Autor Thema: Wüetisheer  (Gelesen 1526 mal)

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Offline Rilyn

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Wüetisheer
« am: 15 September 2016, 04:16:22 »
Hallo Hölle :)

Etwas mehr Spam von Ril zur allgemeinen Belustigung, noch ohne Bedarf auf Eile. Ich nehme an, dass der Text für die Lohmarer Lesenacht selbst in drei Teile zerlegt viel zu lang ist.

Ursprünglich habe ich ihn innerhalb eines Tages zu diesem Wettbewerb geschrieben:
http://www.parc-ela.ch/parc-ela/krimiwettbewerb/die-toten-von-falein.html
Und dabei in meiner Schusselei verpennt, dass der Text eine Längenvorgabe von 10k Zeichen, nicht Worten hat.

Vergammeln lassen will ich ihn aber auch nicht, also ist hier eine überarbeitete Version.

Historische Anmerkungen nehme ich gerne, wenn jemand was über die Zeit 750-850 in der Region Graubünden weiß. :uhoh:
Und da ich vom katholischen Glauben ziemlich wenig verstehe, könnt ihr auch gerne den Klosterbruder zerlegen. (Bobium, woher er kommt, war ein sehr bekanntes Kloster seiner Zeit, er ist wenigstens durchschnittlich gebildet für einen Mönch.)

Viel Spaß!




Wüetisheer

Ein Fichtenzweig schlug Frater Benno ins Gesicht, und noch einmal, bevor er sich mit der freien Hand schützen konnte. Mit dem nächsten Windstoß fegte ihm der Ast die Kapuze seiner Kutte vom Haupt, kleine eisige Klumpen in den Kragen und den Aufschrei von den Lippen.
Zwischen den Fingern hindurch blinzelte er in die Nacht und sah die schwarzen Silhouetten der Bäume gegen den Schnee. Gott im Himmel, seine Augen waren noch heil. Und niemand hatte ihn gehört. Wie auch? Lieber hätte er sich mit seinem Gejammer lächerlich gemacht, als hier einsam und weitab vom Weg durch den Wald an einem Berghang zu stolpern. Der Wald, der Berg und der Wind trieben Schabernack mit ihm und würden ihn umbringen, wenn es ihnen gerade gefiel. Und da sollte er nicht an finstere heidnischen Mächte glauben?
Unterholz, das den Wind abgehalten hätte, gab es keines am Rand der Alm, die Bäume standen einzeln, nicht in Gruppen wie im flachen Land. Der Sturm zerrte an Bennos Mantel und fuhr ihm eiskalt unter die Kutte. Er flüchtete zurück unter die Bäume, geduckt, damit ihm nicht wieder die Fichtennadeln über die Tonsur fetzten. Sein Stecken blieb im Geäst hängen, Zweige schnappten zurück, und mit dem nächsten Schritt drosch er sich selbst das Holz ins Gesicht.
Unter Flüchen, die sich so gar nicht für einen Gottesmann ziemten, kauerte er sich gegen den Stamm, tastete über seine Nase, die rechte Braue und das Jochbein, mit der Zunge über die Zähne, jaulte auf, fluchte noch einmal. Ein Zahn war lose, vielleicht auch mehr, die Lippen blutig. Gut, dass der Abt, weit weg in Bobbio, ihn nicht hören konnte. Den Herrgott würde er später um Verzeihung bitten. Hoffentlich bei einem warmen Bier und einer Schale Grütze, denn seinen letzten Proviant würde er mit den losen Zähnen nicht kauen. Verdammt, er hatte noch nicht einmal zwei Dutzend Jahre erreicht und dachte schon wie ein Greis! Er spuckte Blut aus, jaulte gleich noch einmal auf, und spuckte einen Zahn hinterher.
Über ihm in den Bäumen knackte es bedenklich. Einen fallenden Stamm auf den Kopf brauchte er nicht auch noch. Lieber kroch er wieder auf die Alm hinaus; etwas zurück erinnerte er sich an einen kniehohen Abhang, unter dem er sich vor dem Wind schützen konnte. Der Schnee lag nur dünn auf dem toten Gras vom letzten Jahr.
In Bobbio hatte längst der Frühling das Land fürs Osterfest in frisches Grün gekleidet. Dort hätte er nicht den Schnee weggescharrt, um sich nicht auch noch die Kutte zu durchweichen, sich auf blanker Erde in seinen Mantel gehüllt, einen glatten Stein als Kopfkissen, und ein stilles Gebet gemurmelt, dass der Herrgott ihn schützen möge. Wenn nun in dieser Nacht das Wilde Heer um die Berge zog, war es um ihn geschehen. Er hätte nicht fluchen sollen. Mit klammen Fingern tastete er nach dem Rosenkranz.
Zuerst hielt ihn die Angst wach, dann die wackelnden Zähne, dann der flache Stein, auf dem sein Kopf lag, dann die Kälte, weil er die Kapuze unter sich faltete, dann ein Zweig, der sich selbst durch die Schichten von Wolle in seine Schulter bohrte, und das Heulen in den Bäumen. Es wurde nicht stärker, redete er sich ein. Da waren keine Stimmen. Das war nicht das Wilde Heer, keine beritteten Krieger, heulende Jagdhunde und irrsinnige tote Diebe und auch keine Hollerfrau, die wie ein schönes junges Weib aussah und Klauen nach ihm ausstreckte ...
Der Herr würde seinen Diener schützen, auch, wenn der bisweilen fluchte wie ein Seemann. Schließlich war er ja ins Kloster eingetreten, um die armen Bauern und Schafhirten von solch irrigem Aberglauben abzubringen. Verdammt, wenn nur der höllische Reiter mit seiner Meute nicht versuchte, das zu verhindern!

Am Morgen weckte der Wind ihn mit beißenden Eiskristallen im Gesicht. Seine Finger waren steifgefroren. Zuerst spürte er sie gar nicht, dann zu sehr, als er sich aufrichtete und eine Hand auf den Boden stützte. Eiskristalle glitzerten im Licht der frühen Sonne auf seiner Kleidung. Immerhin lebte er noch.
Die Alm lag unter einer dünnen, aber dichten weißen Decke, und ebenso die Bäume. Der Wind hatte mehr Schnee gebracht als weggefegt. Eingedenk seiner Zähne, die er nicht schon wieder spüren wollte, fluchte Benno nur in Gedanken und sandte sogleich ein Gebet hinterher.
Heute würde er ins Tal hinab steigen und den Pfad wiederfinden, oder ein Gehöft, wo man ihm den Weg weisen konnte. Und wo er ein Bier bekam. Ein warmes. Vielleicht auch zwei. Ihm knurrte der Magen derart, dass er sein letztes hartes Brot einfach einweichen und irgendwie herunterwürgen würde. Die Holzschale füllte er mit Quellwasser aus dem Ziegenbalg, wollte sie nicht in den Dreck stellen und wischte über den flachen Stein. Das Holz klackte hohl darauf. Im selben Augenblick sah er den Zahn daneben liegen, einen Zahn, den nicht er ausgespuckt hatte, und noch einen, und dass der vermeintliche Zweig, der ihn in die Schulter gebohrt hatte, kein Zweig war. An seiner Schlafstatt, neben dem Stein, der kein Stein war, grinste ihn aus dem Erdreich ein Unterkiefer an.

~

Die beiden Bürschchen, die unten im Tal Feuerholz gesammelt hatten, lachten gewiss immer noch über ihn. Benno hätte ja selbst gelacht, wenn er einen totenbleichen Mönch mit geraffter Kutte aus dem Wald und durch den eiskalten Bach hätte rennen sehen, einen, der nichts als wirres Zeug über Zähne und Kiefer und Tote brabbelte. Trotz ihrer Spötterei hatten sich die Halbstarken seiner erbarmt und ihm den Weg zu einem Hof gewiesen, einer Ansammlung von grasgedeckten Lagerhütten und einem Haus aus Fichtenstämmen, in dem sich Mensch und Tier beinahe denselben Raum teilten. Das Haus war nicht neu, aber aus den Fugen schaute dicht das trockene Moos, das den Wind draußen und die Wärme drinnen hielt. Seit er Bobbio verlassen hatte, war er oft genug Gast auf einem solchen Hof gewesen, wenn auch auf keinem so winzigem wie diesem.
Im Gebälk hingen gewaschene wollene Hemden und Bündel getrockneter Pflanzen, von denen Benno nur Stechpalme erkannte. Über die rohen Bretter hinweg, die Wohnraum und Stall teilten, beobachteten ihn die zwei Kühe ebenso eindringlich wie vom Herd herüber drei Rotznasen, von denen er nicht zu sagen wusste, ob es Jungs oder Mädchen waren.
Eine stille junge Frau wusch ihm das Blut von der zerschlagenen Lippe und reichte ihm warmes Bier und Grütze, die er ungeachtet seiner schmerzenden Zähne in sich hinein schaufelte. Das Bier war dünn und sauer und die Grütze fad. Beides fiel ihm erst auf, als er die Schale halb geleert und den zweiten Becher getrunken hatte, und er dankte Gott wie auch den Bauern nicht weniger dafür. Eine alte Frau zerrte ihm noch beim Essen die feuchten Stiefel von den Füßen und stellte sie neben den Herd.
Durch die krumme Tür fegte ein Windstoß herein, gefolgt von einem Mensch, der wohl ein Bär hätte werden sollen, und der zwischen seinem schwarzen Bart und buschigen Brauen ebenso grimmig dreinsah, wie Benno sich einen Bären vorstellte. Eine der Rotznasen huschte davon in den Stall; die Alte wisperte dem Bären etwas zu. Benno widmete sich wieder seiner Grütze, damit er wenigstens nicht mit leerem Magen hinausgeworfen würde.
Der Bär grollte ihn in einer Sprache an, von der er kaum etwas verstand.
"Bitte, guter Mann, sprich langsamer", versuchte Benno es im Italienischen. Seiner Sprachkenntnisse wegen hatten sie ihn geschickt, weil er nicht nur Latein, sondern auch ein paar italienische Dialekte und ein wenig von dem kantigen Germanischen sprach, das sich immer mehr in den Bergen verbreitete. Nicht, dass es ihn weit gebracht hätte; er verständigte sich mehr mit Gesten und Grimassen als mit Worten, seit er ins Gebirge hinaufgestiegen war. Nun hatte er nicht einmal eine Ahnung, ob er sich im richtigen Tal befand, oder ob er zu weit westlich vom Weg abgekommen war.
Der Bär grollte tatsächlich langsamer, und deutete mit einer Pranke auf Bennos lädiertes Gesicht.
"Wer, wer?" war alles, was er verstand. Die Rotznasen kicherten.
Der Bär knurrte - es war wohl ein Räuspern - und versuchte es noch langsamer. "Woher?"
"Bobium", nuschelte Benno. "Bobbio. Italien. Ein Kloster. Sanctus Columbanus."
"Du, Columbanus?"
Benno lief rot an. Er, ein Heiliger, von wegen. "Benno. Frater Benno."
"Hercli", stellte der Bär sich seinerseits vor, und die stille junge Frau als Livia.
Die Alte fixierte Benno; der Bär fragte erneut und wiederholte langsam: "Wohin?"
"Zum Kloster St. Johann." Er rief sich das Idiom der Gegend ins Gedächtnis. "Claustra Son Jon."
"Aha", brummte der Bär. "Falscher Weg. Ganz falsch. Sturm?"
"Sturm. Als ob die Höllenreiter um die Berge gehetzt sind."
Die Rotznasen kicherten wieder; das kleinere Kind zupfte den Bären an seinem Wams aus Schafsfell und plapperte etwas, das Benno auch ohne Worte verstand. Der Bär grinste.
"Wüetisheer? Nein, nein. Nur ein bisschen Wind. Was redest du da, Mönchlein." Was er hinzufügte, stellte unzweifelhaft die Mannhaftigkeit aller Mönche in Frage. Benno zog es vor, nicht darauf zu antworten.
"Kannst du mir den Weg weisen? Zum Claustrum, eh, Claustra Son Jon?"
"Du, Mönchlein", erwiderte der Bär, und deutete auf die leicht erhöhte Nische voller Felle und Decken, wo die Familie sonst schlief. "Ruh aus. Iss. Morgen zeige ich dir den Weg."
"Nein", wehrte Benno ab. "Nicht schlafen. Essen, ja, und Reden. Rede, Mann, sonst verstehe ich dich morgen immer noch nicht!"

Der Bär von einem Bauern nahm es Benno nicht krumm, dass er auf ihn einplapperte. Er musste einfach reden, und jemandem erklären, dass auf der Alm ein Toter lag. Die arme Seele brauchte ein Begräbnis. Über die wenigen, wenn auch mehr und mehr Worte, die er verstand, fand er während der nächsten Stunde heraus, dass westlich von hier, nur wenige Tage zu Fuß, die Kirche St. Peter Mistail stand, von der er schon gehört hatte. Er wollte keinen langen Umweg in Kauf nehmen und sich noch einmal verirren; jemand musste doch einen Priester für die Bestattung holen. Ob der Bauer überhaupt verstand, was er von ihm wollte, wusste Benno nicht zu sagen.
Noch vor dem Mittag warf ihn die durchwachte Nacht im Sturm doch aufs Felllager, und er schlief, bis ihn jemand unsanft zur Seite schob und auch die Bauersleute unter die Felle krochen. Für den Rest der Nacht lauschte Benno dem Wind, der durch die Türritzen kroch, den Lauten der Tiere und dem Schnarchen der Alten. Der Bär schnarchte nicht.
Im Morgengrauen warf er Benno aus dem Bett.
"So, Mönchlein, was sagst du? Toter am Berg? Dein Gesicht, wer hat dich geschlagen?"
"Der Sturm", murmelte Benno. "Niemand. Es war ein Unfall."
"Unfall?"
Benno tastete mit der Zunge nach den losen Zähnen; sie taten nicht mehr so weh wie gestern. Vielleicht würde er sie nicht auch noch verlieren. Die beiden Halbstarken verstanden offenbar genug. Sie lästerten.
"Das Wilde Heer", platzte er heraus. "Der Höllenreiter hat meinen Stecken gepackt und mir ins Gesicht geschlagen!"
Nun lachte auch der Bär, aber es war kein höhnisches Lachen. "Lass gut sein, Mönchlein. Höllenreiter, pah. Dann wärst du tot."
"Jemand andren hat es erwischt."
Der Bär tat aus der Tür, nur im langen Hemd, und rieb sich das Gesicht mit Schnee ab. "So?"
"Den Toten am Berg."
Die Halbstarken wisperten, die Rotznasen starrten unter den Fellen hervor. Die Alte, die das Feuer für den Morgen anfachte, hielt inne, und sah ihn an, als strafe sie ihn für die schlechte Nachricht.
"Ich kann euch zeigen, wo. Die arme Seele braucht ein christliches Grab. Würdet ihr euch darum kümmern?"
"Du bist der Mönch", stellte der Bär mit einer Stimme fest, die keinen Widerspruch duldete.
Einen Becher Dünnbier und eine Schale Grütze mit Ziegenkäse später stapften sie zu viert bergan, dort, wo gestern ein totenbleicher Mönch aus dem Wald gerannt war, wie die beiden Burschen schamlos hervorhoben.

Obwohl er tags zuvor kopflos auf dem erstbesten Weg den Berg hinab gehetzt war, fand Benno sich anfangs gut zurecht. Wo er über Felsen hinabgerutscht war, fehlten Schnee und Moos, er hatte Zweige abgebrochen und im Vorbeistolpern den Schnee von jungen Fichten geschüttelt. Die Söhne des Bauern hatten auch weiter oben keine Mühe, die Zeichen zu lesen. Mit ihren Stecken suchten sie sicheren Tritt, halfen mit den Hacken nach, die sie am Gürtel trugen, wo der Grund überfroren war, und wählten oft einen längeren, aber einfacheren Weg.
Der Bauer selbst ließ sich nichts anmerken; auch nicht, als sie am Rande der Alm standen. Die frühe Sonne tauchte den Schnee in gleißendes Gold. Wenn Benno ins Tal hinunter blickte, war es gar nicht so weit ... und dennoch hatten sie am steilen Hang und im Wald Stunden benötigt.
Nur ein paar Schritte von hier mussten die Knochen liegen. Benno deutete stumm. Die Burschen rannten voraus.
"Sturm, hier oben? Und du lebst noch?" brummte der Bär. Benno war nicht sicher, ob er Spott oder Anerkennung heraushörte.
Jetzt, mit etwas blauem Himmel zwischen den Wolken und im Sonnenlicht, würde es ihn nicht stören, blanke Knochen zu betrachten oder an den Sturm zurückzudenken. Dennoch schauderte ihn beim Gedanken, dass er an derselben Stelle genächtigt hatte, an der ein Toter lag.
"He! Mönchlein!"
Die Stimme des Bären hallte über die Alm. Benno eilte hinüber, wo die beiden Jungen an der Erdmulde kauerten. Es war kein Grab, wie er nächtens noch befürchtet hatte, sondern nur ein Stück fehlender Grassoden, blanke Erde mit einem Hauch harschem Schnee.
Die beiden Burschen kauerten sich neben den Schädel, doch als sie ihn aus der Erde scharren wollten, schlug ihnen der Bauer auf die Finger.
"Mönchlein, was nun? Gebete?"
"Ich bin kein Priester", wehrte Benno ab. "Und hier ist kein geweihter Boden.  Schick deine Jungen zur Kirche. Oder ich schicke jemandem vom Kloster."
Der Bär schnaubte, denn ihm war sicher ebenso klar wie Benno, dass niemand von St. Johann sich wegen der Überreste eines Unbekannten hierher bemühen würde.
Die losen Zähne glänzten in der Sonne. Es waren kleine Zähne, die nicht in die Lücke in Bennos eigenen Gebiss gepasst hätten. Unsinn, die kam ihm sicher nur größer vor, als sie war. Aber auch der Kiefer, bei Tageslicht besehen doch nur ein Stück alter Knochen, wirkte schmal. Er griff sich an den eigenen Kiefer unter dem kurzen Bart und dachte an die Knochen, die er in vielen Beinhäusern gesehen hatte. Sogar sein eigener war breiter und kantiger als dieser.
"Eine Frau."
"Frau?" knurrte der Bär und deutete auf den Schädel.
"Sieht so aus", bestätigte Benno, streckte die Hand nach dem Kiefer aus, zögerte einen Augenblick und deutete die schmale Form an. "Eine Frau."
Hatte er erwartet, dass die Bürschchen wieder irgendeine Bemerkung machen würden? Sie taten es nicht. Einer wich zurück. Der andere murmelte etwas vor sich hin, das Benno trotz der Bauernsprache als Vaterunser erkannte.
"Fürchtest du nun doch das Wilde Heer?" versuchte, er zu scherzen, vergeblich.
Der Bauer stützte sich auf seinen Stecken und starrte auf die Knochen hinab.
"Bete für sie, Mönch."
Das war keine Bitte. Benno kniete im Schnee nieder und faltete die Hände um den Rosenkranz. Danach scharrte er etwas Erde über die Knochen. Der Bär drückte ihm die verdreckte Kumme in die Hand, die er völlig vergessen hatte.
Erst, als sie im immer noch schattigen Tal den Bach erreichten, räusperte sich der Mann.
"Gianin, Pirmin, lauft zu den Nachbarn und holt sie auf den Hof." Und als die Jungen davon rannten, schlug er mit dem Stecken gegen einen Baumstamm, und noch einmal, und trat hinherher, bevor er tief durchatmete.
"Die Tote, Mönchlein, das ist meine Frau."
Damit schritt er weiter das Tal entlang; Benno eilte hinterher.
"Deine ... Aber ist nicht Livia deine Frau?"
"Mengia. Die Mutter von Gianin und Pirmin."
"Du wusstest nicht, dass sie tot ist? Die Knochen könnten auch von -"
"Mengia ist tot. Neun Jahre." Abrupt blieb der Bauer stehen und stieß Benno mit den Knöcheln vor die Brust. "Du, Mönchlein, du hast keine Ahnung. Du glaubst, Gott schützt dich. Sie auch. Ist dem Höllenreiter nicht aus dem Weg gegangen. Nie."
Ein eisiger Windstoß zerrte an Bennos Kapuze wie ein Vorbote des Wilden Heeres.

~

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« Letzte Änderung: 15 September 2016, 04:25:35 von Rilyn »
  • Ich schreibe gerade: Zuviel auf einmal.

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Re: Wüetisheer
« Antwort #1 am: 15 September 2016, 04:16:29 »

Am späten Nachmittag, den der Bauer mit Arbeit und Benno am Feuer verbracht hatte, waren die Jungen zusammen mit drei weiteren Männern und einem alten Kauz zurück. Der Wind hatte den verbliebenen Schnee an der Hauswand aufgetürmt und pfiff durch die Türritzen. Die Männer drängten sich eng um den Herd. Von ihrer Unterhaltung verstand Benno zuweilen sogar ganze Sätze, auch, wenn es nur um die Vorräte ging und und eine Kuh, die keine Milch mehr gab, bis endlich der Bär dazwischen ging und von der Toten auf der Alm sprach.
Für einen Moment war es still.
"Du weißt, sie reitet mit dem Wüetisheer", krächzte schließlich der alte Kauz. "Wie soll das die Mengia sein, wenn sie doch reitet?"
"Dazu braucht sie ihre Knochen nicht", entgegnete einer der Jüngeren und erntete einen wütenden Wortschwall von dem Burschen Pirmin, bis dessen Vater ihm über den Mund fuhr.
"Schluss! - Und du, sprich nicht so von meiner Frau."
"Weshalb auf dem Berg?" war alles, was Benno von der Frage des Dritten verstand. Sie wussten es nicht, oder sie fürchteten, es zu wissen, wie sie murmelnd ins Feuer starrten. "Was tat sie da oben? Wann ist sie gestorben, Hercli?"
"Zu Ostern."
"Vor der Almwirtschaft? Was wollte sie da?"
"Das Wüetisheer war's!" rief Gianin dazwischen. "Sie haben sie mitgenommen und ihre Knochen dort hingeworfen!"
"Halt den Mund, Junge. Das wollen wir ja wissen. Dem Wüetisheer kommt man nicht in die Quere."
"Aber wenn nicht", grollte der Bär, "dann versagen wir ihr das Himmelreich. He, Mönchlein, was meinst du?"
Benno konnte nicht umhin, an die Knochen unter der dünnen Schneeschicht zu denken, einsam und für fast ein Jahrzehnt vergessen.
"War sie denn ... eine gute Christin?"
"Der Herr wird über sie richten, nicht du."
"Sie sollte die letzte Ölung erhalten," sagte Benno rasch und beschämt, von einem Bauern daran erinnert zu werden, dass er doch nur ein Diener des Herrn war. "Holt einen Priester, oder bringt sie nach St. ... Son Peder Mistail."
Einer der Männer knurrte seine Zustimmung, die anderen murmelten unter sich, der alte Kauz wetterte halblaut vor sich hin. Benno hörte Angst heraus, Angst vor dem Höllenreiter und seinem Gefolge.
Die junge Frau huschte zu dem Bären. "Bitte", sagte sie nur.
Ihr Mann drückte ihre Hand und nickte, erwiderte aber: "Das Wüetisheer geht uns alle an."
"Wir haben ihren Rössern genug Heu gelassen!"
"Aber die Toten reiten mit dem Sturm und den Raben! Die zu früh gestorben sind, oder durch Gewalt, die soll man nicht verärgern!"
"Und deshalb bleibt sie dort oben!" keifte der Kauz.
Das folgende Wortgefecht beendete die Alte, indem sie einen Krug Bier zwischen die Männer stellte und mit brüchiger Stimme forderte: "Sie ist meine Tochter, und ich sage, lasst sie in Frieden."
"Mutter hat keinen Frieden dort oben!" rief Pirmin, dem Benno ansehen konnte, dass er in Gegenwart der Männer nicht heulen wollte. Dafür begann eines der kleinen Kinder zu plärren, weil es nicht verstand, und die junge Frau  mühte sich, es zu beruhigen.
"Der Junge hat recht", bekräftigte Benno. "Vertraut auf den Herrn. Mich hat er auch bewahrt -"
"Vor ein bisschen Wind", grollte der Bär. "Nicht vor dem Geisterheer."
"Vor allem hat er mich zu ... zu der Toten geführt."
Oder hatte das Wilde Heer ihn dorthin getrieben? Ihn schauderte. Nein, er wollte auf den Herrn vertrauen, verdammt! Und nun fluchte er gar im Namen des Herrn, so sehr plagte ihn selbst die Furcht.
Der Kauz spuckte ins Feuer. "Wird uns Gott vor dem Wüetisheer schützen?"
Die alte Frau packte Bennos Ärmel, ruckte daran und sprach so deutlich, dass er jedes Wort verstand: "Hör nicht auf sie, Mönch. Meine Mengia ist verloren für euch Kirchendiener. Ihr und eure Rosenkränze und Ave Marias, ihr habt keine Ahnung, was wirklich ist und was nicht. Geh fort!"
"Lass den Mönch in Ruhe, Jelscha", knurrte der Bär. "Morgen holen wir Mengia heim."

Der alte Kauz gab noch auf dem Weg zurück zu seinem Hof lautstark bekannt, dass er nicht zufrieden damit sei. Die übrigen widersprachen der Entscheidung des Bären nicht. Sicher hätten sie dasselbe für ihre Verwandten getan. Oder lag es nur daran, dass er, Benno, den Bauern den Schutz des Herrn predigte, obwohl er doch selbst daran zweifelte?
Dummes Zeug, es war besser so. Er würde nicht altem Aberglaube anheimfallen. Wenn es ein Wildes Heer gab, dann war es doch nichts vor dem Herrn! Er würde Gebete für die arme Seele sprechen, und auch für die Bauern, und eine Messe lesen lassen, wenn er erst in St. Johann ankam. Heute war es zu spät, um noch aufzubrechen.
Benno half den Burschen und der jungen Frau, den Schnee vom Haus fort und vom Dach herunter zu schaufeln; der Bär spaltete Scheite, sah nach dem großen Schlitten, leerte eine Kiste, in der er Reisig fürs Feuer gelagert hatte, und polsterte sie mit Heu.
"Ist das recht, Mönchlein? Ist das genug ..."
"Sie nimmt es dir gewiss nicht übel." Ihm wäre jedenfalls eine Kiste recht, wenn er nur von der Alm herunter käme. Der Priester von St. Peter Mistail würde sich schon um den Rest kümmern, oder die Dörfler dort.
"Gut, gut. Du hilfst graben? Morgen?"
Benno nickte. Er wollte keine Knochen ausgraben; aber er fühlte sich in der Pflicht, nicht tatenlos danebenzustehen oder gar morgens aufzubrechen und die Bauern im Stich zu lassen mit ihrem Aberglauben.
"Und du zeigst mir den Weg zum Kloster. Tags drauf."
"Du kommst mit uns. Das Tal hinunter, ins Dorf -"
"Aber -"
"Nicht bis zur Kirche. Der Weg zweigt ab." Unter seinem Bart grinste der Bär. Fröhlich sah er nicht drein. "Du hast es eilig, Mönchlein. Geh hinein, sag Mutter Jelscha, wir haben Hunger."
Benno war es nur recht, sich die Hände wärmen zu können. Am Herd hockte das kleinste der Kinder und bohrte in der Nase.
"Wo ist deine Großmutter?" fragte Benno und erntete nur einen neugierigen Blick. Richtig, vielleicht nannten die Kleinen sie nicht die Großmutter. "Mutter Jelscha. Wo?"
Die Rotznase zeigte zur Tür. Benno zog die Kutte um sich und trat wieder hinaus in den kalten Wind. Das Kind zupfte an seiner Kutte und deutete auf die schon vom Wind abgerundeten Spuren im Schnee, in Richtung der Alm.

~

Abendlicher Schatten tauchte den Wald in Dunkelheit. Der Bär trug eine Laterne. Die Burschen hatte er zum Hof zurückgeschickt. Benno hatte beinahe darauf gehofft, ebenfalls gefragt zu werden. Ihm graute, noch einmal im Dunkeln zu jener Stelle auf die Alm zu steigen, gerade jetzt, wo der Wind noch einmal so stark durch die Bäume fegte, wie um ihn an die Nacht zu erinnern, die er dort oben ausgeharrt hatte. Vielleicht war die Alte nie so weit gekommen, vielleicht war sie umgekehrt ... nein, alte Menschen waren stur.
"Kommt sie denn überhaupt den Hang hinauf?" schrie er gegen den Wind an. Erst beim dritten Mal verstand der Bär.
"... nicht so alt, wie sie aussieht   !" brüllte er zurück. Die Sorge sah Benno ihm trotzdem an.
Was will sie, wollte er fragen, aber es hätte keinen Sinn. Die Alte hatte nichts für die Kirche übrig, das war offensichtlich; vielleicht wollte sie ein Begräbnis verhindern. Unsinn, sie hatte darauf bestanden, dass man die Knochen dort ließ, wo sie waren. Womöglich plante sie ein heidnisches Ritual. Mit dergleichen hatte Benno nie zu tun gehabt, und er wollte es auch nicht, aber er konnte auch nicht guten Gewissens wegsehen.
Mit den dicken Fäustlingen, die ihm der Bär gegeben hatte, fühlte er den Rosenkranz nicht, und so zog er einen aus und stopfte ihn hinter den Gürtel.
Warum hatte eine seit zehn Jahren tote Frau keine Kleider mehr an ihren Knochen? Keine Reste von einem Fellumhang, keine Schuhe oder eine Mantelschließe?
Sicherlich war sie nur ausgeraubt worden. Benno wollte es selbst nicht glauben. In dieser Einöde gab es für Wegelagerer nichts zu holen. Wenn sie hier nicht vom Wetter und den Bergen getötet worden war, dann ... Herr im Himmel, von einem derer, die vorhin am Feuer gesessen hatten? Oder gar von dem Bären, der ihm voranstapfte? Wohl kaum. Aber einer mochte ihr Grund gegeben haben, sich selbst zu töten. Dann würde er einer Selbstmörderin ein Begräbnis in geweihter Erde verschaffen. Oder einer, die in Nacht und Wind selbst ein heidnisches Ritual vollführt hatte und sich selbst den Schutz versagt, den der Herr ihr geboten hätte!
Verdammt, dachte Benno und schämte sich nicht so sehr für den erneuten Fluch wie dafür, das schlechteste von der armen Frau anzunehmen. Selbst, wenn sie sich umgebracht hatte, war es nicht an ihm, über sie zu urteilen.
Es grenzte schon an Selbstmord, bei diesem Wetter den Hang hoch zu zu kriechen, wenn der Wind an Mantel und Kleidung zerrte, als wolle er einen mit sich in die Lüfte reißen. Rupften da nicht Geisterhände an seinem Kragen und schlugen ihm die Kapuze ein ums andre Mal vom Kopf? Er schüttelte den Gedanken ab. Geister. Schwachsinn. Wenn der Herrgott ihn prüfen wollte, dann würde er sich dem stellen! Der Sturm schüttelte ihm hämisch Eisklumpen von den Bäumen aufs Haupt.
Im Dunkel verlor er die Orientierung und jede Ahnung, wie weit sie schon gekommen waren; und er hatte seine Mühe, der Laterne zu folgen. Nur selten wandte der Bär sich nach ihm um, half ihm über einen Fels zu klettern oder einen überfrorenen Hang zu überwinden. Als der Berg schon flacher auslief, vielleicht dort, wo er sich den eigenen Stecken ins Gesicht geschlagen hatte, blieb der Bär stehen, und Benno stolperte gegen seinen Rücken.
"Jelscha! Törichtes Weibsbild!"
Eiskristalle brannten auf Bennos Gesicht und bissen in die Augen; er konnte die Alte kaum sehen, und nur hören, weil der Sturm ihre Worte vorbei trug.
"Geh, Junge, fort, fort!"
"Du kommst mit!"
Benno wischte sich über die Augen, gerade, um zu sehen, wie die Alte gestikultierte und etwas in den Wind warf, etwas schwarzes, das Benno an der Stirn streifte und fort war, ehe er es erkennen konnte. Federn? Ihm war, als sausten die schwarzen Schemen von Raben mit dem Sturm umher.
"Jelscha! Lass den Unsinn!"
"Geh, du dummer Junge, geh zu deinen Kindern, ich bring ihnen die Mutter heim!"
Benno wurde es kalt, von innen heraus, kälter als das Eis und der Sturm. Mit tauben Fingern tastete er nach dem Rosenkranz und bekam kaum die Lippen auseinander zum Gebet.
"Jelscha!" brüllte der Bär, doch der Sturm heulte und riss die Worte mit sich. "Lass ... Verstand verloren? ... tot ..."
"... Reiter gerufen ... Raben ... seine Meute! Ich! Geh, be- ... im Weg stehst! Fort, fort!"
Im Sturm kreischten Stimmen. Benno presste die Augenlider zusammen und betete laut, ohne sich selbst hören zu können. Etwas warf ihn mit Wucht auf die Knie - nur eine Sturmbö, oder der Mantel des Reiters, der an ihm vorbeifegte? Beten, nur beten, und auf den Herrn vertrauen, auch, wenn er nur ein einfacher Mönch war, er konnte doch nicht einfach wegrennen!
Eine schwere Pranke fiel auf seine Schulter. Benno schrie.
"Wir gehen zurück, Mönchlein!" dröhnte ihm der Bär ins Ohr, voll Zorn und Bitterkeit.
Benno schützte seine Augen mit einer Hand. "Und Mutter Jelscha?"
Der Bär schüttelte den Kopf. Benno erkannte die nahende Panik darin, wie er zurückwich. "Scherze nicht mit dem Wüetisheer, Mönchlein!"
Der Sturm warf ihm erneut Eisnadeln ins Gesicht, eine Bö, vielleicht auch ein Geisterreiter fuhr zwischen ihnen hindurch, und dann war die Laterne fort, der Bär nur noch ein Schattenriss im Dunkeln.
"Gott wird mir helfen!" schrie Benno zurück.
"... Dummkopf!" war das Letzte, was er noch vernahm, als er sich gegen den Sturm stemmte, den Rosenkranz fest in der einen und seinen Stecken in der anderen Hand. Die Alte sah er nicht mehr; aber er wusste, wohin sie wollte, und wenn der Herr ihn nicht im Stich ließ, konnte er sie erreichen, bevor sie ihr finsteres Werk vollendete. Unter seinen Stiefeln knirschte alter Firn. Finger und Zehen spürte er nicht mehr, und die Augen tränten ihm. Der Sturm, das Wilde Heer, fegte um ihn, hoffentlich ferngehalten von seinen Gebeten und den Namen der Heiligen, die er der unheiligen Meute entgegen schrie.
Hörte er schon die seltsame Musik, von der die Sagen sprachen, oder war es doch nur der Sturm in den Bäumen?
"Geh fort mit deinen Heiligen!"
Heulendes Gelächter. Verdammt! ... er fluchte schon wieder. Es war nur die Alte, die er beinahe über den Haufen gerannt hatte, die am Boden kauerte, ein Gebinde aus Pflanzen und Haaren wand und Worte darüber sprach, die niemand sprechen sollte. Benno wollte nicht hinsehen, wie die Knochen dort sich erhoben und ...
Der Herr mochte ihn bewahren, bevor er den Verstand verlor!
"Halt ein, Weib! Du versündigst dich gegen Gott!"
"Dummer Mönch!" Sie schlug nach dem Kreuz; er sah, dass sie weinte. "Das Wüetisheer hat mein Kind mitgenommen. Sie reitet mir ihnen! Hörst du? Siehst du sie?"
"Nein!" Er wollte sie nicht sehen, wenn sie dort war, im Sturm und der Dunkelheit, und mit der Meute nur darauf lauerte, dass er den rechten Glauben verlor. "Herr, erbarme dich!"
"Der Herr hat sie im Stich gelassen!" spie die alte Frau. "Jetzt, jetzt habe ich sie endlich gefunden! Jetzt kann sie zurückkehren, und ich werde mit dem Wüetisheer reiten, an ihrer Stelle!"
"Sei nicht dumm, Weib, der Höllenreiter lässt nicht mit sich handeln!"
Nun gab er auch noch zu, dass es den gab, und seine wilde Meute. Als könnte er es noch verleugnen!
Die Alte hob die Arme in den Wind, taumelte, fing sich, stieß Benno fort. "Lasst mein Mädchen gehen! Nehmt mich mit!"
"Herr, vergib ihr!"
Benno warf seinen Stecken und den Fäustling fort und packte ihre Hände. Sie wehrte sich, schrie und kratzte und rief die Geister an, die johlend durch die Nacht fegten, um dieses ungeweihte Grab herum, auf einem Berg, der ihnen gehörte, den heidnischen Mächten, und auf dem ein einfacher, zweifelnder Mönch nicht mit ihnen ringen konnte.
"Pater noster, qui es in caelis, sanctif-"
Die Alte schlug ihm ihre Schulter ins Gesicht und auf die losen Zähne. Grell  schoss ihm der Schmerz grell durch den Schädel.
"Narr!" War das die Alte? "Narr!" dröhnte es aus dem Sturm. Benno spuckte Blut. Blind tastete er über die Erde nach dem Rosenkranz, über Knochen, über Eis, ein bitterkalter Huf zerschlug ihm die Finger. Sein eigener Schrei ging im Heulen unter. Seine andere Hand fand einen Körper. Der Sturm, die Meute hatte die alte Frau zu Boden geschlagen.
"Narr!" dröhnte es in Bennos Ohren. Er schlug das Kreuzzeichen und erntete Hohnglächter. Hufe donnerten vorbei. Ein Stiefel stieß gegen seinen Kiefer. Über rostzerfallenes Kettenzeug und einen spitzen Streithammer blickte er hinauf in das Totengrinsen des Reiters, sah Raben und Hunde und ein ganzes Heer von Geistern, und den Wahn in ihren Augen.
Kein Gebet wollte ihm einfallen, als der Reiter den Streithammer hob.
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Offline eska

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Re: Wüetisheer
« Antwort #2 am: 16 September 2016, 12:34:40 »

Moin, Ril. :wink:

Da du den Text ja zur allgemeinen Belustigung, die hier bekanntlich aus Grillen und Rösten besteht, freigegeben hast, hier das vorläufige Endergebnis meiner Text-Zerpflück-Lust. Es hat mich ein wenig hingerissen...  :blush: (Aber das ist bekanntlich ein gutes Zeichen.)
 :ichich:

Mal zum Generellen zuerst:

Zitat
Und da ich vom katholischen Glauben ziemlich wenig verstehe, könnt ihr auch gerne den Klosterbruder zerlegen.
Mich überzeugt der Mönch noch nicht, und deshalb ist das Ganze auch noch nicht unheimlich oder tragisch, sondern lässt mich weitgehend unbeteiligt, vor allem im Fortgang der Geschichte.
Was stört?
Nun, ein 24jähriger (also junger, denn Novize wurde man erst mit dem Erwachsenwerden und für mehrere Jahre) Mönch irrt im Sturm allein in den Bergen umher, weit fort vom eigentlichen Weg. Sein Auftrag, wie wir später (ziemlich spät) lesen, ist es, mit den Bewohnern in ihrem Dialekt zu sprechen, wahrscheinlich, sie im christlichen Glauben zu bestärken und gegen den allgemein herrschenden Aberglauben anzugehen. Jedenfalls ist das seine Motivation gewesen, ins Kloster einzutreten.
Wenn nicht gerade ein absoluter Notfall vorlag, auf den es keinen Hinweis gibt (Benno könnte gut zu seiner Bestärkung die Worte seines Abtes wiederholen, als der ihn losschickte), passt das ganz und gar nicht zur Denkweise von Klosteroberen. Du sendest Brüder nie allein aus, immer zu zweit, damit sie sich gegenseitig unterstützen (und kontrollieren), erst recht nicht auf einen missionarischen Gang mit 'Gegnern'. Im damaligen Menschenbild vermochte der Einzelne nichts und war der Versuchung oder Verirrung viel zu sehr ausgesetzt, vor allem, da die antagonistischen Kräfte (Satan, Dämonen, fremde Götter bzw. Götzen) als leibhaftig und wirkmächtig geglaubt wurden.
Dann wählt man jemanden nicht in erster Linie wegen seiner Sprachkenntnis, sondern wegen seines starken Glaubens, seines Charismas aus. Immerhin glaubt man ja an Wunder wie an Pfingsten, wenn der Heilige Geist durch einen Menschen spricht, verstehen ihn alle. Und einen so jungen, noch ungefestigten Menschen, der dadurch auch noch besonders anfällig für Fleischeslust ist, wählt ein Abt (also der Vaterersatz, der seine Brüder, vor allem ihre Schwächen und Sünden, kennt) nicht ohne besonderen Grund.
Wenn schon Benno, dann könnte er der Überrest von einem Team sein; dann ist aber schon ein Unglück geschehen. Er kennt die Vorstellung vom wütenden Heer, aber scheinbar nicht durch Studium und mit Argumenten dagegen gerüstet, sondern von seiner Herkunft her, hat sie nicht (völlig) überwunden. Mindestens am Anfang muss er das aber wenigstens selbst glauben, muss sich stark genug fühlen, seiner kindlichen?, ungläubigen Angst entgegenzutreten.
Er macht sich Mut, höchstwahrscheinlich mit biblischen Versen, z.B. Psalm 23 "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürcht ich kein Unglück, denn du bist bei mir", nur zwischendurch rieselt ihm der eine oder andere Grusel den Rücken entlang.
Langsam erst übernehmen seine Sinne, die ihm anderes einflüstern bzw. -brüllen. Er weigert sich, denn er hat vor allem massive Angst um sein Seelenheil, er darf die nicht-christliche Wirklichkeit nicht für wahr nehmen. Vielleicht wirft er hier Texte durcheinander oder zitiert für sich welche, die seine Angst verraten und eher schüren (Bsp. 'Warum lässt du mich so traurig stehen, wenn dein Feind mich drängt?').
Schön fände ich es, wenn du andeuten würdest, woher seine Angstvorstellung kommt, ihn zum Beispiel in Gedanken mit seinem Vater diskutieren lässt, warum er als Junge einen bestimmten Auftrag nicht ausführen konnte, aber musste unter Androhung, das wütende Heer werde ihn sonst holen oder ähnlich. Wenn er noch ein bisschen fieberte, wären wirre Reden à la 'vade retro!' sehr verständlich. Und die Psalmen werden immer spärlicher, bis ihm nichts mehr einfällt. (Aber auch dann bleibt das jahrelange Training, selbst im Halbschlaf Bibelverse singen zu können, die ganz gängigen würde ich noch erwarten. 'Herr, hilf meinem Unglauben.'  'Herr, erbarme dich.' 'und errette mich von dem Bösen', irgendsoetwas.)

Ich fürchte, diese Lawine hat deinen Benno etwas zerschlagen.  :-\
Aber ich will einen neuen!  :flenn:
Vorschlag: Mach aus ihm jemanden, der vor seinem Aberglauben in das Klosterleben geflohen ist und dagegen kämpft, mach ihn vielleicht deutlich älter und lass ihn glauben, er habe das alles überwunden, dann kann er sich freiwillig gemeldet haben, um anderen Menschen die Befreiung zu bringen, die er selbst erfahren hat, aber es holt ihn hier wieder ein.
Dann packt mich deine Geschichte viel eher, denn es ist sein ureigener Konflikt (jetzt ja auch, nur etwas weniger pointiert). Und der lohnt sich zu lesen!  :dops:


 :kaffee2:
Und wenn du dich wieder erholt hast, kannst du dich um kleine Irritationen kümmern, die ich fortlaufend zum ersten Teil (bis zur Hütte ca.) mitgeschrieben habe. Bei Bedarf setze ich das auch gerne fort. :diablo:

Erbsen und Ähnliches:

Zitat
Ein Fichtenzweig schlug Frater Benno ins Gesicht, und noch einmal, bevor er sich mit der freien Hand schützen konnte. Mit dem nächsten Windstoß fegte ihm der Ast die Kapuze seiner Kutte vom Haupt,


Immer derselbe Ast? Wieso weicht er nicht aus? Was tut die andere Hand?

Zitat
Gott im Himmel, seine Augen waren noch heil

Gott im Himmel sei Dank,... Sonst wirkt es wie ein Fluch.
Zitat
an finstere heidnischen Mächte
ohne n
Zitat
Sein Stecken blieb im Geäst hängen, Zweige schnappten zurück, und mit dem nächsten Schritt drosch er sich selbst das Holz ins Gesicht.

Ist er vorher schon gestolpert oder stammt die ganze Verletzung hiervon? Wieso trägt er einen so riesigen Stecken (eher Knüppel), dass er sich die Zähne ausschlägt, wieso ist er so ungeschickt (kann er nichts sehen)?
(im Nachhinein: Da das hier der Moment ist, den er als Angriff des Bösen ansieht, könntest du das vielleicht schon andeuten.)

(Die Zähne kommen sehr oft vor.)

Zitat
Zuerst hielt ihn die Angst wach, dann die wackelnden Zähne, dann der flache Stein, auf dem sein Kopf lag,

In Ruhe sollten die Zähne nicht wackeln, aber schmerzen. Der Stein dürfte nicht schlechter sein als seine Pritsche in seiner Zelle oder dem Dormitorium, Kopfkissen gab es meiner Schätzung nach nicht, klingt viel zu verweichlicht für ein Kloster im 8.Jh.

Zitat
wie ein Seemann

Woher stammt er? So viele Seeleute zum Vergleich sollten damals nicht in Graubünden umhergewandelt sein. Und gab es den 'Beruf' schon?
Zitat
Verdammt,

Merkt er das Fluchen nicht, besonders, wo er gerade drüber nachgedacht hat?
Zitat
Schließlich war er ja ins Kloster eingetreten, um die armen Bauern und Schafhirten von solch irrigem Aberglauben abzubringen.
Ist das logisch, wenn er sich selbst nicht sicher ist? Vielleicht: Um die Bauern und Hirten genau wie sich selbst von diesem Aberglauben zu befreien.

Zitat
mit beißenden Eiskristallen im Gesicht.
Da es geschneit hat, müßte auch er unter einer Schneeschicht liegen, die verhindert Eiskristalle, höchstens eine Kruste angeschmolzener, erstarrter Schnee.

Zitat
Im selben Augenblick sah er den Zahn daneben liegen, einen Zahn, den nicht er ausgespuckt hatte, und noch einen, und dass der vermeintliche Zweig, der ihn in die Schulter gebohrt hatte, kein Zweig war. An seiner Schlafstatt, neben dem Stein, der kein Stein war, grinste ihn aus dem Erdreich ein Unterkiefer an.

Irgendwie etwas kompliziert.  Vielleicht so? Im selben Augenblick sah er den Zahn daneben, keinen von seinen allerdings (woher weiß er das? viel kleiner/länger/gelber/abgenutzter... als seine allerdings), und einen zweiten, und der Zweig, der ihn in die Schulter gebohrt hatte, war kein Zweig. An seiner Schlafstatt, neben dem vermeintlichen Stein, grinste ihn aus dem Erdreich ein Unterkiefer an.
(Ich habe übrigens keine klare Vorstellung, was der flache Stein wirklich ist. Ein Schädel? Flach?)

Zitat
Haus aus Fichtenstämmen, in dem sich Mensch und Tier beinahe denselben Raum teilten.
Das war doch üblich. Wieso bemerkt er das? Wo kommt er her?

So. Das für heute.   :schwitz:
Ähm: Wer räumt jetzt hier auf? (*starr verständnislos auf lauter kleine Fetzen um mich herum und Blutspuren an meinen Händen*)
 :kraul:
Was tut man nicht alles, um sich vor der eigenen Arbeit zu drücken... Schluss! :peitsch:

Lieben Gruß,

eska

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Offline Rilyn

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Re: Wüetisheer
« Antwort #3 am: 16 September 2016, 22:21:25 »
Hoi eska!

*starr auf Satzfetzen und Blutsplatter*
Nette Deko.

Wow, das ist ein tolles Rösti!
Keine Sorge wegen Benno. Eine Lawine kann etwas Zweidimensionales höchstens verknittern. Man merkt wohl, dass Klosterleben so ziemlich der letzte Teil mittelalterlicher Kulturen ist, der mich interessiert. :heilig:
Theoretisch hätte ich's trotzdem bemerken sollen, und umbauen werd ich ihn auf jeden Fall.

Zitat
Herr, hilf meinem Unglauben.
:cscreen: Das hätte zwar was von Slapstick, wenn er dann eilig "mir gegen ..." einfügt, aber es ist fast zu gut, um es nicht zu tun. :cheese:

Der flache Stein ist die Schädeldecke, genau. Ich wüsste gerne mal vom inhalt meines Schädels, weshalb ich "flach" geschrieben habe. :watchout:

Zu den übrigen Erbsen kann ich aufgrund des Umbaus nichts weiter sagen, außer, dass ich sie natürlich mit einbaue, wo sie relevant bleiben.

Und jetzt komme ich mir schäbig vor für diese kurze Antwort auf so ein Rösti. :ups:
Der Rest der Antwort heißt Überarbeitung.

Dank dir! :kaffee2: :b5:
Ril
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Offline eska

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Re: Wüetisheer
« Antwort #4 am: 16 September 2016, 23:14:30 »
Puh, jetzt kann ich ruhig schlafen!
Zitat
Wow, das ist ein tolles Rösti!
Keine Sorge wegen Benno.
Fein.  :blush:
Und danke für das Lob, hat Spaß gemacht.

Zitat
Und jetzt komme ich mir schäbig vor für diese kurze Antwort auf so ein Rösti
:whee: Ich hab was gut, ich hab was gut!
Gleicht sich alles wieder aus, da bin ich sicher! (*wühl in den Kisten mit verstaubtem Krims*)

Eine produktive Nacht dir!
 :lava:

eska
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Thot Grubenbauer

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Re: Wüetisheer
« Antwort #5 am: 21 Dezember 2016, 12:16:27 »
Ich hoffe, ich irre als Leser nicht. Ohne auf die Kleinigkeiten zu schauen, habe ich mir den Text einfach komplett durchgelesen und mich gezwungen, nicht über einige Formulierungen zu stolpern, um gleich dort einzuhaken. Erst mal einen Überblick verschaffen.

Benno läuft im Winter durch einen Wald. Legt sich schlafen und wacht morgens auf. Er scheint die Wege zu meiden und läuft lieber durch das Dickicht, um nicht entdeckt zu werden. Er fürchtet sich vor jemanden, der ihm gefährlich werden könnte. In seiner Angst betet er Gott an, er möge ihm beistehen.

Welche Fragen stelle ich mir beim Lesen. Warum läuft Benno nachts IM WINTER durch den Sturm? Also, ich würde mich an ein Kaminfeuer setzen und warten, bis das Wetter besser ist. Warum also nimmt er die Strapazen auf sich? Das Wetter ist so bedrohlich, dass er erfrieren könnte. Warum also nimmt er diese Gefahr auf sich?

Also: Die Handlung - Flucht? durch den Wald. Der Leser fragt sich, warum macht er das.

Ein Fichtenzweig schlug Frater Benno ins Gesicht, und noch einmal, bevor er sich mit der freien Hand schützen konnte.


Logisch ist das nur möglich, wenn jemand den Zweig erneut zurückbiegt, und eben der selbe Zweig ihm wieder durch das Gesicht peitscht. Außerdem kann kein Zweig durch das Gesicht schlagen, wenn nicht jemand vor ihm geht. Stelle dir vor, du gehst durch einen Wald. Ist es nicht so, du bahnst dir einen Weg durch die Äste durch. Sie reiben durch dein Gesicht.

Vielleicht (Vorschläge schreibe ich immer schnell, also keine Kritik dran :)):
Frater Benno eilte durch den Wald. Schnee rieselte von den Fichten, als er sich seinen Weg durch die tiefhängenden Zweige bahnte. Mit einer Hand schützte er sein taubes Gesicht, er schrie auf als ein Ast ihn streifte.


Mit dem nächsten  (Adjektiv unnötig,) Windstoß fegte ihm der Ast die Kapuze seiner Kutte vom Haupt (Nominalkonstruktion) , kleine eisige Klumpen in den Kragen und den Aufschrei von den Lippen.
Bei altertümlichen Wörtern immer fragen warum. Haupt-Kopf??
Satzkonstruktionen einfach halten, als ich den Satz gelesen habe, musste ich innehalten, weil ich  nach dem Verb suchte.
… fegte die Kapuze vom Kopf.
… fegte eisige Klumpen (Klumpen sind aber schon sehr groß) in den Kragen
…. fegte den Aufschrei von den Lippen???

Vielleicht_ Ein Windstoß riss ihm die Kapuze vom Kopf. Schnee rieselten in den Kragen, er biss sich auf die Lippen.

Vorsicht mit Adjektiven, meist sind sie überflüssig. Der nächste Windstoß fegte xxx davon. Gerade in einer Kurzgeschichte zählt jedes Wort. Warum nicht. Ein Windstoß fegte xxx davon.

Zwischen den Fingern hindurch blinzelte er in die Nacht und sah die schwarzen Silhouetten der Bäume gegen den Schnee.

Also geht der geneigte Leser davon aus, dass es eine sternenklaren Nacht ist oder der Mond scheint?? Erst einmal ist die Nacht für mich dunkel, außer der Autor erklärt wir, warum sie hell sein könnte.
Das Bild „Silhouetten der Bäume gegen den Schnee“ kann ich in Gedanken nicht auflösen.


Gott im Himmel, seine Augen waren noch heil.

Weil wenn sie es nicht wären, dann hätte er ja das nicht sehen können, was du oben beschrieben hast. Nach meinem Geschmack überflüssig. Streichen

Gerade Kurzgeschichten leben von der Kürze. Immer fragt sich der Autor, warum schreibe ich das, welche Funktion hat es. In einem Roman sind wir nachgiebiger.

Nun kommen Bennos Gedanken, wie er seine Umgebung wahrnimmt.  Geht in einer Kurzgeschichte kürzer.

Er sprang über eine Wurzel. Verdammt. Beinahe wäre er gestolpert und den Abhang herunter gerollt. Er musste aufpassen. Verdammt. Die Nacht schien ihn verschlingen zu wollen. Die Bäume schlugen mit ihren dunklen Schwertern nach ihm. Nein, er war nicht abergläubisch. Hörte er da ein Knacken? Er rannte schneller.


Und niemand hatte ihn gehört. Wie auch? Lieber hätte er sich mit seinem Gejammer lächerlich gemacht, als hier einsam und weitab vom Weg durch den Wald an einem Berghang zu stolpern. Der Wald, der Berg und der Wind trieben Schabernack mit ihm und würden ihn umbringen, wenn es ihnen gerade gefiel. Und da sollte er nicht an finstere heidnischen Mächte glauben?


Unterholz, das den Wind abgehalten hätte, gab es keines am Rand der Alm, die Bäume standen einzeln, nicht in Gruppen wie im flachen Land.

Du schriebst Wald, ich persönlich glaube, im Wald stehen die Bäume selten einzeln oder?
Du schreibst mehrfach von Wind. Jetzt erwähnst du Sturm, später wieder Wind. Was denn nun? :)

Der Sturm zerrte an Bennos Mantel und fuhr ihm eiskalt unter die Kutte. Er flüchtete zurück unter die Bäume, geduckt, damit ihm nicht wieder die Fichtennadeln über die Tonsur fetzten.

Hier stolpere ich als Leser. Wenn es denn so verdammt kalt ist, ich durch den Sturm laufe und der Wind mir die Kapuze vom Kopf reißt, dann WERDE ich IMMER die Kapuze wieder aufsetzten, weil gerade WENN ich eine Tonsur habe, ich Erfrierungen erleide, wenn ich mit Glatze durch den Wald laufe.


Sein Stecken blieb im Geäst hängen, -------- ah, jetzt weiß ich, warum er nur eine Hand frei hat, sein Gesicht zu schützten :)


Zweige schnappten zurück, und mit dem nächsten Schritt drosch er sich selbst das Holz ins Gesicht.

Wieso, noch immer gehe ich davon aus, dass er mit der anderen Hand sein Gesicht schützt, warum sollte jetzt sein Stecken ihn ins Gesicht dreschen. Hier andere Satzkonstruktion bitte. Ich nehme mal an, Holz gleich Stecken. Du wolltest ein anderes Wort finden, mich irritiert aber Holz, muss mich schon sehr anstrengen, daraus Stecken zu machen. Ja, wenn du es denn gemeint hast.

Wir sind wieder bei Bildern. Benno eilt durch einen Fichtenwald, bahnt sich seinen Weg. Es ist Nacht. Rennt er, ok, nehmen wir an, er rennt. Dann übersieht er einen großen Ast, läuft brutal dagegen. Ok. Kostet das Zähne?? Bin mir da nicht sicher.

Vielleicht, um es kürzer zu machen für eine Kurzgeschichte :)

Er fluchte, spuckte den Zahn aus. (Wenn es hell genug ist??) Sein Blut tränkte den Schnee. Er tastete über seine Nase. Herrgott hilf. Seine Gedanken waren kalt, als er sich wünschte, vor einem Feuer zu sitzen. Eine Krug Bier und eine Schale Grütze. Herrgott hilf.  Er duckte sich, weil er ein Knacken über sich hörte. In seinem Unglück sollte ihn nicht noch ein Ast erschlagen.

Zum letzten Teil, als er morgens aufgewacht ist. Hier habe ich mich gefragt, kann jemand eine Nacht überleben, wie du sie beschreibst??

NEIN; NEIN; NEIN. Es mag Fantasy sein, ja, da dürfen wir gerne die Gesetze der Natur etwas mehr Strapazieren. Aber in einer Kutte, eine Nacht im Schnee. Never!! Ich bin Bergsteiger, habe mal eine Nacht bei Minus 16 Grad im Schnee verbracht. Ohne meinen 500 Euro teuren Schlafsack, wäre es meine letzte Nacht gewesen. 700 Gramm Daune, alles war gut und warm.

Also, entweder hat er etwas Wärmeres an, macht sich ein Feuer, findet eine Hölle, baut sich ein Iglu, oder oder oder. Als Leser denke ich jetzt, da ist fort ein Untoter Benno :)))

Am Morgen weckte der Wind ihn mit beißenden Eiskristallen im Gesicht. Seine Finger waren steifgefroren. Zuerst spürte er sie gar nicht, dann zu sehr, als er sich aufrichtete und eine Hand auf den Boden stützte. Eiskristalle glitzerten im Licht der frühen Sonne auf seiner Kleidung. Immerhin lebte er noch.

Alles wird gut. Mag Benno, die Welt retten.