Das Purgatorium - die Hölle der Textkritik > Aschegrube

Meine Hölle

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Zitatus:
Wie ihr wisst, schlage ich mich seit einigen Jahren mit meinem "Pandora"-Projekt herum. Ihr wisst schon: Diese Sammlung von Kurzgeschichten, die nicht so recht in das Konzept meiner bisherigen Anthologien passt, weil die Storys weniger auf Pointen hinauslaufen, sondern mehr experimenteller Natur sind.
Lange habe ich darüber gegrübelt, wie der äußere Rahmen um die Geschichten beschaffen sein soll: Persönliche Worte meinerseits? Oder eine Rahmenhandlung, die u.U. im Buchland angesiedelt ist? Ooooder doch das Konzept meiner anderen Anthos? Oder ganz was anderes?

Ich glaube, dass ich jetzt einen Weg gefunden habe. Eine Rahmenhandlung aus der Gedankenwelt, dem "inneren Gefängnis" eines Schreibers, für den die vermeintliche Freiheit "Flucht in seine Texte" bedeutet.

Der folgende kurze Text soll die Einleitung/Prolog werden. Würde das zu einer düsteren, nachdenklichen Anthologie mit sehr unterschiedlichen Texten passen?

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Meine Hölle ist vier Meter lang, vier Meter breit und vier Meter hoch. Ein Cubus der Kreativität, der nie vergessen lässt, dass die eigene Gedankenwelt das schlimmste Verderben in sich birgt.
In dem Zentrum meiner Hölle steht ein unbequemer Holzstuhl, ein schlichter Tisch und darauf eine Schreibmaschine. Das Farbband des Geräts ist alt, das Korrekturband leer. Man ist gezwungen regelrecht auf die abgenutzten Tasten draufhämmern, damit man die Lettern noch lesen kann.
Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Wispern in meinem Kopf ist oder ob die Schatten zu mir sprechen. Doch die Worte sind da. Durch und durch betonungslos, trotzdem voller Hohn dringen sie an mich heran. „Ist es das, was du wolltest? Ein Gefängnis ohne Ausweg? Als du dir deine Zuflucht errichtetest, hast du wohl vergessen, eine Tür einzubauen.“ Etwas lacht bitter, schallt von den nackten Wänden zurück. „Ein Bollwerk kann nur gut sein, wenn der Architekt sein Handwerk versteht.“
„Ich bin hier sicher“, höre ich mich flüstern.
„Nichts kommt an dich heran. Da hast du vollkommen recht. Ist das die Sicherheit, die du wolltest? Du hast doch schon nichts mehr zu verlieren. Und nun kannst du nicht mal mehr gewinnen.“
„Ich bin hier sicher“, wiederhole ich. Zumindest versuche ich es. Doch meine Stimme bricht.
Etwas Dunkles streift mich, legt seine Hände auf meine Schultern. „Es gibt von hier kein Entkommen.“
„Ich will es gar nicht.“
Die Glühbirne summt, als wolle ihr Faden jeden Augenblick reißen. Ihr flackerndes Licht strengt meine Augen so sehr an, dass sie brennen wie Feuer. Die Tränen sind mir längst versiegt.
Doch ich muss schreiben. Ich muss es einfach. Auch, wenn es absolut vergebens ist. Die Schreibmaschine ist da. Ich bin da. Nichts sonst. Welche Wahl hätte ich? Ich berühre die Tastatur.
Ich schreibe.
Dies ist meine Hölle.

Uli:
ay Zitatus,

Hmm ... schwierige Sache, das.
Geschrieben ist es gut, und es wirkt - und passen würde es auch. Aber ...

... alles in allem ist der Text zu negativ, zu schwer, zu wehklagend - und nimmt damit zu viel vorweg. Buw, er setzt eine Richtung fest, und keine, die zum Lesen animiert: Harte Reaktion wäre nach diesen Zeilen ein ˋda gibt es was von Rathiopharm, und ich kenne eine gute Klinik ...´

Würde ich nicht machen, das schreckt zu sehr ab - oder weckt Erwartungen, die dann nicht erfüllt werden.
diese Szenerie eingebettet in eine Buchland - Rahmenhandlung wäre eine Idee, die mehrere Vorteile bietet: Anknüpfen an vorhandene Erfolge einerseits, anderersits könnte diese düstere Szenerie damit etwas entschärft werden. Wenn Herr Plana diesen ˋSchreibkäfig´ jemandem zeigt, als ˋdie dunkle Seite der Literatur (möge der Duden mit euch sein ...), und so eine Verbindung zu der schönen Seite zumindest mental aufrecherhält ...

oder so.
So für sich allein ist das zu sehr wegklagen - und m.E. zwar nicht schlecht, aber nicht kompatibel. Außer, du möchtest ein ganz neues Publikum finden - und dabei dein bisheriges verschrecken.

Cheers, Uli

Trippelschritt:
Ich weiß nicht ... hmmm, ich weiß doch.

Ich kann mit dem Text nicht viel anfangen und du kannst nur hoffen, dass ich ihn beim Aufschlagen Deines Buches überlese, denn sonst würde ich es wieder zuklappen. So weit mein allererster Eindruck aus dem Bauch. Jetzt versuche ich einmal Detail

Der Text besteht aus zwei Teilen. Niederdrückende, bedeutungsschwangere Aussagen, die zu was eigentlich führen? Und ein Dialog, der formal zwar in Ordnung ist, aber dem Leser wenig bringt. Ein echter Konflikt ist es jedenfalls nicht, eine Botschaft hat er auch nicht und geistreich, sodass das reine Lesen ein Vergnügen wäre, ist er auch nicht. Zugegeben, ich habe meine Ansprüche gleich richtig hoch gesetzt. Also nicht nach Fehlern geschaut, sondern nach dem Hervorragenden, was ich dann nicht gefunden habe. Aber gen au das brauchst du. Und so bleibt der Text als Dialog, als Auseinandersetzung zweier Stimmen leer und klingt beinahe wie nur eine Stimme.
Ich könnte ja noch damit leben, wenn Dein Text das enthielte, was Du versprochen hast. Den Ausweg in und durch die eigenen Texte. Aber hier ist es kein Ausweg.

Trotzdem! Deine Idee könnte funktionieren. Aber Du must da wohl noch einmal grundsätzlich drüber nachdenken. Satz für Satz, was du eigentlich schreiben willst. Das ist ein harter Brocken.

Glück auf
Trippelschritt

Rilyn:
Hoi Zitatus,

ich befinde mich irgendwo zwischen den Antworten von Uli und Trippelschritt. Persönlich finde ich's auch zu ausweglos. Plotmäßig ebenso: es klingt wie das immergleiche Spiel, keine Spannung, keine wirklichen Fragen, keine Notwendigkeit außer diesem unbegründeten Zwang.
Der ist ansich okay, aber er führt eben zu nichts, nicht einmal zu dem Versuch, aus der Hölle auszubrechen oder sich herauszuschreiben, den Zweck der Hölle nutzen, um ihr eine Tür zu verpassen. Oder es zumindest versuchen. Und schon lesen sich die folgenden Geschichten anders, mit einer grundlegenden Stimmung von Zuversicht oder zumindest dem Interesse, ob das Vorhaben gelingen wird, und nicht aus der Position heraus, das ohnehin schon alles vergebens ist. Denn mit dieser Einstellung verlieren ja sogar die Geschichten ihren Grund.

Nicht einmal das hier

--- Zitat ---Eine Rahmenhandlung aus der Gedankenwelt, dem "inneren Gefängnis" eines Schreibers, für den die vermeintliche Freiheit "Flucht in seine Texte" bedeutet.
--- Ende Zitat ---
enthält mehr Spannung. Der Kubus der Kreativität ist ein verdammt dröger und schrecklicher Ort, das Schreiben wird beinahe als Last vermittelt, nicht als Flucht, nicht als Möglichkeit. Solange die Geschichten, die folgen werden, wie ein Produkt des hier vermittelten Aufgebens erscheinen, ein Produkt dieser unveränderlichen(!) Hölle, ist da auch nicht viel Motivation, sie zu lesen.
edit: Nicht einmal ein Eindruck von vermeintlicher Freiheit entsteht.

Zweiter Haken ist, dass der Schreiberling nichts an sich heran lassen will. Was nicht? Einflüsse, Eindrücke, Gefühle ...?
Also alles, was man zum Schreiben eigentlich gerade an sich heran lassen sollte. Oder sogar will. Wenn er in seine Geschichten flieht, dann arbeitet er mit solchen Eindrücken, ob es nun aktuelle sind oder alte. Aber der Dialog klingt danach, als habe er sich sein Gefängnis, ursprünglich gedacht als Bollwerk, selbst geschaffen. Er kommt mit irgendetwas nicht mehr klar und hat sich selbst weggeschlossen (da sich selbst und nicht z.B. seine Gefühle, nehme ich an, es geht auch maßgeblich um äußere Einflüsse, siehe Sicherheit).

Der Text wirft ein paar Fragen auf; sicher wovor?
Was bezweckt der Autor mit dem Schreiben, oder was genau empfindet er, wenn er es tun muss? Hier wirkt es ihm schon beinahe wie eine Last, aber eben nur beinahe. Das fände ich für eine eigenständige Geschichte oder Szene gut, aber für eine Rahmenhandlung oder auch nur Einleitung bringt es nix.
Wird der Autor es schaffen ... nein, diese Frage würgt er von vornherein ab.
Beim Nachdenken - also zu unsicher - kann noch die Frage auftauchen, wie es zu dieser Situation kam. Aber aus dem Text heraus werden alle Fragen weggewischt, die Antworten bleiben irrelevant und die Handlung des Autors wie immer. Es klingt nicht einmal interessant. Er schreibt. Aber er könnte ebensogut Buchhalter sein.

Erbse: Kubus. :)

Liebe Grüße :kaffee2:
Ril

Zitatus:
Hallo Uli

--- Zitat von: Uli am 30 October 2017, 12:53:35 ---
... alles in allem ist der Text zu negativ, zu schwer, zu wehklagend - und nimmt damit zu viel vorweg.

--- Ende Zitat ---
Was nimmt der Text denn genau vorweg?


--- Zitat ---Buw, er setzt eine Richtung fest, und keine, die zum Lesen animiert: Harte Reaktion wäre nach diesen Zeilen ein ˋda gibt es was von Rathiopharm, und ich kenne eine gute Klinik ...´

--- Ende Zitat ---
Wie würde der Text Dich denn zum Lesen animieren? Die Figur soll sich ja zwischen den Geschichten weiterentwickeln und seinen Weg aus dem Kubus herausfinden. Mit dem Happy End anfangen würde die Rahmenhandlung nicht gut einleiten.

--- Zitat ---Würde ich nicht machen, das schreckt zu sehr ab - oder weckt Erwartungen, die dann nicht erfüllt werden.
diese Szenerie eingebettet in eine Buchland - Rahmenhandlung wäre eine Idee, die mehrere Vorteile bietet: Anknüpfen an vorhandene Erfolge einerseits, anderersits könnte diese düstere Szenerie damit etwas entschärft werden. Wenn Herr Plana diesen ˋSchreibkäfig´ jemandem zeigt, als ˋdie dunkle Seite der Literatur (möge der Duden mit euch sein ...), und so eine Verbindung zu der schönen Seite zumindest mental aufrecherhält ...

--- Ende Zitat ---
Die Pandora-Storys haben aber ein anderes Zielpublikum. Ich denke, dass meine "Fans" dieses Buch nicht mögen werden, weil es was ganz anderes wird.


--- Zitat ---So für sich allein ist das zu sehr wegklagen - und m.E. zwar nicht schlecht, aber nicht kompatibel. Außer, du möchtest ein ganz neues Publikum finden - und dabei dein bisheriges verschrecken.

--- Ende Zitat ---
Ja, die Erwartungshaltungen werden mehr und mehr zum Problem, schätze ich. Vielleicht sollte ich mir hierzu ein Pseudonym zulegen.
...
Haha.

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