Autor Thema: Ein besonderer Tag  (Gelesen 61 mal)

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Offline Zitatus

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Ein besonderer Tag
« am: 05 April 2018, 07:48:37 »
Ohne lange Vorrede werfe ich mal eine KG im altgewohnten Zitatus-Style auf den Grill.

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Ein besonderer Tag
Die Nacht ging und ließ mich auf der Matratze zurück. Mein Wecker projizierte die sekundengenaue Uhrzeit an die Zimmerdecke und präsentierte darunter auch noch gleich das Datum. Das war nicht ungewöhnlich.
Ungewöhnlich hingegen war die Tatsache, dass dazu ein paar vermeintlich lustige Bildchen, animiert und bunt, angezeigt wurden. Konfetti, ein geringelter Papphut und Luftschlangen. Die grellen Farben reizten unangenehm meine Netzhäute. Ich schloss die Lider und verfluchte mich selbst. Warum hatte ich das Gerät nur mit dem Net verbunden?
Grob schlug ich auf die hochempfindliche Sensortaste. Mit eine quäkenden Midi-Version von einem Stevie Wonder Song wollte ich nicht wach gemacht werden. Dann schwang ich bemüht motiviert die Beine aus dem Bett, schlurfte ins Bad und starrte mit blutunterlaufenen Augen in den Spiegel. Es brauchte einen Moment, bis ich kapierte, warum ich mich nicht sehen konnte. „Einschalten“, knurrte ich. Das Display erwachte zum Leben, zeigte mein müdes Antlitz. Daneben erschienen die aktuellen Nachrichten in Wort und Bild, die Wetterprognose und ein automatisch erstelltes Video mit einer Torte voller Kerzen und einer kleinen Auswahl Profilfotos meiner Socialmedia Kontakte. Dazu dudelte ein Kinderlied. „Wie schön, dass du geboren bist. Wir hätten dich sonst sehr vermisst.“ Ich beschloss, den Spiegel abzuschalten.
Nach der Katzenwäsche und einem Kaffee aus meinem betont gutgelaunten Coffee-O-Mate wagte ich es, mein Smartphone in die Hand zu nehmen. Mutig rief ich meine Mails ab. So früh am Morgen konnte ja noch nicht so viel ...
Die zwanzig russischen Spams löschte ich reflexartig. Die polnischen Gewinnbenachrichtigungen wanderten gleich auch ins Datennirvana. Das Erbe, dass die südafrikanische Bank seit zehn Jahren wie Sauerbier an den Mann bringen wollte, ließ meine Mundwinkel kurz zucken. Natürlich wanderte diese Mail auch wieder in den virtuellen Mülleimer.
Danach blieb tatsächlich nur noch wenig Post. Mein Telefonanbieter gratulierte zu meinem Ehrentag. In der Filiale sei ein Geschenk für mich hinterlegt worden. Vermutlich etwas im Wert eines Gratiskugelschreibers, dass ich im Austausch für ein längeres Beratungsgespräch bekommen würde. Irgendwie kann man ja jeden Tarif noch aufstocken.
Ein Geburtstagsgewinnspiel, nur für mich, wollte mich ins Web locken. Teilnahme umsonst. In jeglicher Hinsicht. Da war ich mir sicher.
Außerdem war da natürlich noch die obligatorische Punktesammelaktion. Gratissammelpunkte wenn ich dieses und jenes tun würde. Außerdem gäbe es bei den entsprechenden Handelspartnern satte Rabatte. Ob ich das Gesparte auch in bar haben könnte?
Der Frust, der sich langsam in mir aufstaute, veranlasste mich dazu, das Phone auszuschalten.
„Aleksiry“, sagte ich in die Leere meines Kühlschranks, „kaufe Milch, laktosefrei. Zwei Mal Käse, Gauda, mittelalt. Toast, glutenfrei.“
„Eine Prime-Drohne ist sofort verfügbar.“ Säuselte die Frauenstimme? „Möchtest du die Bestellung gleich in optionales Geschenkpapier geliefert bekommen?“
„Fuck.“
„Ich habe dich nicht verstanden.“
„Nein.“
 Ich zog meine Jacke an und ging zur Garage. Der Navigator erwachte zum Leben und zeigte mir ein Katzenvideo. Natürlich sangen die Viecher. Das war also der Grund, warum das letzte Update über eine Stunde gedauert hatte.
Die Fahrt zur Arbeit blieb weitestgehend ereignislos. Abgesehen davon, dass mir der städtische Großrechner eine verkehrsarme Sonderfahrspur zuwies. Das hob tatsächlich leicht meine Stimmung. Ich beschloss, dass der Tag doch irgendwie besonders ist. Mein Ehrentag. Wann wird man schon mit Konfetti geweckt? Irgendwie war das Ganze doch eine Einstellungssache.
Wohlgemut stellte ich meinen Sharecar auf den nur für mich reservierten Parkplatz. Ich durfte heute tatsächlich direkt neben der Limo meines Chefs parken! Dann schritt ich zum Fahrstuhl, ließ mich zu meinem Büro befördern.
„Happy Birthday“, sang ein unaufdringlicher Chor aus unsichtbaren Boxen, nachdem mich der Netzhautscan identifiziert hatte. Ja. Heute drehte sich alles nur um mich!  Schon saß ich an meinem Schreibtisch und ...
... schaute erwartungsvoll in die Augen meines Kollegen, der am Arbeitsplatz nebenan arbeitete.
Er erwiderte ungerührt meinen Blick, zog ahnungslos eine Augenbraue hoch. „Is‘ was?“
  • Ich schreibe gerade: Der Letzte macht dein Licht aus / Daimonia

Offline Uli

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Re: Ein besonderer Tag
« Antwort #1 am: 09 April 2018, 13:28:35 »
ay Zitatus,

da ist wenig dran zu rösten ... ich mache es einfach trotzdem.

Erzählerisch gut, eine hübsche Szenerie, die nicht zu heftig dieses ganze IT-Zeug überzeichnet und daher sowohl den humoristischen Anspruch als auch den Wahrscheinlichkeits-Beiwert erfüllt.
Man kann sich gut vorstellen, dass das alles in Bälde genau so stattfindet.
Und die Pointe ˋsitzt´ auch: In dieser Szenerie, in der Zahnbürste und Klorollenhalter zum Geburtstag gratulieren, fehlt das Menschliche. Die verbliebenen echten Kontakte haben einen Anlass nicht mehr auf dem Schirm. OK.

Nur: An dieser Stelle wird das leider auch unrealistisch.
Denn in einer solchen, von KI gesteuerten Welt würde ˋdie Maschine ´ doch sicher auch von sozialen und geschäftlichen Kontakten wissen - und die Kollegen auf anstehende Geburtstage aufmerksam machen.
(wenn ich mich recht entsinne, mache das Gesichterbuch doch jetzt schon)

Da müsstest du m.E. ein wenig weiter springen:
Der Kollege könnte seine Alexsiri (wunderhübsch übrigens, das Wort) beauftragt haben, automatisch per Mail (oder so) zu gratulieren, der Prota bekommt also von genau dem einen Glückwunsch - nur, der weiß nichts davon, weil das eben die KI für ihn übernimmt.

Damit würde die Pointe zwar ein klein wenig komplexer (also weniger ˋleuchtend´), aber zugleich wahrscheinlicher. Finde ich ...

cheers, Uli