Autor Thema: Einzelzelle (Randbezirke)  (Gelesen 595 mal)

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Offline Uli

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Einzelzelle (Randbezirke)
« am: 19 Januar 2018, 00:07:37 »
hallo Hölle,

die gute Nachricht ist: Schreibblockade ist rum.
Die schlechte: Rösten ist nötig ...

An sich wollte ich die Serie ˋRandbezirke ´ ja beenden, aber wie das so ist mit den Vorsätzen ... da hilft dann nichts.
Die Randbezirke (können auf meine Webseite nachgelesen werden) haben eine Begrenzung auf 400 Worte, und sind deswegen oft sehr gedrängt - und die Themen sind nicht eben auf der Sonnenseite der Welt angesiedelt.
Nun ... hier ist die jüngste dieser Geschichten:

Einzelzelle

Drei mal drei Meter, dazu ein Quadratmeter für den Abort.
Alles weiß gestrichen, Fließen in der Sanitärecke, eine Pritsche, ein Tisch ... eben eine Zelle.
Eine Einzelzelle. Allein sein.


Mittig in der Decke eine Lampe, tatsächlich mit einem Schirm, ein hellgelber Stoffschirm.
Und ziemlich sauber, ja.

Das Radio kann ich selber ein- und ausschalten, wie die Lampe, sogar den Sender einstellen, und die Lautstärke regeln.

Trotzdem eine Zelle.
Mit einer schweren Tür, die einen Schieber hat, damit man hineinschauen kann, und einer Sprechanlage - damit können sie mich aufrufen, wenn es nötig ist.

Wenn es soweit ist.

Wenn das Urteil verkündet ist.

Ob sie das auch tun werden, weiß ich nicht.

Vielleicht kommen sie auch nur herein, verlesen das Strafmaß - oder den Freispruch, beeile ich mich anzufügen - und vollstrecken sogleich.

Ich weiß es nicht.

Tod durch irgendwas, Hiebe mit Knute oder was auch immer, Kerker - oder eben Freispruch, vielleicht. Vielleicht.

Vielleicht holen sie mich aber auch zu einer erneuten Vernehmung, wollen Fragen stellen, Genaueres erfahren, zu meinen Gründen, oder zu der Vorgeschichte, oder ...

Ich weiß es nicht.

Die Deckenleuchte hängt an einem Haken, der recht kräftig wirkt.

Ein Schließer kommt, öffnet den Schieber und grunzt - nicht unhöflich, nein, nur sehr gelangweilt. Er sperrt die Türe auf, es knirscht.
Er tritt ein mit einem Tablett, ein Teller, Besteck, ein kleiner Topf - Mittag also.
Er stellt das Essen auf den Tisch, grunzt ein ˋguten Appetit´ und geht.


Etwas stimmt nicht. Etwas fehlt.

Das Schloss, schießt es mir durch den Kopf, er hat vergessen, die Tür zu versperren.

Ich starre auf die Tür, mit angehaltenem Atem.

Das Essen ist mäßig, nicht schlecht, aber auch nicht gut.
Ein Eintopf, sogar mit Fleischeinlage, Brot dazu. Ich kauen jeden Bissen zwanzig mal. Das ist gesünder, heißt es.

Dabei vergeht Zeit, weiß ich.

Der Haken in der Decke ... und die Tür ist unversperrt, denke ich.
Beides nicht einfach: Das Laken ausfasern, einen Strick drehen der hoffentlich hält und ... wie funktionierte noch dieser Knoten?
Oder die Tür aufschieben, und leise, vorsichtig den Weg hinaus suchen. An den gelangweilten Schließern vorbei hinaus.

Das Urteil vorwegnehmen. Welches Urteil?

Werden sie einfach hereinkommen und vollstrecken, was das Urteil gebietet oder ... aber es kann ja ein Freispruch sein, Rehabilitation, Freiheit und Ehre.

Oder kommen sie, um weitere Fragen zu stellen, oder ...

Ich weiß es nicht.

+++
danke fürs Lesen ...

Und ja, ich habe Fragen. Eine:
Die Geschichte ist sehr still, besonders, was die ˋPointe ´ angeht.
Ist die trotzdem erkennbar?

cheers, Uli

Offline Xaranis

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #1 am: 19 Januar 2018, 11:32:54 »
Tja, mir gehts wie dem Inhaftierten. Ich weiß auch nicht.
Aber ich versuch's mal.  :cheese:

Die Wahl der kurzen, abgehackten Sätze scheint mir sehr Uli-like. Sehr verwirrend, das Ganze, was wohl das Durcheinander in seinem Kopf wiederspiegelt.

Zitat
Drei mal drei Meter, dazu ein Quadratmeter für den Abort.
Alles weiß gestrichen, Fließen in der Sanitärecke, eine Pritsche, ein Tisch ... eben eine Zelle.
Eine Einzelzelle. Allein sein.


"Allein sein" springt mir ins Auge. Was bedeutet das für ihn? Allein zu sein?

Zitat
Trotzdem eine Zelle.
Mit einer schweren Tür, die einen Schieber hat, damit man hineinschauen kann, und einer Sprechanlage - damit können sie mich aufrufen, wenn es nötig ist.

Wenn es soweit ist.

Wenn das Urteil verkündet ist.

"Wenn es soweit ist": Schockmoment. Mein erster Gedanke: Wird er zu einer Hinrichtung abgeführt, wenn diese Zelle aufgeht?
"Wenn das Urteil verkündet wird" - hmmm. Das entschärft für mich wieder die Wirkung.


Zitat
Ob sie das auch tun werden, weiß ich nicht.

Vielleicht kommen sie auch nur herein, verlesen das Strafmaß - oder den Freispruch, beeile ich mich anzufügen - und vollstrecken sogleich.

Ich weiß es nicht.

Hat ihn denn sein Anwalt nicht aufgeklärt? Und verliest mein ein Strafmaß in der Zelle? Macht man das nicht in der Verhandlung?

Zitat
Tod durch irgendwas, Hiebe mit Knute oder was auch immer, Kerker - oder eben Freispruch, vielleicht. Vielleicht.

Vielleicht holen sie mich aber auch zu einer erneuten Vernehmung, wollen Fragen stellen, Genaueres erfahren, zu meinen Gründen, oder zu der Vorgeschichte, oder ...

Ich weiß es nicht.

Tod durch "irgendwas" heißt für mich, er will über die Möglichkeiten, die's da so gibt lieber gar nicht genauer nachdenken.
Seine Gedanken fliegen durch den Satz und zeigen das Durcheinander in seinem Kopf (wie der ganze Text). Seine Gedanken bewegen sich ständig im Kreis, er kommt zu keinem Ergebnis. 
Zwischen Bangen und Hoffen. Aber mehr Bangen als Hoffen.
Das "Ich weiß es nicht" am Ende sagt mir: Er möchte gern ein wenig verdrängen, den Gedanken abwürgen, was alles passieren könnte.
Klar ist für mich: Da er die Abläufe offenbar nicht kennt, ist er wohl zum ersten Mal zu Gast im Knast.

Zitat
Die Deckenleuchte hängt an einem Haken, der recht kräftig wirkt.

Er denkt an Selbstmord. Ist das nicht ein wenig früh? Immerhin steht doch auch ein Freispruch im Raume, oder?

Zitat
Ein Schließer kommt, öffnet den Schieber und grunzt - nicht unhöflich, nein, nur sehr gelangweilt. Er sperrt die Türe auf, es knirscht.
Er tritt ein mit einem Tablett, ein Teller, Besteck, ein kleiner Topf - Mittag also.
Er stellt das Essen auf den Tisch, grunzt ein ˋguten Appetit´ und geht.


Mittag also: Hat er kein Zeitgefühl? Oder kommt kein Tageslicht in die Zelle?

Zitat
Etwas stimmt nicht. Etwas fehlt.

Das Schloss, schießt es mir durch den Kopf, er hat vergessen, die Tür zu versperren.

Ich starre auf die Tür, mit angehaltenem Atem.

Wirklich??? Na, ich weiß nicht, ob ich dir das glaube. Gesteh mir zumindest zu, zu zweifeln.
Oder lässt der Wärter die Tür extra auf? Kommt leider nicht rüber.

Zitat
Das Essen ist mäßig, nicht schlecht, aber auch nicht gut.
Ein Eintopf, sogar mit Fleischeinlage, Brot dazu. Ich kauen jeden Bissen zwanzig mal. Das ist gesünder, heißt es.

Dabei vergeht Zeit, weiß ich.

So. Hiermit habe ich ein Problem. Wenn die Zellentür offen ist, denke ich nicht ans Essen.

Zitat
Der Haken in der Decke ... und die Tür ist unversperrt, denke ich.

Wieso ist der Haken an der Decke jetzt überhaupt noch eine Alternative? Raus da! Ist doch klar!
Oder will er am Ende vielleicht gar nicht raus? Könnte sein - leider wird das für mich aber nicht eindeutig klar.

Zitat
Das Urteil vorwegnehmen. Welches Urteil?

Verwirrt mich völlig. Wartet er nun auf ein Urteil oder nicht? Wird eins gefällt oder nicht? Gibt es eine Verhandlung oder nicht?

Du wirfst eine Menge Fragen auf. Finde ich gut - einerseits. Aber du lässt mich zu lange in der Luft hängen, lässt mich Schlussfolgerungen treffen, die vielleicht richtig sind, vielleich auch falsch. Ich weiß es nicht. Und das nervt mich irgendwann.
Ich hätte gern früher Klarheit darüber, was hier gespielt wird, was mit ihm los ist. Nicht NUR Fragen, sondern auch die ein oder andere Erkenntnis.

Die Pointe erkenne ich leider nicht. Er ist am Ende kein Stück weiter als am Anfang. "Er weiß nicht."

Hilft dir das weiter?

« Letzte Änderung: 19 Januar 2018, 11:52:17 von Xaranis »
  • Ich schreibe gerade: an meinem historischen Roman

Offline Uli

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #2 am: 19 Januar 2018, 13:58:06 »
ay Xaranis,

Danke schön - und ja, das hilft weiter.
Weil du die richtigen Fragen stellst - das sagt mir, was von der Geschichte funktioniert. Und was eben nicht ...
Genaueres später, um Röster nicht zu beeinflussen.
bis dahin  :b5:

cheers, Uli

Offline Lilith

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #3 am: 19 Januar 2018, 14:17:06 »
Hallo Uli,

ja, die "Pointe" ist subtil, wenn ich sie richtig verstehe.
Für mich liegt sie darin, dass der Gefangene durch die Methode(n in) der Einzelhaft zu gebrochen ist, um eine Flucht auch nur zu versuchen, selbst als ihm die Tür aufgehalten wird. Ein Verheddern in diesen Gedanken, die keine anderen Möglichkeiten mehr offenlässt - er grübelt und ist nicht mehr nur in einer Einzelzelle gefangen, sondern noch dazu in vollkommener Gleichgültigkeit und Passivität.
Was mir fehlt, ist zumindest die Andeutung eines Grundes, warum das so ist. Da fällt es mir schwer, mir einen Reim darauf zu machen, sodass ich mir sogar über das Setting unsicher werde? Ist das noch unsere Gegenwart oder ein Zukunftsentwurf über neue Möglichkeiten der Haft?

Da würde ich mich doch über mehr Kontext freuen, sonst wickelt sich diese kleine Geschichte nur um ihren Konflikt und nimmt sich selbst den Raum, mehr Kraft zu entfalten.

Hinweise für meine Lesart sind für mich:
Trotzdem eine Zelle.
Mit einer schweren Tür, die einen Schieber hat, damit man hineinschauen kann, und einer Sprechanlage - damit können sie mich aufrufen, wenn es nötig ist.
Wenn es soweit ist.
Wenn das Urteil verkündet ist.
Hier ordnet er sich ganz klar unter - als einer, der das Urteil nurmehr zu erwarten hat. Nichts, kein Widerstand, nicht mal in Gedanken. Gegebene Fakten, die anderen haben die Macht. Er keine.

Zitat
Ob sie das auch tun werden, weiß ich nicht.
Vielleicht kommen sie auch nur herein, verlesen das Strafmaß - oder den Freispruch, beeile ich mich anzufügen - und vollstrecken sogleich.
Ich weiß es nicht.
Wieder Gehorsam, Unterwerfung.
Die Hoffnung auf Freispruch kommt nicht von ihm. Er hat keine Hoffnung mehr. Er hat nicht mal mehr Erwartungen.

Zitat
Tod durch irgendwas, Hiebe mit Knute oder was auch immer, Kerker - oder eben Freispruch, vielleicht. Vielleicht.
Vielleicht holen sie mich aber auch zu einer erneuten Vernehmung, wollen Fragen stellen, Genaueres erfahren, zu meinen Gründen, oder zu der Vorgeschichte, oder ...
Ich weiß es nicht.
Eben, er weiß es nicht, es gibt nur unendliche Vielleichts in einer Welt, in der Kämpfen oder Auflehnen sinnlos geworden sind.
Es gibt nur die Macht der anderen, nur das, was die anderen wollen.
Nichts, was er will.

Zitat
Die Deckenleuchte hängt an einem Haken, der recht kräftig wirkt.
Der verdeckte Gedanke an Suizid geht genauso schnell wie er geht, ohne es gewagt zu haben, sich diesen letzten Ausweg zu auch nur in der Fantasie zu nehmen.
Das finde ich übrigens ein gutes, weil sehr treffendes und passendes Detail: Die meisten Suizide in Haft erfolgen in der U-Haft, bevor irgendein Urteil oder sonst was gesprochen werden konnte.

Zitat
Ein Schließer kommt, öffnet den Schieber und grunzt - nicht unhöflich, nein, nur sehr gelangweilt. Er sperrt die Türe auf, es knirscht.
Er tritt ein mit einem Tablett, ein Teller, Besteck, ein kleiner Topf - Mittag also.
Er stellt das Essen auf den Tisch, grunzt ein ˋguten Appetit´ und geht.
Beobachtung ohne Wertung, noch dazu nimmt er den Schließer in Schutz. Keine eigene Emotion (mehr).

Zitat
Etwas stimmt nicht. Etwas fehlt.
Das Schloss, schießt es mir durch den Kopf, er hat vergessen, die Tür zu versperren.
Ich starre auf die Tür, mit angehaltenem Atem.
Das erste Mal, dass so etwas wie Bewegung in den Protagonisten kommt, aber auch die versackt in verhaltenem Nichtstun. Mehr als Starren und Atemanhalten gelingt ihm nicht.

Zitat
Das Essen ist mäßig, nicht schlecht, aber auch nicht gut.
Ein Eintopf, sogar mit Fleischeinlage, Brot dazu. Ich kauen jeden Bissen zwanzig mal. Das ist gesünder, heißt es.
Dabei vergeht Zeit, weiß ich.
Zeit vertreiben, sein einziger Sinn hier, das letzte, was geblieben ist.

Zitat
Der Haken in der Decke ... und die Tür ist unversperrt, denke ich.
Beides nicht einfach: Das Laken ausfasern, einen Strick drehen der hoffentlich hält und ... wie funktionierte noch dieser Knoten?
Oder die Tür aufschieben, und leise, vorsichtig den Weg hinaus suchen. An den gelangweilten Schließern vorbei hinaus.
Das Urteil vorwegnehmen. Welches Urteil?
Flucht ist also immer mit Selbstmord gleichzusetzen? Die Schließer sind gelangweilt, aber "das Urteil vorwegzunehmen" (das schließt den Freispruch aus), hieße: aus der Zelle raus in den sicheren Tod zu rennen?

Zitat
Werden sie einfach hereinkommen und vollstrecken, was das Urteil gebietet oder ... aber es kann ja ein Freispruch sein, Rehabilitation, Freiheit und Ehre.
Oder kommen sie, um weitere Fragen zu stellen, oder ...

Ich weiß es nicht.
Und weiter im Kreis.
Es gibt keinen Ausweg.

Er ist gefangen, Einzelhaft nicht nur in dieser Zelle, sondern auch in sich selbst, in seinem Kopf, seinen ewig kreisenden Gedanken.

Tja, so lese ich das. Wie gesagt, mir fehlt etwas die Orientierung, um das Ganze besser einordnen zu können und nicht selbst im ziellosen Grübeln über diesem Stück Text zu versacken.

Liebe Grüße,
Lilith
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"Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller."
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Offline Uli

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #4 am: 19 Januar 2018, 14:30:34 »
ay Lilith,

oy!
beinahe ganz genau getroffen - und die eine Schwachstelle festgemacht! Danke!

Die Schwachstelle ist die Sache mit der offenen Tür - da gibt es die Option, die Flucht zu wagen, also das Urteil ˋFreispruch´ vorwegzunehmen. Das muss klarer werden ... glücklicherweise habe ich noch ein paar Worte offen. Achtzehn, um genau zu sein.
Das wird gehen.

Zugleich zeigst du mir noch mal deutlich die Schwachstelle der Randbezirke: Manche Dinge bleiben auf der Strecke. Deshalb wollte ich ja auch ... aber diese Geschichte wollte eben geschrieben werden, und wer bin ich, ihr da reinzureden?

alles Liebe! Uli

Offline eska

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #5 am: 19 Januar 2018, 18:04:26 »
Hi Uli.
Ich bin etwas verwirrt: Hatte heute morgen eine Röstung geschrieben und bilde mir ein, sie auch schon rot auf Rot gesehen zu haben. Wo ist die hin??

Egal: Kurzgefasst habe ich in deiner Geschichte gelesen, wie ein Mensch auf ein Urteil wartet, das er selbst nicht mehr abgeben kann, unfähig zur Entscheidung, unfähig zu beurteilen, was ge-recht ist. Ihm scheint alles recht, Tod wie Freispruch, genau wie sowohl Strick als auch offene Zellentür Auswege sind, scheinbar gleichwertige, für die er sich nicht entscheidet, sondern stattdessen die 'Sicherheit' des Gewohnten 'wählt' (indem er nicht wählt), das Leben in der Zelle weiterführt.
Tiefgreifende Verunsicherung bis hin zur Selbstaufgabe, Abgabe aller Entscheidung über das Ich an die Außenwelt. Das ist auch eine Vorwegnahme des Urteils.

Ich hoffe, das ist verständlich genug. Und hilfreich.

Lieben Gruß,
eska
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Offline Uli

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #6 am: 19 Januar 2018, 19:27:42 »
Ay Eska
 Nur kurz  da vom iPod ...
Danke, hilft, und richtig gelesen

 :wink:
Uli

Offline Lilith

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #7 am: 20 Januar 2018, 10:32:47 »
Hallo Uli!

Ein Punkt, den ich in meiner Röstung vergessen habe, den ich aber noch ansprechen wollte, weil ich ihn für die Geschichte wichtig finde: Es ist sehr auffällig, dass der Protagonist nicht einen Gedanken auf die Tat (ob nun tatsächlich begangene oder ihm nur unterstellte) verwendet. Es findet nicht mal mehr eine Auseinandersetzung mit möglicher Schuld oder Unschuld statt, die Wut, die Verzweiflung, all das ist völlig versackt. Auch die Folgen eines Freispruchs bleiben ungenannt, bis auf ein paar Floskeln ("Rehabilitation, Freiheit und Ehre"), keine Angehörigen, nichts. Er ist bezugslos geworden in einer Welt, die ihm jeglichen Bezug genommen hat.
Er ist leer - und wohl seine eigene Angst vor der Leere geworden.

Zugleich zeigst du mir noch mal deutlich die Schwachstelle der Randbezirke: Manche Dinge bleiben auf der Strecke. Deshalb wollte ich ja auch ... aber diese Geschichte wollte eben geschrieben werden, und wer bin ich, ihr da reinzureden?

Aber warum sich einschränken lassen?
Ich verstehe, warum die Randbezirke dir nicht mehr ausreichen, aber warum zwängst du dich in dieses Korsett, wenn eine Geschichte etwas von dir will? Für mich klingt das nach zwei Möglichkeiten, die dir für sie - und andere Geschichten, an denen das Schreiberlingsherz irgendwie noch hängt:
1. Du versuchst den Kram, der sonst untergeht, doch noch irgendwie in dieses Format zu bringen mit feinen, aber umso stärkeren Andeutungen. Da reicht ein Satz, manchmal auch nur ein bis zwei Worte, die, solange sie gut gewählt sind, umso mehr Eindruck hinterlassen und herausstechen sollten.
Das habe ich z.B. an den Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert immer so bewundert.
2. Du lässt die Vorgabe Vorgabe sein und schreibst die Geschichte so, wie sie es von dir verlangt. So, wie sie geschrieben werden will, geschrieben sein muss.

Alles Liebe!
Lilith
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Offline Uli

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #8 am: 20 Januar 2018, 13:36:20 »
ay Lilith,

tja ... diese Geschichte wollte genau zu den Randbezirken - und jetzt ist mir auch klar, warum. Dank deiner letzten Anmerkung:

Das Format erlaubt es, das Verbrechen / die Anklage völlig außen vor zu lassen. Und das ist wichtig: Egal, was es ist, sobald es erwähnt wird, wäre die Luft raus.
Zum einen, weil Leser die Tat selber bewerten würden (ganz automatisch), zum anderen, weil diese für das, was die Geschichte will, völlig ohne Belang ist.

Für den Prota ist die Sache abgeschlossen: Was auch immer er getan hat, das ist nicht mehr spannend. Er hat seine Aussage gemacht, der Rest liegt nicht mehr bei ihm.

danke schön!
Uli

Offline Uli

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #9 am: 20 Januar 2018, 14:08:27 »
ach ja ...

es ist auch völlig egal, ob der Prota (oder der Leser) die Tat überhaupt für ein Verbrechen hält. Oder für eine Heldentat. Oder ... egal.
Deswegen kann die Tat auch nicht benannt werden - das würde die Frage nach der Rechtfertigung aufwerfen, und die kann ich gar nicht brauchen.

Es reicht, dass ˋjemand´ die Sache für strafwürdig hält, und dass dem Prota eben nicht unbedingt klar ist, warum und in welchem Ausmaß.

Robur

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #10 am: 20 Januar 2018, 23:27:44 »
Moin moin

dein Text ist tatsächlich nicht nur sehr ruhig er scheint sogar auf eine Art still zu stehen, was aber meiner Ansicht nach hervorragend passt. Für mich scheint die Person schon mit dem Leben abgeschlossen zu haben. Offensichtlich erwartet sie, dass es bald beendet wird, obwohl der Prota sich noch einzureden versucht, dass er vielleicht auch freigesprochen werden könnte – was er aber eigentlich nur aus „Pflicht“ tut. Er glaubt schon längst nicht mehr daran. Die Vorstellung, dass sie ihn auch bloß zu einer Befragung holen könnten, scheint für ihn ermüdend zu sein. Ich höre geradezu das innerliche Seufzen und sehe seine herabsackenden Schultern.

Tod durch irgendwas, Hiebe mit Knute oder was auch immer, Kerker
Das lässt mich aufmerken. Nicht das, was ich erwartet habe. Kein elektrischer Stuhl oder dergleichen und ich frage mich, wo wir sind. Anhand der Einrichtung schließe ich die Vergangenheit aus – also in der Zukunft? Scheint aber eine verwahrlose Zukunft zu sein, wenn man auf Hiebe mit der Knute zurückgreift.

Die Deckenleuchte hängt an einem Haken, der recht kräftig wirkt.
Jop – ist eindeutig: Er zieht (müde) in Erwägung, ob Erhängen für ihn eine Option ist.Es wirkt jedoch auf mich, als sei es eher eine theoretische Gedankenübung und weniger eine Handlungsoption.

Ein Schließer kommt, öffnet den Schieber und grunzt - nicht unhöflich, nein, nur sehr gelangweilt.
Finde ich gut – trägt sehr zur Atmosphäre bei. Alles ist zäh und zieht sich.

Er tritt ein mit einem Tablett, ein Teller, Besteck, ein kleiner Topf - Mittag also.
De Prota hat also die Zeit total aus den Augen verloren. Beängstigend, da das Frühstück ja nicht so lange her sein kann. Aber ihm ist das alles so egal, dass es gewissermaßen vorbeifliegt, ohne dass er es noch groß wahrnimmt. Er scheint nicht einmal mehr zu warten, er… lässt die Zeit verstreichen, bis sich endlich etwas verändert.

Ich starre auf die Tür, mit angehaltenem Atem.

Das Essen ist mäßig, nicht schlecht, aber auch nicht gut.
Haha! Ich wette du hast dir hier vorgestellt, wie der Leser dumm guckt. Eben noch weckst du eine Erwartung: Jetzt geschieht etwas, jetzt wird der Prota was tun! Und dann hockt der Prota doch einfach nur da und futtert vor sich hin, sinniert sogar noch über das Essen vor sich hin.

Dabei vergeht Zeit, weiß ich.
Tja – etwas sinnvolleren als zu kauen kann er mit seiner Zeit anscheinend auch nicht anstelle.

Der Haken in der Decke ... und die Tür ist unversperrt, denke ich.
Beides nicht einfach: Das Laken ausfasern, einen Strick drehen der hoffentlich hält und ... wie funktionierte noch dieser Knoten?
Oder die Tür aufschieben, und leise, vorsichtig den Weg hinaus suchen. An den gelangweilten Schließern vorbei hinaus.

Für mich würde der erste Satz schon ausreichend sein. Die restlichen könnte man fast schon streichen. Die Optionen sind zwar nur angedeutet aber eindeutig. Bisher hat jeder neue Satz mir eine neue Information gegeben aber bei den letzten drei Sätzen habe ich mit den Augen gerollt und mürrisch gemurmelt: „Ja, Danke. Habe ich verstanden. Nun weiter.“

Er hat noch nicht einmal kontrolliert ob die Tür tatsächlich unverschlossen ist.

Das Urteil vorwegnehmen. Welches Urteil?
Eh? Bin irritiert und weiß grade nicht, was ich damit anfangen soll. Fragt er sich welches Urteil man über ihn verhängen wird?

Werden sie einfach hereinkommen und vollstrecken, was das Urteil gebietet oder ... aber es kann ja ein Freispruch sein, Rehabilitation, Freiheit und Ehre.

Oder kommen sie, um weitere Fragen zu stellen, oder ...

Ich weiß es nicht.
Ich mag das Ende, für mich ist es ansich eine runde Sache. Dieses „Ich weiß nicht“ fasst die Haltung des Prota zusammen. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt und noch schlimmer: Er hat nun mehrere Optionen, weiß aber nicht für welche er sich entscheiden soll. Wieso flieht er nicht? Theoretisch gäbe es mehrere Optionen: Zum einen könnte er derart gebrochen sein, dass er sich nicht einmal mehr dazu aufraffen kann. Zum andere könnte es aber auch sein, dass er sowieso nichts mehr hat, zu dem er zurückkehren könnte. Nachdenklich macht mich „Freiheit und Ehre“. Kann er durch einen Freispruch so viel gewinnen, dass eine Freiheit durch Flucht nicht ausreichend ist? Ich frage mich wie viel er verloren hat. Wieso Ehre? In diesem kleinen Wort stecken so viele Hinweise und unbeantwortete Fragen.
Ich vermute aber, dass er zu sehr gebrochen ist. Der ganze vorangegangene Text weist eindeutig in diese Richtung.

Obgleich ich mit einem derart kurzen Schreibstil wie deinem nur schwer warm werde, hat mich dieser Text von dir gefangen. Meine Erwartung ist übrigens, dass der Prota sich nicht bewegen wird. Er wird weder einen Fluchtversuch wagen, noch sich erhängen. Ich glaube nicht, dass er das noch kann.

Offline Uli

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Re: Einzelzelle (Randbezirke)
« Antwort #11 am: 20 Januar 2018, 23:49:35 »
ay Robur,

danke schön!
Besonders hilfreich ist die Anmerkung über die Sätze nach dem ˋder Haken an der Decke, die Tür unversperrt ...´ - an der gleichen Stelle ist Lilith gestolpert, und ich war dabei, da noch einen Satz einzufügen.
Die beiden Sätze zu streichen ist aber die bessere Option - zumindest in dem Konzept Randgebiete.

Das Setting ...
ja, das ist so eine Sache. Radio, elektrisches Licht etc - und ungewöhnliche Gepflogenheiten, z.B. mit der Urteilsverkündung, mit dne möglichen Strafen.
Insgesamt ˋfremd ´, auch, wenn die Einzelteile vertraut wirken können.
an der Grenzen zu irrealen, war der Plan - ohne das zu betonen.

eine  :lava: ?
cheers Uli