noch geschlossen ...
Und mir ist es auch ganz und gar nicht wichtig.

Für mich ist der Punkt, dass die beiden aus dem ˋSelbstverständlichen, Unvermeidlichen, Alternativlosen ´ heraus- , und zu einer gemeinsamen Selbstbestimmung zurückfinden.
Was sie dann unternehmen ist nicht mehr von Belang.

Vielleicht kommt daher das Redundante in der Erzählung, im Erzählton - auch die erzählende Person ist in allem gefangen, dreht sich im Kreis, stößt immer wieder auf die gleichen unnützen Fakten ...

Was allerdings doof ist, wenn das nicht so ankommt.
Hmmm ...

ich lege das erstmal in die Schublade - und warte auf die Eingebung, was da falsch ist.
(möglicherweise ist es ein Problem, dass der an der Tür ein er ist ... )

 :b5:
und alles Liebe,
Uli

Offline Rilyn

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Re: Loslassen (Randbezirke)
« Antwort #15 am: 05 Februar 2018, 21:13:19 »
Hoi Uli,

 :whee:

Ich hab die Tür tatsächlich offen gesehen, aber das ist tatsächlich ... hmm, entweder nicht wichtig? Nein, das hat eine Aussage. Die offene Tür hätte einfach zu meiner Lesart gepasst, dass er tatsächlich gehen wird, mit dem eher düsteren Ende und dem möglicherweise noch offenen Konflikt, während du den Konflikt abschließen möchtest (sie finden im Akzeptieren der jeweils anderen Entscheidung zusammen und ... was sie dann tun, das mag sich jeder selbst ausmalen.

Gleichzeitig wäre aber auch "alles ist gut" umso weniger gut, denn "gut" fühlen sie sich damit beide nicht. Ich fände es schade, wenn dieses Urteil - ob nun von einem unzuverlässigen Erzähler oder nicht - direkt im Text stünde.

Wie das Redundante eher als sich-im-Kreis-drehen ankommt ... hmm. Spontan nehme ich an, dass tiefere Innensicht das lösen würde, aber es könnte auch eine Frage der Form sein, wenn jeder Absatz, jeder "Kreis" in Hilflosigkeit endet und dem erneuten Wunsch, doch noch einen anderen Weg zu finden, wieder beginnt. Aber das ist erstmal Spekulation.

Interessant finde ich auch den Gedanken, ob der an der Tür ein Er ist, denn ich hatte - vielleicht auch aufgrund deiner Frage, wie man die erzählende Figur liest - auch kurz den Gedanken: was, wenn die beiden umgekehrt wären, wenn an der Tür eine Frau stünde? Aber vor allem vor dem Hintergrund: Es geht ja in erster Linie um das Thema, und die verbundenen Gefühle wären dieselben, die Sozialisierung vielleicht eine andere, aber in diesem Kontext, nach acht Jahren in diesem Bunker, zählt vor allem der Moment.

Ich würde mich jedenfalls freuen, eine überarbeitete Version lesen zu dürfen, ob fertig oder nicht. :lesles:

Liebe Grüße!
Ril

edit: *Baileysbällchen nompf und Musenfutter dalass* :kaffee2: :hoern:
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