Autor Thema: (KG) Wandertag  (Gelesen 178 mal)

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Offline nus

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(KG) Wandertag
« am: 11 January 2023, 17:08:58 »
Hallo liebe, Teufels!
Ich habe etwas Neues für den Grill. Vielleicht erinnert sich der/die Eine oder Andere an eine alte Version, die ich nicht überarbeitet, sondern komplett neu geschrieben habe.
Mir geht es - wie schon bei Pietà - nicht darum, ob die Geschichte "funktioniert". "Funktionieren" bedeutet ja, dass etwas, das der Autor ausdrücken will, auch tatsächlich beim Leser ankommt. Mir geht es darum, ob Euch die Geschichte anspricht. Wenn nicht - dann nicht. Wenn ja - dann würde mich interessieren, was Ihr darin/daran findet.
Es sind aber auch alle anderen Anmerkungen willkommen!
Danke für Euer Feedback!
 :-* nus

Wandertag

Verdammtes Miststück - die höchste Auszeichnung. Außer Mimi dürfen sich bislang nur Irina und Deli Verdammte Miststücke nennen. Es gibt noch zwei Anwärterinnen auf diesen Titel in der Klasse: die Milberg-Zwillinge. Aber ob sie es jemals schaffen werden, ist nicht sicher. Die pechschwarzen Pferdeschwänze der beiden wippen direkt vor Mimi im Takt ihres Gleichschritts. Die Zwillinge machen alles zusammen. Wenn sie es überhaupt schaffen, dann müssen sie sich wahrscheinlich einen Titel teilen.

Mimi drückt den Rücken durch. Heute wird sie beweisen, dass sie Carlas Gunst verdient hat. Vielleicht sogar mehr als das. Mit ihrem Plan hat sie Carla beeindruckt. Wenn sie ihn jetzt in die Tat umsetzt, dann wird sie nicht nur die Anführerin, sondern alle beeindrucken.

Sassmann ist am Morgen mit ihnen losmarschiert, und außer dem ständig verheulten Timmi, der angeblich Fieber hat – mitten im Sommer! – ist die ganze Klasse angetreten. Die Sonne brennt, während sie über den langen, schnurgeraden Feldweg marschieren, und Sassmanns Glatze glänzt wie poliert.

Carla hat sich heute die neongelbe Basecap von ihrem großen Bruder ausgeliehen. Mimi könnte sterben vor Neid, nicht nur wegen der Kappe, sondern noch mehr, weil sie auch gern einen großen Bruder hätte. Aber daran will sie jetzt nicht denken. Carla stößt sie mit dem Ellbogen in die Seite, und sie lachen sich tot über Sassmanns plattfüßigen Gang und über die Faxen der Jungs. Mimi sieht zu den anderen Verdammten Miststücken hinüber und registriert mit Genugtuung deren Blicke. Sie, Mimi, ist heute schon seit dem frühen Morgen an Carlas Seite, und wenn ihr Plan aufgeht, wird das auch weiterhin so bleiben.


Endlich kommt der Wald in Sicht und damit die Hoffnung auf ein bisschen Abkühlung. Carla hält Mimi am Arm fest.

„Wann?“, flüstert sie.

„Nach der Mittagsrast“, flüstert Mimi zurück.

Im Wald ist es kühler. Sassmann tupft seine Glatze mit einem Stofftaschtuch ab. Nachdem er das schon unzählige Male getan hat, muss das Taschentuch klamm sein von seinem Schweiß. Mimi sieht zu Carla und schneidet eine Grimasse. Hinter ihr ist die Stimme von Frau Jenne zu hören.

„Luca, David, hört auf mit der Rangelei, Deli, gib Rebekka ihre Trinkflasche zurück, Irina, lass das ...“

Die Ermahnungen sind eine endlose, monotone Begleitmelodie, mit dem immer gleichen Refrain: „Bleibt zusammen!“

Die Lehrer sind nervös. Mimi weiß, warum. Wegen Philipp S., zehn Jahre alt, genau wie Mimi. Sein Name ist seit Wochen in den Nachrichten. Ein Mann hat ihn entführt, und dann ... An diesem Punkt schalten Mimis Eltern das Radio oder den Fernseher auf einen anderen Sender. Auf dem Foto, das sie in den Nachrichten gezeigt haben, sieht er ein bisschen aus wie Timmi. „Was interessiert uns so eine Heulsuse?“, hatte Carla gesagt. Nur Heulsusen werden entführt. An ein verdammtes Miststück traut sich niemand ran. Als die Meldung kam, dass Philipp S. gefunden wurde, tot, hat Carla nichts mehr dazu gesagt.

Mimis Beine fühlen sich schwer an. Im Schatten der Fichten tanzen Sonnenflecken auf dem Weg. Carla hebt einen Fichtenzapfen auf und zielt damit auf Sassmanns roten Nacken, verfehlt ihn aber. Die Miststücke kichern. Mimi lächelt in sich hinein. Das war nichts. Sie hat den Verdacht, dass der Versuch, Sassmann zu treffen, gar nicht so ernsthaft war. Das, was sie vorhat, ist dagegen wirklich ernsthaft. Carla mag einen großen Bruder haben, den alle bewundern und vor dem sie vielleicht sogar ein wenig Angst haben, aber wenn Mimis Plan aufgeht, wird sie aus Carlas Schatten hervortreten und nicht länger eins von den Miststücken sein, sondern jemand, der sich Titel für die anderen ausdenkt.

Carla geht schneller, lässt Mimi hinter sich und zwängt sich zwischen die Zwillinge. Sofort wenden die beiden sich ihr zu, und der schwesterliche Gleichschritt kommt aus dem Rhythmus. Mimi kann nicht verstehen, was Carla sagt, aber das aufgeregte Wischen der Zwillingspferdeschwänze deutet auf einen neuen Auftrag hin. Tatsächlich steckt Carla ihnen etwas zu und lässt sich wieder zurückfallen.

„Das wird lustig“, raunt sie Mimi zu.

Irina und Deli schließen zu ihnen auf.

„Mimi hat was vor“, informiert Carla sie.

„Was?“ Deli reißt gierig die Augen auf. „Erzähl!“

„Ihr werdet’s sehen“, gibt Mimi zurück und wechselt einen schnellen Blick mit Carla.

„Komm schon“, drängt Irina. „Ein Stichwort.“

„Verstecken“, sagt Mimi.

Delis Augen werden noch größer.

„Verstecken?“ Irina klingt enttäuscht. Und erleichtert.

Die Zwillinge vor ihnen drehen sich um und lassen fast synchron zwei große pinkfarbene Bubblegum-Blasen platzen. Carla macht eine ungeduldige Geste in ihre Richtung. Die beiden beschleunigen ihren Schritt und drängen sich rechts und links an Sassmann vorbei. Zwei pinkfarbene Andenken bleiben an seinem Rücksack zurück. Eines davon fällt bereits nach wenigen Sekunden auf den Weg. Mimi macht einen großen Schritt, um nicht daraufzutreten. Das zweite tropft ins trockene Gras, als sie die Lichtung erreichen und Sassmann den Rucksack absetzt. Mimi sieht zu den Zwillingen, die betrübt die Stirn runzeln. Den Titel können sie sich in die Haare schmieren.

Frau Jenne stellt sich an Sassmanns Seite und erklärt, dass alle ab jetzt zwei Stunden Zeit haben zum Picknicken, Ausruhen, Herumlaufen. „Auf jeden Fall in Sichtweite bleiben, und das heißt: maximal zehn Schritte von der Lichtung in den Wald. Zehn Schritte!“

Mimi sieht sich verstohlen um. Die Lichtung grenzt zur einen Seite an den Fichtenwald. Auf der anderen Seite drängt sich dichtes Gebüsch heran, Brombeergestrüpp, Haselnusssträucher. Dahinter beginnt ein aufgelockerter Wald aus Nadel- und Laubbäumen. Die Bedingungen für ihr Vorhaben können nicht besser sein.

Die Lichtung selbst ist mit hohem, trockenem Gras bewachsen, über dem Insekten schwirren. Drückende Hitze liegt darüber, und Mimi hätte sich gern einen Platz im Schatten gesucht, aber Carla hat einen Baumstumpf zwischen den trockenen Grashalmen gefunden und lässt sich mit einem übertriebenen Seufzer darauf hieder. Die drei Miststücke und die beiden Titelanwärterinnen setzen sich im Halbkreis um ihre Anführerin ins Gras und holen ihre Trinkflaschen und Lunchpakete aus den Rücksäcken.

„Iiiih!“ Deli hält einen geschmolzenen Schokoriegel hoch, der in seiner Verpackung schlaff zwischen ihren Fingern hängt.

„Wie kann man bei der Hitze Schokolade mitnehmen?“ Carla verzieht das Gesicht.

Irina lässt daraufhin schnell etwas in ihrem Rucksack verschwinden. Mimi reckt den Hals, um sich nach Sassmann umzusehen. Er setzt sich gerade nicht weit von den Miststücken entfernt auf einen langen Baumstamm, der am anderen Ende bereits von ein paar Jungs belagert wird. Sein Gesicht ist knallrot und wirkt irgendwie verrutscht, als ob es in der Hitze seine Form verloren hätte.

„Ich hab Cola dabei!“

Carlas laute Stimme lässt Mimi aufschrecken. Fünf Augenpaare haben sich auf die Anführerin gerichtet, die mit vorgerecktem Kinn eine Flasche in der Hand hält. Cola! Mimi meint, den süßen, am Ende leicht bitteren Geschmack zusammen mit dem Prickeln  der Kohlensäure auf der Zunge zu spüren. Cola. Unerreichbar für jemanden, dessen Eltern der Meinung sind, dass man mit zehn für so etwas noch zu jung ist. Mimi beißt die Zähne aufeinander und öffnet ihre Brotdose. Zwei Butterbrote liegen darin, jeweils mit einer Scheibe Käse belegt, schwitzenden, wabbeligen Lappen. Mimi nimmt eines der Brote aus der Dose und beißt lustlos hinein. Das Mineralwasser aus ihrer Trinkflasche ist lauwarm. Der Gedanke, dass es Carla mit ihrer Cola genauso gehen muss, versöhnt sie ein wenig.

Die Mittagshitze flirrt über der Lichtung. Mimi schafft nur das halbe Käsebrot. Den Rest legt sie in die Dose zurück. Sie wäre gerne in den Schatten gegangen, um dort einfach nur das Ende der Rast abzuwarten, aber Carla hat andere Pläne.

„Auftragsrennen!“, verkündet sie.

Mimi unterdrückt einen Seufzer. Immerhin, den anderen Miststücken scheint es ähnlich zu gehen. Wie in Zeitlupe packen sie ihre Brotdosen ein und stehen auf.

„Deli: ein Tannenzapfen!“, kommandiert Carla. „Irina: ein Stein!“

Für jede von ihnen bestimmt sie einen Gegenstand. Mimis Auftrag ist eine Haselnuss.

Als Frau Jenne endlich zum Aufbruch ruft, ist Mimi schwindelig und ihr Magen rebelliert. Sie fühlt sich wie die Käsescheibe in ihrem Butterbrot: schwitzend und wabbelig. Carla ist unerbittlich.

„Geht’s jetzt los?“, fragt sie aufgekratzt.

Mimi nickt stumm. Sassmanns Stimme weht zu ihnen herüber: Müll aufsammeln, einpacken, zum Durchzählen zusammenkommen. Mimis Herzschlag beschleunigt sich. Ihre Mattigkeit ist mit einem Mal verflogen.

Carla hat sich abgewendet. Irina reicht der Anführerin den Rucksack an. Aus der Geste, mit der Carla ihn entgegennimmt, kann man deutlich lesen, dass sie erwartet hat, jemand würde ihn für sie tragen. Mimi schwingt sich ihren eigenen über die Schulter. Wenn sie selbst erst Anführerin ist, werden die anderen sich darum streiten, wer ihre Sachen tragen darf. Aber jetzt muss sie sich auf ihren Plan konzentrieren. Sie hält sich ein wenig abseits und wartet auf den richtigen Moment.

Frau Jenne weist einen der Jungs zurecht, der einem Mädchen Kletten in die Haare geworfen hat. Sassmann fängt an zu zählen. Er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf jeden Schüler und bewegt dabei die Lippen, stockt, schüttelt den Kopf und beginnt von Neuem.

Mimi schiebt sich langsam rückwärts. Hinter ihr sind die Haselnusssträucher, halb überwuchert von Brombeerranken, die, wie sie von ihrem Laufauftrag weiß, mit gemeinen Dornen bewehrt sind. Sie muss vorsichtig sein, darf aber auch keine Zeit verlieren.

Als Sassmanns Finger einen neuen Zähldurchlauf startet, dreht sie sich blitzschnell um, macht einen hastigen Schritt nach rechts auf der Suche nach einer Lücke in dem dichten Gestrüpp, zwei Schritte nach links, eine Lücke ist das nicht, aber es muss reichen, und zwängt sich zwischen den Zweigen und Dornenranken hindurch, die sich nicht zur Seite schieben lassen, sondern sich ineinander verhaken, als wollten sie ihr den Weg versperren, die sich in den Stoff ihres T-Shirts krallen, ihre nackten Arme und Beine zerkratzen, aber es gibt kein Zurück mehr.

Sie hockt sich hin, kneift die Augen zu, hält die Luft an und hofft, hofft, hofft, dass niemand - nicht Sassmann, nicht Frau Jenne und auch nicht die Jungs, und am allerwenigsten eines der Miststücke - sie in diesem beschissenen Gestrüpp sieht.

„Einundzwanzig, zweiundzwanzig ...“

Jetzt zählt Sassmann laut, so laut, dass er über das Stimmengewirr der Schüler bis zu Mimi hin gut zu hören ist. Mimi verflucht sich selbst. Daran hat sie nicht gedacht. Wenn Sassmann merkt, dass jemand fehlt, dann werden sie sie suchen und finden. Sie hätte warten müssen, bis Sassmanns Finger sie erfasst hat, und dann erst verschwinden. Aber jetzt ist es zu spät.

„Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig – alle da!“

Alle da? Das ist unmöglich. Sassmann muss sich verzählt haben ... Mimi öffnet die Augen, dreht den Kopf, so weit es geht, und späht durch die Zweige in Sassmanns Richtung. Tatsächlich! Sie kann ihr Glück kaum fassen. Er winkt ungeduldig, und die ersten Schüler setzen sich in Bewegung. Mimi sieht die Zwillingspferdeschwänze wippen, und für einen Moment blitzt Carlas neongelbe Kappe auf, aber dann wird sie verdeckt von den Jungs, die sich am Ende des Zuges halbherzig hin und her schubsen, als ob sie keine richtige Lust mehr dazu hätten. Frau Jenne muss schon vorausgegangen sein, sie ist nirgends zu sehen. Und jetzt wendet sich auch Sassmann zum Gehen. Doch bevor er sich ganz umdreht, hält er inne und sieht in Mimis Richtung.

Sein Blick trifft Mimi wie ein Schwall heißen Wassers. Nein, bitte! Wenn er sie jetzt doch noch entdeckt, dann ist ihr Plan gescheitert. Aber er hat sich schon abgewandt. Trotzdem rinnt das heiße Wasser noch an Mimis Rücken hinunter, es fühlt sich an, als ob es tiefe Furchen in ihre Haut graben würde.

Sassmanns verschwitztes blaues Polohemd taucht in den Schatten des Waldes, es sieht aus, als ob er von den Schülern weggeschwemmt würde, und Sekunden später ist er nicht mehr zu sehen.

Mimi starrt dorthin, wo er verschwunden ist. Das heiße Wasser ist weg, und jetzt fühlt sie sich wie ein Ballon, der sich langsam mit Helium füllt und immer leichter wird, so leicht, dass er kühl und frei in den blauen Himmel steigt. Sie schiebt sich durch die Zweige. Zuvor haben die Dornen sie auf dem Weg in ihr Versteck aufzuhalten versucht. Jetzt wollen sie sie nicht mehr hinauslassen. Aber Mimi beißt die Zähne zusammen und kämpft sich ins Freie. Die Schrammen an ihren Armen und Beinen brennen, und noch mehr die in ihrem Gesicht. Sie lächelt grimmig. Eine Erinnerung an diesen Tag, die noch lange bleiben wird – für sie und vor allem für Carla und die Miststücke. Sie hat es geschafft. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Carla wird nach ein paar Minuten Alarm schlagen. „Sassmann wird durchdrehen“, hat Carla gesagt. „Das ist der Super-GAU für ihn.“ Erst recht nach der Sache mit Philipp S.. Sassmann wird sofort zurückkommen und Mimi suchen. Um die Spannung noch ein bisschen zu erhöhen, wird sie sich eine Weile verstecken und Sassmann dabei zusehen, wie er in Panik gerät. Dafür braucht sie ein Versteck, ein besseres als das Dornengestrüpp.

Sie geht ein Stück am Rand der Lichtung entlang, dann entscheidet sie sich für den Fichtenwald. Dort ist es kühler, und im Schatten der Bäume wird sie noch schwerer zu sehen sein.

Nach dem hellen Sonnenlicht haben ihre Augen Schwierigkeiten, etwas zu erkennen. Gleißende Flecken tanzen zwischen den dunklen Baumstämmen umher. Trockene Äste knacken unter ihren Füßen. Es riecht nach Holz und Wärme, und es ist ganz still. Sie bleibt stehen und lauscht. Erst jetzt wird ihr bewusst, wie still. Kein Vogelgezwitscher, kein Wind in den Wipfeln der Fichten, nicht einmal das ferne Rauschen einer Straße. Sie hört nur ihr eigenes Ein- und Ausatmen, und als sie die Luft anhält, hört sie gar nichts mehr. Doch – ein Rascheln, wenige Schritte von ihr entfernt. Was ist das? Knistern. Wieder Stille.

Angestrengt starrt sie dorthin, wo die Geräusche hergekommen sind. Brombeerranken, Fichtenzapfen, heruntergefallene Zweige. Nichts regt sich.

Wieder ein Geräusch, weiter entfernt. Da ist etwas. Jemand, schießt es Mimi durch den Kopf. Ein Mensch. Ein Mann.

Mimi erstarrt. Ihr Herz schlägt so heftig, dass sie kaum Luft bekommt. Jetzt kann sie Schritte ausmachen, die näher kommen. Nein, sie entfernen sich. Nein. Die Schritte umkreisen sie. Sie sind hinter ihr. Ihr Körper spannt sich, und sie spürt überdeutlich den Druck der Rucksackträger, als ob sich Hände auf ihre Schultern gelegt hätten. Sie will die Hände abschütteln, aber sie kann sich nicht bewegen. Der Mann ist hinter ihr und wartet. Worauf? Will er ihre Angst auskosten, bevor ... War es so, als er Philipp S. entführt hat? Wo hat er ihn hingebracht? Was hat er mit ihm gemacht?

Vor Mimis Augen wird es dunkel. Ein Keller. Feuchter, modriger Geruch. Ein schmaler Lichtschacht, durch den fahle Dämmerung auf den Betonboden sickert. Eine schwere Tür, die sich öffnet, eine massige Gestalt: der Mann. Sein Gesicht ist eine dunkle Masse.

Das Grauen kriecht in Mimis Mund. Würmer, die sich winden, sie spürt die schleimigen Leiber auf ihrer Zunge, in ihrem Hals und muss würgen. Der Waldboden unter ihren Füßen dreht sich, hebt sich ihr entgegen, sie fällt nach vorn, auf Hände und Knie. Heftiger Schmerz pocht in ihrem Kopf. Sie meint zu ersticken. Die Würmer ausspucken. Atmen. Ein. Aus.

Sie kauert sich zusammen, macht sich ganz klein. Verstecken. Vielleicht sieht er sie nicht. Wenn es ihr gelingt, mit dem Waldboden zu verschmelzen, wie ein kleines Tier, das sich eingräbt, kaum noch atmet, kaum noch lebt. Nichts mehr spürt, keine Angst, keine Reue, nichts.

„Mimi!“ Die Stimme, die ihren Namen ruft, lässt sie zusammenfahren. Jetzt sind wieder Schritte zu hören, die rasch näherkommen.

„Steh auf!“

Eine harte Hand packt sie, reißt sie hoch. Sie taumelt. Ihre Knie zittern. Die Hand lässt sie los.

Sassmann dreht sie zu sich um. Er ist viel größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Sie reicht ihm gerade so bis zur Brust. Er tritt einen Schritt zurück. Mimi schaut nicht auf, aber sie spürt, dass er auf sie herabsieht.

Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um und geht auf die helle Lichtung zu. Mimi stolpert hinter ihm her.
« Letzte Änderung: 11 January 2023, 20:02:24 von nus »

Offline eska

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #1 am: 11 January 2023, 23:09:38 »
Hi Nus. :)

Neues Grillgut ist ja immer was Schönes. *Hände reib*
Und es passt gut, dass ich heute Abend Zeit habe.

Aber vor allem lockt mich deine Geschichte, hat mich gelockt, schon durch den Titel, hat mich gepackt, eigentlich gleich bei den ersten Worten, spätestens beim

Zitat
Heute wird sie beweisen, dass sie Carlas Gunst verdient hat.

Und dann ist sie so stimmungsreich, so viele kleine Details nehmen einen mit in den Wald, in die Hitze, in die Verachtung der Kinder für ihre ach so dämlichen Lehrer-Erwachsenen. In dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit, das - so verstehe ich es - den Reiz der Verdammten Miststücke ausmacht.

Was gefällt mir besonders?
Sie ist vom Timing her gut austariert, entwickelt sich langsam, lässt sich und uns Zeit, alles aufzunehmen, vielleicht anhand der kleinen Hinweise die Schrecken des Endes uns ausmalen, kreiert gekonnt Spannung. Ich ahne schon, das es Mimi darum geht, sich abzusondern (gegen den andauernden Befehl zusammenzubleiben), argwöhne zwischendurch, dass Carla aber gar nichts sagen und sie deutlich länger sitzen lassen wird, grusele mich einen Moment mit ihr mit, wer denn da rumschleicht.

Diese Mädchen, die genau wissen, was sie anrichten wollen und können, die die anderen, aber auch sich selbst genau beobachten und analysieren - das ist kein Versatzstück, sondern präzise eingefangene Beobachtung. Ja, das können sie sein, Kinder und andere Menschen, die sich (noch) nicht in ihr Gegenüber einfühlen: verdammte Miststücke, machen Ärger aus Spaß daran. Und dann, einen Fingerbreit daneben, sitzt die andere Seele klein und zittrig in ihrer Brust und bricht zum Ende hervor. Vielleicht bedingt diese sogar die andere. Vielleicht müsste Mimi sich Carla gegenüber nicht beweisen, wenn sie sich nicht unbedeutend fühlte. Vielleicht müsste sie die Kratzer und Wunden nicht ertragen, wenn da nicht andere viel stärker brennen würden. Du deutest ja nichts Konkretes an, aber warum sehnt sich Mimi so nach einem großen Bruder? Eine sehr schöne Charakterzeichnung also. Und nicht nur von Mimi und Carla, auch die von Sassmann. In den Augen der Kinder ist er eine Null, ist das Opfer ihrer Angriffe, verzählt sich dann auch noch endgültig (Superschachzug!), damit ist er disqualifiziert. Mimi malt sich aus, wie er in Panik verfallen und sie das genießen wird. Wie du das umgedreht hast, dass sie in Panik ist und er nichts sagt (!), nur vor ihr herstiefelt, das ist große Klasse! (Wobei ich als Lehrerin nicht glaube, dass das ein Lehrer in der Situation könnte, einfach schweigende Autorität sein, die reden, trösten usw., aber das ist nebensächlich.)

Weil wir bei Realismus sind: Zwei Stunden Pause sind viel zu lang, da würden alle Schüler übermütig. Eine halbe Stunde maximal zum Ausruhen, und das erst, wenn die Kids ziemlich geschafft sind, vor allem, weil da ja nichts ist, was sie beschäftigt. Wahrscheinlich hätten die Lehrer irgendein Spiel dabei, ein Quiz, eine Rallye, einen Auswertungsbogen der geforderten Beobachtungen dieses Waldwandertages (Lernziel Ökosystem oder Baumarten oder Waldtiere oder oder). Machen bei Freiwilligkeit natürlich nur die Streber mit.

Diesen Absatz hier liebe ich: Augen und Ohren, die beiden Hauptsinne versagen, sofort setzt die Fantasie ein. Aus dem friedlichen, stillen Waldstück wird die Bedrohung.

Zitat
Nach dem hellen Sonnenlicht haben ihre Augen Schwierigkeiten, etwas zu erkennen. Gleißende Flecken tanzen zwischen den dunklen Baumstämmen umher. Trockene Äste knacken unter ihren Füßen. Es riecht nach Holz und Wärme, und es ist ganz still. Sie bleibt stehen und lauscht. Erst jetzt wird ihr bewusst, wie still. Kein Vogelgezwitscher, kein Wind in den Wipfeln der Fichten, nicht einmal das ferne Rauschen einer Straße. Sie hört nur ihr eigenes Ein- und Ausatmen, und als sie die Luft anhält, hört sie gar nichts mehr.

Das mit den Würmern finde ich ein gewagtes Bild, es hat mich aber nicht gestört. Dass Angst einen zum Würgen bringt, kann ich nachvollziehen, die schleimigen Leiber nicht - glücklicherweise. Im Nachhinein überlege ich allerdings, ob sie für diesen Vergleich nicht wirklich mal Würmer im Mund gehabt haben muss.
Und im selben Gedanken: Sie will sich so klein und tot stellen, dass sie

Zitat
Nichts mehr spürt, keine Angst, keine Reue, nichts.

Das mit der Reue klingt nach einer realen Bestrafungssituation. Bringt mich zu dem detailliert imaginierten Keller. Lässt mich vielleicht weiter denken, als du es hier brauchst und möchtest.


So viel für heute Abend.
Danke fürs Einstellen!

Gute Nacht.

eska

P.S:: Die wischenden Zöpfe sind mir komisch aufgefallen. Wippen passt für mich besser.
  • Ich schreibe gerade: mal wieder kaum. Feinschliff Lethbridge ist dran. Diverses liegt wieder auf Eis.

Offline nus

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #2 am: 12 January 2023, 16:16:59 »
Liebe eska!

Danke für Deine ausführliche Rückmeldung!


Zitat
… dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit, das - so verstehe ich es - den Reiz der Verdammten Miststücke ausmacht.
Ja, genau, das ist es, was diese kleinen Bitches lockt.  ;D

Zitat
Ja, das können sie sein, Kinder und andere Menschen, die sich (noch) nicht in ihr Gegenüber einfühlen: verdammte Miststücke, machen Ärger aus Spaß daran. Und dann, einen Fingerbreit daneben, sitzt die andere Seele klein und zittrig in ihrer Brust und bricht zum Ende hervor. Vielleicht bedingt diese sogar die andere. Vielleicht müsste Mimi sich Carla gegenüber nicht beweisen, wenn sie sich nicht unbedeutend fühlte. Vielleicht müsste sie die Kratzer und Wunden nicht ertragen, wenn da nicht andere viel stärker brennen würden.
Stimmt!

Zitat
… auch die von Sassmann. In den Augen der Kinder ist er eine Null, ist das Opfer ihrer Angriffe, verzählt sich dann auch noch endgültig (Superschachzug!), damit ist er disqualifiziert. Mimi malt sich aus, wie er in Panik verfallen und sie das genießen wird. Wie du das umgedreht hast, dass sie in Panik ist und er nichts sagt (!), nur vor ihr herstiefelt, das ist große Klasse!
Jep. Diese Geschichte ist im Grunde eine David-gegen-Goliath-Geschichte. Ich habe dazu letztens (als ich noch um das Ende gerungen habe) einen Linolschnitt gemacht. Wenn ich das nächste Mal an meinem Rechner sitze, lade ich ihn mal hoch.

Zitat
Weil wir bei Realismus sind: Zwei Stunden Pause sind viel zu lang, da würden alle Schüler übermütig. Eine halbe Stunde maximal zum Ausruhen, und das erst, wenn die Kids ziemlich geschafft sind, vor allem, weil da ja nichts ist, was sie beschäftigt.
Ok, das nehme ich auf.

Zitat
Diesen Absatz hier liebe ich: Augen und Ohren, die beiden Hauptsinne versagen, sofort setzt die Fantasie ein. Aus dem friedlichen, stillen Waldstück wird die Bedrohung.
:blush:

Zitat
Das mit den Würmern finde ich ein gewagtes Bild, es hat mich aber nicht gestört. Dass Angst einen zum Würgen bringt, kann ich nachvollziehen, die schleimigen Leiber nicht - glücklicherweise. Im Nachhinein überlege ich allerdings, ob sie für diesen Vergleich nicht wirklich mal Würmer im Mund gehabt haben muss.
Auch wenn‘s Dich nicht gestört hat, versuche ich es mal mit einem anderen Bild. Habe zwar noch keine zündende Idee, aber ich denke drüber nach.

lg
nus

Offline FF

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #3 am: 20 January 2023, 09:09:18 »
Hallo nus,

heute komme ich endlich mal zum Lesen.

Ich finde die Geschichte gut, und sie "wirkt" auch - ich war auch schon allein im Wald (alle Jungen waren schneller als ich, die Lehrer dachten, ich sei im Bus bei den anderen Mädchen, keiner hat mich vermisst) und hab mich heftig gefürchtet. Das ist dir gut gelungen, auch die Beschreibung der Hitze und der Gruppendynamik.

Aber.

Welches Mädchen dieser Welt WILL "Verdammtes Miststück" genannt werden? Gibt es da keinen heroischeren Titel? Selbst mit zehn Jahren wäre ich da keine Anwärterin gewesen. Und dass dieser Titel von so absolut belanglosen Zufällen abhängt wie klebendem oder nicht klebendem Kaugummi, gefällt mir auch nicht besonders. Und am Schluss wird leider auch nicht klar, ob Mimi den Titel nun "gewonnen" hat oder ob sie ihn vielleicht gar nicht mehr will, weil sie einen kleinen Blick auf die Realität geworfen hat. Übrigens glaube ich, dass sie mit dem Namen Mimi ("Mimimimi") nicht die geringste Chance hat.

Woher kommt die Voorstellung eines finsteren Kellers? Wurde Philipp nicht im Wald gefunden? Das Bild reißt mich ziemlich raus, und ich würde eher an Ratten und Spinnen denken, nicht an Würmer.

Von mir also erstmal :g2:
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Offline nus

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #4 am: 23 January 2023, 13:21:57 »
Liebe CheFFin!

Danke für Deine Anmerkungen!

Zitat
Welches Mädchen dieser Welt WILL "Verdammtes Miststück" genannt werden? Gibt es da keinen heroischeren Titel? Selbst mit zehn Jahren wäre ich da keine Anwärterin gewesen.
Ich schon. Es gibt ein paar Leute, die ich kenne und sehr mag, die das als ehrliche Anerkennung meinen ;) Hier kommt das ja auch von dem großen Bruder kommt. Aber vielleicht ändere ich das noch. Ich denke da spontan an etwas Englisches (vielleicht „Bitch“), das Mimi gar nicht übersetzen kann.

Zitat
Und dass dieser Titel von so absolut belanglosen Zufällen abhängt wie klebendem oder nicht klebendem Kaugummi, gefällt mir auch nicht besonders.
Nein, der Titel hängt nicht von klebenden oder nicht klebenden Kaugummis ab. Sondern davon, ob sich eine Anwärterin in ausreichendem Maß als Miststück verhalten hat (vor allem gegenüber den/m Lehrer/n). Und die Beurteilung, ob das Maß ausreicht oder nicht, liegt allein bei Carla. Darum machen sie alles, was Carla vorgibt, in der Hoffnung, dass das Erfüllen der Aufträge (z.B. das Kaugummi-Aufkleben) irgendwann ausreicht. Aber keine der Anwärterinnen kann abschätzen, wann die Anstrengungen ausreichen. Darum versucht Mimi ja auch, eigeninitiativ etwas ganz besonders Miststückhaftes zu tun.

Zitat
Und am Schluss wird leider auch nicht klar, ob Mimi den Titel nun "gewonnen" hat oder ob sie ihn vielleicht gar nicht mehr will, weil sie einen kleinen Blick auf die Realität geworfen hat.
Meine Vorstellung ist, dass sie den Titel nicht bekommt. Ausgangspunkt für diese Geschichte war für mich das antike David-gegen-Goliath-Motiv. Der Lehrer scheint den Miststücken zunächst unterlegen, ein leichtes Opfer. Aber am Ende besiegt er sie.
Aber für mich ist es nicht wichtig, ob der Leser diese Mechanik nachvollzieht. Ich habe da keine Mission. Mir kommt es darauf an, dass der Leser [bold]irgendwas [/bold]aus der Geschichte zieht. Und wenn es nur ein bisschen Unterhaltung ist.

Zitat
Übrigens glaube ich, dass sie mit dem Namen Mimi ("Mimimimi") nicht die geringste Chance hat.
„Mimi“ ist mein Standard-KG-Protagonistinnen-Name. XD Dass er hier nicht so gut passt, ist mir daher gar nicht aufgefallen. Aber das kann ich ja ändern.

Zitat
Woher kommt die Vorstellung eines finsteren Kellers? Wurde Philipp nicht im Wald gefunden? Das Bild reißt mich ziemlich raus, und ich würde eher an Ratten und Spinnen denken, nicht an Würmer.
Huch - in meiner Vorstellung wurde er entführt, in einem Keller gefangen gehalten und dann in einem Waldstück abgelegt. Hm … Ich denke mal darüber nach, wie ich das entweder klarer machen oder ändern kann.

lg
nus

Offline nus

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #5 am: 23 January 2023, 13:33:32 »
Hier noch der Linoldruck (aus einem Stück Schul-Fußboden  ;D), den ich dazu gemacht habe.

Offline Uli

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #6 am: 28 January 2023, 19:54:01 »
ay nus,

ich habe diese Geschichte immer wieder gelesen … und (grob gesagt): Ich kann damit wenig anfangen. Sorry. Es ist gut geschrieben, liest sich flüssig, soweit alles gut - aber offenbar ist das alles gar nicht meine Welt.
Wobei: Eben deshalb habe ich es mehrfach gelesen. Weil ich einerseits nicht verstehe, was die Geschichte soll, andererseits durchaus erkenne, dass da was ist, was nicht belanglos sein sollte.
Insofern: Ja, ein Erfolg.
Weil, du schaffst es, bei jemandem, der im Reflex sagen muss ˋHÄ?´, Interesse zu wecken …

Interesse an der Frage: Warum schreibt eine offensichtlich fähige Autorin … sowas. Was ist der Punkt, der über das offensichtliche (prä-coming of age?) hinausgeht? Ok, ein wenig Würze durch den Mord an dem Mitschüler, ja, aber offenbar dringt das ja nicht durch - weder bei der Protagonistin oder sonstwem. Und eben auch nicht bei mir, und genau das … beschäftigt mich.


Irgendwo da drin ist etwas, was ich nicht verstehe - aber vielleicht verstehen sollte.
Hmm.

Ich hoffe, dass dieses Zeugnis von Verwirrung dir irgendwie hilft. Sonst ignoriere es einfach.

(PS: Der Linoldruck ist … stark. Und ich erkenne den Zusammenhang nicht … same play?)

Offline nus

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #7 am: 02 February 2023, 10:55:44 »
Lieber Uli!
Jemanden zu verwirren, das ist doch schon mal was! :D
Erst einmal vielen Dank fürs Lesen und für die Rückmeldung.
Die Geschichte „soll“ gar nichts.  Will sagen: Es geht mir nicht um eine Message. OK, ich habe mir beim Schreiben einiges gedacht und auch in die Geschichte „reingepackt“ - angefangen beim klassischen David-gegen-Goliath-Motiv (darum auch der Linolschnitt, der einer Darstellung dieses Motivs auf einer antiken griechischen Vase nachempfunden ist) über das dringende Bedürfnis nach Anerkennung bis hin zum trügerischen Gefühl der eigenen Stärke, das sich dann ins Gegenteil verkehrt. Und noch einiges mehr.
Aber für mich sind meine Geschichten inzwischen so etwas wie Theo Jansens Strandbeests. Vielleicht kennst Du diesen Künstler - ich beziehe mich immer wieder gerne auf ihn. Er konstruiert und baut riesengroße Wesen aus Plastikrohren, die sich angetrieben vom Wind quasi eigenständig bewegen. Wenn er sie am Strand sich selbst überlässt, ist das ein In-die-Welt-Hinausschicken (ich vergleiche das auch gern mit dem Kinder-„Aufziehen“). Ich finde das sehr berührend, wie die großen Biester manchmal ganz heroisch unter strahlend blauem Himmel dahinmarschieren und dann wieder im Regen und ohne Wind ganz traurig dastehen. Manche laufen auch ins Meer und ertrinken.  :'(
So ist das auch mit meinen Geschichten. Ich schicke sie in die Welt hinaus, und manchmal treffen sie auf einen Leser, bei dem sie etwas bewirken, einen Leser, der darin etwas für sich entdeckt. Manchmal treffen sie aber auch auf einen Leser, der nichts mit ihnen anfangen kann. Aber sie sind nicht mit einer Message ausgestattet (um nicht zu sagen: Sie tragen nicht die Last einer Message.). Dann wären sie ja nur ein Vehikel, das diese Message transportiert. Das ist nicht mein Ansatz (übrigens auch nicht bei der Erziehung meiner Kinder :D). Darum frage ich auch nicht (mehr), ob eine Geschichte „funktioniert“. Meine Geschichten müssen nicht funktionieren. Sie sind ja keine technischen Geräte. Sie sind eher wie Strandbeests oder … wie Kinder.
lg
nus
« Letzte Änderung: 02 February 2023, 11:57:37 von nus »

Offline Quisille

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Re: (KG) Wandertag
« Antwort #8 am: 03 February 2023, 09:53:01 »
Hallo nus!

Ein paar lose Gedanken zur Geschichte:

Ich fühle mich an die siebziger Jahre erinnert, was für sich genommen schon mal sehr nett ist. Ich mochte die Siebziger. (Bis auf die Mode und das Design, die waren grottig.) Die damals sehr viel präsentere Angst vor dem Bösen Mann, die Anspielung auf Kästner mit der spiegelnden Lehrerglatze (aus Pünktchen und Anton, wenn ich mich recht erinnere), die Wandertagatmosphäre, die völlig irrationale Sorge der Lehrer. (Welcher Pädophile, der einigermaßen auf Effizienz bedacht ist, legt sich mitten im Wald auf die Lauer in der vagen Hoffnung, dass da irgendwann Kinder vorbeikommen?)

Auch der Titel "Verdammtes Miststück" passt irgendwie in die Zeit. Provozieren ja, denn wir sind progressiv, aber nicht zu viel, denn die Eltern sind altgediente 68iger, und die achten schon sehr darauf, dass der Protest nicht stört und genau der richtige ist.

Nichtsdestotrotz sind genug Anklänge an die Jetztzeit vorhanden, um die Sache von einer bloßen Nostalgie zu einem modernen Text machen. Die vermeintliche Bedrohungslage wird parodiert und dekonstruiert. Der Gruppenzwang der Clique ist heute nach wie vor Thema: Wenn auch die Schlachtfelder sich von Mutproben eher auf Klamotten und Accesoires verlagert haben mögen, der Krieg ist nach wie vor derselbe.

An einer Stelle gibt es nach meinem Empfinden einen Bruch:

Zitat
Wieder ein Geräusch, weiter entfernt. Da ist etwas. Jemand, schießt es Mimi durch den Kopf. Ein Mensch. Ein Mann.

Mimi erstarrt. Ihr Herz schlägt so heftig, dass sie kaum Luft bekommt. Jetzt kann sie Schritte ausmachen, die näher kommen. Nein, sie entfernen sich. Nein. Die Schritte umkreisen sie. Sie sind hinter ihr. Ihr Körper spannt sich, und sie spürt überdeutlich den Druck der Rucksackträger, als ob sich Hände auf ihre Schultern gelegt hätten. Sie will die Hände abschütteln, aber sie kann sich nicht bewegen. Der Mann ist hinter ihr und wartet. Worauf? Will er ihre Angst auskosten, bevor ... War es so, als er Philipp S. entführt hat? Wo hat er ihn hingebracht? Was hat er mit ihm gemacht?

Vor Mimis Augen wird es dunkel. Ein Keller. Feuchter, modriger Geruch. Ein schmaler Lichtschacht, durch den fahle Dämmerung auf den Betonboden sickert. Eine schwere Tür, die sich öffnet, eine massige Gestalt: der Mann. Sein Gesicht ist eine dunkle Masse.

Das Grauen kriecht in Mimis Mund. Würmer, die sich winden, sie spürt die schleimigen Leiber auf ihrer Zunge, in ihrem Hals und muss würgen. Der Waldboden unter ihren Füßen dreht sich, hebt sich ihr entgegen, sie fällt nach vorn, auf Hände und Knie. Heftiger Schmerz pocht in ihrem Kopf. Sie meint zu ersticken. Die Würmer ausspucken. Atmen. Ein. Aus.

Der Übergang vom Reflektieren auf eine wie real durchlebte Angstphantasie ist mir zu stark, ich nehme sie der Figur nicht ab. Am Ende wird sie sogar halb ohnmächtig. Das reißt mich raus, so theatralisch ist der Text an keiner anderen Stelle. Die Angst an sich ist richtig und wichtig, nur die Art, wie sie sich äußert, scheint leicht überzogen. In dieser Situation vor Angst ohnmächtig zu werden, ist dem Überleben nicht förderlich. Zu erstarren und sich hinzuhocken allerdings schon. Ab dieser Stelle ist der Text wieder zu alter Form aufgelaufen.

Kurzum, ein insgesamt stimmiger Text, atmosphärisch dicht, auf den ich mich gerne eingelassen habe.

Liebe Grüße
Q.
  • Ich schreibe gerade: Schandgreif (Band 1, Überarbeitung)