Autor Thema: Lajos Egri: "Literarisches Schreiben"  (Gelesen 5219 mal)

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Offline Trippelschritt

  • Erzmagier des Nichts
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    • Pentamuria
Ich kann für die Tiefe der Personen mit Schreibratgebern überhaupt nichts anfangen. (Bei anderen Themen hingegen durchaus.) Das liegt daran, dass ich meinen Personen überhaupt nichts verleihe - und schon gar nicht Tiefe. Ich wüsste gar nicht wie das geht, obwohl ich eine Menge Techniken kenne, incl. Megalisten.
Bei mir startet jede Figur mit einer oder einigen wenigen zentralen Eigenschaften, an denen nicht zu rütteln ist, weil diese Urform etwas mit der Grundidee meiner Geschichte zu tun hat. So ist mein augenbllicklicher Prota störrisch wie ein Maulesel.
Dann braucht er einen soziokulturellen Hintergrund - oder wie das heißt -, weil ein Bauer sich anders verhält als ein Landarbeiter. Er denkt auch anders. Und er braucht eine Vorgeschichte, etwas das er gemacht hat, bevor die Geschichte los geht. Und dann muss er innerhalb der Geschichte etwas wollen, denn sonst geht es nicht weiter. All das kann ich mehr oder weniger intellektuell klären. Aber dann ist Schluss.
Die Tiefe meiner Personen entsteht durch die Wechselwirkung mit dem Plot. Ein guter Plot mit vielen Twists oder mit einer ständigen Entwicklung, um mal zwei Extreme zu nennen, bringt die Figuren in immer neue Situationen, in denen sie sich immer neu bewähren müsse. Und wenn das nicht reicht, dann schicke die Figur zum Pfadfindertreffen, als Entwicklungshelfer nach Haiti, in einen Computerclub, wo das Breitschwert an der Gaderobe abzugeben ist oder setze ihn in den Bundestag. Was würde sie in solchen Situationen wohl machen und mit welchen Leuten würde sie sich wie abgeben.
VORSICHT: Das ist immer noch keine Tiefe. die entsteht erst, wenn einige Verhaltensvarianten überraschen und trotzdem nicht im Widerspruch zum sonstigen Verhalten stehen.
Na ja, wenn's einfach wäre ...

Liebe Grüße
Trippelschritt
(eine rätselhafte Persönlichkeit)
  • Ich schreibe gerade: Tamalone, hieß früher mal Ypsilone
Womit kann der alte Vol Jin euch helfen

Dorte

  • Gast
Trippelschritt, ich finde das sehr ähnlich, wie es bei mir abläuft :)
Meine Geschichten sind fast alle personenfixiert. Irgendwann, zack, ist eine Personenschablone in meinem Kopf und sage "nanu, wer bist denn du?". Für gewöhnlich sagt die Schablone dann "meine Name ist X, ich habe die und die Eigenschaften und <bitte zentralen Plot /Motiv einfügen>."
Und dann geht's los.
Ich schaue mir den Kernplot oder das Motiv an oder die Eigenschaften, erforsche das näher, finde Details heraus, die zu weiteren Eigenschaften, zur äußeren Erscheinung, zu Freund- und Feindschaften und zur Handlung führen. So eine Beobachtung und Erforschung der Figur kann sich über Jahre oder nur über ein paar Tage hinziehen, je nachdem, wie die Figur so drauf ist. Offene, schlichte Gemüter habe ich meist schnell im Blick, aber ich hab da auch eine Figur, die ich seit mehr als fünfzehn Jahren noch nicht wirklich durchschaue, weil sie mich ständig anlügt (ich merke dann beim Schreiben, dass da auf einmal Dinge zu Tage kommen, die niemals auch nur angedeutet wurden ;) ).

Die richtige Tiefe und Persönlichkeit entwickeln die meisten meiner Figuren erst, wenn ich sie schreibe. Eingebunden in die Handlung (nicht nur in den Plot, besonders die Nebenhandlungen und kleinen Szenen sind hier für mich wichtig) wirken sie doch oft anders als bei Gedankenspielen in meinem Kopf. Ich finde es immer spannend, eine neue Figur so "auszuwildern" und zu sehen, wie sie sich in der Welt der Buchstaben verhält.

Irdarian

  • Gast
Kleiner Vorschlag, vielleicht ein wenig OT:

Wenn man sich ansehen will, wie man wirklich tiefschichtige Charaktere macht und wie sie wirken, empfehle ich ein paar DVD-Nachmittage vor dem Fernsehkastel. Und dann Serien reinziehen wie "Die Sopranos", "Deadwood", "Dr. House", meinetwegen auch "The Mentalist" und sogar "Grey's Anatomy". Die Charaktere dieser Serien haben nämlich so viel Tiefe, Schattiereungen und Brüche, dass sie selbst nach mehrere Staffeln keine Langeweile durch Wiederholungen aufkommen lassen und immer noch überraschen. Und das geht glaubwürdig nur dann, wenn die Figuren reich und tief angelegt sind. Also - zuschauen und lernen. Denn die Entwicklung eines Charakters für Film und Fernsehen basiert auf denselben Grundlagen wie jene für Romanfiguren.

LG BR

Ich gebe zu, von diesen Serien kenne ich nur "Dr. House", den dafür sehr gut. Unglaublich, wie tiefschicht er ist. Wie du sagst, erkennt mann immer wieder neue Schattierungen. Das extremste Beispiel war ja, als Foremans ungeliebter Bruder aus dem Knast entlassen wurde und eine Anstellung im Princeton fand. House hat sich wieder einmal als Ekel herausgestellt, aber schlussendlich hat er die beiden zusammengebracht. Einfach gross!