Das Purgatorium - die Hölle der Textkritik > Grill

mit deinen Augen - Heldenreise

(1/2) > >>

Uli:
Hallo, Hölle!

Es kommt mir zwar komisch vor, dass ich zur Zeit offenbar der einzige bin, der Texte einstellt - aber OK, das ist halt grad mal so. Und wird bestimmt mal wieder anders, hoffe ich.

Also: Hier ist der chronologisch zweite Teil der Story, und der gibt ein paar Antworten auf Fragen (die eska gestellt hat ...). Und baut eine Startrampe. Und ... so


Heldenreise

Die Agentur machte genau gar keine Schwierigkeiten, als ich das neue Projekt ankündigte:
Eine Serie mit dem Titel ˋmit anderen Augen ´, eine fiktionale Sache, zeitgeistig etc.pp.

Im Gegenteil, sie warfen die Maschinerie an und machten Castings und sowas alles, und warfen einen mittelfetten Vorschuss aus, wegen Spesen und so.
Es ging darum, bekannte Orte und Umstände irgendwie so wie von außen zu betrachten, und die fiktive Protagonistin sollte eine Außerirdische sein. Mehr oder weniger also real das ganze.

Der Vorteil davon, als irrer Spinner zu gelten, mit dem man Geld verdienen kann, liegt in den letzten sechs Worten - dafür lassen sich die Betriebswirte auf alles mögliche ein. Und ich hatte diesen Ruf ebenso sorgfältig wie beiläufig erarbeitet, mit ein paar Reportagen, die eben nur irre Spinner so machen können. Eine Art Talent von mir.

El! hatte ich selbstverständlich erzählt, was ich da vorhatte, und sie fand das völlig in Ordnung. Und lustig. Und ... traurig.
ˋDu verdienst dein Leben, indem du Leuten erzählst, wie Dinge aussehen?´ fragte sie. ˋWarum sehen die nicht selber hin?´. 
Und ich brauchte ein paar Minuten, um das Traurige daran zu sehen. Und ein paar Minuten mehr, um mich darüber zu freuen, dass ich das immer noch traurig finden konnte, obwohl ich schließlich davon lebte. Und ...

Jedenfalls stimmte sie zu, in der Hoffnung, dass vielleicht Leute lernen könnten, selber zu sehen, wenn man ihnen zeigt, wie das geht.

Sie war so wundervoll, so ... optimistisch. Und trotzdem klug.


Ein wenig Bedenken hatte sie, weil ich ja Dinge aus ihrer Sicht beschreiben wollte - weil, sie wollte nicht, dass allzuviel bekannt würde. Von ihr. Und etwas schockiert war sie, weil ... nun, in ihrer Welt gibt es keine feinsinnige Unterscheidung zwischen künstlerischer Freiheit und Lügen.

Mal davon abgesehen, dass sie nicht so furchtbar viel erzählt hatte.
Von ihrer Welt, von dem, was geschehen war, bevor sie aus meinem Bilderrahmen gepurzelt war, von ihrem ganzen Leben - auf entsprechende Fragen lächelte sie meist, schüttelte den Kopf und spitzte den Mund zu einem Kuss.

Nur ganz wenige Sätze sagte sie zu all dem, Sätze, die ich nicht unbedingt verstand.
Ihre Stimme klang dabei immer etwas bedrückt, traurig ... also fragte ich nicht weiter nach.


ˋLebe hier, bin dort tot - noch lange ´ war so ein Satz, und ˋTüren sind nicht für Leben, nur für Sein ´ - für mich genauso unverständlich wie für sie die Sache mit den Religionen war.

Sie hatte danach gefragt.

Ich hatte ein Auto gemietet für unsere Entdeckungsreise, und wir fuhren über nächtliche Autobahnen - Zeit für Gespräche.
 Also, nachdem El! sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass ˋIngenieurskunst´ nichts mit Magie gemein hat und Verbrennungsmotoren nur vergleichsweise simple Anwendungen von Naturgesetzen darstellen.
Naja, jedenfalls akzeptierte sie, dass ich das so glaubte. Immerhin.

Ach ja: Ich notiere hier nicht den getreuen Wortlaut von El!s Fragen und Anmerkungen, weil sie am Anfang die Sprache noch nicht so toll beherrschte und es viele Missverständnisse gab. Ich gebe das wieder, was sie aussagte. In einer verständlichen Form.
Ich erwähne das deshalb, weil aus diesen Gesprächen Texte entstanden sind, die dann kommerziell verwertet wurden - eben davon lebe ich ja - und dabei wurde etliche Aussagen auch inhaltlich verändert. Aus Marketing-Gründen. Wie das so üblich ist ...

Aber zurück zu Religion und all dem.

***
Danke fürs Lesen!

Und die Fragen sind:
Bekommt man einigermaßen ein Bild von Kai und seiner Art zu leben? Und von dem Umfeld?
(und sind die Fragen nach dem ersten Teil genügend beantwortet?)
El!s Bedenken ˋgesehen ´ zu werden sind ein ISSO, das ich brauche. Ist das gut (genug) verkauft?

Tja ...
fröhliches Rösten!





eska:
Lieber Uli;

ich bin wirklich gespannt, schaff es aber nicht, mir deinen Text noch vorzuknöpfen.  In einer Woche hoffentlich!

LG,
eska

eska:
Hi Uli!
 :wink:

Wie versprochen hab ich die Fortsetzung von Kai und El! gelesen.
Zu deinen Fragen komme ich gleich. Zunächst ist mir - vielleicht bedingt durch den zeitlichen Abstand -  aufgefallen, dass auch in diesem Textstück das meiste von Kai nachträglich erzählt und kommentiert wird, besonders deutlich machst du das ja im letzten Absatz, der das thematisiert.
Ich weiß nicht, ob du durchgehend in diesem Rückblick-Modus erzählen willst, der ja zu Kais Situation wie am Anfang geschildert, passt. Die Gefahr von zuviel Plusquamperfekt und viel Distanz besteht dabei ja immer. Und ein bisschen mehr O-Ton El! und mehr rein in die Szenen fände ich auch schön. *Neugier* Und wenn es Kais Job ist, den Menschen zu zeigen, was ist, würde ein beschreibender, detaillierterer Stil auch in diesem seinem Dokument passen, oder?
Zum Beispiel kann ich mir die Auto-Magie-oder-Ingenieurskunst-Diskussion sehr nett vorstellen und finde es schade, dass du da so stark zusammenfasst.
Außerdem befürchte ich, dass in der Kürze viele gute Schlussfolgerungen und Beobachtungen eher am Leser vorbeirauschen, als wenn er sie selber Stück für Stück nachvollziehen könnte.
Das alles mehr im Blick auf das Ganze als auf diesen konkreten Text...

Ansonsten:


--- Zitat ---Und ich hatte diesen Ruf ebenso sorgfältig wie beiläufig erarbeitet, mit ein paar Reportagen, die eben nur irre Spinner so machen können. Eine Art Talent von mir.

--- Ende Zitat ---
Hier wünsche ich mir angedeutete Beispiele: ... mit solchen Reportagen wie der über XXX oder der vom YYY. Vielleicht ein bisschen Selbstironie dazu: Naja, die Bewertung als Spinner hatte ja schon mein Deutschlehrer unter so einige meiner Aufsätze gesetzt. War wohl seit jeher eine Art Talent von mir.


--- Zitat ---El! hatte ich selbstverständlich erzählt, was ich da vorhatte,
--- Ende Zitat ---
Warum kommt das erst nach der ganzen Projekt-Planung? Immerhin dauert die Phase ja ein bisschen.
Und eigentlich ist die Formulierung 'hatte ich erzählt' irgendwie übergriffig. Schließlich nutzt Kai ihre Perspektive, ihren Input. Es sollte also eher ein gemeinsames an der Idee Arbeiten, eine Teamentscheidung sein.

--- Zitat ---Bekommt man einigermaßen ein Bild von Kai und seiner Art zu leben? Und von dem Umfeld?
--- Ende Zitat ---

Ein Bild von Kais Broterwerb als Journalist für besondere Fernseh- oder Filmreportagen, ja. Wunsch nach mehr Details siehe oben. :) Von seinem sonstigen Leben hier nicht. Vom weiteren Umfeld auch nicht, nur die daran verdienenden 'Macher' tauchen auf, als Gruppe und verallgemeinert, nicht als Einzelmenschen, aber das ist in deinem Sinne.


--- Zitat ---(und sind die Fragen nach dem ersten Teil genügend beantwortet?)
--- Ende Zitat ---

Ich kann die Abfolge der Teile nicht recht einordnen; was kommt dazwischen? Wenn ich zu lange auf Antworten warten muss als Leserin, dann verliere ich eventuell die Lust, je nachdem, was mich sonst lockt, ob es Hinweise gibt etc.
Insgesamt wären mir diese wenigen Sätze von El! hier zu wenig, um ihr Hiersein zu erklären. Und Kai wäre mir zu wenig neugierig. Ich stelle mir aber vor, dass es da Szenen zwischen den Texten gibt, die du hier eingestellt hast,
 
--- Zitat ---El!s Bedenken ˋgesehen ´ zu werden sind ein ISSO, das ich brauche. Ist das gut (genug) verkauft?
--- Ende Zitat ---

Sie erklärt das nicht (bzw. Kai erwähnt es nicht), aber mir reicht es so. Kommt vorher nicht irgendwo mal ein Gespräch zwischen den beiden, wo sie ein bisschen ausführlicher auf die ihr zugefallene Beobachterrolle eingeht und vielleicht abwehrt, daraus eine urteilende oder beratende Rolle zu machen?
(Allerdings stört mich die sehr mündliche (und grammatikalisch falsche) Verwendung des weil plus Hauptsatz:

--- Zitat ---weil, sie wollte nicht, dass allzuviel bekannt würde.
--- Ende Zitat ---
Wie wär's mit denn oder nämlich?)


Das für heute. Mach mal was draus! ;)
Gruß,

eska

Uli:
ay Eska,

vielen Dank!
Also ... der Erzählmodus ... der basiert auf der ˋSchreibsituation ´, in der Kai sich befindet. Er schreibt diesen Text ja, nachdem El! weggegangen ist, und eher als persönlichen Rückblick, nicht unbedingt für eine Veröffentlichung.
Vorher hat er ganz andere Texte bei der Agentur eingereicht (die auch erfolgreich vermarktet wurden). Der Agentur hat er erzählt, dass er an einem Skript arbeitet - damit er a) in Ruhe gelassen wird und b) die Ressourcen der Agentur für sein privates Nachforschen (Tür ...) nutzen kann.
Kai ist nach dem Verlust ziemlich fertig, in Trauer und verzweifeltem Hoffen gefangen - er schreibt das auf, weil es ihm hilft, zu verarbeiten.
Und deswegen wertet er: Es geht ihm um die Erlebnisse, die für ihn von Bedeutung sind, um die Äußerungen von El!, die ˋetwas mit ihm gemacht ´ haben - und ja, dabei bleiben Szenen auf der Strecke, wie eben die Diskussion um das Automobil.
In den ˋwichtigen ´ Szenen wird der Erzählton sicher ˋnäher ´ werden, emotionaler und bildhafter - aber eben nur in solchen Szenen.

(Im ˋNachwort ´ des Herausgebers wird ja angekündigt, dass dieser Text unbearbeitet erscheint, ohne Überarbeitung und Lektorat etc.)

Dass er solche Sachen sagt wie ˋEl! hatte ich selbstverständlich davon erzählt ... ´ liegt daran, dass er das eben für selbstverständlich hält. Und erst beim Beschreiben des Plans gemerkt, dass das eben nicht zwingend selbstverständlich ist.
(Das er im Zusammenhang mit El!s Erscheinen recht zügig auf den Gedanken der kommerziellen Verwertbarkeit stößt, ist ein Teil seiner Charakterisierung - dass er dabei einige Dinge für selbstverständlich hält, ist ein anderer.

Ich habe bis hierher etwa 18.000 Zeichen, also acht Seiten - meine App sagt, das sind sowas von 10 Minuten Lesezeit. Und der nächste Teil wird die Diskussion über Religion und Weltbild und so, ein Teil, der Kai sehr wichtig ist (und für mich recht anstrengend, nebenbei).
Und der deshalb auch anders erzählt wird.

 :kaffee2:

Uli:
... Nachtrag ...

grade überlege ich, zwischen diesem und dem ersten Teil noch die Verabredung zu der Reise als ˋMiterleb-Szene ´ einzubauen ...
Könnte passen, ich brauche da nur einen Grund, warum diese Szene Kai ˋanfasst ´.
Wird aber zu finden sein, denke ich.

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln