Das Purgatorium - die Hölle der Textkritik > Aschegrube

(KG) Der beste Freund des Menschen

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Uli:

ay Nightingale

Schön, dass es hilft ...


--- Zitat ---Schön, dass es für dich auch als KG funktioniert.
Was würdest du denn an der Formatierung ändern, die Absatzgestaltung? Da war ich mir etwas unsicher, letztlich schienen mir die verschiedenen Abschnitte aber so am sinnigsten zusammengefasst.
--- Ende Zitat ---

Ich mache mich nachher mal daran, den Text umzuformatieren (mit Begründung) - ein paar Absätze mehr sind möglich und wären für mich hilfreich



--- Zitat ---Ja, das Ende war zu erwarten. Die ganze Geschichte bewegt sich in eine Richtung, überrascht nicht und erzeugt keine Anteilnahme. Dafür müsste ich wohl Herzblut investieren und - fürchte ich - mich der Geschichte ganz anders nähern.
--- Ende Zitat ---

Ich denke, dass es gar nicht soooo aufwändig ist, da noch etwas rauszukitzeln - wenn du erstmal wieder richtig drin bist im Schreiben.



--- Zitat ---Über das Kürzen werde ich nachdenken. Du würdest vermutlich an den Stellen ansetzen, in denen ich versuchte, dem Leser Klarheit zu lasten eines Überraschungseffekts zu verschaffen, oder?
--- Ende Zitat ---

ziemlich wahrscheinlich - werde ich beim Umformatieren mit versuchen ...



--- Zitat ---Rösten habe ich in ganz anderer Erinnerung, gerade fühle ich mich eher sanft gegrillt.  :cheese:
--- Ende Zitat ---

Oh ... das andere Rösten kann ich auch noch ... :mob:
Erschien mir hier nur nicht nötig.






--- Zitat ---Ich verstehe den Einwand und erkenne die Wahrheit darin, und doch ...
ich möchte eine Figur zeigen, die sich stets der Illusion bewusst ist, aber trotzdem Nähe daraus gewinnen will oder besser gesagt, die Einsamkeit für den Moment vertreiben will. Durchaus so, wie du es ausdrückst: Faktisch weiß sie es, praktisch will sie es nicht wissen. Oder fast so, wie du es ausdrückst: Sie will keine Verantwortung, keine Verpflichtung, nicht lieben, aber das Gefühl, gebraucht oder sogar geliebt zu werden. Eine egoistische, einseitige Beziehung - der Trugschluss eines nicht zu Ende gedachten Gedankens.
--- Ende Zitat ---

OK - damit habe ich eine Zielvorstellung und die ist auch OK.
Ändert nicht viel daran, dass die wiederholte Betonung auf das Virtuelle daran m.E. nicht ganz passt - aber weniger radikal als ich erst angenommen habe.
In den gefühlsbetonten Situationen sollte die Irrealität ausgeblendet sein, aber sie darf wiederkehren in praktischen Überlegungen.

bis später!
Uli

Uli:
ay Nightingale,

ein bisschen ˋreinschmieren ´ wg Absätzen und evtl Kürzungen






Der beste Freund des Menschen

Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich jetzt einen Schäferhund, Dackel oder Dalmatiner will, schaue mich ratlos im Wohnzimmer um und frage mich, welcher Hund wohl am besten zu meinen Möbeln passt.
(Absatz möglich weil Sinnwechsel von Frage zu Antwort.)
Wahrscheinlich der Dalmatiner. Schlicht, weiß, ein paar Flecken. Fast wie der Wohnzimmerteppich: schlicht, weiß, ein paar Flecken.
(Vorschlag Zeilenumbruch)
Eigentlich egal. Hund ist Hund, wollte ich immer schon haben, nur nicht so richtig. Also so richtig richtig.

Ich lade die App runter, starre durchs Display und mein neuer bester Freund sieht mich mit treuen Augen an. Toll, wie schön man die einzelnen Härchen erkennt. Auch die Feuchtigkeit der Nase, wie sie im Licht glänzt, beeindruckend.

Das Geschlecht des Hundes kontrolliere ich, indem ich seine Daten checke. Ist ein Weibchen. Außerdem steht da, dass sie einen gehorsamen und freundlichen Charakter hat. Bei der Auswahl hatte ich gar nicht drauf geachtet, Glück gehabt.
Eine sie also. Gut, wie soll sie heißen?

Mit der Entscheidung lasse ich mir Zeit, setze Kaffee auf und überlege.
„Lucy“, raune ich schließlich ins Display und weil mein Hund nicht reagiert, rufe ich noch einmal: „Lucy!“

Lucy beguckt mein Sofa, dreht sich dann aber um. Sie kommt näher, schwanzwedelnd. Ich streichel sie, also das Display. (das Display ist hier noch OK) Lucy hechelt, schließt die Augen. Sie genießt die Berührung und ich die Gesellschaft. Eine ganze Weile bin ich damit beschäftigt, sie zu liebkosen, die Ohren zu kraulen und Vertrauen aufzubauen. Wir lernen uns kennen, so geht das eben. Später spielen wir noch Ball, üben das Apportieren.

Die Illusion ist perfekt. Da flitzt ein virtueller Hund einem virtuellen Ball in meinem Wohnzimmer hinterher und macht einen Bogen um den Wäscheberg, der da tatsächlich liegt. Stets läuft ihr Schatten mit. Lucy ist so gut in ihre Umgebung integriert, dass ich mich immer mal wieder bei dem Bedürfnis ertappe, das Smartphone beiseitezulegen, damit ich beide Hände frei habe.

Es wird spät, viel später als beabsichtigt. Um 2:00 Uhr lege ich mich ins Bett, das Smartphone in der Hand (Kein Rückschluss in Realität an dieser Stelle!). Lucy folgt mir, springt aufs Bett, rollt sich am Fußende zusammen. Ich lächel und betrachte sie durchs Display, sehe sie an und kann sie fühlen. Sie ist so wirklich wie meine Zuneigung.
(der letzte Satz ist wieder OK, der sollte bleiben)

Statt des Weckers ist es Lucys Gebell, das mich weckt. (Zeilenumbruch)
Ha! Da hat man einen Hund und sofort krempelt er dir das Leben um. Gähnend taste ich neben meinem Kopfkissen nach dem Smartphone, schaue hindurch und muss grinsen. Lucy hüpft vergnügt auf dem Bett herum, springt über meine Beine, von links nach rechts und wieder zurück und bellt.

Es ist 6:30 Uhr, Aufstehzeit. Offenbar hat Lucy die Weckfunktion automatisch abgelöst. Ich bin nicht sicher, ob mir das gefällt, und prüfe ihre Einstellungen. Dort sehe ich, dass sie mich künftig auch auf Geburtstage hinweisen will, indem sie Happy-Birthday-Melodien bellt. Die Option lässt sich leicht deaktivieren, dennoch ... Wer denkt sich bloß so einen Schwachsinn aus? Das Hochgefühl nach dem Erwachen verfliegt und hinterlässt mich seltsam ernüchtert. Ich werfe das Smartphone aufs Bett und sperre den Hund aus meinem Leben aus.
Natürlich nicht für lange. Bald kehre ich zurück, das Display Lucy tätscheln, bis die ganze Anspannung von mir weicht.

Im Wohnzimmer klappe ich den Laptop auf, aktiviere die Kamera und melde mich anwesend. Telearbeit, so geht das seit drei Jahren. Ich überzeuge Kunden und nenne das Beratungsgespräch. Da für Kunden wie Vorgesetzte nur mein Gesicht und ein Teil des Oberkörpers zu sehen ist, trage ich zur Bluse keine Hose und Lippenstift zu unrasierten Beinen.

Stunde um Stunde verschwende ich meine Lebenszeit. Es ist leichter mit Lucy an meiner Seite. Zwar sehe ich sie nicht, aber sie ist da und wartet.

Inzwischen muss ich die Wohnung praktisch nicht mehr verlassen. Diverse Einkaufsdienste liefern alles, was sich mit Geld bezahlen lässt. Lässlich - wir wissen schon, dass wir eine weitere Stufe der V-Welt erricht haben, also ist das klar.)

 In meiner Mittagspause gehe ich Lucy zuliebe ausnahmsweise raus, um sie Gassi zu führen. Virtuelle Spaziergänge wären genauso möglich, aber ich will ihr eine Freude machen.

Das Wetter ist mies, die Luft abgestanden und das Stadtbild ein Grau in Grau mit schrillen Plakaten, die wie bunte Fetzen auf verschlissenen Arbeitshosen kleben. Beim Asia Imbiss will ich mir Bratnudeln holen, sehe dann aber schon von weitem, dass der Laden aufgegeben wurde. Nur wenige Passanten sind unterwegs, alle scheinen beschäftigt. Niemand sieht mich an, für die anderen bin ich so unsichtbar wie Lucy.

Von Lucy gibt es jetzt ein Plüschmodell mit Sensoren, das einen schlafenden Hund simuliert. Streichelweiches Fell, eine Nase aus glänzendem Leder, der Körper ist zusammengerollt. Eine lebensechte, lebensgroße Attrappe, deren Augen im immerwährenden Dornröschenschlaf geschlossen bleiben. Natürlich erwerbe ich sie. Das Paket trifft an einem Montag ein, ich packe aus und parke Lucy neben mir auf dem Sofa. Endlich kann ich mir den Umweg übers Display sparen, wenn ich sie streicheln will. Beruhigend, wie sie so daliegt. Wie sich ihr Körper hebt und senkt.
Ich sehe ihr beim Atmen zu und muss weinen.

Irgendwann höre ich auf, mir etwas vorzumachen. (Zeilenumbruch)
Mir fehlt etwas, was Lucy mir nicht geben kann. Nachdenklich schlender ich durch verwaiste Straßen. Wind und Regen säuseln „April“. Ein Mann mit Hund kreuzt meinen Weg, der ganz auf sein Tier fokussiert, an mir vorbeispaziert. (Zeilenumbruch)
Der Hund weicht keiner Pfütze aus, sein Fell mieft unangenehm und tropft. Ich blicke den beiden nach und bin erleichtert, dass ich mir das nicht angetan habe. Der Dreck, das ständige Rausgehen, nichts für mich.

Mein Ziel ist ein Café, ich suche die Nähe anderer Menschen, will dazugehören, ohne teilzunehmen. Dort bestelle ich einen Capuccino, surfe ein wenig im Internet und starte ein neues Programm. Es stammt von den Leuten, die Lucy entwickelt haben.
Ich atme tief durch, trinke einen Schluck und zöger den Moment hinaus. Ein solches Ereignis will gewürdigt werden.

Der Umweg über das Café ist mir unklar - einerseits unter (echten) Menschen sein wollen, dazugehören wollen - und dann einen Ken bestellen, da fehlt etwas.
Möglichkeiten:
1) sie wollte in das Café, aber das ist auch geschlossen (oder wenigstens leer, oder unangenehme Gesellschaft)
2)weglassen. Wenn die Gesellschaft dort nicht taugt, dann ist das mit dem echten Hund schon geklärt
3) ausbauen. Und den Ken erst zu Hause bestellen, nach irgendeinem Impuls, der in der Café-Szene eingebaut werden kann. (wäre für mich aber unnötig)

Wie soll er aussehen? Nicht muskulös, eher drahtig. Schwarzes, langes Haar. Graue oder blaue Augen? Vielleicht sogar violett? Alt genug, dass ich ihn ernstnehmen kann; jung genug, dass ich ihn ansehen mag.
Charakter, die Option gibt es auch? Ist ja toll!

Und hier wäre noch eine Gelegenheit für in Extra:
Wenn sie das neue Angebot erstmal nir anschaut, die Optionen nur wahrnimmt, aber nicht ernstlich daran denkt, den Ken zu buchen - und erst mit der Option Charakter dafür entscheidet ...

***
Ich hoffe, alles ist erkennbar - sonst frag einfach nach

cheers, Uli





Bevor ich zu den Fragen komme, sei noch erwähnt, dies ist eine Scherbenweltgeschichte. Die schreibe ich mir gelegentlich, seitdem ich seitens Pratchett auf keine neuen Einsichten zu Themen des gesellschaftlichen und politischen Lebens hoffen kann (in Anspielung an seine Scheibenwelt-Romane). In der Regel sind sie humorlos, nicht allzu phantastisch und bedauerlicherweise auch nicht genial - ist halt bloß `ne Scherbenwelt.
Da diese Geschichten nicht den üblichen Konventionen einer guten Kurzgeschichte folgen, gleich die Frage aller Fragen: Funktioniert der Text für euch, kann er für sich alleinstehen?

Ansonsten interessiert mich:
Funktioniert das Ende oder fühlt ihr euch überrumpelt?

Noch ´ne blöde Frage: Der Text umfasst in etwa vier Normseiten, hat er Längen? Wirkt die Erwähnung der beruflichen Tätigkeit der Ich-Erzählerin auf euch überflüssig? Ich hatte die rausgenommen und fand, das etwas fehlte.

Blödere Frage: Stört die Perspektive? Normalerweise ziehe ich intelligentere und wortgewandtere Ich-Erzähler vor, aber hier schien mir das kontraproduktiv.

Die allerblödeste Frage: Ich gebe es zu, ich nutze kein Smartphone. Gut, das ist keine Frage, sondern ein soziales Verbrechen - trotzdem interessiert mich, ob die Erwähnung des Smartphones hier irgendwie irgendwo (irgendwann *sing*) blöd rüberkommt.
[/quote]

Nightingale:

--- Zitat von: Uli am 02 February 2018, 18:40:47 ---ay Nightingale,
ein bisschen ˋreinschmieren ´ wg Absätzen und evtl Kürzungen
--- Ende Zitat ---
Vielen Dank, Uli, dass du dich noch einmal so intensiv mit meinem Text auseinandergesetzt hast.  :blume:
Über die Absatzgestaltung werde ich ein wenig nachdenken müssen. Du magst ja gerne viele Zeilenumbrüche, ;D in deinen Randbezirken funktioniert das auch für mich. Bloß bei eigenen Geschichten wirkt der Text auf mich schnell zerfranst, da brauch ich immer ein bissel Fließtext, bis ich mich in den nächsten Absatz wage.
Das Handy ist ja schon mal gekauft, inwieweit ich die Erwähnung des Displays und des Handys reduziere, weiß ich noch nicht. Gerade bei der Bettszene, wo dich die Erwähnung störte, war Xaranis unsicher.
--- Zitat ---Mein Ziel ist ein Café, ich suche die Nähe anderer Menschen, will dazugehören, ohne teilzunehmen. Dort bestelle ich einen Capuccino, surfe ein wenig im Internet und starte ein neues Programm. Es stammt von den Leuten, die Lucy entwickelt haben.
Ich atme tief durch, trinke einen Schluck und zöger den Moment hinaus. Ein solches Ereignis will gewürdigt werden.
Der Umweg über das Café ist mir unklar - einerseits unter (echten) Menschen sein wollen, dazugehören wollen - und dann einen Ken bestellen, da fehlt etwas.

--- Ende Zitat ---
Hm. Sie „will dazugehören, ohne teilzunehmen“. Der Weg ins Café ist die Konsequenz aus den vorangegangenen Sätzen: „Ich sehe ihr beim Atmen zu und muss weinen. Irgendwann höre ich auf, mir etwas vorzumachen. Mir fehlt etwas, was Lucy mir nicht geben kann.“
Die Prota ist einsam und will diesem Gefühl entkommen. Sie sucht die Nähe anderer Menschen, bleibt aber anonym. Die ganze Zeit weicht sie ihrem Problem aus, löst es zu keinem Zeitpunkt, sondern dämmt den Leidensdruck, so dass sie in diesem (unsinnigen) Zustand verweilen kann.
Ich danke dir für die vorgeschlagenen Möglichkeiten, auch wenn sie ein wenig an dem vorbei führen, worum es mir geht. Rösten ist zeitintensiv und ich freue mich über jeden Gedanken, den du mir mitteilst.  :)

Liebe Grüße
Nightingale


Uli:
ay Nightingale,

OK, damit

--- Zitat ---Die Prota ist einsam und will diesem Gefühl entkommen. Sie sucht die Nähe anderer Menschen, bleibt aber anonym. Die ganze Zeit weicht sie ihrem Problem aus, löst es zu keinem Zeitpunkt, sondern dämmt den Leidensdruck, so dass sie in diesem (unsinnigen) Zustand verweilen kann.
--- Ende Zitat ---

habe ich jetzt einen anderen Blick - was gut ist.

Also ... grundsätzlich ich der Gedanke da, nur war der bei mir ein wenig überlagert. Wohl, weil mir das ˋdämmen des Leidensdrucks ´ nicht so im Vordergrund stand in den Anfangsszenen. Vielleicht, weil ich ˋHaustier gegen Einsamkeit´ zwar kenne, aber so gar nicht nachfühlen kann ... aber klar, das ist oft so.
Und damit hat deine Prota ja auch eine Entwicklung: Sie erkennt, dass der Hund (ob real oder nicht) nicht das Problem löst.
Dass sie dann doch wieder zurückfällt und statt echter Menschen den Ken aussucht, ist dann etwas anders beleuchtet - und ein guter Schlusspunkt für die KG.

Hmm ...
Ich vermute, dass die Geschichte für mich (wahrscheinlich aber nur für mich ...) besser funktioniert hätte, wenn die Arbeitsszene vorangestellt würde - die anonyme Situation vor dem Bildschirm, und um da rauszukommen eben ein Hund gewünscht wird.
Dann hätte ich zuerst den Eindruck von Entfremdung und Einsamkeit, Lucy als Lösungsversuch und das Erkennen, dass Lucy nicht reicht in einem zeitlichen Ablauf - und am Schluss die ˋPointe ´, dass die Prota doch wieder das unechte wählt, weil richtiges Leben zu anstrengend und schmutzig (Real-Hund) ist.

Aber das ist wirklich nur eine persönliche Anmerkung - ich habe keine Ahnung, ob das zu verallgemeinern ist.

alles Liebe! Uli
Aber wie gesagt, dass kann ich nur für mich sagen,

Nightingale:
Ein Wort sagt manchmal alles:
 :danke2:

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