Autor Thema: The first rule of novel-writing is don't write a novel  (Gelesen 2111 mal)

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Offline Lilith

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The first rule of novel-writing is don't write a novel
« am: 28 März 2016, 01:01:53 »
Auf Lithub.com teilt Elizabeth Percer ihre neun Nicht-Regeln für's Schreiben:
http://lithub.com/the-first-rule-of-novel-writing-is-dont-write-a-novel/

Dabei geht es weniger um Tipps zum Handwerk an sich, sondern um die Gestaltung des Schreibprozesses. Gerade für die unter uns, die hier und da mit ihrem hadern und denken, sie tun zu wenig, finde ich das lesenswert. Abseits von "Setz dich jeden Tag hin und hau 1000+ Wörter in die Tasten".
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Offline Trippelschritt

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #1 am: 29 März 2016, 20:20:06 »
Amüsant, was manche für Probleme haben (könnten) und möglicherweise einen Mist mit sich herumtragen, bevor sie begriffen haben, was Schreiben eigentlich ist. Ich habe mich in dem angenehm lustigen Text allerdings nicht wiederfinden können. Kann sich wer?, frage ich mal etwas bissig.

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Offline Rilyn

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #2 am: 29 März 2016, 20:43:04 »
Jein. Ich war immer zu faul, um jeden Tag regelmäßig eine Stunde zu schreiben. Dafür haue ich ein Mal in einem Vierteljahr 50 Seiten am Stück raus, manchmal zwischendurch etwas weniger, das dann zu 80% so stehen bleibt. Weshalb? Weil es vorher in meinem Hirn gut durchgekocht wurde, und zwar ohne aktive Bemühung meinerseits darum. :cheese:
Ich kann mich aktiv um eine Story bemühen. Für Spieleprojekte muss ich das normalerweise tun. Aber ich brauche deutlich länger (nämlich so lange, wie es in der Branche üblich ist), um eine solche Story zu schreiben; Feedback on the fly, als generellen Input, weil die Zeit zum Denken fehlt; und wenn du ein Mal eine Story rausgewürgt hast, weil morgen die Deadline ist und das komplette letzte Drittel fehlt, dann weißt du, dass es besser wäre, drei Tage zu warten und es dann zu schreiben, scheiß auf die Deadline. Denn die starb in allen solchen Fällen an der Nachbearbeitung, die weit länger als drei Tage dauerte, sondern bis hin zur detaillierten Ausarbeitung zwei Monate. <- da geht es nicht um Stil, sondern um den zugunsten des heiligen Zeitplans verkorksten Rahmen.
Ich habe das lange für normal gehalten, bis ich mal für mich, zum Vergleich, entsprechende Stories verfasst habe (Thematische Vorgabe zufällig, keine vorhandene Welt). Für einen entsprechend detaillierten Plot - in einer Story Novellenlänge bis hin zu Kurzroman (<250 Seiten) brauche ich von der Idee bis zum Runterschreiben drei bis fünf Tage. Mit diesen Plots kann ich dann wirklich arbeiten und eine Story draus machen, ohne sie während der Ausarbeitung nochmal umzukippen. Mein Rekord ist bisher (allerdings mit vorhandener Welt, wenn auch ein "neuentdeckter Kartenteil", zu dem es bisher nur ebendiese Karte und deshalb ganz grob umrissene Kulturen gab): Idee um 18 Uhr, 12 Seiten Notizbuch mit strukturiertem Plot vollgeschrieben um 19 Uhr. Kein Scherz. Das war exakt mein Arbeitsweg + 30 Minuten. Es ist der strukturierteste und stabilste Plot, den ich bisher fabriziert habe. :denk:
Aber mit Planung und Ransetzen-und-Schreiben geht das nicht, auch nicht in drei Stunden oder drei Tagen. Da bekäme ich nur ein oberflächlich rundes Konstrukt oder eben einen kurzen, klaren Spieleplot, dem die Komplexität fehlt, die mir persönlich wichtig ist.

Anderes Beispiel: am Duell, das ein sehr alter und dementsprechend in seiner ursprünglichen Form krummer Plot ist, habe ich lange rumgebastelt und bewusst analysiert. Alles, was dabei heraus kam, war Übung in Sachen Plotten und selbiger Analyse. Und irgendwann, als ich etwas ganz anderes gemacht habe, ging mir ein Licht auf, und sämtliche Probleme waren gelöst. Das habe ich in Wochen(!) von aktivem Plotten bei gleichem Kenntnisstand nicht hinbekommen.

Letztendlich geht es nicht schneller, insgesamt vielleicht sogar langsamer, aber zum einen habe ich Zeit für sinnlosen Mist :kaffee2: und Brötchenjob, und zum anderen ist es meine Arbeitsweise, die bewiesen hat, dass sie funktioniert. Wenn ich an einem Plot partout nicht weiter komme, ist die Prokrastination: schreiben an einem anderen. ;D
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Offline Trippelschritt

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #3 am: 29 März 2016, 21:16:22 »
Meine erste ernsthafte belletristische Aktivität war, dass ich mir vornahm, einen Fantasyroman zu schreiben. Also habe ich mich hingesetzt und einen geschrieben. Mein Pech war, dass der auch noch relativ gut war und ich deshalb dachte, das geht immer so. Es hat etwas gedauert, bis ich herausgefunden hatte, dass ich ein Bauschreiber war. Bauschreiber können nicht plotten und wollen es auch nicht. aber dafür können sie immer schreiben, weil sie immer etwas zu erzählen haben.
Die goldene Regel für einen bauchschreiber ist: Schreibe, dann kommt der Plot von selbst. Klingt paradiesisch und ist auch der einzige Weg, der fuinktioniert. Leider funktioniert er nicht immer und wenn einem nicht einfällt, dann entsteht kein Plot oder was entsteht ist Mist. Was dann zu tun ist, muss jeder Bauchschreiber für sich selbst herausfinden.

Da ich jetzt Pensionär bin, schreibe ich täglich mit allergrößten Genuss. Und genau so lange, bis ich keine Lust mehr habe. Ich erinnere mich. Früher klappte das nur am Wochenende.

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Offline eska

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #4 am: 29 März 2016, 23:09:13 »
@Trippelschritt:

Da du fragst, ob jemand sich in dem angesprochenen Text wiederfindet: Ja.
Wobei es immer noch ein Stück Überwindung kostet, mich in die Menge der Angesprochenen einzureihen ("ich, eine Schriftstellerin, Autorin, Erzählerin oder wie auch immer? Unmöglich. Missverständnis...").
Was natürlich mit meinem Frischlings-Status zu tun hat, aber nicht nur. Das, was E. Percer am Anfang beschreibt, kenne ich: Das, was in ihrer Sozialisation gezählt hat, hat sie geleistet, aber es hat sie nicht erfüllt. 'Einfach so' aufs Schreiben umswitchen ist aber nicht, Jahre der Selbstfindung, Suche nach der eigenen Arbeitsweise etc. führt sie an.
Ich halte das innere Ja für noch wesentlicher: 'Darf' ich mir gönnen, zu schreiben, egal ob gut oder schlecht, egal, ob gewinnbringend, nützlich, therapeutisch, missionarisch oder welche Funktion auch immer meine Texte nicht erfüllen? Nur, weil ich es sehnlichst möchte? Was ist denn das für eine Flucht aus der Verantwortung? Wenn das jede täte!
Vielleicht, weil es jemandem Spaß machen könnte, sie zu lesen? Bäh, noch mehr Spaßgesellschaft!
Vielleicht, wenn etwas richtig gut wäre? Oh, der Größenwahnsinn...

Mir fällt noch mehr ein, leider.
Aber alle diese Zwänge, von denen man sich befreien muss, bis man Zutrauen in die eigene Kreativität hat, genug, um in Blockade-Phasen ruhig zu bleiben, um sich Zeit zu geben, die Worte und Geschichten reifen zu lassen, wie Rilyn es beschrieben hat, die muss man erst einmal entlarven. Dabei ist E. Percers Anleitung bestimmt hilfreich, erst recht in Amerika mit seinem "alles-ist-machbar"-Glauben.

Kannst du damit jetzt mehr anfangen?  :)

@Lilith:
Danke für den Tipp. Wie du oben lesen kannst, hat der Text mir etwas gebracht.  :wink:


Grüße,

eska
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Offline Trippelschritt

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #5 am: 08 April 2016, 07:37:21 »
Ja, kann ich. Ein bisschen. Nur ... "Darf ich mir gönnen zu schreiben?" ist eine Frage, die mir nie einfiele. Ich bin doch ein freier Mensch und muss niemanden um Erlaubnis fragen, ob ich schreiben darf, wenn ich das will. Das sind so Dinge, die mich immer ratlos zurücklassen, weil das so weit außerhalb meiner Welt ist.

Liebe Grüße
Trippelschritt
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Offline Nimmer

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #6 am: 08 April 2016, 14:05:51 »
Wenn ich mir folgendes erlauben darf: Die Frage "darf ich das mir gönnen/erlauben/nur für mich selbst tun?" kenne ich von meiner Mutter und auch etwas abgeschwächt von meiner Freundin - beide nach traditionellen Familienvorstellungen erzogen. Die oberste Regel, die Töchter implizit oder explizit lernen, ist: du musst dich zuerst um die anderen kümmern, danach erst um dich selbst. Ich wage zu behaupten, dass dir dasselbe viele Frauen aus traditionsbewussten Haushalten sagen werden.

Ich kann die Gefühle eskas und der Autorin daher verstehen (wenn auch nicht nachempfinden).

Du, Trippelschritt, und ich, wir haben das Glück gehabt, als Jungen auf die Welt gekommen und von da an wie Prinzen behandelt worden zu sein. Zugegeben, bei dir weiß ich es nicht (entschuldige bitte also die Unterstellung), bei mir aber schon.
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Quisille

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #7 am: 08 April 2016, 14:34:36 »
"Darf ich mir gönnen zu schreiben?" ist eine Frage, die mir nie einfiele. Ich bin doch ein freier Mensch und muss niemanden um Erlaubnis fragen, ob ich schreiben darf, wenn ich das will.

Das ist vergleichsweise leicht nachzuvollziehen, sofern man folgende Voraussetzungen schafft:

Eine durchschnittliche Woche hat 168 Stunden.

48 h Schlafen pro Woche
45 h Erwerbstätigkeit pro Woche
16 h Kinder pro Woche (und das auch nur, wenn die ausgesprochen unkompliziert sind und der Partner den Löwenanteil stemmt)
10 h Essen pro Woche
10 h Körperhygiene pro Woche
 8 h Haushalt pro Woche (mit allem, was haushaltsnah so anfällt, falls fair zwischen den Partnern aufgeteilt)
 8 h Partner (mit dem will man ja mal was bereden, ne?) pro Woche
 8 h Lesen pro Woche
 5 h Arbeitsweg pro Woche
 3 h Einkaufen pro Woche
 3 h Soziales (Treffen mit Freunden und Verwandten) pro Woche
 2 h Mikropausen pro Woche
 1 h Sport pro Woche
 1 h Rumhängen-Weil-Man-Gleich-Abkippt pro Woche
=================
= 168 h

Bleiben also noch satte 0 Stunden pro Woche Zeit zum Schreiben.

Darf ich mir eine Stunde pro Tag Schlaf abknapsen? Wann wird meine schlechte Laune durch Schlafentzug so schlimm, dass der Punkt "8h Partner" gleich mit wegfällt?

Darf ich meine Kinder wenigstens vier Stunden pro Woche unbeaufsichtigt vor dem Fernseher parken? Ist es schlimm, wenn sie dabei die Katze in der Spülmaschine waschen?

Darf ich hungern, weil ich eh zu fett bin und die drei Stunden lieber schreibe, statt einzukaufen? Ist es schlimm, wenn mein Mann deswegen die Katze als Kaninchenbraten serviert?

Darf ich meinen Chef anflehen, jede zweite Woche Heimarbeit machen zu dürfen? Ist es schlimm, wenn mich meine Kollegen deswegen für einen kapriziösen Arsch halten?

Darf ich schreiben, während mir meine Frau von ihrem Tag erzählt? Ist es schlimm, wenn ich deswegen den Geburtstag ihrer Außenbeziehung verpasse?

Darf ich meine Freunde vernachläss-- oh, hoppla, hab eh keine mehr.

Darf ich den Notebook beim Autofahren auf dem Beifahrersitz abstellen? Ist es selbstverliebt, wenn ich den Polizisten gleich meinen neuesten Buchtrailer vorspiele?

Darf ich den Haushalt vernachlässigen? Ist es positiv zu bewerten, wenn der Regen, der durchs Dach kommt, gleich die Fliegen im Müll ersäuft?

Darf ich mich nicht mehr-- IIH! NEIN. Waschen und Zähneputzen muss sein, OK, OK.

Hey! Jetzt hab' ich's. Eine Stunde rumhängen raus, eine Stunde Sport raus, und schon kann ich lässig zwei Stunden pro Woche schreiben. Ist nur noch eine Frage der Zeit, bis meine erste Kurzgeschichte fertig wird. Ich bin so stolz auf mich.

EDIT: PS Das hat nach meiner Meinung nichts mit Sohn oder Tochter zu tun. JEDER von uns muss sich der Frage stellen, ob das, was wir erschaffen, das Opfer wert ist, das wir dafür bringen müssen. Wer kein Opfer bringen muss, ist in einer beneidenswerten Position. Aber das ist die Ausnahme.
« Letzte Änderung: 08 April 2016, 14:42:41 von Quisille »

Offline Rilyn

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #8 am: 08 April 2016, 14:38:25 »
@Nimmer: Das trifft es sehr gut (sagt eine, die das Problem auch nicht persönlich kennt).
Daher kommt auch die Behauptung gegenüber Künstlern egal welcher Art: "Such dir eben eine richtige Arbeit." :watchout:
Das nur am Rande.

@Quisille: :cscreen:
Schlafen wird überbewertet!
Es ist aber wirklich was anderes, wenn man seine Arbeitszeiten nicht beliebig rumschubsen kann UND gleichzeitig für eine Familie (mit)verantwortlich ist, nicht nur für die eigene Single-Person.

Sehr cool finde ich an diesem Artikel den "schreib einfach mal nicht!" Teil. :cheese:
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Offline eska

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #9 am: 08 April 2016, 19:00:04 »
Ich glaub, dazu muss ich jetzt doch noch mal was sagen.

Nimmer, deine Darstellung greift mir zu kurz.
Bestimmt gibt es die Haltung, sich erstmal um die Pflichten kümmern zu müssen, bei Frauen häufig. Bei Männern allerdings auch. Bei der Durchhalten-Generation vielleicht mehr als heute, aber da vergesse ich einen großen Teil immer mehrfacher belasteter junger Menschen (nicht mehr nur doppelt und dreifach). Will sagen: so einfach ist es nicht.

Zitat
Ich bin doch ein freier Mensch und muss niemanden um Erlaubnis fragen, ob ich schreiben darf, wenn ich das will.
Okay. Aber:
Sich die Freiheit zu nehmen, etwas zu tun oder auch nur auszuprobieren, was nicht automatisch erfolgversprechend ist, kein Gehalt erwirtschaftet und auch keine Imageverbesserung im Sinne von jung und fit ermöglicht, ist gegen den Trend. Als verrücktes Hobby akzeptabel, aber outdated (präzise Sprache oder gut gebaute Texte sind nichts wert, nicht die Zeit und Aufmerksamkeit zumindest, die man dafür aufwenden muss), als zeitfressende Beschäftigung anstatt sinnvoller Arbeit (Abarbeiten der todo-Listen) eigentlich nicht.
Um es trotzdem zu tun, braucht man Ellbogen und ein starkes Bedürfnis bzw. eine starke Motivation.
Tja, wie Quisille so schön schreibt:
Zitat
Wer kein Opfer bringen muss, ist in einer beneidenswerten Position. Aber das ist die Ausnahme.
Schreiben statt schlafen hatte ich jahrelang. Schreiben statt lesen habe ich seit Herbst. Plus die anwachsenden Haufen von Dingen, die nicht mehr bearbeitet werden, die die Stimmung von diversen Leuten vermiesen. Also tut neue Motivation immer gut, vor allem solche, die explizit beinhaltet, mal Pause zu machen und keine Kreativität am Laufband von einem verlangt. Aber das Umschalten von Bemühen um Effektivität im Alltag auf kreative Muße gelingt nicht immer.

Und was das Frauentypische daran angeht: weder mein Bruder (auch nicht der Prinz deiner Vorstellung) noch mein Mann oder die meisten unserer Freunde können sich so viel Zeit oder gar Muße für sich gönnen, wie ich mir fürs Schreiben oder Nachdenken oder Recherchieren etc. nehme (es versuche). Nicht ganz gerecht.

Im Ernst, ich denke, das ist eine Wertediskussion.
Wieviel nicht messbare Leistung, nicht unmittelbar ergebnisorientierte Forschung, wieviel Ringen im Bereich Kunst und Kultur wollen und können wir uns leisten? Als Gesellschaft und als Einzelne/r.
Was entspricht der Definition von 'richtiger Arbeit' in Rilyns Zitat?
Zitat
die Behauptung gegenüber Künstlern egal welcher Art: "Such dir eben eine richtige Arbeit."

Gruß von einer zur Familienarbeit gerufenen  ;)

eska



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Offline Rilyn

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #10 am: 08 April 2016, 19:19:37 »
Kleiner Exkurs zu meinem Zitat ;D
Das ist eine typische Haltung gegenüber Künstlern, wenn diese in Geldnot geraten oder es wagen, etwas wie die obskure Ausschüttung der VG Wort von Geldern an Verlage zu bemängeln. Da hat jemand einen Job, der ihm Spaß macht. Sowas kann ja einfach nicht sein, wenn so ein faules Künstlerlein sich auf das verlässt, was Spaß macht, dann verdient es, einen Schirm unters Loch im Dach zu klemmen wie der arme Poet.

Es scheint auch eine sehr deutsche Haltung zu sein. Frauen bekommen das deutlich öfter zu hören als Männer. <- meine Erfahrungswerte aus Illustration und Gamedesign Ausnahmslos alle Gamedesignerinnen, die ich kenne, haben das irgendwann gehört, aber bei weitem nicht alle Gamedesigner; und wer in der Branche im Management arbeitet, bekommt eher noch die Frage zurück: "Ja, verdient man denn da etwas?" statt eines abwertenden "Da verdient man doch nix." Da werden einem ganz schön Schuldgefühle aufgedrückt; je weiter weg vom Mainstream man arbeitet, desto mehr (z.B. Fantasy-Buchcover gegenüber Romance - als ob ich nicht beides machen würde, wenn ich die Aufträge dazu bekomme!) . Die Gründe sind sicher vielseitiger als nur Neid und Unverständnis.

"Richtiger Job" bedeutet in etwa: etwas Einschätzbares, Bekanntes. Anscheinend darf Arbeit keinen Spaß machen, wenn man damit Geld verdienen will, in der Art wie bittere Medizin. ::)
Und die Schuldzuweisung, die in dieser Behauptung steckt, wirkt sich auch jenseits aller Rationalität auf die Frage aus: darf ich Schreiben?
« Letzte Änderung: 08 April 2016, 19:30:31 von Rilyn »
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Offline Nimmer

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #11 am: 08 April 2016, 19:55:35 »
Hallo eska,

ich hoffe, ich habe dich nicht erzürnt. Gut möglich, dass meine paar Zeilen nicht nuanciert genug sind. Ich möchte aber einem möglichen Missverständnis vorbeugen.

Ich habe nicht sagen wollen, dass Männer mehr Zeit als Frauen hätten, sondern dass sie sich die Frage nach Zeit für sich selbst tendenziell anders stellen. Ich glaube, wie gesagt, dass sich die Frage "Darf ich mir Zeit für mich selbst nehmen?"/"Habe ich das (moralische) Recht dazu, oder bin ich dann selbstsüchtig und schlecht(e Mutter, Partnerin, Schwester, Liebhaberin, Arbeitnehmerin, Freundin)?" eher Frauen stellen, während Männer sich die Frage in Form von Priorisierung stellen: "Ist mir das Schreiben wichtig genug, um es den Überstunden vorzuziehen, die ich machen könnte, um meine Beförderung zu beschleunigen?" Wer fragt, ob er darf, hat möglicherweise Gewissensbisse, selbst wenn er sich seine Frage mit Ja beantwortet; wer fragt, ob er will, hat in der Regel keine. Ich glaube, dass es eher Männer sind, die fragen, ob sie wollen, und eher Frauen, ob sie dürfen (nicht biologisch, sondern kulturell bedingt), aber ich habe keine statistischen Daten und kann mir vorstellen, dass zwischen Vätern und Singlen bspw. Unterschiede bestehen. Wovon ich berichet habe, sind halt meine Erfahrungen und die meiner nächsten, aber andere Menschen können natürlich andere Erfahrungen gemacht haben.


Beste Grüße,
Nimmer
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Offline eska

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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #12 am: 09 April 2016, 00:52:29 »
Zitat
ich hoffe, ich habe dich nicht erzürnt.
Ach iwo!  :nudelholz:  :diablo:

Vielleicht hast du in der Tendenz recht, aber so wie du es darlegst, steckt die Frau in einem (pseudo-?)moralischen Konflikt, der Mann hat dagegen die Wahl zwischen zwei wertfreien oder positiven Alternativen. So ist es arg schwarz-weiß.

Insgesamt lenke ich mal zurück zum eigentlichen Bezug: Der Text von Percer zeigt so schön, wie lange es dauert, sich von unausgesprochenen Erwartungen und Rollenvorbildern frei zu machen; er macht Mut, sich dafür Zeit zu nehmen, sich auszuprobieren. Das kann doch bestimmt jede und jeder Schreibende gebrauchen!

Gruß,  ;)

eska
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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #13 am: 09 April 2016, 07:58:19 »
Da steckt so viel Pfeffer in dieser spannenden Diskussion und so viel nicht oder kaum zu beweisende Behauptungen, dass einem ganz wirr im Kopf wird. Deshalb auch nur was mir gerade so einfällt.
Sich eine Erlaubnis geben zu müssen, erinnernt mich stark an meine hobbypsychologische Zeit und Eric Berne mit seinen Büchern über Kindheits-Ich, Eltern-Ich und Erwachsenen-Ich, die einen zu ganz bestimmten Rollenverhalten führen. Bei mir war das Eltern-Ich immer schwach ausgeprägt.

Ich bin ja schon was älter und in meiner Jugend spielten wir immer Cowboy oder Ritter und die Mädchen wollten unbedingt Mutter und Kind spielen. Nur bei Ballspielen und ähnluchem spielten wir zusammen. Aber wer hat heute noch Platz draußen zu spielen.

Aber unbedingt muss ich was zu Trends und gesellschaftlichen Zwängen sagen. Darum habe ich mich nie gekümmert. Hätte ich das, wäre ich garantiert arbeitslos geworden. Ich habe immer gemacht, was mir Spaß macht. Und das war nicht Party. Über meine Schreiberei habe ich nie groß geredet und wenn, hat es kaum jemanden interessiert. Allerdings war ich zu einer Zeit jung, als Selbstverwirklichung und innere Freiheit wirklich nuch Themen waren, über die wir halbe Nächte lang uns die Köpfe heißgeredet haben. Da ging es wirklich noch um etwas. Nun gut, das war Anfang der Siebziger.

Alles zusammen hat mir das viel geholfen, das zu tun, was ich für gut hielt. Hat mir aber auch manche Schramme eingebracht.

Liebe Grüße
Trippelschritt
(der gleich wieder sein Kindheits-Ich auspackt)
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Re: The first rule of novel-writing is don't write a novel
« Antwort #14 am: 29 September 2016, 21:45:51 »
Oh, das System warnt mich: This Fred is dead, Jim.
Trotzdem: Ich schreib was dazu, fts ...

Sich 'erlauben' zu schreiben? Ernsthaft: Wenn ich genügend Sex&Drugs&rock'n'roll hatte, völlig übernächtigt bin und dazu noch hinreichend körperliche Anstrengung (Doppelt-Marathon und/oder eine Trainingsstunde mit einem Kickbox-Weltmeister), dann ist so beinahe der Punkt erreicht, an dem ich in Erwägung ziehe mir zu erlauben, nicht zu schreiben.
Und in aller Regel verwerfe ich die Idee dann, weil: Absurd. Aber so vollkommen absurd, dass ... daraus sofort ein Plot entsteht.

Schreiben, das ist ... Notwehr, gegen das Universum, gegen das, was ist, und im Zweifel gegen die eigene Überzeugung, den eigenen Glauben: Nichts, was man sich 'erlaubt', nichts, was man sich 'nimmt'.
Es ist ein mieser Job - es ist furchtbar, es ist anstrengend, es frisst dich auf - aber: Jemand muss es tun.
Du.
Ich.
Wir.

Das ist die Hölle.
Aber immerhin: Wir haben  :kaffee2::lava::b5: ... und ein Buchhalter hat Tabellen, Bilanzen und ... Langeweile.
(und wenn es ihn schlimm erwischt: Urlaub in einem 'Club' mit Animation, während wir im ... Auenland mit Bäumen sprechen.

'Erlauben?'
Nein. Nein, das ist das falsche Wort.
Erleiden würde passen, oder ... erLEBEN.