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Grill / Re: Das zwölfte Geheimnis - Prolog
« Letzter Beitrag von FF am 13 August 2020, 13:41:14 »
Hui, Lilith, danke für die genaue Analyse! Ich muss ja zugeben, dass ich mich mit dieser kaputten Familie in unbekanntes Terrain wage und manche Folgen für meine Protagonistin noch nicht so richtig durchdacht habe. Um so dankbarer bin ich, dass du dir den Text zur Brust genommen und mir ein paar Löcher gezeigt hast.

Erst einmal stimme ich Uli zu: Mir kommt die Erzählerin auch zu abgeklärt vor. Spontan hätte ich hinter dem Text auch Fantasy erwartet, bei dem Teil für die Jugend bin ich mir nicht so sicher, weil die Themen, die du hier direkt am Anfang ansprichst, schwer sind, da hilft auch die Ironisierung durch die Protagonistin (so sie die denn ist) nicht. Das zarte Alter von dreizehn Jahren stellt da außerdem die Frage nach der Zielgruppe.

Warum Fantasy? Das liegt zum Einen am ersten Absatz, in dem die Figur einen Fantasyroman liest, zum Anderen an der Autorin und ganz schlicht am Titel. "Das zwölfte Geheimnis" klingt nicht so nach Sozialdrama oder Coming of Age.
Tja, die Zielgruppe. Mein altes Problem. Diese Geschichte schwankt seit Jahren zwischen elf und sechzehn, ich wollte nicht wieder in der Situation landen, dass Mütter sie ihren siebenjährigen Töchtern in die Hand geben, ohne zu wissen, was da abgeht, ich wollte aber auch kein "Young Adult". Ich will einfach nur die Geschichte erzählen, und hin und wieder hätte das auch ein Krimi oder eine Horrorstory werden können. Ich wollte die Identitätskrise, das letzte Festhalten an der Kindheit und der Mutter, die Unsicherheit und die Angst vor der Realität, aber noch nicht die Rebellion oder Flucht.

Zitat
"Niemals!", rief die Grüne Hexe.
Huch, danke, natürlich. :)

Zitat
Zum Einstieg habe ich zwei Ideen, die eine hat mit Realitätsflucht der Protagonistin zu tun, die andere damit, dass die Fantasygeschichte die Beziehung der Mutter und des Stiefvaters zueinander spiegelt - Frau kämpft gegen Mann, will ihn vernichten (sich ein für allemal trennen?), doch der lacht darüber nur höhnisch, weil "das Schicksal" (die Misshandlungs(vor)erfahrung? Die dysfunktionalen Verhaltensmuster?) sie aneinander bindet. Sie würden also immer wieder und immer weiter gegeneinander kämpfen, so wie Lula es auch von den Eltern kennt; nie gibt es einen Schlussstrich, immer geht das Gestreite von Neuem los. Clever gemacht finde ich, dass der Sturmkönig, in der Übertragung der Stiefvater, mitten im Satz unterbrochen wird, gerade als er ihr erklären will, dass sie zur Wiederholung verdammt ... Und dann kommt der Lärm, der diesmal tatsächlich eine Veränderung bedeutet, eine, die Lula gar nicht mehr erwartet hat: Sie trennen sich voneinander.
Vielleicht lässt sich hieraus aber auch der Verlauf der weiteren Geschichte erahnen; ich habe mir, als die Mutter verkündete, dass es endgültig aus sei, gleich gedacht: Der lässt doch nicht locker. Weil solche Typen eine Trennung in der Regel nicht einfach mal so eben hinnehmen und danach in Frieden ausziehen, sondern meistens ist das der Startschuss für Stalking, Bedrohung, in den schwersten Fällen endet das mit Mord an der Ex-Partnerin, weil die narzisstische Kränkung nicht verwunden werden kann, dass die einem anderen Lebensentwurf als dem eigenen folgen will. "Du gehörst (zu) mir!"
Ooooder hat die Mutter dafür gesorgt, dass er das, öhm, nicht mehr tun können wird?
Hier siehst du schon Dinge, an die ich nicht gedacht habe. Natürlich ist der Stiefvater (übrigens kein "echter" geheirateter, sondern nur ein jetzt Ex-Freund der Mutter) ein Antagonist, aber eher ein Katalysator, der die Dinge in Bewegung setzt und Mutter und Tochter dazu zwingt, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Bis zum Mord wird das NICHT gehen, aber nach deinen Anmerkungen überlege ich tatsächlich, ob er doch noch stärker eingreifen wird, als ich es bis jetzt geplant hatte. Eigentlich sollte er nur als dorfzerstörender Ork fungieren, der die Heldin zum Aufbruch zwingt.

Hui, danke für die genaue Analyse! Ich muss ja zugeben, dass ich mich mit dieser kaputten Familie in unbekanntes Terrain wage und manche Folgen für meine Protagonistin noch nicht so richtig durchdacht habe. Um so dankbarer bin ich, dass du dir den Text zur Brust genommen und mir ein paar Löcher gezeigt hast.

Erst einmal stimme ich Uli zu: Mir kommt die Erzählerin auch zu abgeklärt vor. Spontan hätte ich hinter dem Text auch Fantasy erwartet, bei dem Teil für die Jugend bin ich mir nicht so sicher, weil die Themen, die du hier direkt am Anfang ansprichst, schwer sind, da hilft auch die Ironisierung durch die Protagonistin (so sie die denn ist) nicht. Das zarte Alter von dreizehn Jahren stellt da außerdem die Frage nach der Zielgruppe.

Warum Fantasy? Das liegt zum Einen am ersten Absatz, in dem die Figur einen Fantasyroman liest, zum Anderen an der Autorin und ganz schlicht am Titel. "Das zwölfte Geheimnis" klingt nicht so nach Sozialdrama oder Coming of Age.
Tja, die Zielgruppe. Mein altes Problem. Diese Geschichte schwankt seit Jahren zwischen elf und sechzehn, ich wollte nicht wieder in der Situation landen, dass Mütter sie ihren siebenjährigen Töchtern in die Hand geben, ohne zu wissen, was da abgeht, ich wollte aber auch kein "Young Adult". Ich will einfach nur die Geschichte erzählen, und hin und wieder hätte das auch ein Krimi oder eine Horrorstorywerden können. Ich wollte die Identitätskrise, das letzte Festhalten an der Kindheit und der Mutter, die Unsicherheit und die Angst vor der Realität, aber noch nicht die Rebellion oder Flucht.

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"Niemals!", rief die Grüne Hexe.
Huch, danke, natürlich. :)

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Zum Einstieg habe ich zwei Ideen, die eine hat mit Realitätsflucht der Protagonistin zu tun, die andere damit, dass die Fantasygeschichte die Beziehung der Mutter und des Stiefvaters zueinander spiegelt - Frau kämpft gegen Mann, will ihn vernichten (sich ein für allemal trennen?), doch der lacht darüber nur höhnisch, weil "das Schicksal" (die Misshandlungs(vor)erfahrung? Die dysfunktionalen Verhaltensmuster?) sie aneinander bindet. Sie würden also immer wieder und immer weiter gegeneinander kämpfen, so wie Lula es auch von den Eltern kennt; nie gibt es einen Schlussstrich, immer geht das Gestreite von Neuem los. Clever gemacht finde ich, dass der Sturmkönig, in der Übertragung der Stiefvater, mitten im Satz unterbrochen wird, gerade als er ihr erklären will, dass sie zur Wiederholung verdammt ... Und dann kommt der Lärm, der diesmal tatsächlich eine Veränderung bedeutet, eine, die Lula gar nicht mehr erwartet hat: Sie trennen sich voneinander.
Vielleicht lässt sich hieraus aber auch der Verlauf der weiteren Geschichte erahnen; ich habe mir, als die Mutter verkündete, dass es endgültig aus sei, gleich gedacht: Der lässt doch nicht locker. Weil solche Typen eine Trennung in der Regel nicht einfach mal so eben hinnehmen und danach in Frieden ausziehen, sondern meistens ist das der Startschuss für Stalking, Bedrohung, in den schwersten Fällen endet das mit Mord an der Ex-Partnerin, weil die narzisstische Kränkung nicht verwunden werden kann, dass die einem anderen Lebensentwurf als dem eigenen folgen will. "Du gehörst (zu) mir!"
Ooooder hat die Mutter dafür gesorgt, dass er das, öhm, nicht mehr tun können wird?

Hier siehst du schon Dinge, an die ich nicht gedacht habe. Natürlich ist der Stiefvater (übrigens kein "echter" geheirateter, sondern nur ein jetzt Ex-Freund der Mutter) ein Antagonist, aber eher ein Katalysator, der die Dinge in Bewegung setzt und Mutter und Tochter dazu zwingt, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Bis zum Mord wird das NICHT gehen, aber nach deinen Anmerkungen überlege ich tatsächlich, ob er doch noch stärker eingreifen wird, alsich es bis jetzt geplant hatte. Eigentlich sollte er nur als dorfzerstörender Ork fungieren, der die Heldin zum Aufbruch zwingt.

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KRACH!
Der Erikativ funktioniert zwar gut in seiner Doppeldeutigkeit - das Krachen der Blitze und der Streitkrach, aber dass die Art des Lärms so undefiniert bleibt, macht es auch schwer, nachzuvollziehen, was los ist. Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob mir das nicht zu comichaft ist, aber dazu kenne ich die Hauptfigur auch noch nicht gut genug, um mir hier ein Urteil zu bilden. Erwarten würde ich bei der Vorgeschichte und den geschilderten Angstattacken, dass sie auf die Art des Lärms direkt mit einer bestimmten Horrorvorstellung reagiert und sich versteckt, in die Panikstarre geht oder, wenn sie's wirklich nicht einordnen kann, entweder gelähmt ist vor dem neuen Schrecken, der sich dahinter verbergen mag, oder eben nachsieht, falls irgendwie auszumachen ist, dass keine Gefahr droht (z.B. weil der Kerl still ist).
Eigentlich sollte da irgendwo erwähnt sein, dass es die zuschlagende Wohnungstür ist ... Lulas fehlende Panikstarre erklärt sich vielleicht daraus, dass sie selber noch nie in irgendeiner Form bedroht oder misshandelt worden ist und sich angewöhnt hat, einfach auf das, was danach zu tun ist, zu reagieren. Weniger abgeklärt als komplett mechanisch.

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“Ich will ans Meer.” Wenn schon mein ganzes Leben gerade auseinandergerissen wurde, wollte ich wenigstens eine mögliche Richtung mitbestimmen.
Interessant finde ich, dass sie keine Reaktion auf die Trennung zeigt. Ich lese das so, dass sie keinen Zugang zu ihren eigentlichen Gefühlen hat, weil sie es sich nicht leisten kann, sich damit auseinanderzusetzen. So verstehe ich auch die vermeintliche "Abgeklärtheit" und Altklugheit. Lula scheint mir auch zerrissen zwischen dem Wunsch, das jetzt glauben zu wollen, aber doch nicht zu können, weil die gesamte Situation wieder dafür spricht, dass sich doch alles entwickelt wie immer (Eis spendieren usw.).

Rainer, der Exfreund, bedeutet ihr gar nichts. Null. Sie lebt seit fünf Jahren mit ihm in der Wohnung und weiß so gut wie nichts über ihn. Sie will auch nichts wissen. Ich bin noch nicht ganz sicher, wie ich das weiter bearbeite und was dahintersteckt.

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Ich zog einen hochmütigen Flunsch. “Seh’ ich aus, als wäre ich erst zwölf?” Immerhin war mein dreizehnter Geburtstag schon fast eine Woche her!
Hier klingt sie, als mache sie sich über sich selbst lustig und gleichzeitig über die anderen Zwölf-/Dreizehnjährigen, von denen sie so ein Verhalten kennt. Authentisch wirkt es auf mich nicht.
Es war selbstironisch, aber dafür kennt man Lula als Person noch zu wenig.

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Nicht den Umzug, nicht den Abschied von der Schule (da mochte mich eh niemand) oder der Wohnung oder der Stadt, sondern den Abschied von der Angst. Es würde keine Kämpfe, keinen bösen Krach, kein Gebrüll und keine zuschlagenden Türen mehr geben.
"den Abschied von der Angst" - das ist eine der Stellen, an denen sie mir zu reflektiert für ihr Alter vorkommt. Klar, für jemanden wie sie ist es wichtig, sich abzusichern, immer zu wissen, was als nächstes kommt, aber gerade in so einem Augenblick würde ich von ihr eher ... innere Leere erwarten, weil ihre sonstigen Überlebensautomatismen gerade ausgeschaltet wurden. Vielleicht auch Unglauben.
Ja, sie könnte einfach nur erleichtert sein. Oder gar nichts fühen, aber das glaube ich nicht. Vielleicht formuliere ich das noch um. Danke!

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Wobei ich glaube, dass die echten Gefühle erst später kommen, wenn sie in Sicherheit ist, auf dem Weg zu Sophioma oder schon dort. Der Name "Sophioma" irritiert mich übrigens bei jedem Lesen. Ist das ein Eigenname, eine Zusammensetzung aus "Sophi" und "Oma"? Wenn letzteres, fehlt meiner Lesegewohnheit einfach das E nach dem I. ;D
Die echten Gefühle kommen auf jeden Fall noch. :)
Und Sophioma war erst einmal ein Spiel mit dem Namen der Großmutter, so wie meine Urgroßmutter bei uns "Omi Ur" hieß. Bin noch nicht glücklich damit und werde es wohl ändern.

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“Wie bei Papa, oder?”
Aber da war ich einen Schritt in die falsche Richtung gegangen.
Hier wird deutlich, wie sehr sie auch bei ihrer Mutter drauf achten muss, nichts falsches zu sagen oder zu tun. Und wie gewohnt sie das schon ist.
Ja, sie weiß durchaus, dass ihre Mutter da ein riesiges Problem hat, und dachte, sie könnte den günstigen Augenblick nutzen und etwas herausfinden.

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Sie redete nicht darüber. Ich hätte liebend gern stundenlang darüber geredet, warum mein richtiger Vater uns ohne ein Wort verlassen hatte, als ich zwei war. Aber das würde ich wohl nie herausfinden.
Die Formulierung impliziert geradezu, dass sie das im Laufe der Geschichte doch sehr wohl herausfinden wird. Ich hoffe gerade, das hat nichts mit dem zwölften Geheimnis zu tun oder einem möglichen Fantasyelement. Da du sie schreibst, erwarte ich's aber trotzdem nicht.
Der Vater ist eins der Geheimnisse.


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Als es dunkel wurde, legte ich mich ins Bett. Eigentlich wollte ich mich noch eine Weile im Zimmer umsehen und darüber nachsinnen, dass dies meine letzte Nacht hier war, aber mein Körper hatte mal wieder kein Gespür fürs Drama, und ich schlief beinahe sofort ein.
"kein Gespür fürs Drama", wieder so ein Satz. Einerseits verdeutlicht der die Trennung zwischen Körper und Geist am besten: sie kennt sich selbst nicht, kann ihre Erschöpfung nicht spüren (?), zumindest nicht deuten und erwartet von sich mehr, als sie leisten kann. Aber da von "Gespür fürs Drama" zu sprechen, ist zwar schön bissig ironisch, würde ich aber eher von einer fünfzehn- oder sechzehnjährigen Lula erwarten, nicht von der Dreizehnjährigen.
Ich hab einen Neffen, der so etwas schon mit elf gesagt hätte. ;D

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So fing es an.
WAS? ;D
;D :arbeit:

Vielen, vielen Dank! Ich schlafe zur Zeit auch schlecht, immer höchstens fünf Stunden in der Nacht und dann nochmal drei über den Tag verteilt, was nicht so toll ist. Lass dich mal von fern knuddeln. :umarm: Heute ist es ja zum Glück etwas kühler.

Und ein Fernknuddel an Rilyn: :umarm:
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Grill / Re: Das zwölfte Geheimnis - Prolog
« Letzter Beitrag von FF am 13 August 2020, 13:10:04 »
Und zugegeben: Ich habe erwartet, dass du bei den Zeitformen und daraus abzuleitender Folgerungen genau gearbeitet hast - aber mir war danach, ein wenig anzugeben mit Analyse und so.
Wenn es schon nichts zu meckern gibt - für irgendwas muss die Grillgabel ja gut sein.

Ich bin ja schon begeistert darüber, dass ihr überhaupt röstet. Ich dachte, der Text schmurgelt jetzt erstmal tagelang unbeachtet vor sich hin.
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Grill / Re: Das zwölfte Geheimnis - Prolog
« Letzter Beitrag von Lilith am 12 August 2020, 20:35:36 »
Huhu FF!

Schön, mal wieder was Neues von dir zu lesen. :cheerful:
Mir gefällt's: Der Text liest sich spannend, mit zahlreichen Wendungen und macht Lust auf mehr.

Kritik habe ich keine im Gepäck, eher Anmerkungen, von denen ein oder zwei auch kritisch sind. Aber da interessiert mich vor allem, was die Autorin sich dabei gedacht hat.

Erst einmal stimme ich Uli zu: Mir kommt die Erzählerin auch zu abgeklärt vor. Spontan hätte ich hinter dem Text auch Fantasy erwartet, bei dem Teil für die Jugend bin ich mir nicht so sicher, weil die Themen, die du hier direkt am Anfang ansprichst, schwer sind, da hilft auch die Ironisierung durch die Protagonistin (so sie die denn ist) nicht. Das zarte Alter von dreizehn Jahren stellt da außerdem die Frage nach der Zielgruppe.
Warum Fantasy? Das liegt zum Einen am ersten Absatz, in dem die Figur einen Fantasyroman liest, zum Anderen an der Autorin und ganz schlicht am Titel. "Das zwölfte Geheimnis" klingt nicht so nach Sozialdrama oder Coming of Age.

Was mir aufgefallen ist, der Reihe nach:
„Niemals!” rief die Grüne Hexe. „Ich werde dich vernichten!”
Der Sturmkönig lachte. Blitze zuckten über den Horizont, und Donner rollte in den Bergen. „Mich vernichten? Du Närrin! Weißt du nicht, dass dein Schicksal an meins gebunden ist? Es ist uns bestimmt, für immer
Klitzekleiner Kommafehler: Nach einem Ausrufezeichen grenzt ein Komma den nachgestellten Begleitsatz ab. Es muss also heißen: "Niemals!", rief die Grüne Hexe.

Zum Einstieg habe ich zwei Ideen, die eine hat mit Realitätsflucht der Protagonistin zu tun, die andere damit, dass die Fantasygeschichte die Beziehung der Mutter und des Stiefvaters zueinander spiegelt - Frau kämpft gegen Mann, will ihn vernichten (sich ein für allemal trennen?), doch der lacht darüber nur höhnisch, weil "das Schicksal" (die Misshandlungs(vor)erfahrung? Die dysfunktionalen Verhaltensmuster?) sie aneinander bindet. Sie würden also immer wieder und immer weiter gegeneinander kämpfen, so wie Lula es auch von den Eltern kennt; nie gibt es einen Schlussstrich, immer geht das Gestreite von Neuem los. Clever gemacht finde ich, dass der Sturmkönig, in der Übertragung der Stiefvater, mitten im Satz unterbrochen wird, gerade als er ihr erklären will, dass sie zur Wiederholung verdammt ... Und dann kommt der Lärm, der diesmal tatsächlich eine Veränderung bedeutet, eine, die Lula gar nicht mehr erwartet hat: Sie trennen sich voneinander.
Vielleicht lässt sich hieraus aber auch der Verlauf der weiteren Geschichte erahnen; ich habe mir, als die Mutter verkündete, dass es endgültig aus sei, gleich gedacht: Der lässt doch nicht locker. Weil solche Typen eine Trennung in der Regel nicht einfach mal so eben hinnehmen und danach in Frieden ausziehen, sondern meistens ist das der Startschuss für Stalking, Bedrohung, in den schwersten Fällen endet das mit Mord an der Ex-Partnerin, weil die narzisstische Kränkung nicht verwunden werden kann, dass die einem anderen Lebensentwurf als dem eigenen folgen will. "Du gehörst (zu) mir!"
Ooooder hat die Mutter dafür gesorgt, dass er das, öhm, nicht mehr tun können wird?

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KRACH!
Der Erikativ funktioniert zwar gut in seiner Doppeldeutigkeit - das Krachen der Blitze und der Streitkrach, aber dass die Art des Lärms so undefiniert bleibt, macht es auch schwer, nachzuvollziehen, was los ist. Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob mir das nicht zu comichaft ist, aber dazu kenne ich die Hauptfigur auch noch nicht gut genug, um mir hier ein Urteil zu bilden. Erwarten würde ich bei der Vorgeschichte und den geschilderten Angstattacken, dass sie auf die Art des Lärms direkt mit einer bestimmten Horrorvorstellung reagiert und sich versteckt, in die Panikstarre geht oder, wenn sie's wirklich nicht einordnen kann, entweder gelähmt ist vor dem neuen Schrecken, der sich dahinter verbergen mag, oder eben nachsieht, falls irgendwie auszumachen ist, dass keine Gefahr droht (z.B. weil der Kerl still ist).

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Es war also immer laut. Aber es gibt unterschiedliche Arten von Lärm. Die eine Art ist einfach nur “lautes Geräusch”. Dabei kann ich problemlos lernen, Hausaufgaben machen, lesen und schlafen. Die andere Art ist die, vor der ich Angst habe.
Leute, die sich im Wohnzimmer anbrüllen.
Das Klirren zerbrechender Teller und Tassen.
Faustschläge gegen verschlossene Türen.
Und das Krachen der Wohnungstür.
Die Stille danach war die einzige Stille, die ich kannte: über all dem Lärm der Stadt ein tonnenschweres Schweigen, während ich stocksteif auf meinem Bett lag und abwartete, wie es jetzt weiterging. Das hing immer davon ab, wer nun gerade die Wohnungstür hinter sich zugeschmettert hatte: Mama oder Rainer.
Wenn es Mama war, geschah nichts. Dann holte Rainer einen Kasten Bier aus dem Keller und setzte sich damit vor den Fernseher, bis Mama irgendwann spät nachts zurückkam. Am nächsten Tag taten sie dann immer so, als sei nichts gewesen.
Wenn aber Rainer ging, konnte alles Mögliche passieren. Manchmal kam Mama in mein Zimmer, grinste triumphierend und spendierte uns beiden ein Eis. Manchmal schloss sie sich stundenlang im Schlafzimmer ein und weinte. Und manchmal musste ich ihre beste Freundin Sandra anrufen, damit sie Mama ins Krankenhaus fuhr. Das kam nicht oft vor, aber oft genug, dass ich vor dem Warten und dem Schweigen fast noch mehr Angst hatte als vor dem Krach.
Das könnte man so lesen, als wäre mit dem KRACH! genau diese Abfolge von Geräuschen gemeint, aber für mich wird der Effekt (so gewollt) durch die beiden Wenn-Dann-Ausführungen eher abgeschwächt. So oder so: starker Absatz. Deutlich, ohne zu plakativ zu werden.

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“Ich will ans Meer.” Wenn schon mein ganzes Leben gerade auseinandergerissen wurde, wollte ich wenigstens eine mögliche Richtung mitbestimmen.
Interessant finde ich, dass sie keine Reaktion auf die Trennung zeigt. Ich lese das so, dass sie keinen Zugang zu ihren eigentlichen Gefühlen hat, weil sie es sich nicht leisten kann, sich damit auseinanderzusetzen. So verstehe ich auch die vermeintliche "Abgeklärtheit" und Altklugheit. Lula scheint mir auch zerrissen zwischen dem Wunsch, das jetzt glauben zu wollen, aber doch nicht zu können, weil die gesamte Situation wieder dafür spricht, dass sich doch alles entwickelt wie immer (Eis spendieren usw.).

Zitat
Ich zog einen hochmütigen Flunsch. “Seh’ ich aus, als wäre ich erst zwölf?” Immerhin war mein dreizehnter Geburtstag schon fast eine Woche her!
Hier klingt sie, als mache sie sich über sich selbst lustig und gleichzeitig über die anderen Zwölf-/Dreizehnjährigen, von denen sie so ein Verhalten kennt. Authentisch wirkt es auf mich nicht.

Zitat
Nicht den Umzug, nicht den Abschied von der Schule (da mochte mich eh niemand) oder der Wohnung oder der Stadt, sondern den Abschied von der Angst. Es würde keine Kämpfe, keinen bösen Krach, kein Gebrüll und keine zuschlagenden Türen mehr geben.
"den Abschied von der Angst" - das ist eine der Stellen, an denen sie mir zu reflektiert für ihr Alter vorkommt. Klar, für jemanden wie sie ist es wichtig, sich abzusichern, immer zu wissen, was als nächstes kommt, aber gerade in so einem Augenblick würde ich von ihr eher ... innere Leere erwarten, weil ihre sonstigen Überlebensautomatismen gerade ausgeschaltet wurden. Vielleicht auch Unglauben. Wobei ich glaube, dass die echten Gefühle erst später kommen, wenn sie in Sicherheit ist, auf dem Weg zu Sophioma oder schon dort. Der Name "Sophioma" irritiert mich übrigens bei jedem Lesen. Ist das ein Eigenname, eine Zusammensetzung aus "Sophi" und "Oma"? Wenn letzteres, fehlt meiner Lesegewohnheit einfach das E nach dem I. ;D

Zitat
“Wie bei Papa, oder?”
Aber da war ich einen Schritt in die falsche Richtung gegangen.
Hier wird deutlich, wie sehr sie auch bei ihrer Mutter drauf achten muss, nichts falsches zu sagen oder zu tun. Und wie gewohnt sie das schon ist.

Zitat
Sie redete nicht darüber. Ich hätte liebend gern stundenlang darüber geredet, warum mein richtiger Vater uns ohne ein Wort verlassen hatte, als ich zwei war. Aber das würde ich wohl nie herausfinden.
Die Formulierung impliziert geradezu, dass sie das im Laufe der Geschichte doch sehr wohl herausfinden wird. Ich hoffe gerade, das hat nichts mit dem zwölften Geheimnis zu tun oder einem möglichen Fantasyelement. Da du sie schreibst, erwarte ich's aber trotzdem nicht.

Zitat
Sie kam nicht zurück, und ich hörte, wie sie die Spülmaschine ausräumte. Also aß ich mein Eis allein auf, aber es war nicht mehr so schön wie vorher. Danach ging ich wieder in mein Zimmer und packte meine Schminksachen ein. Und noch ein paar Bücher. Und natürlich Harpo, meinen Plüschraben. Alle anderen Stofftiere und die Puppen, für die ich eigentlich seit einer Woche viel zu alt war, würden eine Weile in den Umzugskisten wohnen müssen. Aber nicht Harpo.
Harpo, interessanter Name. :)

Zitat
Als es dunkel wurde, legte ich mich ins Bett. Eigentlich wollte ich mich noch eine Weile im Zimmer umsehen und darüber nachsinnen, dass dies meine letzte Nacht hier war, aber mein Körper hatte mal wieder kein Gespür fürs Drama, und ich schlief beinahe sofort ein.
"kein Gespür fürs Drama", wieder so ein Satz. Einerseits verdeutlicht der die Trennung zwischen Körper und Geist am besten: sie kennt sich selbst nicht, kann ihre Erschöpfung nicht spüren (?), zumindest nicht deuten und erwartet von sich mehr, als sie leisten kann. Aber da von "Gespür fürs Drama" zu sprechen, ist zwar schön bissig ironisch, würde ich aber eher von einer fünfzehn- oder sechzehnjährigen Lula erwarten, nicht von der Dreizehnjährigen.

Zitat
So fing es an.
WAS? ;D

Ich hoffe, da sind ein paar Krümel dabei, die dir weiterhelfen, die Geschichte zu bändigen. Falls irgendwo was unverständlich oder offen geblieben sein sollte, frag ruhig nach. Meine Konzentration macht nicht so viel mit, Hitze und Schlaflosigkeit dank Hitze sei Dank (sic!).

Alles Liebe!
Lilith
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Grill / Re: Das zwölfte Geheimnis - Prolog
« Letzter Beitrag von Uli am 12 August 2020, 19:41:54 »
grins ...

dass es sich um Fantasy handelt leite ich aus der subtilen Andeutung der ersten Zeilen ab:
 
Zitat
„Niemals!” rief die Grüne Hexe. „Ich werde dich vernichten!”
Der Sturmkönig lachte. Blitze zuckten über den Horizont, und Donner rollte in den Bergen. „Mich vernichten? Du Närrin! Weißt du nicht, dass dein Schicksal an meins gebunden ist? Es ist uns bestimmt, für immer
OK, zugegeben: Solche Worte könnten eventuell auch in anderenGenres als Einleitung dienen, aber nachdem die Autorin ziemlich bekannt für ein bestimmtes solches ist, würde sie einen Genrewechsel recht schnell deutlich machen, um Falscherwartungen zu vermeiden.

Und zugegeben: Ich habe erwartet, dass du bei den Zeitformen und daraus abzuleitender Folgerungen genau gearbeitet hast - aber mir war danach, ein wenig anzugeben mit Analyse und so.
Wenn es schon nichts zu meckern gibt - für irgendwas muss die Grillgabel ja gut sein.
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Grill / Re: Das zwölfte Geheimnis - Prolog
« Letzter Beitrag von FF am 12 August 2020, 19:25:46 »
;D Naja, es könnte nochn bisschen dauern, bis es fertig ist, weil ich gerade die ursprünglichen ersten hundert Seiten komplett in die Tonne getreten und mit diesem Prolog ganz neu angefangen habe. Die Figuren und das Setting lassen sich diesmal wirklich Zeit ... aber nun hab ich eine ungefähre Ahnung, wo es hinlaufen könnte.

Woran erkennst du "offensichtlich Fantasy"? ;D

Und danke für die Röstung! Die Zeitformen sind Absicht und durchaus bewusst so gesetzt, weil ich das gerade bei der Ich-Erzählform sehr wichtig finde. Und auch die daraus folgenden Folgerungen sind durchaus beabsichtigt. :)

:lava:


:arbeit:
26
Grill / Re: Das zwölfte Geheimnis - Prolog
« Letzter Beitrag von Uli am 12 August 2020, 18:56:25 »
  :dops:

wie schön, dass du diesen Textteil ˋProlog ´ nennst - sonst könnte ich ja über gar nichts meckern ...

Offensichtlich ein Jugendbuch, offensichtlich Fantasy, OK - und wie schon bei Glitzi lese ich das gerne. Noch dazu eine Ich-Erzählerin, da bin ich sehr gespannt ...

Ab und zu ist mir die Erzählerin ein klein wenig zu abgeklärt für eine 13-Jährige, obwohl ihre Lebenssituation mit diesem Mistkerl das schon zum Teil begründet - zugerechnet, dass sie offenbar ˋnachher ´ erzählt, und wahrscheinlich ein wenig was erlebt hat inzwischen, ist das vollends OK.
Falls das rückblickende Erzählen stimmt, könnte der Satz
Zitat
Ich kann es nicht leiden, wenn sie mich Lula nennnt, aber manchmal ist es schlauer, erst die Lage zu erkunden, bevor man mit dem Zanken anfängt.
noch in die Vergangenheitsform gesetzt werden - wenn der so bleibt, weiß ich schon, dass a) die Mutter die Sache überlebt, b) Sie ihre Tochter immer noch so nennt und c) dass die Protagonistin das immer noch nicht ausstehen kann.
Nebenbei ˋversteckt´ der Satz aber auch die Haltung des Mädels, erst die Lage zu erkunden (und deutet negative Erfahrungen bei anderer Handlungsweise an). Was sich wahrscheinlich mal als richtig gute Idee herausstellen wird.

So.
Was bleibt ist die alles entscheidende Frage: Wann ist das fertig? (ungeduldig bin)

 :applaus:
27
Grill / Das zwölfte Geheimnis - Prolog
« Letzter Beitrag von FF am 12 August 2020, 17:44:14 »
Damit der arme Uli sich nicht immer allein auf den Grill legen muss, hab ich hier mal den Anfang meiner neuen Geschichte. :) Fühlt euch nicht zum Rösten genötigt *PIEKS*, aber vielleicht fallen euch ja irgendwelche Fehler auf.

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Prolog


„Niemals!” rief die Grüne Hexe. „Ich werde dich vernichten!”
Der Sturmkönig lachte. Blitze zuckten über den Horizont, und Donner rollte in den Bergen. „Mich vernichten? Du Närrin! Weißt du nicht, dass dein Schicksal an meins gebunden ist? Es ist uns bestimmt, für immer


KRACH!
Ich erschrak so sehr, dass mir das Buch aus der Hand und in hohem Bogen durchs Zimmer flog.
Eigentlich war ich an Lärm gewöhnt. Unsere Wohnung lag im zweiten Stock an einer Hauptverkehrsstraße in einer großen deutschen Stadt, die nicht nur einen Flughafen, sondern auch zwei Autobahnanschlüsse und ein Fußballstadion hat. Zwei Häuser weiter war eine Kneipe, fünf Häuser weiter eine Pizzeria, die Straße links runter eine Grundschule und rechts rauf die Feuerwehr. Wir hatten Autos, Motorräder, Busse, Krankenwagen, bellende Hunde, kreischende Kinder, dröhnende Flugzeuge und immer wieder Sirenengeheul. Ich hatte noch nie im Leben kein Geräusch gehört, und wenn es wirklich mal ruhiger wurde, machte entweder jemand (ich zum Beispiel) Musik an oder es war spät und ich ging ins Bett.
Es war also immer laut. Aber es gibt unterschiedliche Arten von Lärm. Die eine Art ist einfach nur “lautes Geräusch”. Dabei kann ich problemlos lernen, Hausaufgaben machen, lesen und schlafen. Die andere Art ist die, vor der ich Angst habe.
Leute, die sich im Wohnzimmer anbrüllen.
Das Klirren zerbrechender Teller und Tassen.
Faustschläge gegen verschlossene Türen.
Und das Krachen der Wohnungstür.
Die Stille danach war die einzige Stille, die ich kannte: über all dem Lärm der Stadt ein tonnenschweres Schweigen, während ich stocksteif auf meinem Bett lag und abwartete, wie es jetzt weiterging. Das hing immer davon ab, wer nun gerade die Wohnungstür hinter sich zugeschmettert hatte: Mama oder Rainer.
Wenn es Mama war, geschah nichts. Dann holte Rainer einen Kasten Bier aus dem Keller und setzte sich damit vor den Fernseher, bis Mama irgendwann spät nachts zurückkam. Am nächsten Tag taten sie dann immer so, als sei nichts gewesen.
Wenn aber Rainer ging, konnte alles Mögliche passieren. Manchmal kam Mama in mein Zimmer, grinste triumphierend und spendierte uns beiden ein Eis. Manchmal schloss sie sich stundenlang im Schlafzimmer ein und weinte. Und manchmal musste ich ihre beste Freundin Sandra anrufen, damit sie Mama ins Krankenhaus fuhr. Das kam nicht oft vor, aber oft genug, dass ich vor dem Warten und dem Schweigen fast noch mehr Angst hatte als vor dem Krach.
Diesmal dauerte es nicht lange, bis Mama an meine Tür klopfte. “Lula?”
Ich kann es nicht leiden, wenn sie mich Lula nennnt, aber manchmal ist es schlauer, erst die Lage zu erkunden, bevor man mit dem Zanken anfängt. Ich setzte mich auf. “Ja.”
Sie öffnete die Tür und kam herein, und ich wusste sofort, dass heute etwas anders war. Es würde kein Eis geben, aber sie hatte auch kein blaues Auge und kein gebrochenes Handgelenk. Sie hatte allerdings geweint. Doch sie hatte etwas an sich, das mich an den Abend erinnerte, als sie mir sagte, dass Tante Vera gestorben war. Ich wusste sofort, dass sich etwas Grundlegendes verändert hatte, und dann sagte sie: “Pack zusammen, was du für vier Wochen Ferien auf dem Land brauchst. Morgen schicke ich dich zu Sophioma.”
Ich war so verblüfft, dass ich sie nur anstarren konnte. Dann sagte ich: “Äh, nein? Ich muss in die Schule!”
“Nein. Ich nehme dich aus der Schule, wir ziehen weg, ich habe mich eben von ihm getrennt. Ich muss eine Menge organisieren, und es ist besser, wenn du nicht jede unerfreuliche Einzelheit mitbekommst. Nimm nur mit, was du dringend brauchst, alles andere kommt in den Umzugswagen. Keine Angst, es wird nichts verloren gehen oder weggeworfen.”
“Aber wo ziehen wir denn hin?”
“Das weiß ich noch nicht. Vielleicht muss ich die Sachen auch erst einmal einlagern, bis ich etwas gefunden habe. Mach dir darüber keine -”
“Ich will ans Meer.” Wenn schon mein ganzes Leben gerade auseinandergerissen wurde, wollte ich wenigstens eine mögliche Richtung mitbestimmen. Aber Mama sagte: “Ich kann’s nicht versprechen, Lula. Wir werden das Erstbeste nehmen, was wir bekommen können. Danach können wir weitersehen. Aber jetzt fang an zu packen. Ich bringe dir den Koffer. Brauchst du Hilfe?”
Ich zog einen hochmütigen Flunsch. “Seh’ ich aus, als wäre ich erst zwölf?” Immerhin war mein dreizehnter Geburtstag schon fast eine Woche her!
Mama grinste, und da wusste ich, dass es irgendwann an diesem Tag doch noch Eis geben würde. Und als sie mir den Koffer brachte und ich mich in meinem Zimmer umsah, wurde mir allmählich klar, dass wir tatsächlich etwas zu feiern haben würden. Nicht den Umzug, nicht den Abschied von der Schule (da mochte mich eh niemand) oder der Wohnung oder der Stadt, sondern den Abschied von der Angst. Es würde keine Kämpfe, keinen bösen Krach, kein Gebrüll und keine zuschlagenden Türen mehr geben. Ich hatte zwar keine Lust auf Ferien bei Sophioma, aber die paar Wochen würde ich wohl durchhalten, und dann waren wir frei! Und vielleicht am Meer!
Ich begann sofort, Klamotten aus dem Schrank zu reißen.
Später saßen wir im Wohnzimmer und aßen unser Eis. Zwar keins vom Italiener an der Ecke, sondern Fruchteis aus der Tiefkühltruhe, aber Eis ist Eis. Es bestand auch keine Gefahr, dass Rainer plötzlich im Zimmer stand, denn Mama hatte die Kette an der Wohnungstür vorgelegt. “Soll er doch bei seiner neuen Freundin übernachten”, sagte sie. “Jetzt ist es mir wirklich egal.”
Ich schaute sie an, und sie sah wirklich anders aus als in den letzten zwei Jahren. Jünger. Wacher. Mutiger. “Weißt du was”, sagte ich, “ich bin froh, dass er aus unserem Leben verschwindet. Das war doch alles nur noch doof.”
“Ja”, sagte sie. “Und es tut mir leid, dass du das so lange mitmachen musstest. Das habe ich wirklich falsch gemacht.”
Da stimmte ich ihr zu, aber erstens war es jetzt vorbei, und zweitens hatte ich Eis und war großzügig gestimmt. “Naja”, sagte ich weise. “Er war wohl nicht der Richtige.”
Mama seufzte. “Menschen verändern sich. Ein paar Jahre lang war er durchaus der Richtige. Aber dann ging es eben nicht mehr.”
“Wie bei Papa, oder?”
Aber da war ich einen Schritt in die falsche Richtung gegangen.
“Du weißt, dass wir darüber nicht reden”, sagte Mama scharf, stand auf und ging in die Küche.
Sie redete nicht darüber. Ich hätte liebend gern stundenlang darüber geredet, warum mein richtiger Vater uns ohne ein Wort verlassen hatte, als ich zwei war. Aber das würde ich wohl nie herausfinden.
Sie kam nicht zurück, und ich hörte, wie sie die Spülmaschine ausräumte. Also aß ich mein Eis allein auf, aber es war nicht mehr so schön wie vorher. Danach ging ich wieder in mein Zimmer und packte meine Schminksachen ein. Und noch ein paar Bücher. Und natürlich Harpo, meinen Plüschraben. Alle anderen Stofftiere und die Puppen, für die ich eigentlich seit einer Woche viel zu alt war, würden eine Weile in den Umzugskisten wohnen müssen. Aber nicht Harpo.
Als es dunkel wurde, legte ich mich ins Bett. Eigentlich wollte ich mich noch eine Weile im Zimmer umsehen und darüber nachsinnen, dass dies meine letzte Nacht hier war, aber mein Körper hatte mal wieder kein Gespür fürs Drama, und ich schlief beinahe sofort ein.
So fing es an.
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Grill / Re: mit deinen Augen - Heldenreise
« Letzter Beitrag von eska am 28 Juli 2020, 22:21:53 »
 Bitte!

:cheerful:
29
Grill / Re: mit deinen Augen - Heldenreise
« Letzter Beitrag von Uli am 28 Juli 2020, 01:11:32 »
 :hach:

ay Eska,

Danke!
Da waren jetzt mindestens zwei sehr gute Ansätze drin, um ˋwichtige ´ Szenen zu begründen. Und ich frage mich ernstlich, warum ich da nicht selber draufgekommen bin ... vor allem deshalb, weil der  eine schon in den ersten Zeilen angelegt ist:
Zitat
Damit dieser jemand dann bessere Chancen hat, diese Gelegenheit zu ergreifen, meine Fehler nicht wiederholt und ...
Und ˋSpurensuche ´ ist auch ein ganz starkes (und von mir übersehenes, gnarf) Motiv.
 :dops:  :anbet1:

Ein kleines Ärks ist allerdings auch dabei (aber damit rechne ich schon seit einiger Zeit): Dass die Sache dadurch ein wenig (also, ein wenig mehr ... noch mehr ...) persönlich werden konnte, also - für mich. Trauerarbeit und so - andererseits stellt dass auch eine weitere Dimension auf, neben der angedeuteten Drogensache nebst psychischer Störung und dem ˋdas war wirklich so ´. Auch schön.

ganz viele  :b5: und  :kaffee2: und :danke:
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Grill / Re: mit deinen Augen - Heldenreise
« Letzter Beitrag von eska am 27 Juli 2020, 23:18:19 »
Lieber Uli;

danke für die Erläuterungen.   :lichtaufgeh:

Zitat
der Erzählmodus ... der basiert auf der ˋSchreibsituation ´, in der Kai sich befindet. Er schreibt diesen Text ja, nachdem El! weggegangen ist, und eher als persönlichen Rückblick,

Ja, so hatte ich das auch aufgefasst. Deswegen meinte ich auch, das passt zu seiner Situation am Anfang.
ABER: Eine Geschichte quasi nur im Rückblick und zwar in der Vorvergangenheit und im narrativ-bewertenden Modus zu lesen wird schnell langweilig, fürchte ich. Die Lesegewohnheiten der meisten sind doch inzwischen auf schnelleres Lesen und miterlebte Handlung eingestellt, da gehen knapp zusammengefasste Feinheiten schnell verloren bzw. werden überlesen. Insofern musst du Kai außer den nachdenklichen Sätzen bitte auch sehnsüchtige Erinnerungen in die Feder diktieren oder so, oder ihn Szenen rekapitulieren lassen unter dem Gesichtspunkt, ob er etwas hätte anders machen können/sollen... etwas, was mich als Leserin mehr reinnimmt - du weißt schon.
Du schreibst, das geht nur mit den für ihn wesentlichen Szenen. Naja. Vielleicht darf es auch ein bisschen mehr sein, wenn du dafür eine einleuchtende Begründung findest? Z.B. könnte ein gehörter Satz/ein Wort ihn an El! und ihre ganz eigene Verwendung/Intonation etc. erinnern. Oder der Weg eines Regentropfens an der Scheibe etwas über Zeitempfinden aussagen oder oder oder.

Außerdem fände ich es schade, wenn die Idee nur so eine kurze Geschichte ergäbe, wie du skizziert hast! Ich plädiere für 'mehr Butter bei die Fische'. Rein lesesüchtig natürlich.  :cheese:

Da Kai sich ja wohl ziemlich ändert im Laufe der Geschichte, könnte er ja zwischendurch selbst über seine Einstellung stolpern - oder von El! darauf angesprochen/wortlos angestoßen werden. Könnte ich mir als eindrückliche Szene vorstellen... *sanftes Schubsen*.

Alles also eine Empfehlung, die von dir angedachte Szene (und mehr) einzubauen. Frohes Fabulieren!

eska

P.S.: Als Grund für die detailliertere Erinnerung kann ich mir z.B. denken, die Ausgangslage war bei jedem der beiden eine andere, das hat er damals nicht gemerkt, spätr aber begriffen. Jetzt sucht er im Nachhinein nach Hinweisen.
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