Autor Thema: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)  (Gelesen 1636 mal)

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Nimmer

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H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« am: 04 November 2012, 09:09:52 »
Nachdem ich spontan Lovecrafts "Berge des Wahnsinns" als Hörbuch aus der Stadt-Bibliothek ausgeliehen habe, lese ich nebenbei - beim Hörbuch bin ich erst auf CD 3 - einige seiner Texte. Obwohl mir manche recht gut gefallen, bin ich doch der Meinung, dass sie insgesamt nicht dem entsprechen, was heutzutage als guter Text gilt, was mich wiedereinmal zu meiner Frage zurückgebracht hat, wie viel Augenmerk man überhaupt auf die Form geben muss, wenn einem bloß oder vor allem Rezipientenunterhaltung wichtig ist. Ein Inhalt, der viele begeistert, reicht vielleicht völlig aus.

Am Montag werde ich mir dann das Necronomicon aus der Uni-Bibliothek ausleihen.
« Letzte Änderung: 08 November 2012, 13:19:11 von Lilith »

Offline Lilith

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #1 am: 04 November 2012, 09:41:17 »
Nachdem ich spontan Lovecrafts "Berge des Wahnsinns" als Hörbuch aus der Stadt-Bibliothek ausgeliehen habe, lese ich nebenbei - beim Hörbuch bin ich erst auf CD 3 - einige seiner Texte. Obwohl mir manche recht gut gefallen, bin ich doch der Meinung, dass sie insgesamt nicht dem entsprechen, was heutzutage als guter Text gilt, was mich wiedereinmal zu meiner Frage zurückgebracht hat, wie viel Augenmerk man überhaupt auf die Form geben muss, wenn einem bloß oder vor allem Rezipientenunterhaltung wichtig ist. Ein Inhalt, der viele begeistert, reicht vielleicht völlig aus.

Am Montag werde ich mir dann das Necronomicon aus der Uni-Bibliothek ausleihen.

Lovecraft und sein Stil sind tatsächlich ein Phänomen, finde ich. Seine Texte habe ich auch über die Hörbücher kennengelernt und mich daraufhin eine Zeit lang weiter mit H. P. Lovecraft befasst. Interessant finde ich, dass du exakt den gleichen Eindruck hast wie ich ihn damals hatte.
« Letzte Änderung: 08 November 2012, 13:19:18 von Lilith »
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Nimmer

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #2 am: 04 November 2012, 10:22:06 »
Ich meine, dass mir die Geschichten am besten gefallen, bei denen (zufälligerweise?) die detaillierten Beschreibungen am besten zum Inhalt passen. Die Berge des Wahnsinns oder die namenlose Stadt zu beschreiben, bspw., ist essenziell für zum einen den (titelgebenden) Gegenstand der Geschichte, zum anderen das Ambiente. Die detaillierte Beschreibung des perversen Hedonismus, dem die Figuren in "The Hound" frönen, ist hingegen völlig irrelevant, denn weder trägt sie wesentlich zur Geschichte bei, noch färbt sie den Ich-Erzähler. Überhaupt sehe ich die größte Schwäche Lovecrafts in seinen Ich-Erzählern, die keine Persönlichkeiten sind, sondern bloß leere Gefäße, in die nach und nach Grauen gefüllt wird.
« Letzte Änderung: 08 November 2012, 13:19:34 von Lilith »

Karin

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #3 am: 08 November 2012, 12:56:11 »
Überhaupt sehe ich die größte Schwäche Lovecrafts in seinen Ich-Erzählern, die keine Persönlichkeiten sind, sondern bloß leere Gefäße, in die nach und nach Grauen gefüllt wird.

Das ist eine sehr interessante Beobachtung, die mir ein wenig die Augen geöffnet hat und über die ich jetzt schon einige Zeit nachdenke.
Vielleicht ist das sogar eine Stärke. Da ich nach dem Lesen von "Berge des Wahnsinns" darüber nachgedacht hatte, warum mich dieser Text eigentlich gefesselt hatte, warum das Grauen bei mir lange nach dem Lesen nicht nachließ (das Gefühl ist noch heute da), liegt evtl. da die Antwort.
Lovecrafts Ich-Erzähler sind leere Gefäße, also kann jeder Leser in sie schlüpfen, bis es der Leser selbst ist, der erlebt und der mit Grauen gefüllt wird. Es gibt keine Reibungspunkte zwischen Leser und Protagonist, die Grenzen verschwimmen.
Ein Prota mit eigener Charakterisierung wäre als eigenständige Person spürbar, würde sich vom Leser unterscheiden.
Vielleicht hat Lovecraft das absichtlich so gemacht.
« Letzte Änderung: 08 November 2012, 13:19:25 von Lilith »

Offline Lilith

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #4 am: 08 November 2012, 13:15:32 »
Überhaupt sehe ich die größte Schwäche Lovecrafts in seinen Ich-Erzählern, die keine Persönlichkeiten sind, sondern bloß leere Gefäße, in die nach und nach Grauen gefüllt wird.

Das ist eine sehr interessante Beobachtung, die mir ein wenig die Augen geöffnet hat und über die ich jetzt schon einige Zeit nachdenke.
Vielleicht ist das sogar eine Stärke. Da ich nach dem Lesen von "Berge des Wahnsinns" darüber nachgedacht hatte, warum mich dieser Text eigentlich gefesselt hatte, warum das Grauen bei mir lange nach dem Lesen nicht nachließ (das Gefühl ist noch heute da), liegt evtl. da die Antwort.
Lovecrafts Ich-Erzähler sind leere Gefäße, also kann jeder Leser in sie schlüpfen, bis es der Leser selbst ist, der erlebt und der mit Grauen gefüllt wird. Es gibt keine Reibungspunkte zwischen Leser und Protagonist, die Grenzen verschwimmen.
Ein Prota mit eigener Charakterisierung wäre als eigenständige Person spürbar, würde sich vom Leser unterscheiden.
Vielleicht hat Lovecraft das absichtlich so gemacht.

Das geht mir ähnlich und ich finde es ebenso spannend wie du, Karin. Gerade "Die Berge des Wahnsinns" sind ein gutes Beispiel für das lang anhaltende Grauen - denn, ja, mir jagt "Tekeli-li" immer noch einen Schauer über den Rücken. Lovecrafts unglaublich ausführliche und intensive, lange Beschreibungen habe ich mit Spannung verfolgt, obwohl da über Seiten ja nicht wirklich etwas passiert, sondern nur ... beschrieben wird. Ähnlich bei der namenlosen Stadt ... oder auch Pickmans Modell ... oder oder oder.

Spannung wird in der Tat weniger durch starke Figuren erzeugt, auch wenig über Dialoge, sondern dem, was man oberflächlich betrachtet "tell" oder als "Infodump" abtun könnte. Das Grauen bei Lovecraft ist weniger personengebunden, auch gegenstandslos und entfaltet die stärkste Wirkung, wenn diese wirklich ausführlichen Beschreibungen und Exkursionen und das nicht näher benannte Grauen selbst aufeinandertreffen. Schon widersprüchlich. Ich denke zB an Erzählungen wie "Das Bild im Haus" (Achtung, Spoiler!), das großteils aus den Berichten dieses alten Mannes und Andeutungen über diverse verschwundene Personen und Kannibalismus besteht, und seine volle Wirkung am Schluss entfalten kann, in diesem einen Augenblick, in dem Blut von der Decke tropft und der Protagonist entsetzt nach oben starrt.
(Und weniger durch den inflationären Gebrauch von "grauenhaft", "schrecklich", "abartig" usw.)

Wieviel Absicht dahinter steckt ...? Ich meine mich zu erinnern, dass es Lovecraft in seiner Misanthropie oft darum ging, die Bedeutungslosigkeit der angeblichen "Krone der Schöpfung" immer wieder zu untermauern, indem er diese uralten Wesen aus dem All, die all diese Schwarzmagier aus den Geschichten, anbeten und mit ihnen ... unschöne Pakte eingehen.

Ich glaube, ich trenne das Thema mal ab, ich finde die Diskussion nämlich sehr spannend und glaube, in diesem Fred ist nicht genug Raum dafür. :)
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Offline Rilyn

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #5 am: 08 November 2012, 13:22:13 »
Tolles Thema. Tolle Beobachtung. :cheerful:

Es stimmt, wenn Lovecraft seinen Figuren irgendeine Persönlichkeit gibt, dann ist die sehr vage und häufig nur durch den Beruf definiert; manchmal noch durch manisches Reinhängen in irgendwelche Forschungen oder anderes. Das Motiv, Verborgenes aufdecken zu wollen, der Wahrheit hinter einem Mysterium näherzukommen und dabei in das lovecraft'sche Grauen zu stolpern zieht sich ja durch alle Geschichten. Spontan erinnere ich mich jedenfalls an keine, in der die Hauptfigur von Anfang an wegrennt oder eben nicht wissen will, was Sache ist. Aber ich hab auch nicht alle gelesen.
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Nimmer

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #6 am: 08 November 2012, 18:27:35 »
Ich habe die Vermutung, dass es eine Spannung gibt zwischen Lovecrafts Werk, verstanden als die Menge seiner Texte als Ganzes betrachtet, und seinen Texten, individuell betrachtet.
Eine beliebige Geschichte Lovecrafts anschauend, mag es unproblematisch oder sogar förderlich sein, dass die Figuren so beschaffen sind, dass sie ganz - und nur - das Grauen aufnehmen. Aber sobald man mehrere Texte kennt, ergibt sich ein Muster; nämlich das, dass sich der Typ des lovecraftschen Entdeckers wiederholt: ein Mann gerät durch irgendeinen Zufall in Berührung mit etwas, was er nicht versteht, kann dann, von Neugier getrieben, nicht mehr umdrehen, bis er dem Grauen einer supernatürlichen Wahrheit begegnet, die ihn verrückt werden lässt. Das Ironische daran ist, dass jede Geschichte zum Thema hat, dass das Musterhafte, Regelhafte, Normale durchbrochen wird durch etwas, was nicht sein kann/darf/soll, dass aber die Menge dieser Texte ein eigenes Muster schafft.
Mir scheint dieser Effekt insofern von Nachteil zu sein, als dass er ein Gefühl von "kenne ich" ermöglicht oder direkt nach sich zieht, was das Gegenteil ist von dem Gefühl, das die einzelnen Texte selbst hervorrufen wollen. Der Teufelskreis ist der, dass jeder Text, den ich nach den ersten paar gelesenen lese, dann das Gefühl von "kenne ich" durchbrechen muss, während er, nachdem er gelesen ist, selbst dieses Gefühl wieder verstärkt.
In diesem Zusammenhang finde ich es auch nicht gut, dass aus Lovecrafts Cthulhu ein Mythos gemacht worden ist, denn ein Mythos ist eine Ordnung, die begriffen werden kann - bei Lovecraft geht es aber gerade darum, dass die Dinge nicht zusammenpassen. Es ist ähnlich wie bei der Filmreihe 'Alien', die wiederholt ein Wesen darstellt, dessen Schrecken in seiner Fremdheit liegt.
Am besten wäre es, könnte man vor dem Lesen eines Texts von Lovecraft, die anderen vergessen, die man schon gelesen hat.

Das sind meine aktuellen Gedanken dazu, ich habe aber auch erst eine handvoll Texte gelesen.

Offline Rilyn

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #7 am: 08 November 2012, 19:54:05 »
Sehr treffende Gedanken. Nach einer Handvoll Texte vergeht mir auch jedesmal für lange, lange Zeit die Lust, noch einen zu lesen. ;D

Den Mythos per se finde ich nicht schlimm, denn er heißt mehr so, als dass er einer ist; die Einordnung dieser Wesen ist noch niemandem so gelungen, dass nicht sofort ein anderer aufschreit, etwas passe so nicht. Es gibt Haufenweise Lücken, und selbst die Demystifizierung in At the Mountains of Madness erlaubt nur eine Ahnung dessen, was (gewesen) sein könnte ... und bringt Wandel ins Spiel: selbst, wenn das bisher vermeintlich bekannte ein halbwegs geordneter Mythos ist, bleibt offen, was jetzt wirklich ist. Damit hat er nicht nur seinen damaligen Autorenfreunden alle Tore geöffnet. Eigentlich schade, dass so viele nur wieder den guten alten Shoggoth hervorgekramt haben, statt sich etwas völlig Neues zu überlegen.
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Gregorius

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Re: H.P. Lovecraft (ehemalig: Was lest ihr gerade?)
« Antwort #8 am: 08 November 2012, 21:26:32 »
Yay, Lovecraft! :cheerful:

Was die Figuren angeht: Stimmt, Charaktere hat der gute Mann eigentlich nie geschaffen. Dialoge konnte er auch nicht. Und die inflationäre Wiederholung wie grauenhaft alles ist, das enorm kultische, das überall auftauchende aber doch eigentlich ach so selten auftauchende Necronomicon und die imemr wieder um die Ecke lukenden großen Alten die ganz automatisch immer dahinter stehen, das alles sollte beinah unfreiwillig komisch wirken ... tut es aber irgendwie nicht. Lovecraft erldigt in vielen Punkten beinah seine eigene Parodie aber irgendwie ist das Gemisch so stimmig ... beispielsweise "Träume im Hexenhaus", hallo, niemand glaubte im 20. Jahrhundert noch ernsthaft das in Salem Hexen verbrannt wurden, niemand studiert eine Mischung aus "Mathematik und Volkskunde", "nicht-euklidische Winkel" was für ein Blödsinn soll das sein, aber wegen "Brown Jennings" hab ich mich kaum getraut abends das Licht auszumachen.

@Nimmer: Gerade dieses Gesamtbild nämlich ergibt sich für mich durchaus, es ist ein Gesamtbild immer wiederkehrender Stilelemente. Die fiktiven Bücher, die er erschaffen hat, wobei ja besonders das Necronomicon durch die dazu erfundene Historie ein gespenstisches Eigenleben entwickelt hat, weit über Lovecrafts Werk hinaus. Dieses kultische, diese Götter und ihre Diener, irgendwo im verborgenen, die Vorgänge in abgelegenen Städtchen wie Insmouth, in denen niemand je nachsehen kommt, die schrecklichen Familiengeheimnisse (auch ja immer noch ein heutzutage gern verwandtes Stilmittel mit einiger Faszination) und alles ergibt eben dieses finale Gesamtbild, das wohl auch Lovecrafts größter Einfluss auf Stephen King war, das die Realität nur ein dünner Vorhang ist der Löcher hat, und wenn man diesen Vorhang zur Seite zieht, lauert dahinter ein Grauen, das einem den Verstand raubt. Nicht einfach irgendein Monster, das einen umbringt und gegen das man kämpfen kann, sondern Gottheiten, bei deren Erblicken man einfach wahnsinnig wird, weil man nicht ertragen kann, was sich einem da offenbart.
eins gelernt hat: Die "Einheit des Effekts" (so nannte das mal eien Doku über Lovecraft die ich gesehen habe), Anfang, zack!, drin bist du in der Geschichte und zum Abschluss noch ein schöner Schlag in die Magengrube, alles was nicht zur Geschichte, beziehungsweise zum erzeugen des gewünschten Effekts gehört, wird dabei weggesäbelt (Lovecrafts Figuren essen auch praktisch nie), dazu gehört im Zweifelsfall auch die Figurenzeichnung, außer bestimmte Eigenschaften der Figuren (Hedonismus, ein bestimmtes Studienfach, Geldnot) bedingen das einleiten einer bestimmten Handlung.

Einen Mythos erfindet Lovecraft für mich übrigens durchaus, man kann die Götter zumindest grob ihren Positionen und Bedeutungen zuordnen, gerade in Berge des Wahnsinns offenbart sich eine bestimmte Historie und imemr wieder erhält man Einblick in gewisse Rituale und welche Gruppen wen anbeten. Es ist für mich schon ein Mythos erkennbar und gerade das lassen bestimmter Lücken verstärkt das eher als es abzuschwächen, da dies zu dem ganzen Grauenskomplex des verborgenen gehört, den Lovecraft so gekonnt aufbaut.