Das Purgatorium - die Hölle der Textkritik > Aschegrube

AT: Guten Morgen!

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eska:
Liebe Mitteufel!
Um der Rösterei hier mal wieder etwas Aufschwung zu verleihen (es riecht schon gar nicht mehr kokelig und die Gabeln beginnen bald zu rosten), opfere ich euch einen Gelegenheits-Text.
Der Auftrag lautete, den Anfang eines Thrillers zu schreiben. Hier nun mein Versuch, mich diesem mir eher fremden Genre zu nähern.
Der Text ist kurz, nicht abgeschlossen (siehe Aufgabenstellung) und möglicherweise nur für zarte Seelchen gruselig.
Trotzdem viel Spaß!

eska




Mist! Der Scheibenwischer stottert. Auch das noch. Jetzt sind die Tropfen nicht mehr vereinzelte Linsen, die das Licht brechen und die Sicht verzerren, sondern ein Film von Schlieren, der sich über die Scheibe verteilt. Guten Morgen, Martina!

Na schön. Ich öffne den Gurt, die Tür, steige aus. Irgendetwas hat sich da verfangen. Auch Gleitsichtbrillen nützen nichts bei Regen. Diesen Impervius-Zauber von Hermine müsste man haben. Auf Zehenspitzen balanciere ich auf dem Kopfsteinpflaster und angele, neben mir spritzen die Vorbeifahrenden durch die Pfützen. Meine Strümpfe sind schon nass. Da! Ein Stöckchen, nichts weiter. Ein Lächeln breitet sich in mir aus. Erleichterung. Alles okay. Ab in die Tonne damit und gut. Kurz bevor ich es wegwerfen will, fühle ich es: eine Kante, glatt und gerade. Tesafilm. Kein Stöckchen. Ein eingerolltes Stück Papier, sorgsam umwickelt, kein bisschen durchweicht.

Der Milchkaffee rumort in meinem Magen. Es tropft aus meinen Haaren. Ich starre auf die vielleicht zwei Zentimeter und versuche, mich zu fassen. Was jetzt - rein ins Haus und lesen oder weiter? Ich muss los. Egal, was da jetzt wieder steht, die Schule wartet nicht. Ich steige ins Auto, umklammere das Lenkrad. Mir ist schlecht.
„Du wirst schon sehen.“ Da sind sie wieder, diese Worte von heute Nacht, ungerufen, eingebrannt in mein Gedächtnis wie in ein Display ohne Bildschirmschoner. Erst eine SMS um drei Uhr nachts auf meinem privaten Handy, die Nummer rück ich nicht oft raus, und jetzt, um halb acht, eine physische Botschaft. Und sie klemmt noch nicht sehr lange hier.




Fragen: Würdet ihr das weiterlesen wollen? (Weiter gibt es noch nichts.) Steckt da Thrill drin und wie käme der noch besser zur Geltung?
Sonstige Kommentare sind ebenfalls willkommen. (Autsch, es reicht, es reicht...)
Fröhliches Rösten!

Quisille:
Moin!

Mit Thrillern kenne ich mich nicht aus, abgesehen von der gelegentlichen Lektüre. Allerdings vermute ich, dass man recht schnell liefern muss. Ich hab gerade eben mal ein bisschen Thrillerluft geschnuppert. (Danke an Amazon und "Blick ins Buch"!) Aus einem schmuddeligen Querlesen vermute ich als Genremerkmal: Der Hook gehört in den ersten Satz. "Hook" scheint in diesem Fall zu bedeuten, dass gleich im ersten Satz Bedrohungsspannung aufgebaut wird. Nehmen wir uns mal Deinen ersten Absatz vor:


--- Zitat von: eska am 19 September 2017, 23:13:42 ---Mist! Der Scheibenwischer stottert. Auch das noch. Jetzt sind die Tropfen nicht mehr vereinzelte Linsen, die das Licht brechen und die Sicht verzerren, sondern ein Film von Schlieren, der sich über die Scheibe verteilt. Guten Morgen, Martina!

--- Ende Zitat ---

Beschreibung von Nebensächlichkeiten im Detail. Dieses "Rauszoomen" ist eine beliebte Technik für Unterhaltungsromane mit literarischem Anspruch. Manche sagen auch "Wölkchenbuch" dazu, abgeleitet von einem typischen Motiv auf dem Cover. Auf Leser von Thrillern muss ein derartiger erster Absatz wie Prosalyrik wirken. In den nächsten Absätzen geht es ähnlich weiter. Der eigentliche Hook kommt erst ganz am Ende des Texts:


--- Zitat von: eska am 19 September 2017, 23:13:42 ---„Du wirst schon sehen.“ Da sind sie wieder, diese Worte von heute Nacht, ungerufen, eingebrannt in mein Gedächtnis wie in ein Display ohne Bildschirmschoner. Erst eine SMS um drei Uhr nachts auf meinem privaten Handy, die Nummer rück ich nicht oft raus, und jetzt, um halb acht, eine physische Botschaft. Und sie klemmt noch nicht sehr lange hier.

--- Ende Zitat ---

Das ist Dein Hook, und das ist dann auch Dein erster Absatz. Harry-Potter-Anspielungen, ruinierte Frisuren, Accessoires, verspielte Gedankenrede, Milchkaffee, alles das wirkt unkonzentriert. Probier's mal aus: Nimm diesen Absatz, und dann schreibe weiter, bis Du Deinen Anfang hast. Auf die ersten zwei, drei Normseiten gehört alles, was Du brauchst, um die Bedrohungsspannung möglichst weit an den Anschlag zu drehen. ALLES(!) andere, alles, was nicht diesem einen Ziel dient, muss raus.

Dann rösten wir mal Deinen Hook im Detail. Fangen wir an mit dem ersten Satz:


--- Zitat von: eska am 19 September 2017, 23:13:42 ---„Du wirst schon sehen.“

--- Ende Zitat ---

Die Idee ist gut, aber der Satz ist (noch) ein Platzhalter: Er ist zu unkonkret. Wahrscheinlich geht's momentan nicht besser, denn es ist der Anfang eines Romans, den es noch nicht gibt. Später müsste hier ein erster Hinweis stehen, welcher Art die Bedrohung ist. Etwa: "Du wirst schon sehen schlampe" (ist ne SMS, die nehmen's mit Zeichensetzung und Großschreibung nicht so genau).

Nun zum zweiten Satz:


--- Zitat von: eska am 19 September 2017, 23:13:42 ---„Du wirst schon sehen.“ Da sind sie wieder, diese Worte von heute Nacht, ungerufen, eingebrannt in mein Gedächtnis wie in ein Display ohne Bildschirmschoner.

--- Ende Zitat ---

Simile, you're being filmed. :) In diesem Genre ist das ein Perspektivbruch. Wer bedroht ist, drechselt kein Wortkonfekt. (GnnnNNN! ist das ein schiefes Bild. Sorry.)

Nächster Satz:


--- Zitat von: eska am 19 September 2017, 23:13:42 ---Erst eine SMS um drei Uhr nachts auf meinem privaten Handy, die Nummer rück ich nicht oft raus, und jetzt, um halb acht, eine physische Botschaft.

--- Ende Zitat ---

Der Schnörkel ist markiert. "Privat" reicht völlig aus. Statt "physischer Botschaft" müsste nach Streichen der ersten Sätze ein Hinweis kommen, wo die Botschaft gefunden wird, also z.B. ersetzen durch "ein Zettel unter dem Scheibenwischer".

:tanz2: Wir präsentieren: Deine eigenen Worte, minus Bauchfett! Applausapplausapplaus! :tanz2:


--- Zitat ---„Du wirst schon sehen schlampe“

Da sind sie wieder, die Worte von heute Nacht, ungerufen, eingebrannt in mein Gedächtnis. Erst eine SMS um drei Uhr früh auf meinem privaten Handy, und jetzt, um halb acht, ein Zettel unter dem Scheibenwischer. Er klemmt noch nicht lange dort.

--- Ende Zitat ---

Liebe Grüße!
Quisille

Uli:
Hmmm ... Triller.
Nicht unbedingt mein Genre, aber immerhin habe ich sowas schon mal gelesen.

Wie ich die Sache verstehe, soll ein Triller vorwiegend bis ausschließlich „Spannung“ aufweisen, die nach Möglichkeit auch noch ein wenig ungreifbar, geheimnissvoll ist.
Ob ein Triller gleich am Anfang trillen muss, wie Quisille das meint, kann ich nicht beurteilen - glaube aber, dass das nicht zwingend ist. Aber egal.

Eine Bedrohung muss jedenfalls da sein, und idealerweise soll diese nicht „alltäglich“ sein: In einer Welt voller Zombi-Vampiere mit Flammenwerfern ist ein weiterer Killer kaum der Rede wert.
Zudem braucht es eine stetige Steigerung der Bedrohungslage, also sollte erstmal nur ein Unwohlsein in einer an sich gar nicht bedrohlichen Situation da sein - ein seltsmer Fremder in einem netten Vorort ist halt was anderes, als ein solcher in einem verrufenen Viertel der Großstadt.

Also: Eine Steigerung von Irritation zu Schrecken, zu Hilflosigkeit (durch den gescheiterten Versuch, Unterstützung zu bekommen) zu Entsetzen (wenn man erkennt, was da droht).

Rückblenden sind kontraproduktiv.
Die Autofahrt im Regen mit irgendwie nicht funktionierendem Scheibenwischer ist als Bild ganz OK, aber:
Zunächst stört mich die Rückblende auf die SMS.
Hier verschenkst du die Steigerung: Eine wilde SMS von unbekanntem Absender ist weiter weg, unpersönlicher, und daher harmloser als eine physische Botschaft am eigenen Auto.
der Unterschied zwischen „ich kenne deine Handynummer“ und „wir wissen wo dein Auto steht“, da kommt etwas näher - also, Schritt für Schritt mitteilen, in diesr Reihenfolge. Das nächst ist dann „wir wissen, wo dein Haus wohnt“ ...

Ein Problem beim trillen ist die Ich-Erzählerin. Die hat ein paar Eigenschaften, die dem Schrecken entgegenstehen.
Beispielsweise, dass Ich-Erzähler nur schwer umzubringen sind, man erwartet automatisch, dass alles gut ausgeht. Zumindest für diese Person.
Und das Mittel „der Leser weiß mehr als die Protagonistin“ ist ebenfalls nicht einfach anzuwenden.
Dann die Figurenzeichnung, die Identifikation mit der Figur, beides wird durch Ich-Erzähler erschwert - insgesamt verlangt die Perspektive mehr Mitdenken und analysieren vom Leser, und steht der freien Entfaltung des Schreckens daher entgegen.

Also:
Ein neutraler Erzähler berichtet, dass die Protagonistin morgens aufwacht und unerwartet eine SMS mit seltsamen Inhalt findet - das aber als unwichtig abtut, Frühstück macht und dann doch noch mal nachschaut, ob (beispielsweise) der Klingelton beim SMS-Empfang abgeschaltet war. Oder sowas.
Dann stellt sie fest, dass es regnet und sie spät dran ist, dann funktioniert der Scheibenwischer nicht, wegen der Botschaft, die dahinter klemmt.
An dieser Stelle wäre dann die Überlegung in Richtung „welcher Mistkerl aus meinem Bekanntenkreis macht so doofe Spässe“ der erste Schritt, und erst beim Heimkommen ein ernster Hinweis, wie ein Zettel auf dem Tisch oder so etwas.
Irgendwo dazwischen sollte „the evil“ schon mal einen kleinen Auftritt haben, evtl nicht mal persönlich, sondern gern auch mit der guten alten Szene im Polizeipräsidium, wo über sein letztes Opfer gesprochen wird.
damit hätten wir das „Rennen“ zwischen Killer, Opfer und Retter, den Zeitdruck, den Umstand, dass der Leser die Gefahr kennt und einschätzen kann (oder das wenigstens glaubt), und viel Möglichkeit, die Spannung aufzubauen ...

Hoffe, das hilft ...

cheers, Uli

eska:
N'Abend allerseits.

Und danke euch fürs Kommentieren! Es ist echt spannend, wie unterschiedlich ihr das mit dem sofortigen oder langsamen Einstieg seht. Für den einen zu langsam (Hook im ersten Satz), für den anderen zu schnell (erstmal soll sie es leicht nehmen).
Wie gesagt, Genre-Konventionen kenne ich nicht ( :nudelholz: Mangel an Recherche, aber anscheinend habe ich euch irregeführt, sorry, es geht 'nur' um eine Übungsaufgabe, nichts Abzulieferndes). Ich hatte auch mehr so ein Bild von Irritation und Unbehagen (dazu die ablenkende Fokussierung auf diverse Nebensächlichkeiten und dazwischen die Anzeichen, dass Ablenkung nicht recht hilft, wie der rumorende Milchkaffee, das Klammern am Lenkrad usw.).

Deine verkürzte Fassung, Quisille, gefällt mir allerdings auch. Na, soweit mir Thrill gefällt.


--- Zitat ---Rückblenden sind kontraproduktiv.
--- Ende Zitat ---
Wenn ich dich richtig verstehe, sind sie das, weil sie aus der akuten Situation rausblenden, und damit aus der gefühlten Gefahr.
Gilt das dann auch, wenn die Botschaft der SMS sozusagen seit Nachts andauert, immer präsent ist? Denn das macht die Protagonistin ja so nervös. Bis jetzt kann alles eine völlig harmlose Erklärung haben (z.B. hat ein Nachbar ihre Stoßstange angekratzt oder so).

In eben diesem Sinne ist die SMS auch nicht eindeutig.

--- Zitat ---Die Idee ist gut, aber der Satz ist (noch) ein Platzhalter: Er ist zu unkonkret.
--- Ende Zitat ---
Ja, ist er. Aber was, wenn es gar nichts Unheimliches damit auf sich hat und sie alles nur rein interpretiert?



--- Zitat ---Ein Problem beim trillen ist die Ich-Erzählerin. Die hat ein paar Eigenschaften, die dem Schrecken entgegenstehen.
--- Ende Zitat ---
Argumentation verstanden. Und grundsätzlich akzeptiert.  ;D
Nur: Ich finde es sehr viel gruseliger, keine klaren, nachweisbaren Bedrohungen zu sehen, sondern sich nur ständig verfolgt zu fühlen und schließlich nicht mehr zwischen Realität und Einbildung unterscheiden zu können. Also die Angst, möglicherweise den Verstand zu verlieren. Und das muss dann ja wohl die subjektive Wahrnehmung sein, keine neutrale Perspektive. Oder täusche ich mich?

Soweit das, was ich mir dabei gedacht habe. Die Umsetzung muss ja nicht gelungen sein.
Aber ja, eure Kommentare sind mir eine Hilfe und erhellend. Danke!

eska

Uli:
ay Eska,

das von dir beschriebene Konzept (ein nicht fassbares Unwohlsein, nicht nachweisbare Bedrohungen etc) würde mir ganz gut passen - allerdings eher in der Sparte „subtiler Horror“. Trill braucht eben den Trill, Hochspannung eben.
Den so einzuleiten hingegen finde ich im Prinzip wieder gut, nur braucht es eben die Steigerung ...
Und damit die Option, dass die Prota das nicht mehr slber erzählen kann.
(Ich hatte mal eine Schreibübung angeleiert mit der Aufgabe, dass der Ich-Erzähler dabei umkommt. Das geht durchaus, geht aber meist auf Kosten der Spannung. Leider.
Das Instumentarium für die Innensicht (Zweifel, ob man anfängt wahnsinnig zu werden) steht bei einem außenstehenden Erzähler durchaus auch zur Verfügung, das sollte nicht hindern.
Dazu kommt eben der Vorteil, dass der Erzähler eben mehr weiß - und dem Leser mitteilen kann - als der Ich-Erzähler wissen kann.
Was beim Hauptgewicht auf Spannung eben ein großer Vorteil ist. Bei subtilem Horror hingegen wäre das nicht so wichtig, und da würd ich auch den Ich-Erzähler vorziehen.

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