Das Purgatorium - die Hölle der Textkritik > Aschegrube

AT: Lieferservice

(1/3) > >>

eska:
Wie versprochen hier ein weiterer Text zum Zerpflücken.
Aufgabe war, ein Psychothrill-Element in eine ganz normale Umgebung einzubauen.


Vorsichtig, ganz vorsichtig. Die Straße ist eng, auf beiden Seiten parken Autos, und Kinder rennen schon mal los, ohne zu gucken. Weiß man ja. Laubhaufen türmen sich unter den Bäumen, Platanen sind das doch, mit diesen hellen Flecken am Stamm.
Da, mein Parkplatz. Der Weg ist nicht weit, nicht mal mit den großen Kisten. Styropor ist ja nicht schwer. Nur die Eimer zerren einem die Arme lang, schon auf den paar Metern. Eimerweise Fruchtjoghurt, das muss man sich mal vorstellen! Wenn es bei uns Joghurt gab, dann für jeden einen Becher, 150 Gramm, weiß mit einem Klecks Fruchtsoße drauf. Und in der Schule gab es sowieso nichts.
Na, eine normale Schule ist das hier ja auch nicht; privilegiert und privat. Kann er sich schließlich leisten. Eine alte Villa, großer Garten, geputzte Fenster. Schreien tun die Kids wie alle anderen auch, so sieht es jedenfalls aus. Lächeln nicht vergessen. „Hi.“ Die Küchenhilfe begrüßt mich nebensächlich, ein bisschen in Eile, hebt den Deckel von der ersten Kiste, es dampft und riecht nach Kartoffelsuppe. Lecker.
Die Ersten sammeln sich an der Küchentür, ziemlich klein manche. Ist sie dabei? Blonde Haare haben viele. Auf dem Foto sind sie schulterlang, leicht gewellt, unordentlich. Ich gehe mal die nächste Kiste holen. Am Eingang die Fototafel. Da, zweite Reihe, zweite Klasse. Pferdeschwanz, das ist praktisch, muss ich mir merken, mit dem Tape.
„So. Der Salat. Und die Würstchen.“ War ich zu leise? Es dauert etwas, bis mir jemand die Kiste abnimmt, sie sind mit Auftun beschäftigt. Wuselnde Kinder stürzen sich auf die Würstchen. Jeder eins, hat der Erzieher gesagt, oder? Seine Hände sind beschwichtigend gehoben. Ich muss dieses verdammte Hörgerät mitnehmen, auch wenn das Piepen mich wahnsinnig macht. „Es tut mir leid. Wir konnten die Gehörknöchelchen nicht wiederherstellen. Die Auflösung ist zu weit fortgeschritten.“ Es tut ihm leid? Wer‘s glaubt! Er muss ja nicht damit leben, mit dem Murks, den er aus meinen Ohren gemacht hat, zwei Jahre lang verschleppt, und natürlich hat das Gericht ihm keine Schuld zugesprochen, kein Schmerzensgeld. Oh, es wird ihm leid tun, ganz sicher wird es das!
Für jeden einzelnen verdammten Tag wird er bezahlen, bar und mit Herzblut, damit er merkt, was er da anrichtet bei seinen Opfern. Patienten, ha! Wie das ist, wenn du nichts mehr mitkriegst, ob sie mit dir reden oder über dich, kein Lachen ohne Argwohn, kein Blick ohne Mitleid, sobald du den Mund aufmachst; irgendwas ist immer falsch, nie mehr Sicherheit. Die da, die Größeren am Tor, meinen die mich mit ihrem Gestikulieren? Ignorieren, einfach ignorieren. Einfach weiter, rosa Steinplatten mit braunen Fugen, bis zum Wagen, meiner Burg. Eine Stufe hoch, höher als die andern. Es riecht nach Wald, Kiefernduft. Hier kommt keiner rein. Bis übermorgen. Sie heißt Lena. „Hi, du bist Lena, stimmt‘s? Ich kenne deinen Papa.“ Und mag Eis. Also werde ich ein Eis für sie haben, hier im Wagen. Und dann...
Oh Gott! Ein Hund. Beinahe. Diese Schreckmomente, wenn jemand urplötzlich neben dir auftaucht. Kannte ich früher nicht. Desorientiert. Ja, auch das soll er spüren: wie das ist, nicht wissen, was los ist. Bis zum Herzrasen erschrocken - den ersten Stoß zu Anfang, und dann häppchenweise. Verängstigt. Wütend und hilflos. Nein, keine Chance, er wird warten müssen auf meine Bedingungen, wenn er sie wieder haben will. Er hat mich längst vergessen, einen von vielen, die er zugrunde gerichtet hat. Aber einer, der sich wehrt. Lena, für mich und all die anderen. Oh ja, er wird sich erinnern!


Eine Frage: War für Euch deutlich vor dem Ende klar, ob die Person Mann oder Frau ist? Ich hab mich nämlich nur notgedrungen entschieden. Und die Probeleser haben beides rausgelesen.
Fröhliches Grillen!

eska

FF:
Ähm... ich verstehs nicht... :flenn:

Ich glaube, das ist für mich zu subtil. Essen bringen, Taubheit, Rache, Lena. Hä? Wird Lena jetzt vergiftet? Oder entführt? Wie wo was? Ich kriege den Bogen nicht hin. Er/Sie (ich glaube, sie) will sich für den Medimurks rächen, ok. Aber ich verstehe die Art der Rache nicht.

Uli:
ay Eska,

Ich fange mal mit der Frage an: Ich habe ziemlich exakt keinen Moment an eine Frau gedacht ...
Keine Ahnung, woran das genau liegt, aber die Frage hat sich nicht gestellt, und bei Kindergefängnis und Psychotrill lande ich wohl automatisch bei Täter, nicht bei Täterin. Ein Vorurteil, vielleicht oder ein Rollenklischee ...

Sonst:
Gelungen. Finde nicht viel zum zerrupfen, der Einstieg gefällt mir ausnehmend gut: Alltag, der Prota denkt an die Kinder, akzeptiert die Eigenheiten und ist erstmal ganz normal und sogar einfühlsam (vergleichsweise).
Das Sonderinteresse an einem einzelnen Kind ist häpchenweise eingeführt, ohne gleich eine Zielrichtung zu haben, und die Ausgangslage des Prota auch. Beides steigert sich bzw wird exakter, und bedrohlicher ... ohne das ein konkreter Plan erkennbar wird. so, wie ich mir so etwas wünsche.

Für Kleinkram ist es grad etwas spät ... oder noch zu früh (viertel nach zwei ... gnarf), also hole ich das demnächst nach, OK?

cheers, Uli

eska:
@FF:

--- Zitat ---Ähm... ich verstehs nicht... :flenn:
--- Ende Zitat ---

 :o
Huch. *betroffenes Schweigen*
Das tut mir leid und lässt mich zweifeln.

Kannst du benennen, woran das liegt? An der Innen-Perspektive, die hin und her springt und nichts erklärt? Wo brauchst du am ehesten Klarstellung? Danke.

Wenn Uli nicht auch geschrieben hätte, wäre ich jetzt sehr verunsichert.

Ich liefere mal hier eine Auflösung, weil ich noch nicht weiß, was ich ändern muss.

Also: Protagonist ist nach fehlerhafter (bzw. mindestens erfolgloser) Behandlung quasi taub, sein ganzes Leben hat sich verändert, die Psyche mit, die Umwelt wird mehr und mehr feindlich. Er gibt dem Arzt die Schuld (das Gericht nicht) und sinnt auf Rache, stellvertretend für alle Opfer (Rechtfertigung), unterstellt inzwischen also schon Absicht, zumindest kein Bemühen/Mitgefühl. Die Rache soll stellvertretend am Kind (Lena) stattfinden, damit es dem Vater mehr wehtut, er soll genauso leiden wie der Prota (Unsicherheit, Desorientierung, Loslösung aus den normalen Bezügen und Beziehungen). Wie lange, ist noch offen, Rückerstattung des Kindes ist möglich. Insofern wird sie 'nur' entführt - dazu der Job als Essenslieferant (Zutritt, Ausspionieren, Vertrauen, Alibi...), gleich noch mit Lieferwagen für den Abtransport.

@Uli:

--- Zitat --- bei Kindergefängnis und Psychotrill lande ich wohl automatisch bei Täter, nicht bei Täterin. Ein Vorurteil, vielleicht oder ein Rollenklischee ...
--- Ende Zitat ---
Gut möglich. Ich kann mir aber auch eine Frau vorstellen (nicht eine Mutter, glaube ich), die solche Rache übt. Ich wollte eben keine sexuelle Komponente und kein gestörtes Verhältnis zu Kindern generell (siehe erster Absatz), nichts von vorneherein 'Krankhaftes', sondern durch die zerstörerischen Bedingungen der Krankheit zum Extrem Getriebenes, das man als Leser nachempfinden kann. Der eine Schritt zum 'Das-geht-gar-nicht' ist so klein. Und so wichtig. 
Idealerweise ist der Verarbeitungsprozess dann folgender: Verständnis für die Gefühle, Erschrecken/Grusel vor dem Potential an Hemmungslosigkeit, auch dem eigenen, bewusste Selbstbeherrschung. Klingt jetzt sehr moralinsauer, aber das kommt eben dabei raus, wenn ich Psychothriller schreiben soll.  :-\


--- Zitat ---so, wie ich mir so etwas wünsche.
--- Ende Zitat ---
:jubel:
Das war schon ein sehr schmeichelhaftes Urteil. Danke.  :blume:
Du darfst dem natürlich noch Kleinkram hinzufügen, wie du magst. Das Ganze war ja ohnehin zum Training gedacht.

Danke euch!

eska

Quisille:
Moin!

Erstmal vorwech: Ich hab's verstanden, und es wirkt plausibel. Zu Deiner Frage: Für mich war es eine Ich-Erzählerin. Woran das liegt, ist schwer festzumachen, wahrscheinlich an der detailverliebten Erzählstimme. "Platanen" und die Eigenschaften von deren Borke zu erwähnen, während man ein ziemlich saftiges Verbrechen plant. Wobei die Erzählstimme mit einem Mann auch kompatibel wäre.

Ich nehme an, es handelt sich um ein Übungsschnipselchen, denn der Text ist vollgestopft mit Exposition. Das ist sonst nicht Dein Stil, und ich mutmaße, dass es sich um eine Notwendigkeit handelt, um das kontextlose Schnipselchen verständlich zu machen. Eben dieses Kontextlose, das Vollgestopftsein mit Exposition, sorgt bei mir dafür, dass der Text nicht zündet, da thrillt nix. Dafür liegt die Exposition, das Seeding, zu nahe am Payoff. Vermutlich würdest Du in einem Roman Exposition und Payoff trennen, dann würde die Angelegenheit besser wirken, insofern kein Handlungsbedarf.

Eine Idee allerdings hätte ich noch: Der Text ist teils sehr explizit, dadurch kommt die Handlung sehr faktisch rüber. Das halte ich für kontraproduktiv, besonders was das "Psycho" vom Thriller angeht. Ich meine zum Beispiel diese Stelle hier:


--- Zitat ---Für jeden einzelnen verdammten Tag wird er bezahlen, bar und mit Herzblut, damit er merkt, was er da anrichtet bei seinen Opfern. Patienten, ha!
--- Ende Zitat ---

Oder die hier:


--- Zitat ---Ja, auch das soll er spüren: wie das ist, nicht wissen, was los ist. Bis zum Herzrasen erschrocken - den ersten Stoß zu Anfang, und dann häppchenweise. Verängstigt. Wütend und hilflos. Nein, keine Chance, er wird warten müssen auf meine Bedingungen, wenn er sie wieder haben will. Er hat mich längst vergessen, einen von vielen, die er zugrunde gerichtet hat. Aber einer, der sich wehrt. Lena, für mich und all die anderen. Oh ja, er wird sich erinnern!
--- Ende Zitat ---

Dass der/die/das Protagonist (ich sag von nun an "er" dazu) sich rächen will, ist bereits aus dem Kontext klar. Auch seine Gefühle, den Otorhinolaringologen betreffend, sind bereits zuvor klargestellt. Stattdessen bleibt eine Lücke: Der Protagonist plant gerade, ein Kind zu entführen. Wie fühlt er sich dabei? Er fügt immerhin einem völlig unschuldigen Opfer Qualen zu. Wie rechtfertigt er das? Projiziert er die Schuld des Vaters auf das Kind? Um Lena zu ködern, wird er nett sein müssen zu ihr. Also heucheln. Wie bringt er das mit seinem Selbstbild in Einklang? Oder plant er eine dieser "netten" Kindesentführungen, mit Plüschtieren auf dem Rücksitz, mit tonnenweise Süßkram, damit das Kind es gut hat bei ihm?

Derzeit ist der Protagonist fast ausschließlich wütend, die dominante Emotion ist also in Reinform da, der Rest seiner erlebten Rede ist hauptsächlich Kontext und Vorgeschichte. Wenn Du seinen Emotionen hier noch einen zweiten, etwas versteckteren Aspekt hinzufügen könntest, würde der Protagonist plastischer wirken. Was fühlt er bei der Planung der Entführung? Angst vor Misserfolg oder Strafe? Schuld bei dem Gedanken an das Opfer? Erleichterung, dass er endlich die Kontrolle zurückgewinnt? Freude an den Schmerzen anderer? Oder, wenn's wirklich eklig werden soll: Lust beim Gedanken an das Mädchen, das er entführen will?

Zur Erzählstimme, insbesondere zur erlebten Rede: Die fühlt sich (passagenweise) für mich nicht echt an, eher wie das Kunstprodukt, das im literarischen Segment üblich ist, um Emotionen anzudeuten. Hand auf's Herz: Diese Art von erlebter Rede ist Expospeak, nicht wahr? Zwar Expospeak mit Blattgoldauflage, aber letztenendes routinierte Mechanik. Ich mach mal ein paar Beispiele:


--- Zitat ---Es tut ihm leid? Wer‘s glaubt! Er muss ja nicht damit leben, mit dem Murks, den er aus meinen Ohren gemacht hat, zwei Jahre lang verschleppt, und natürlich hat das Gericht ihm keine Schuld zugesprochen, kein Schmerzensgeld. Oh, es wird ihm leid tun, ganz sicher wird es das!
--- Ende Zitat ---

Das ist Exposition in Reinform. Vorgeschichte, die der Protagonist von sich gibt, ohne sie zu durchleben, emotional aufgepfeffert mit ein paar Ausrufen. Der Protagonist beurteilt die Vorgeschichte, dadurch wird sie zu einem abgeschlossenen Teil seines Selbst. Ein Trauma fühlt sich anders an, da kann man die Vorgeschichte eben nicht abhaken, die bleibt in der Schwebe, quasi als wäre sie noch nicht vorüber.

Wie jeder Einzelne damit umgeht, ist sicherlich individuell verschieden. Zum Beispiel würde ich die Vorgeschichte aufgreifen und positiv zuendespinnen. Egal, wie Du das löst, aber der Witz an der Sache ist, dass der Protagonist ohne den Racheakt die Vorgeschichte nicht abschließen kann. Statische Urteile sind da kontraproduktiv. Die noch laufende Verarbeitung muss man, meine ich, sehen. Ganz gleich, welche Ausprägung die Gedanken des Protagonisten haben, sie müssen authentisch sein, die literarische Abkürzung zieht da nicht. Wut zu behaupten via "es wird ihm leid tun", lässt mich unbefriedigt zurück.


--- Zitat ---Für jeden einzelnen verdammten Tag wird er bezahlen, bar und mit Herzblut, damit er merkt, was er da anrichtet bei seinen Opfern.
--- Ende Zitat ---


--- Zitat ---Verängstigt. Wütend und hilflos.
--- Ende Zitat ---

Dasselbe Problem: sehr rhetorisch, wenig durchlitten. "Bezahlen" klingt so abstrakt. Dein Protagonist ist bereits in Aktion, er hat eine Vision, wie er seinen Peiniger quälen will. Die wird er sich regelmäßig vor Augen halten müssen, sie im Geiste durchgehen, schon allein, um das Gewissen taub zu halten. Wenn sich Dein Protagonist ausmalt, welche Emotionen er in dem Arzt wecken will, welche Situation stellt er sich dabei vor? Wird er dem Arzt einen Brief schreiben mit diesen aus Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben? Oder will er ihn anrufen, um sie direkt zu hören: die Angst, die Wut, die Hilflosigkeit? Unterlegt mit dem Pfeifen des Hörgeräts?

Hier hingegen gelingt Dir die Introspektive in meinen Augen ganz exquisit:


--- Zitat ---Sie heißt Lena. „Hi, du bist Lena, stimmt‘s? Ich kenne deinen Papa.“ Und mag Eis. Also werde ich ein Eis für sie haben, hier im Wagen. Und dann...
--- Ende Zitat ---

Hut ab! Kurz, trocken und ein Albtraum für jeden, der mal junge Kinder gehabt hat. Das fühlt sich echt an: Er geht die Tat im Geiste durch. Davon kann er gar nicht genug kriegen, das war über Monate oder sogar Jahre seine einzige Möglichkeit, sich Erleichterung zu verschaffen. Das ist für ihn fast besser als die Tat selbst. Vorfreude ist die schönste Freude. Danach kommt bei Dir allerdings "Und dann..." Das impliziert, dass er den Gedanken nicht zuendedenkt. Liest sich für mich etwas drollig. Dein Protagonist hat das "dann..." er schon so oft durch, das kann er mit zig ausgesprochen wünschenswerten Varianten unterlegen. Woher ich das wissen will? Ganz einfach: Er setzt seinen Plan bereits um, hat sogar einen Schulcaterer infiltriert. Er ist vorbereitet.

Das Innenleben der Figuren in seiner ganzen kranken Glorie auszuloten und möglichst unverstellt zu sehen, ist vielleicht das größte Vergnügen am Psychothriller. Jedenfalls beim Lesen. :) Beim Schreiben scheint es mir eher belastend zu sein.

Liebe Grüße
Quisille

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln