Autor Thema: Am Weg der Fremde  (Gelesen 218 mal)

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Online Lilith

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Am Weg der Fremde
« am: 04 Februar 2018, 22:52:27 »
Hallo Teufel,

dieser Text ist eine Überarbeitung von einem Stück, das ich vor ca. einem Jahr geschrieben habe, um ein paar Worte einzufangen und aus meinem Kopf aufs Papier zu kriegen. :schreib:
Da es mein erster kurzer Text seit langer, langer Zeit ist, will ich natürlich wissen, was andere dazu sagen. :cheese:



Vielleicht ist es das Leben: an den Menschen vorüberzugehen, ohne Bezug, das Kind auf der Schaukel sehen, weiter hinten die Eltern auf einer Bank, froh, endlich etwas Zeit für sich gefunden zu haben. Zu der Rechten ein Mann – neben ihm eine Babypuppe. Auf ihrem Kopf verläuft ein roter Streifen, als habe ihr jemand den Schädel eingeschlagen.
Zusammenhangslos, die Bilder, sie stürzen ein. Am Ende bleibt nicht viel: zwei Frauen, zwei Männer, das Kind; die Puppe. Da hört das Ohr nur der Stimme zu, die in ihm singt: I can hear you, und wie Atem hindurchzieht, going through my head.
Hinter den Rücken spricht es sich leichter. Weiter führt nur der Weg. Vorwärts, vorwärts und selbst im Innehalten noch die Eindrücke sammeln. Der Kies unter den Sohlen, der knirscht, das Gras auf der Wiese, grün und frisch, die Sonne über dem Kopf, die wärmt und die Frage weckt: Hätte man sich nicht lieber leichter angezogen? Es besser machen, das können sie immer. Die anderen, hinter denen das Ich zurückbleibt, die ein Loch in es reißen, sobald sie zurückbleiben.
Hinter den Blicken bricht es sich leichter. Ein Gespräch, darin ein Gedanke, und die Gefühle zerstreuen sich in alle Richtungen. Nur einem folgen, dann einem anderen, von hier nach dort rennen, stehen bleiben, umsehen, wo geht es weiter? Dann geht der Weg sich von allein. Dann singt ein Vogel in den Bäumen und man könnte meinen, da freut sich einer des Lebens und läuft nicht nur die Folgen ab, die es nach sich zieht. Dann bleibt da nur ein Kind, Junge oder Mädchen, einerlei, und ein Elternpaar oder auch nicht, die sich alle mehr erhofften, als sie am Ende bekamen, und wo doch nichts so war wie sie es wollten und einen Schmerz hinterließ, den Junge und Mädchen in den Jahren später zu heilen versuchen.
Ein Schmerz darf nie ein Schmerz sein. Freuen müsst ihr euch und singen wie die Vögel! Wie all die anderen Menschen, die mit lächelndem Mund eine Straße passieren oder eine Bank heimsuchen und den Eindruck erwecken, es kümmere sie nicht, und bei ihnen, ja, da liefe alles besser. Wenn hinter Grashalmen ein Glashals voller Zacken blitzt und die Hand sich zielsicher darum schließt, dann greift die Verlorenheit um sich, als wäre das Glück nicht mal in Momenten zu Hause.
Sich in die Verlorenheit fallen zu lassen, das hieße ja, den Weg nicht mehr zu finden. Die Pfade der anderen nur zu kreuzen, weil dahinter die Erkenntnis weilt, dass sie alle auf der Suche sind – Mann, Frau, Kind; Mann. Die Puppe, auf deren lichtem Kopf die Sonne scheint, die weint, dass es nicht immer eine Heilung gibt, dass manches verloren geht und das für immer – die schnellen Wechsel, heute hier, morgen dort, der Geist bleibt in Bewegung und wenn er sich mit Neuem gefüttert hat, dann ist er bereit, das schnell zu verwerten und zu verwerfen und nur ein Minimum zu behalten, die schnellen Wechsel sollten ablenken können von dieser Angst, dass am Ende alles verloren geht. Gewöhn dich dran!
Du Gierschlund kriegst den Hals nicht voll, bist leer wie die Flasche unter deinen Fingern und scharf wie die Spitzen, die am anderen Ende niederrasen auf einen Schädel, den viel zu lange niemand eingeschlagen hat. Ein Loch reißen in einen Mann, der sich auf einer Bank mit einer Puppe vergnügte, bis Frau und Mann und Kind aufschrecken, Vogelgesang sich mischt mit Stimmen voll irren Geschreis von nirgendwo und überall her. In weichen Ritzen glänzt das Blut nicht anders als unter Flaschenglas.
Im Keuchen wird der Atem eins mit einem Lied, das am Ohr verklingt: So that was that.
Das Innehalten findet nur am Ende statt. Vielleicht ist es das Leben, wenn man das Ziel nicht erreichen kann, bevor es abbricht.



Fragen:
1) Ein Thema des Textes ist Bezugslosigkeit, keinen Bezug finden zu können, trotzdem fokussiert der Text auf einen Ausschnitt. Sind die wichtigsten Punkte (oder auch: Assoziationen) deutlich?
2) Das Lied, das im Text spielt, ist The Big Sleep von Velcra. Funktioniert das für euch oder stört es im Zusammenhang?
3) Wie wirkt der Text auf euch?

Danke schon mal fürs Lesen/Rösten, :blume:

liebe Grüße,
Lilith
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"Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller."
- Bodo Kirchhoff

Offline Xaranis

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #1 am: 05 Februar 2018, 08:51:42 »
Hallo Lilith,

Um gleich zu deinen Fragen zu kommen:
Ich bin nicht sicher, ob ich dem Text folgen kann.  Also kann ich nicht garantieren, ob ich alles so verstanden habe,  wie von dir beabsichtigt. 
Beim ersten Lesen hatte ich den Eindruck, es geht im Text um die Anonymität des Lebens.  Die Erwähnung der Puppe,  die aussieht, als hätte man ihr den Schädel eingeschlagen passte nicht in das Bild und weckte meine Aufmerksamkeit.  Dann aber wieder sofort der Wechsel in Belanglosigkeiten und Gedanken über das Leben.  Also geht es doch um Anonymität, denk ich mir.  Die Puppe ist ein unglücklich gewähltes Bild,  nichts weiter. 
Niemand schert sich, ist mit sich selbst beschäftigt, lästert und meint, er könne es besser.  Wer kennt das nicht?  Und der Blick von außen auf andere, denen es ja so viel besser geht.  Man muss doch bloss all die glücklichen Menschen auf Facebook betrachten.
Einige Parts zwischendrin verstehe ich nicht.  Mehr dazu später.  Jedenfalls plötzlich die Wendung.  Es wird wirklich ein Schädel eingeschlagen.  Ich habe keine Ahnung, warum.  Wenn es hier um Anonymität geht, warum dann der Mord?  Wenn es um den Mord geht - warum dann die ellenlange Passage über Anonymität? Und warum sollte ich jemanden töten,  zu dem ich - wie der Text mich glauben lässt - keinen Bezug habe?  Das alles verwirrt mich.  Und will sich nicht recht zusammenfügen. Es vermittelt mir den Eindruck einer völlig willkürlichen Spontanhandlung.  Aus purer Langeweile. Ich gehe spazieren,  sehe plötzlich den abgebrochenen Flaschenhals und denk mir: so ein eingeschlagenen Schädel wär jetzt ganz nett.  Nach dem spaziergeh-flair, bei dem Kieselstein für Kieselstein sehr bewusst gelebt wird und nur noch ein Wanderrucksack fehlt (was hat das nun wiederum mit Anonymität oder dem Mord zu tun?) muss ich mich unwillkürlich fragen,  ob er/sie unter einer Persönlichkeitsstörung leidet. 
Beim zweiten Lesen sah ich neben der Puppe (glaub ich)  einen weiteren Hinweis,  dass er/sie offenbar ein Problem mit einem Mann und einer Frau und dem Kind hat. Ohne dass ich es wirklich greifen könnte - und nur weil ich jetzt das Ende kenne. Auch beim zweiten lesen deutet für mich nichts darauf hin, dass sich hier die Tat abzeichnet und langsam aufbaut. Der Text vermittelt etwas anderes.  Die Vereinsamung der Menschen und ihre Unzufriedenheit, ohne aber die Stimmung konsequent beizubehalten.  Ich bekomme keinen Einblick in die Emotionen und die Motivationen,  die Aufschluss geben könnten über die Tat, die für mich damit schlichtweg nicht reinpasst. 

Dass im Text ein Lied verbaut sein soll,  ist mir nicht aufgefallen.

Ich kritzel dir nachher noch in den Text, welche Passagen ich nicht verstand oder unglücklich fand.  Ich hoffe, es wird dann klarer,  was ich meine.

Bis später. 

  • Ich schreibe gerade: an meinem historischen Roman

Offline Xaranis

  • Röstknecht
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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #2 am: 05 Februar 2018, 12:08:05 »

Zitat
Vielleicht ist es das Leben: an den Menschen vorüberzugehen, ohne Bezug, das Kind auf der Schaukel sehen, weiter hinten die Eltern auf einer Bank, froh, endlich etwas Zeit für sich gefunden zu haben. Zu der Rechten ein Mann –

"Das Kind", "die Eltern" - Für den Betrachter der Szene eindeutig Fremde.
Umso mehr verwundert mich später die Wendung der Ereignisse, die etwas „Persönliches“ ausdrücken und mir suggerieren, dass es durchaus eine Geschichte gibt, die den Erzähler mit "den Eltern" und "dem Kind" verbinden muss. Außer, der Erzähler ist vollkommen durchgeknallt.

Zitat
neben ihm eine Babypuppe. Auf ihrem Kopf verläuft ein roter Streifen, als habe ihr jemand den Schädel eingeschlagen.

Das passte dann für mich nicht in den Zusammenhang, in das friedliche Bild einer Familie an einem Spielplatz. Ich war verwirrt, wartete in den nächsten Zeilen auf eine Erklärung für diese Wendung. Die kam aber nicht.

Zitat
Zusammenhangslos, die Bilder, sie stürzen ein.

Was ist zusammenhangslos? Der Vergleich des Spielplatz-Idylls mit der Puppe mit dem eingeschlagenen Schädel?
Bilder "stürzen ein"? Wie soll ich mir das vorstellen?

Zitat
Am Ende bleibt nicht viel: zwei Frauen, zwei Männer, das Kind; die Puppe.

Was "bleibt" ist mehr, als am Anfang da war. Plötzlich sind da ZWEI Frauen und ZWEI Männer. Und das Kind als Verbindungspunkt?? Und die Puppe - welche Funktion auch immer sie hier einnimmt.
Ist mir übrigens erst beim zweiten Mal bewusst aufgefallen. Beim ersten Lesen war ich mit der Stelle ein wenig überfordert.

Zitat
Da hört das Ohr nur der Stimme zu, die in ihm singt: I can hear you, und wie Atem hindurchzieht, going through my head.

Das hab ich absolut nicht kapiert.

Zitat
Hinter den Rücken spricht es sich leichter.

Meinst du hinter DEM Rücken?

Zitat
Weiter führt nur der Weg. Vorwärts, vorwärts

Was willst du mir damit mitteilen? Bin mir nicht sicher. Alltagshektik?

Zitat
und selbst im Innehalten noch die Eindrücke sammeln. Der Kies unter den Sohlen, der knirscht, das Gras auf der Wiese, grün und frisch, die Sonne über dem Kopf, die wärmt und die Frage weckt: Hätte man sich nicht lieber leichter angezogen?

Aber wenn Hektik: Wie passt DAS dann dazu? Das ist das genaue Gegenteil. In der Hektik ist kein Platz, um Eindrücke wahrzunehmen. Schon gar nicht in dieser Intensität.

Zitat
Es besser machen, das können sie immer.

Und hier geht es jetzt komplett um ein anderes Thema.
Es ist mir ein Rätsel, was du mir eigentlich mitteilen willst.

Zitat
Die anderen, hinter denen das Ich zurückbleibt, die ein Loch in es reißen, sobald sie zurückbleiben.

Das "Ich", das zurück bleibt? Löcher, die in ein "Ich" gerissen werden? Verstehe ich ehrlich gesagt nicht so recht.
Ebenso wenig das hier:
Zitat
Hinter den Blicken bricht es sich leichter.

Was heißt das? Auch der ganze Part, der sich daran anschließt, ist mir ehrlich gesagt ein einziges Rätsel.
Zitat
Ein Gespräch, darin ein Gedanke, und die Gefühle zerstreuen sich in alle Richtungen. Nur einem folgen, dann einem anderen, von hier nach dort rennen, stehen bleiben, umsehen, wo geht es weiter? Dann geht der Weg sich von allein. Dann singt ein Vogel in den Bäumen und man könnte meinen, da freut sich einer des Lebens und läuft nicht nur die Folgen ab, die es nach sich zieht.

Ich verstehe einfach nicht, was du versuchst, mir mitzuteilen.
Dann malst du ein dunkleres Szenario. Der Vogel, der die Tragik ignoriert, die das Leben bieten kann. Welche "Folgen" - das bleibt völlig im Dunkeln. Ein allgemeiner Platzhalter. Ich kann mir nicht vorstellen, worauf du konkret anspielst. Aber du leitest jetzt wieder zu der Familie um. Du willst mir etwas unbedingt vermitteln, weigerst dich aber beharrlich, mir klarzumachen, WAS. Ich weiß einfach nicht, was es mit dieser Familie auf sich hat.

Zitat
Dann bleibt da nur ein Kind, Junge oder Mädchen, einerlei, und ein Elternpaar oder auch nicht, die sich alle mehr erhofften, als sie am Ende bekamen, und wo doch nichts so war wie sie es wollten und einen Schmerz hinterließ, den Junge und Mädchen in den Jahren später zu heilen versuchen.

Wieso soll dann nur noch ein Kind bleiben? Was ist mit den Eltern?
Und von welchem Schmerz ist hier die Rede? Das ist alles so verdammt abstrakt.

Zitat
Ein Schmerz darf nie ein Schmerz sein.

Wieso denn nicht?

Zitat
Freuen müsst ihr euch und singen wie die Vögel! Wie all die anderen Menschen, die mit lächelndem Mund eine Straße passieren oder eine Bank heimsuchen

heimsuchen? Ehrlich?

Zitat
und den Eindruck erwecken, es kümmere sie nicht, und bei ihnen, ja, da liefe alles besser.

Die VÖGEL erwecken den Eindruck, bei ihnen liefe alles besser?

Zitat
Wenn hinter Grashalmen ein Glashals voller Zacken blitzt und die Hand sich zielsicher darum schließt, dann greift die Verlorenheit um sich, als wäre das Glück nicht mal in Momenten zu Hause.

Sehr übergangslos, das mit der Flasche.
Und "Verlorenheit greift um sich"? "Als wäre das Glück nicht mal in Momenten zu Hause?" Was soll mir das sagen? Was hat das alles mit der Flasche zu tun? Oder mit den Eltern? Dem Kind? Der Puppe? Den Vögeln???

Zitat
Sich in die Verlorenheit fallen zu lassen, das hieße ja, den Weg nicht mehr zu finden. Die Pfade der anderen nur zu kreuzen, weil dahinter die Erkenntnis weilt, dass sie alle auf der Suche sind – Mann, Frau, Kind; Mann. Die Puppe, auf deren lichtem Kopf die Sonne scheint, die weint, dass es nicht immer eine Heilung gibt, dass manches verloren geht und das für immer –

Hier sind sie wieder. Mann, Frau, Kind, Puppe. Was hat es mit denen auf sich? Ich bin noch immer kein Stück weiter. Und Heilung? Heilung wofür? Ist jemand krank?
Die Fragen werden immer mehr. Antworten finde ich keine...

Zitat
die schnellen Wechsel, heute hier, morgen dort, der Geist bleibt in Bewegung und wenn er sich mit Neuem gefüttert hat, dann ist er bereit, das schnell zu verwerten und zu verwerfen und nur ein Minimum zu behalten,

Hier wieder die der Bezug auf die Hektik des Alltags?

Zitat
die schnellen Wechsel sollten ablenken können von dieser Angst, dass am Ende alles verloren geht. Gewöhn dich dran!

Inwiefern soll "alles verloren gehen?" Was ist denn "alles"?

Zitat
Du Gierschlund kriegst den Hals nicht voll, bist leer wie die Flasche unter deinen Fingern

Von wem ist jetzt die Rede?

Zitat
und scharf wie die Spitzen, die am anderen Ende niederrasen auf einen Schädel, den viel zu lange niemand eingeschlagen hat.

Der Mann ist "scharf" wie der gebrochene Flaschenhals?

Zitat
Ein Loch reißen

"reißen" wenn man in Wahrheit mit einem Flaschenhals zusticht? Passt nicht.

Zitat
in einen Mann, der sich auf einer Bank mit einer Puppe vergnügte,

Bitte was? Ist das DIE Puppe, von der ich denke, dass es sie ist? Wie kann man sich damit "vergnügen"? Da dürfte das Kind etwas dagegen haben.

Zitat
bis Frau und Mann und Kind aufschrecken

wird dem "Mann" nicht gerade der Schädel eingeschlagen? Oder hab ich was verpasst? Ist das ein anderer Mann? Der auch auf der Bank sitzt? Bislang wurden nur "der Mann", "die Frau", "das Kind" und "die Puppe" erwähnt.
Abgesehen von ganz oben mal. Dort, wo "alles, was blieb" plötzlich eine magische Dopplung von Mann und Frau war.
Sind "Mann", "Frau" und "Kind" am Ende doch nur unbeteiligte Zuschauer? Aber warum pochst du dann so ewig auf ihnen herum? Und warum hast du den Mann, dem der Schädel eingeschlagen wird, nicht vorher erwähnt? Und das mit der Puppe, mit man sich "vergnügt" hat, kapier ich ehrlich gesagt auch nicht.
Mir ist das alles ein großes Rätsel. Immer noch. Und ich habe den Text jetzt schon viermal gelesen.

Zitat
In weichen Ritzen glänzt das Blut nicht anders als unter Flaschenglas.

Welche weichen Ritzen?

Zitat
Im Keuchen wird der Atem eins mit einem Lied, das am Ohr verklingt: So that was that.

Ja. That was that. Jetzt wischen wir schnell noch die Sauerei auf und dann gehn wir ne Pizza essen.

Zitat
Das Innehalten findet nur am Ende statt.

Was meinst du mit "Innehalten"?

Zitat
Vielleicht ist es das Leben, wenn man das Ziel nicht erreichen kann, bevor es abbricht.

Ist das Ziel des Lebens denn, einen gewaltsamen Tod zu sterben??

Hmm. Seltsam, seltsam, das alles.
Vielleicht magst du mich mal aufklären.
Das ist es jedenfalls, was bei mir rüber kam. Und je öfter ich drüber lese, umso weniger versteh ich.  :weissnicht:


  • Ich schreibe gerade: an meinem historischen Roman

Offline Uli

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #3 am: 05 Februar 2018, 21:17:52 »
ay Lillith,

mir geht es mal wieder so ... wie so oft bei deinen Texten:
Es macht etwas, ich lese weiter, bin gefangen und verstehe nicht.

Zunächst der Eindruck ˋTextwüste ´, dann aber das Gefühl, dass eben das passt, richtig ist - Gedankenwüste, ohne Struktur, Eindrücke und ... nichts bleibt. Irgendetwas scheint zu eskalieren, aber auch das bleibt im Ungefähren - nicht wichtig?
Auf ˋBezugslosigkeit ´ wäre ich nicht gekommen, aber ... ja.
Wenn ich nur mit dem Wort, mit dem, was es sagt, mehr anfangen könnte ...

Das Lied ist an mir vorbeigeschwommen, ohne dass ich es gehört hätte. Sorry.
Mag daran liegen, dass ich es nicht kenne, demnach nicht erkenne. (Keinen Bezug dazu habe?).

Was ich als ˋFakten ´ herauslese: Jemand geht spazieren (oder wandelt umher, jedenfalls bewegt sich die Person draußen) und schaut. Bemerkt Details, ab und zu, ohne dass es ein Bild ergibt.
Da ist ein Impuls von ... Mordlust? Von Gewalt, von Rache vielleicht, aber der bleibt ungreifbar, mir wird nicht klar, ob aus der Phantasie Handlung wird ... aber das scheint auch nicht wichtig.

Eine seltsame Sache: Bevor ich mich entscheiden kann, ob ich dem Text folge, stecke ich mittendrin - und kenne mich genau gar nicht aus.
(November hat ganz ähnlich gewirkt, aber hier bin ich mehr verwirrt)

Was als Hinweis dienen mag, ist die Puppe - die vielleicht Erinnerung an Gewalt weckt? Jedenfalls scheint es da einen Impuls zu geben, der ... vielleicht gar keine Grundlage hat?

herrje ...
sorry, aber ich fürchte, mehr als lesen kann ich das nicht.

cheers, Uli

Offline eska

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #4 am: 06 Februar 2018, 00:09:38 »
Liebe Lilith;

um es mal so zu sagen: Dies ist kein gerader Text, der den Leser einlädt, ihm zu folgen mit einer oder zwei zu Beginn noch uneinsehbaren Wendungen.
Von Anfang an ist er verschlungen und vielleicht verschlüsselt und hier und da blitzt ein Anhaltspunkt auf wie die Pfosten neben der eingeschneiten Straße.
Du machst es einem also nicht leicht, und damit stellt sich mir die Frage, was du bewirken willst. Ein langsames Eintauchen in das Erzählerbewusstsein?
Einen verfremdeten Blick auf Altbekanntes, das wir dadurch anders/neu sehen?

Erzählst du eine Geschichte? Die von der Puppe, die gemartert wird? Oder nur im Blick des Betrachters?(So es denn eine Puppe ist (hoffentlich).) Stellvertretend wofür? Die Bank beim Spielplatz als Handlungsort ist unheilverkündend.
Oder eher die Geschichte vom Nebeneinander des Freundlichen und des Unheilvollen, ohne dass es auffällt?
Das würde eher zu dem passen, was du als ein Thema ansagst: Du nennst es Bezugslosigkeit. Eine Form von Unfähigkeit zum Kontakt, zur Kommunikation, auch zum Ganz-vor-Ort-Sein lese ich.
Wer da geht und sieht und bezuglos sich fühlt, bleibt offen bzw. wirkt es wie ein allgemeines Urteil. So ist das Leben. Das Leben aller, im Grunde.

Oder die Erzählerfigur, deren Bewusstseinsstrom wir folgen, ist so in den Hintergrund getreten, dass sie gar nicht mehr aufscheint. Ist sich selbst so unwichtig oder so machtlos, auf irgendetwas einzuwirken?
Es gibt Wahrnehmung(en), ohne Zusammenhang, sagst du. Es gibt Sätze mit verborgener Bedeutung, die einen alarmieren oder den Spürsinn wecken. Sofern es nicht zu viele werden.
Wenn es zu schwierig wird zu folgen, gibt man auf. Was zieht den Leser über die unverständlichen, nur erahnten Passagen hinweg?
Bsp.:
Zitat
Hinter den Rücken spricht es sich leichter. Weiter führt nur der Weg.
Wessen Rücken? Wieso nur? Was führt nicht weiter?
Zitat
Es besser machen, das können sie immer. Die anderen, hinter denen das Ich zurückbleibt, die ein Loch in es reißen, sobald sie zurückbleiben.
Wer sind sie? Wer bleibt wann zurück und warum reißen sie Löcher?
Ist es dieses Ich, das am Ende - als Reaktion? - ein Loch reißt in den Mann mit der Puppe? In der Vorstellung oder konkret?

Wenn ich mich festlegen sollte, würde ich jetzt, nach mehrmaligem Lesen, sagen, du erzählst die Vorgeschichte (konkret die Stunde oder so davor, in aufblitzenden Stückchen auch mögliche Hintergründe) eines Angriffs.
Ein verwirrtes, gequältes (oder sich gequält fühlendes) Erzählerhirn voller Angst vor der Verlorenheit, dem Sich-Selber-Verlorengehen. Ist es ein Angriff auf sich selbst? Das Lied und die letzten beiden Sätze legen mir das nahe, aber sicher verstanden habe ich es nicht.
Und der Titel widerspricht dem wieder.

Das soll dir als mein Eindruck genügen, sowohl wie der Text wirkt, als auch die Assoziationen betreffend. Das Lied: nun, es funktioniert, indem es nicht stört und die Handlung zu untermalen oder sogar zu dirigieren scheint. Besser wäre es wohl, es zu kennen und damit die Teile, die ungehört im Ohr klingen (ich kenne es nicht).

Insgesamt würde ich einem solchen Text wohl eher kopfschüttelnd begegnen, wie einem Rätsel, spannend, herausfordernd, aber bei zu geringem Erfolgserlebnis im Entziffern auch frustrierend. Mir wäre es also lieber, du erzähltest die Geschichte klarer oder es gäbe eine Form von Bezugsrahmen, die es leichter macht.


Zweiter Anlauf:
Habe gerade Xaranis' postings gelesen. Ein paar Dinge sehe/ahne ich doch, die sollte ich dir wohl mitteilen.

Also: Person A, in deren Bewusstsein wir schauen, geht spazieren (auch wenn das keine so lockere Handlung zu sein scheint, wie man mit dem Begriff üblicherweise verbindet). Sie/er sucht nämlich den Weg und hat Schwierigkeiten, sich zwischen vielen verschiedenen Eindrücken zu orientieren.
A sieht auf einer Bank eine Kleinfamilie aus Eltern und einem Kind auf der nahen Schaukel, daneben einen Mann mit Puppe. Deren Schädel weist einen roten Streifen auf, was A als Verletzung bzw. Zerstörung (Schädel eingeschlagen) interpretiert.
Wenn man Puppe statt Kind setzt, sieht A ein gequältes, zerstörtes Kind (das Wort 'vergnügen' später legt Missbrauch nahe), dem Täter ausgeliefert, neben der heilen Familie, die nichts bemerkt oder sich davon nicht stören lässt.
Zwei Frauen: A ist also eine Frau.
Sie ist gehemmt:
Zitat
Hinter den Rücken spricht es sich leichter.
Sie lässt sich schnell verunsichern:
Zitat
Wäre es besser gewesen, sich leichter anzuziehen?

Und vor allem empfindet sie den Vorwurf der anderen, die alles immer besser machen.
Die anderen reißen ein Loch in sie, so schlimm fühlt es sich an. Sie bricht = zerbricht? Dort, wo keiner guckt, also heimliches Leiden.
Das Lied des Vogels = Freude entspricht nicht ihrem Lebensgefühl, nur die Folgen ableben zu müssen, ganz passiv (= erleidend), ohne Gestaltungsmöglichkeiten.

So schon das frühe Erleben: Eltern, die mit den Folgen ihrer Partnerschaft leben mussten, anders als erhofft, von den Kindern getröstet, vergebens zu heilen versucht. Ihre Eltern wohl. Sie das Bindeglied, die fesselnde Beziehungsfolge?
Schmerz muss versteckt bleiben, heimlich. Wieder ein Hinweis auf Unansprechbares, Nicht-Mitteilbares, das einen von den anderen trennt wie hinter Glas, einen sprachlos macht. 'Heimsuchen' verstärkt den Eindruck. Für A ist der Mann auf der Bank ein/ihr Quäler.
Das Lächeln weist den Schmerz und die Schuld dabei ihr zu.
Der Angriff auf ihn ist also ein Befreiungsschlag nach 'viel zu langer' Zeit. Welches Blut in weichen Ritzen sieht sie neben dem unterm Glas?
Die Puppe =A weint, weil Heilung nicht immer möglich ist, alles verloren gehen könnte, die große Angst. Wofür steht alles? Die heile Familienbeziehung daneben?
Die allesumfassende Sehnsucht nach dieser Form von Geborgenheit und Heilsein? Die nie gestillt wurde/wird: 'leer wie die Flasche'. Die die verzweifelte Aktion auslöst: Das zer-störende, sie abtrennende Element auslöschen, damit 'alles' noch eine Chance hat.
Aber der Schlussatz: 
Zitat
Vielleicht ist es das Leben, wenn man das Ziel nicht erreichen kann, bevor es abbricht.
Heißt das: Finde dich ab, du kannst deine Sehnsucht nicht erreichen? Und warum wieder das Verb 'brechen', so gewaltsam?

Immer noch viele ungeklärte Fragen. Und vieles eher Vermutung als klar Gelesenes. Nach häufigem, genauen Lesen. Welcher Leser soll das leisten?
Aber  hoffentlich zeigt dir dieses Sammelsurium von Gedanken zum Text die Punkte auf, die du schärfen musst, damit er sicherer schneidet.

Sei gegrüßt,

eska
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Offline Rilyn

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #5 am: 06 Februar 2018, 01:57:33 »
Hoi Lilith :)

Beim ersten Lesen habe ich mich nur durchtragen lassen von der (unaufdringlichen) Sprache, den Eindrücken, habe nicht innegehalten oder kaum und den Text einfach nur wirken lassen :cheerful: ... und kam mir nicht fähig vor, ihn überhaupt zu rösten.

Hier also Leseeindrücke nach dem ichweißnichtwievielten Lesen. Dabei sind immer noch so viel mehr Zusammenhänge aufgetaucht, mehr Details ins Auge gefallen und mehr zwischen den Zeilen vor meine Füße.

Zitat
Vielleicht ist es das Leben: an den Menschen vorüberzugehen,
Eine Betrachtung, aber ich sehe sie als die eines Erzählers, einen Gedanken, aus dem sich auch gleich eine Szenerie ergibt, ein Bild.
Ansonsten eine etwas traurige Grundstimmung, die sich steigern wird und eine gewisse Einsamkeit vermittelt, ganz leicht.

Zitat
ohne Bezug, das Kind auf der Schaukel sehen, weiter hinten die Eltern auf einer Bank,
Familie ... eine fremde Familie, stellvertretend? Sie fängt so explizit den Blick, kein Zufall; zumindest nicht, dass sie den Gedanken einfängt.

Zitat
froh, endlich etwas Zeit für sich gefunden zu haben.
Eine Mutmaßung, aber eine, die diese anderen, fremden Menschen aneinanderschweißt und die Erzählerin (ich höre eine Frau) ausschließt.

Zitat
Zu der Rechten ein Mann – neben ihm eine Babypuppe.
Das Bild bewirkt, auch, weil es durch den Gedankenstrich abgesetzt ist und ohnehin schon "zusammenhangloser" als die Familie (und durch ein fehlendes zweites Kind), einen gewissen Grusel. Ich war versucht, "leichten Grusel" zu schreiben, aber leicht ist der nicht mehr, die Mutmaßung da, dass hier jemand an etwas ganz Bestimmtes denkt. (Das sich später bestätigt.)

Zitat
Auf ihrem Kopf verläuft ein roter Streifen, als habe ihr jemand den Schädel eingeschlagen.
Und das Gefühl wird verstärkt. Den Schädel eingeschlagen, das Kind "getötet".

Zitat
Zusammenhangslos, die Bilder, sie stürzen ein.
Und das, was gedacht wurde, löst etwas aus, reißt die Erzählerin aus der Szenerie und die in Stücke.

Zitat
Am Ende bleibt nicht viel: zwei Frauen, zwei Männer, das Kind; die Puppe.
Festhalten an dem, was da ist, bezugslos, emotionslos, Fakten.

Zitat
Da hört das Ohr nur der Stimme zu, die in ihm singt: I can hear you, und wie Atem hindurchzieht, going through my head.
Und noch etwas, diesmal näher an sich selbst, zumindest im Versuch ... das Ohr, wie Atem, das lese ich hier nicht einmal als pars pro toto.
Wie Atem hindurchzieht, wie etwas, das am Leben hält, vegetativ, automatisch, nur für den Augenblick bewusst registriert.

Zitat
Hinter den Rücken spricht es sich leichter.
Über die anderen (I can hear you [thinking]) und die anderen hinter dem eigenen, das vielleicht noch präsenter, auch durch den zweiten Teil der Liedzeile; gelesen, bevor ich das Lied angehört habe.

Zitat
Weiter führt nur der Weg. Vorwärts, vorwärts und selbst im Innehalten noch die Eindrücke sammeln. Der Kies unter den Sohlen, der knirscht, das Gras auf der Wiese, grün und frisch, die Sonne über dem Kopf,
Weg, weg, und Eindrücke sammeln, sich an ihnen entlanghangeln, bevor der Halt entgleitet. Achtsamkeit?

Zitat
die wärmt und die Frage weckt: Hätte man sich nicht lieber leichter angezogen? Es besser machen, das können sie immer.
Eine Empfindung, eine persönliche, eine Frage dazu ... die aber schon wieder unpersönlicher wird und gleich in eine bittere Bemerkung über die anderen mündet und aus der Frage einen Vorwurf macht.

Zitat
Die anderen, hinter denen das Ich zurückbleibt, die ein Loch in es reißen, sobald sie zurückbleiben.
Keine Zugehörigkeit, und Schmerz daraus, jedes Mal. Und ich muss auch an die Familie denken, die doch nichts mit der Erzählerin zu tun hat, außer vielleicht, sie an die eigene zu erinnern.

Zitat
Hinter den Blicken bricht es sich leichter.
Allein, ungesehen, nachdem ein Loch ins Ich gerissen wurde.

Zitat
Ein Gespräch, darin ein Gedanke, und die Gefühle zerstreuen sich in alle Richtungen.
Der Satz ist einfach zu gut. :)

Zitat
Nur einem folgen, dann einem anderen, von hier nach dort rennen,
Orientierungslos, haltlos, getrieben, keins der Gefühle greifen können ...

Zitat
stehen bleiben, umsehen, wo geht es weiter?
... und ein Versuch, die Orientierung wieder zu erlangen, irgendeinen Bezug. (Ich finde es interessant, dass mir der Gedanke "Bezugslosigkeit" wörtlich nie durch den Kopf spukte, aber sofort passte, als ich ihn las.)
"Stehen bleiben" lese ich nicht wie innehalten, nur wie ein schwindelerregendes Herumdrehen auf der Suche.

Zitat
Dann geht der Weg sich von allein.
Hier strauchle ich zwischen zwei Gedanken: Wann geht der Weg sich von allein - wenn ein Gefühl erhascht wurde, eines, dem man folgen kann, oder umsehen, wo geht es weiter, und dem erstbesten Anhaltspunkt folgen, irgendetwas, etwa ... einem Vogel?

Zitat
Dann singt ein Vogel in den Bäumen und man könnte meinen, da freut sich einer des Lebens und läuft nicht nur die Folgen ab, die es nach sich zieht.
Selbstbestimmt, nicht nur sich entlanghangelnd an irgendetwas Greifbarem. Und dieser Versuch, nach etwas zu greifen, gleitet sofort ab in bittere Gedanken ...

Zitat
Dann bleibt da nur ein Kind, Junge oder Mädchen, einerlei, und ein Elternpaar oder auch nicht, die sich alle mehr erhofften, als sie am Ende bekamen, und wo doch nichts so war wie sie es wollten und einen Schmerz hinterließ, den Junge und Mädchen in den Jahren später zu heilen versuchen.
... und weiter in persönlichere, die gar nicht aus dieser Familie am Spielplatz heraus entstanden sind (sie hat nie genau hingesehen, weiß nicht, ob das Kind Junge oder Mädchen ist, aber es wäre sowieso einerlei) und das Eingeständnis: ein Elternpaar oder auch nicht, sie könnten auch keines sein, was weiß sie schon über die zwei? Aber die Erinnerung ist da, an eigene schmerzhafte Vergangenheit. Vielleicht betrachtet sie's auch allgemein, aber ich lese es als etwas persönliches.

Zitat
Ein Schmerz darf nie ein Schmerz sein.
Deshalb.

Zitat
Freuen müsst ihr euch und singen wie die Vögel!
Ja, nur nie zeigen, wenn es einem schlecht geht, das will niemand sehen, Verbitterung mit einem Bild, das unmöglich ist, zumindest für sie.
Und ein Schmerz tut auch weh, sie will ihn nicht fühlen, oder will vielleicht, dass andere diesen Schmerz und (damit) auch sie wahrnehmen, kein Loch ins Ich reißen. Der Schmerz ist da, nur annehmen kann sie ihn nicht.

Zitat
Wie all die anderen Menschen, die mit lächelndem Mund eine Straße passieren oder eine Bank heimsuchen und den Eindruck erwecken, es kümmere sie nicht, und bei ihnen, ja, da liefe alles besser.
Und nicht mehr nur die Vögel, Unmöglichkeit, jetzt anderen zugeschrieben, die sich auch nichts anmerken lassen. Aber sie weiß es nicht, auch das steckt hierin: Es kümmere sie nicht, da liefe alles besser.

Zitat
Wenn hinter Grashalmen ein Glashals voller Zacken blitzt und die Hand sich zielsicher darum schließt, dann greift die Verlorenheit um sich, als wäre das Glück nicht mal in Momenten zu Hause.
Eine zerbrochene Flasche. Zufall. Die ist da, und in ihrer Verbitterung, im Schmerz, der sich Bahn brechen will, greift sie zu. Annehmen kann sie ihn nicht, aber sie kann etwas ergreifen, das ihr ermöglicht, Schmerz zuzufügen.
Ein Gedanke - will sie sich selbst verletzen?
Sie ist vollkommen haltlos, hat auch die Momente von vorhin nicht mehr, um sich daran zu klammern, den knirschenden Kies, das weiche Gras, den singenden Vogel. Beim mehrfachen Lesen denke ich auch: sie hört das Lied nicht mehr.

Zitat
Sich in die Verlorenheit fallen zu lassen, das hieße ja, den Weg nicht mehr zu finden.
Nein, sie verletzt sich nicht ...
Hieran habe ich länger herumgedacht: Sich in die Verlorenheit fallen lassen, alles loslassen, nicht mehr kämpfen? Sich fallen lassen, weg von dem, was sie nicht aushalten kann. Aber eben auch nirgendwo hin finden.

Zitat
Die Pfade der anderen nur zu kreuzen, weil dahinter die Erkenntnis weilt, dass sie alle auf der Suche sind – Mann, Frau, Kind;
Das Bild von der glücklichen Familie vollends dekonstruiert, und auch von den lächelnden Menschen. Alle auf der Suche, alle fern von dem, was sie sich irgendwo, irgendwann zu finden erhofft. Und umso unerreichbarer scheint es.

Zitat
Mann. Die Puppe,
Getrennt von den anderen, wieder eine Wahrnehmung. Und die Puppe, immer deutlicher.

Zitat
auf deren lichtem Kopf die Sonne scheint, die weint, dass es nicht immer eine Heilung gibt, dass manches verloren geht und das für immer
Unschuld. Im Sinne von kindlicher, vor allem, der, die auch der Vogel singt, oder singen würde, würde er nicht nur die Folgen des Lebens ablaufen.

Zitat
– die schnellen Wechsel, heute hier, morgen dort, der Geist bleibt in Bewegung und wenn er sich mit Neuem gefüttert hat, dann ist er bereit, das schnell zu verwerten und zu verwerfen und nur ein Minimum zu behalten, die schnellen Wechsel sollten ablenken können von dieser Angst, dass am Ende alles verloren geht. Gewöhn dich dran!
Es ist jetzt so, anders geht es nicht weiter, kein Anhalten und zur Ruhe finden, keine Entschleunigung und Zeit für sich finden (wollen?), nur äußere Eindrücke, Getriebenheit ... nein, eher schon weggeschwemmt mit der Flut, zu viel, zu viel!

Zitat
Du Gierschlund kriegst den Hals nicht voll,
Erster Gedanke: Wovon? Eindrücken, alles mitnehmen, festhalten wollen, alles verlangen, was versagt blieb und bleibt?
Zweiter: Wer? Sie, oder ... richtet sie das an ihren Täter und meint etwas anderes als das zuerst gelesene?

Zitat
bist leer wie die Flasche unter deinen Fingern
An sich, eindeutig; und sie hat nichts davon, die Flasche ist in Scherben, lässt sich nicht füllen.

Zitat
und scharf wie die Spitzen,
Gefährlich, hier kann ich nur noch an eine Waffe denken, und zwar weniger die Flasche als sie selbst.

Zitat
die am anderen Ende niederrasen auf einen Schädel, den viel zu lange niemand eingeschlagen hat.
Und sie richtet all ihren Schmerz gegen denjenigen, der ihn ihr zugefügt hat. Oder vermutlich eher einen ganz anderen, der nur das Pech hat, da zu sein und sie an denjenigen zu erinnern.

Zitat
Ein Loch reißen in einen Mann, der sich auf einer Bank mit einer Puppe vergnügte,
Ihren Täter, in diesem Moment ist dieser Mann an seiner Stelle ... und Hölle, die Mehrdeutigkeiten!

Zitat
bis Frau und Mann und Kind aufschrecken,
Bis die Familie etwas merkt ... Ihre Familie, die nie etwas von ihrem Schmerz merkte und darum nie versuchte, sie zu heilen.

Zitat
Vogelgesang sich mischt mit Stimmen voll irren Geschreis von nirgendwo und überall her.
... und die (falsche?) Unschuld, die Ignoranz, die Fassade, die ihr noch mehr Halt entzogen hat, weil sie zu niemandem Zugang finden konnte und niemand zu ihr, zerbricht. Wessen Geschrei, ganz egal, das der Zeugen, des Mannes, das eigene, Hauptsache laut, hörbar, für alle!

Zitat
In weichen Ritzen glänzt das Blut nicht anders als unter Flaschenglas.
Die Verletzung, die ihr zugefügt wurde, hat sie nun zurückgegeben ... oder eher weiter.

Zitat
Im Keuchen wird der Atem eins mit einem Lied, das am Ohr verklingt: So that was that.
Erschöpfung, und eine zweite Reminiszenz an etwas Grausiges, Vergangenes: Keuchen und ein Lied, das verklingt (nebenbei noch ein Gedanke an Vogelgesang und Unschuld) ... Und das war's.
Gleichzeitig zurückfinden in die Welt, wieder etwas Gegenwärtiges wahrnehmen; oder auch endgültige Vermischung von Vergangenheit und diesem Augenblick.

Zitat
Das Innehalten findet nur am Ende statt. Vielleicht ist es das Leben, wenn man das Ziel nicht erreichen kann, bevor es abbricht.
Sie kann nicht innehalten, nicht zur Ruhe kommen und zu sich finden ... und so auch ihr Ziel nicht erreichen, nur ihr Leben leben, bis -
Und was nun geschieht, bleibt offen.

Ich habe beim Lesen übrigens nie bezweifelt, dass die Tat auch stattfindet, und kam erst später durch Ulis Rösti drauf, dass dem vielleicht gar nicht so ist.

Die Fragen kann ich nicht direkt beantworten und hoffe, dass das alles hier schon drinsteckt. :)

Danke fürs lesen lassen! :b5:
*Blümelein nompf*

Alles Liebe! :kaffee2:
Ril
« Letzte Änderung: 06 Februar 2018, 02:06:44 von Rilyn »
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Offline Xaranis

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #6 am: 06 Februar 2018, 09:10:17 »
Hallo eska,

danke für die Erleuchtung. Nach dem (und dem, was Rilyn schreibt) werden ein paar Dinge klarer.
Ich muss aber gestehen, als Leser wäre ich hoffnungslos überfordert gewesen, das herauszulesen!
Ich empfand es eher so, wie du sagst:
Ein Rätsel - wobei die vielen offenen Fragen und die fehlenden Erkenntnisse am Ende frustrieren und einen als Leser ratlos zurücklassen.
  • Ich schreibe gerade: an meinem historischen Roman

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #7 am: 12 Februar 2018, 19:48:29 »
Hallo Teufel!

Erst einmal :danke: für eure Röstungen und Entschuldigung für das lange Schweigen. :blush:
Ich hatte einfach keinen freien Kopf.

Ganz allgemein: Ich habe bewusst eher nach Assoziationen gefragt, denn dass an diesem Text wenig klar ist, ist ... ähm ... klar. Zum Teil ist das auch intendiert. Es ist der Prota selbst kaum etwas klar. Der stream of consciousness fließt durch alles hindurch, sie hat keinen Bezug zu sich selbst und findet ihn nicht zu den Dingen und Personen um sich herum - deshalb "Bezugslosigkeit". Sie erlebt sich als abgetrennt von der Welt und von sich selbst. Sie kann nichts fassen (bis auf die Glasflasche).

Ich verzichte darauf, meinen eigenen Text zu "erklären", nicht weil ich nicht wüsste, worum es darin geht oder mir nichts dabei gedacht hätte oder ich stolz darauf wäre, den Inhalt verrätselt zu haben. Aber dieses Nichtfassbare ist für mich ein Teil des Ganzen, wenngleich es sicher Möglichkeiten gibt, etwas deutlicher zu werden.

Aber um Ulis Wunsch nach Kontext nachzukommen, hier etwas zum Entstehungsprozess der Geschichte: Ich habe die erste Fassung ohne großen Anspruch auf irgendetwas geschrieben. Es waren lediglich Gedanken, die ich festhalten wollte, bevor ich sie wieder verlieren würde - vor einem Jahr ging es mir nicht gut und um meine kognitiven Funktionen war es auch nicht gut bestellt. Also habe ich mich von der alltäglichsten Alltagsaufgabe leiten lassen und etwas über meinen Einkaufsweg geschrieben.

Viele klare Gedanken später habe ich das Geschriebene noch einmal herausgekramt und wollte das Gefühl der Bezugslosigkeit, Verlorengegangenheit und Entfremdung, das darin steckt und mich beim Lesen zumindest ansatzweise wieder einholte, etwas vertiefen und den Text abrunden. Was dabei rausgekommen ist, lest ihr hier. Es ist keine Betroffenheitsprosa, denn bis auf die Tatsache, dass wir beide diese Puppe mit einem Mann daneben auf der Bank und eine Familie in einem Park gesehen und uns insgesamt entfremdet gefühlt haben, haben meine Protagonistin und ich nichts miteinander gemein.

Wenn der Text verwirrt oder sich seltsam anfühlt, etwas nicht richtig zu passen scheint, wirkt er also auf eine Weise ganz richtig. Genauso wie er schwer fassbar bleibt, nicht eingängig ist, sperrig oder nicht einfach. Das ist der Hintergrund, der Grund, über den die Protagonistin hatlos hinwegstolpert - sie versteht weder sich noch ihre Umwelt. Sie hat nur Assoziationen, grobe Eindrücke, die ihr aber genauso fern bleiben wie alles andere - wie sie sich selbst. Deshalb hat der Text kein "Ich", obwohl eines erzählt. Es ist nicht greifbar.

Aber wenn mir dazu etwas am Herzen liegt, der Prota wie euch als Lesern, dann ist das: "Traue deiner Wahrnehmung!"
(Enstprechend dem Titel eines Buchs, das ich vor Jahren gelesen habe ...)

Mehr dazu in den Einzelantworten.

Liebe Grüße,
Lilith
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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #8 am: 12 Februar 2018, 20:46:40 »
Hallo Xaranis,

vielen lieben Dank für deine Anmerkungen und deine Leseeindrücke. Die sind für mich in der Tat sehr wertvoll. Ich kann deine Verständnisprobleme nachvollziehen, denn es stimmt, der Text ist wirklich nicht leicht zugänglich. Ehrlich gesagt hatte ich mit solchen Reaktionen sogar gerechnet. Umso hilfreicher ist es, dass du mir aufzeigst, wo du gedanklich nicht mehr mitgekommen bist. Ein bisschen was lässt sich am Text sicher noch überarbeiten, sonst hätte ich ihn nicht eingestellt. Ich weiß nur noch nicht so ganz, wo ich da ansetzen werde. Das hat viel mit meiner Intention zu tun. Ganz leicht will ich es dem Leser nicht machen, das Schwerverständliche ist irgendwo auch Thema des Texts, was nicht heißen soll, dass ich ihn unverständlich machen will.

Ein kleiner Einblick ... Das ist ein Teil der Mindmap, die ich vor der Überarbeitung dafür angelegt habe.

Ganz kurz zum Setting: Das ist ein kleiner Park. Anwesend sind eine kleine Familie, bestehend aus Mann, Frau und Kind, und ein weiterer Mann auf einer Bank sowie die Protagonistin. Insofern sind es zwei Frauen und zwei Männer. Dem Mann auf der Bank wird der Schädel eingeschlagen.

Was ich noch nicht ganz verstanden habe, ist, wo du "Anonymität" als Thema rausgelesen hast. Also, ja, es geht um Entfremdung - kommst du wegen der expliziten Erwähnung von "ohne Bezug vorübergehen" drauf? Dann: Ja, die Protagonistin fühlt sich entfernt. Dass sie zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht als solche benannt ist, sondern einfach drauflos redet, macht es sicher nicht einfach, das direkt als persönlichen Eindruck einzuordnen.

Deinen Gesamteindruck lese ich so, dass du keine Verbindung zwischen den einzelnen Inhalten herstellen konntest (wie die Protagonistin auch nicht), aber die Suche nach dem roten Faden dich verzweifelt genug gemacht hat, um aufzugeben. Diese Frustration beabsichtige ich dabei natürlich nicht.

Ein paar Anmerkungen habe ich aber noch.
Zitat
Vielleicht ist es das Leben: an den Menschen vorüberzugehen, ohne Bezug, das Kind auf der Schaukel sehen, weiter hinten die Eltern auf einer Bank, froh, endlich etwas Zeit für sich gefunden zu haben. Zu der Rechten ein Mann –

"Das Kind", "die Eltern" - Für den Betrachter der Szene eindeutig Fremde.
Umso mehr verwundert mich später die Wendung der Ereignisse, die etwas „Persönliches“ ausdrücken und mir suggerieren, dass es durchaus eine Geschichte gibt, die den Erzähler mit "den Eltern" und "dem Kind" verbinden muss. Außer, der Erzähler ist vollkommen durchgeknallt.
"Vollkommen durchgeknallt" nicht, aber sicher nicht ganz da. Und, ja, stimmt, diese Leute sind ihr fremd - sie lösen aber etwas in ihr aus, das macht es persönlich, ohne dass sie einen wirklichen Bezug zu ihnen hätte (oder gar sich selbst), was dann wiederum zu den späteren Ereignissen führt.

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Zitat
Am Ende bleibt nicht viel: zwei Frauen, zwei Männer, das Kind; die Puppe.

Was "bleibt" ist mehr, als am Anfang da war. Plötzlich sind da ZWEI Frauen und ZWEI Männer. Und das Kind als Verbindungspunkt?? Und die Puppe - welche Funktion auch immer sie hier einnimmt.
Ist mir übrigens erst beim zweiten Mal bewusst aufgefallen. Beim ersten Lesen war ich mit der Stelle ein wenig überfordert.
Glaub ich. :blume:
Zwei Frauen sind es wegen der Erzählerin, sie rechnet sich dazu, ohne sich zu nennen.

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Zitat
Da hört das Ohr nur der Stimme zu, die in ihm singt: I can hear you, und wie Atem hindurchzieht, going through my head.

Das hab ich absolut nicht kapiert.
Das ist das erwähnte Lied.
(Es ist mir nicht so wichtig, dass das Lied erkannt wird, meine Frage bezog sich mehr darauf, ob dieser fremde Text im eigenen Text stört, denn die Zeilen sind ja nicht von mir, insofern könnte es unpassend oder störend rüberkommen, weil es tatsächlich nicht aus einem Guss ist.)

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Zitat
Hinter den Rücken spricht es sich leichter.

Meinst du hinter DEM Rücken?
Nein, das ist eine absichtliche Variation. "Hinter den Rücken" - wenn niemand da ist, wenn niemand zusieht, wenn sie allein ist, dann kann sie leichter sprechen.

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Weiter führt nur der Weg. Vorwärts, vorwärts

Was willst du mir damit mitteilen? Bin mir nicht sicher. Alltagshektik?
Sie läuft weg. "Weiter" geht es nur, wenn man den Weg geht, sie will weiter, also: Vorwärts!

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und selbst im Innehalten noch die Eindrücke sammeln. Der Kies unter den Sohlen, der knirscht, das Gras auf der Wiese, grün und frisch, die Sonne über dem Kopf, die wärmt und die Frage weckt: Hätte man sich nicht lieber leichter angezogen?

Aber wenn Hektik: Wie passt DAS dann dazu? Das ist das genaue Gegenteil. In der Hektik ist kein Platz, um Eindrücke wahrzunehmen. Schon gar nicht in dieser Intensität.
Sie sucht Halt im Außen (und findet ihn nicht, sie schweift ja wieder ab), weg von dem Bild und den Menschen, die sie gerade gesehen hat.

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Zitat
Die anderen, hinter denen das Ich zurückbleibt, die ein Loch in es reißen, sobald sie zurückbleiben.

Das "Ich", das zurück bleibt? Löcher, die in ein "Ich" gerissen werden? Verstehe ich ehrlich gesagt nicht so recht.
Sie bleibt hinter den anderen zurück, fern, kann sie nicht erreichen - und das tut ihr so weh, dass es ihr ganzes "Ich" zerreißt, ihr Gefühl von sich selbst, ihre Identität. Sie ist nicht in sich zu Hause, hat, findet keine Ruhe.

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Ebenso wenig das hier:
Zitat
Hinter den Blicken bricht es sich leichter.

Was heißt das? Auch der ganze Part, der sich daran anschließt, ist mir ehrlich gesagt ein einziges Rätsel.
Wenn niemand guckt, kann sie "leichter" zusammenbrechen, kann sie ihren Schmerz leichter zulassen. Vor den Blicken (der anderen) geht das (für sie) nicht.

Das hier:
Zitat
Du willst mir etwas unbedingt vermitteln, weigerst dich aber beharrlich, mir klarzumachen, WAS.
fasst das Grundgefühl ganz gut zusammen. Sie traut sich nicht, sich dem eigentlichen Problem zu stellen.
Folgerichtig wäre z.B.: Sie geht diesen kleinen Park mit dem Spielplatz entlang, sieht die Familie, sieht den Mann und die Puppe - fühlt den Schmerz, der sie ergreift, erinnert sich an das, was ihr angetan wurde, was sie erlebt hat und wird darüber so zornig, dass sie die Flasche nimmt und den Mann erschlägt, der sie an jemanden erinnert, der ihr etwas so Furchtbares angetan hat, dass sie darüber zerbrochen ist. Sie bleibt zurück wie die Glasflasche: Kaputt.
Aber, ja, sie weigert sich beharrlich, das zu fühlen oder zu erkennen, in sich zu sehen und anzunehmen, denn sie hat das Gefühl:
Zitat
Ein Schmerz darf nie ein Schmerz sein.
Was zurückbleibt, ist ein verlorenes Ich auf der Suche nach etwas, von dem sie selbst nicht weiß, was sie will. In dem sie sich selbst und am Ende den Halt verliert.
Ihr wurde etwas genommen, sie kann es nie zurückbekommen, und am schlimmsten ist, dass sie das Gefühl hat, "nicht sein zu dürfen". Weder so noch anders.
Was bleibt dann noch? Richtig, nichts. Leere.

Zitat
Zitat
Dann bleibt da nur ein Kind, Junge oder Mädchen, einerlei, und ein Elternpaar oder auch nicht, die sich alle mehr erhofften, als sie am Ende bekamen, und wo doch nichts so war wie sie es wollten und einen Schmerz hinterließ, den Junge und Mädchen in den Jahren später zu heilen versuchen.

Wieso soll dann nur noch ein Kind bleiben? Was ist mit den Eltern?
Das interpretiert sie hinein - das Kind, die Eltern, sind nur noch ein Spiegelbild der Konflikte, die sie mit sich herumschleppt - das ist das, was in ihr bleibt.

Zitat
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Freuen müsst ihr euch und singen wie die Vögel! Wie all die anderen Menschen, die mit lächelndem Mund eine Straße passieren oder eine Bank heimsuchen

heimsuchen? Ehrlich?
Ja, denn für sie ist er eine Bedrohung - er sucht sie heim, ein böser Geist der Vergangenheit.

Zitat
Zitat
und den Eindruck erwecken, es kümmere sie nicht, und bei ihnen, ja, da liefe alles besser.

Die VÖGEL erwecken den Eindruck, bei ihnen liefe alles besser?
Nein, die lächelnden Menschen, denen es immer besser geht.

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Zitat
Wenn hinter Grashalmen ein Glashals voller Zacken blitzt und die Hand sich zielsicher darum schließt, dann greift die Verlorenheit um sich, als wäre das Glück nicht mal in Momenten zu Hause.

Sehr übergangslos, das mit der Flasche.
Point taken.

Zitat
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Sich in die Verlorenheit fallen zu lassen, das hieße ja, den Weg nicht mehr zu finden. Die Pfade der anderen nur zu kreuzen, weil dahinter die Erkenntnis weilt, dass sie alle auf der Suche sind – Mann, Frau, Kind; Mann. Die Puppe, auf deren lichtem Kopf die Sonne scheint, die weint, dass es nicht immer eine Heilung gibt, dass manches verloren geht und das für immer –

Hier sind sie wieder. Mann, Frau, Kind, Puppe. Was hat es mit denen auf sich? Ich bin noch immer kein Stück weiter. Und Heilung? Heilung wofür? Ist jemand krank?
Gemeint ist Heilung für ihren Schmerz.

Zitat
Zitat
die schnellen Wechsel sollten ablenken können von dieser Angst, dass am Ende alles verloren geht. Gewöhn dich dran!

Inwiefern soll "alles verloren gehen?" Was ist denn "alles"?
Sie, ihre Welt - ihr "alles".

Zitat
Zitat
Ein Loch reißen

"reißen" wenn man in Wahrheit mit einem Flaschenhals zusticht? Passt nicht.
Stimmt. Da war ich zu sehr davon geleitet, die Formulierung vom Loch, das ins Ich gerissen wird, wieder aufzugreifen. Und weil die zuerst da war, habe ich hier gar nicht weiter drüben nachgedacht. :blush:

Zitat
Zitat
In weichen Ritzen glänzt das Blut nicht anders als unter Flaschenglas.
Welche weichen Ritzen?
Die Verletzungen, verursacht durch die Flasche.

Zitat
Zitat
Im Keuchen wird der Atem eins mit einem Lied, das am Ohr verklingt: So that was that.

Ja. That was that. Jetzt wischen wir schnell noch die Sauerei auf und dann gehn wir ne Pizza essen.
Hier verstehe ich ehrlich gesagt nicht, wie du diesen Rückschluss ziehst, dass die Tat bedeutungslos wäre. Sie ist abgeschlossen ("So that was that."), aber doch nicht das, was es mit der Protagonistin macht oder was daraus wird.
Oder liegt es eher daran, dass du mit der bisher auch nichts anfangen konntest, weil du keinen Zugang gefunden hast?

Zitat
Zitat
Das Innehalten findet nur am Ende statt.

Was meinst du mit "Innehalten"?
Innehalten, zu sich kommen, zu sich finden.

Zitat
Zitat
Vielleicht ist es das Leben, wenn man das Ziel nicht erreichen kann, bevor es abbricht.

Ist das Ziel des Lebens denn, einen gewaltsamen Tod zu sterben??
Eher, es in vollen Zügen zu leben. Das ist hier aber auch nicht ganz deutlich bzw. könnte deutlicher sein. Das kann sie nicht erreichen, fühlt sich sich selbst und dem Leben auch nach der Tat nicht näher. Sie "kann das Ziel nicht erreichen" obwohl sie das getan hat.

Also, Xaranis, trotz deiner großen Verwirrung finde ich da ein paar Hinweise, wie ich es besser machen könnte.

Lieben Dank :danke2:
und liebe Grüße,
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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #9 am: 12 Februar 2018, 21:10:46 »
Hallo Uli,

ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll ...

Aber das:
Es macht etwas, ich lese weiter, bin gefangen und verstehe nicht.
und das: 
Zitat
Eine seltsame Sache: Bevor ich mich entscheiden kann, ob ich dem Text folge, stecke ich mittendrin - und kenne mich genau gar nicht aus.
macht mich sehr glücklich. :whee:
Es wird. :cheese:
(Nur was?)

Zitat
Zunächst der Eindruck ˋTextwüste ´, dann aber das Gefühl, dass eben das passt, richtig ist - Gedankenwüste, ohne Struktur, Eindrücke und ... nichts bleibt. Irgendetwas scheint zu eskalieren, aber auch das bleibt im Ungefähren - nicht wichtig?
Nicht "unwichtig" (aber auf den Zug ist Xaranis ja auch aufgesprungen, das sollte mir etwas sagen :denk:), sondern vor allem "nicht greifbar". So scheint es auch auf die Leser zu wirken.
Jetzt muss ich nur noch das Kunststück hinkriegen, dass Leser sich weniger veräppelt zu fühlen. Nur noch, haha. :uhoh:

Zitat
Das Lied ist an mir vorbeigeschwommen, ohne dass ich es gehört hätte. Sorry.
Mag daran liegen, dass ich es nicht kenne, demnach nicht erkenne. (Keinen Bezug dazu habe?).
Die Frage war unglücklich gestellt. Ich habe die Textstücke eingebastelt, weil sie einen Teil der Situation ausmachen (sie hört Musik, während sie da langläuft) und ich die Zeilen passend finde. Man muss das Lied nicht kennen, um den Text zu verstehen, das würde wohl noch eher verwirren, aber ... Dass das Lied an dir vorbeigeschwommen ist, ist im Grunde das, was ich wollte. Ich will gar nicht, dass es heraussticht, hatte nur die Befürchtung, es könnte, weil's eben nicht von mir ist.

Zitat
Was ich als ˋFakten ´ herauslese: Jemand geht spazieren (oder wandelt umher, jedenfalls bewegt sich die Person draußen) und schaut. Bemerkt Details, ab und zu, ohne dass es ein Bild ergibt.
Da ist ein Impuls von ... Mordlust? Von Gewalt, von Rache vielleicht, aber der bleibt ungreifbar, mir wird nicht klar, ob aus der Phantasie Handlung wird ... aber das scheint auch nicht wichtig.
Ja, da bist du im Grunde "mittendrin im Bild" bzw. im Geschehen, denn ... das macht es aus. Es gibt keine Fakten, da sind nur Gefühle, wirre noch dazu, die nicht gefühlt werden (dürfen). Details, die kein Bild ergeben. Das große Ganze, das fehlt. Der Text ist assoziativ entstanden und baut auf Assoziationen. Das ist wahrscheinlich das größte Problem, das sich daraus ergibt: Solange man seine Assoziationen nicht als "wahr" oder "richtig" annimmt, bleibt der Text umso ferner. Ich denke, ein übergeordnetes Ganzes kann es auch nicht geben, dazu ist das zu sehr Momentaufnahme.
Das war ein zweiter Gedanke, mit dem ich das erwähnte Lied eingebaut habe: Das alles geht sehr schnell. Vom ersten Eindruck der Familie und dem Mann auf der Bank bis zum Greifen der Flasche und der Gewalttat, ohne dass sich das je festigt.
Es bleibt dem Fremden verhaftet. Bleibt fremd.
So auch dem Leser.
Hm. :kunst:

Zitat
Was als Hinweis dienen mag, ist die Puppe - die vielleicht Erinnerung an Gewalt weckt? Jedenfalls scheint es da einen Impuls zu geben, der ... vielleicht gar keine Grundlage hat?
Doch, das hast du richtig gelesen - und das ist genau, was ich meine. Traue der Assoziation, der Wahrnehmung, der flüchtigen Eindruck. Er führt dich auf die richtige Fährte, wie er die Protagonistin führen könnte - an das Ziel, das sie so sehr sucht, bevor es abbricht.

Zitat
herrje ...
sorry, aber ich fürchte, mehr als lesen kann ich das nicht.
Und genau dafür danke ich dir. :umarm:

Alles Liebe!
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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #10 am: 12 Februar 2018, 21:59:02 »
Hallo eska,

auch hier fällt es mir schwer, noch etwas zu sagen, denn du hast den Text genau richtig gelesen. Nun weiß ich nicht,
 wie deine Eindrücke entstanden sind, in welcher Reihenfolge sie sich zusammengesetzt haben, aber ein paar Probleme kann ich doch identifizieren.

Liebe Lilith;

um es mal so zu sagen: Dies ist kein gerader Text, der den Leser einlädt, ihm zu folgen mit einer oder zwei zu Beginn noch uneinsehbaren Wendungen.
Von Anfang an ist er verschlungen und vielleicht verschlüsselt und hier und da blitzt ein Anhaltspunkt auf wie die fosten neben der eingeschneiten Straße.
Ja, du hast recht. Der Text ist nicht gradlinig und schon gar nicht geradeheraus. Xaranis meinte: "Du willst mir irgendetwas sagen, weigerst dich aber beharrlich zu sagen, WAS." Das trifft es ganz gut, auch wenn es weniger ich bin, die sich weigert, als die Protagonistin. Vielleicht tut sie das auch ein Stück weit vor mir, sodass ich nur Eindrücke erhaschen kann.
Aber ich kann sagen: Ich habe jedes Wort bewusst geschrieben. Einige mögen noch unglücklich gewählt sein oder könnten mehr Deutlichkeit vertragen, aber im Grunde stehen sie schon so da, wie ich sie haben wollte.

Zitat
Du machst es einem also nicht leicht, und damit stellt sich mir die Frage, was du bewirken willst. Ein langsames Eintauchen in das Erzählerbewusstsein?
Einen verfremdeten Blick auf Altbekanntes, das wir dadurch anders/neu sehen?
Eher ist ein entfremdeter Blick auf die Welt (das Leben), aus einer ebenso gebrochenen Perspektive.

Du hast recht, schon der Einstieg ist schwierig dadurch, dass es kein "Ich" gibt. Das war die einzige Vorgabe, die ich mir damals, als ich den Text begonnen habe, gemacht habe. Das Wort "Ich" zu vermeiden und höchstens einen abstrakten Blick drauf zu werfen, weil die Distanz zwischen Erzähler-Ich und sich so groß ist, dass sie nicht mehr wahrnehmbar ist. Ein Ich, das (s)ich verloren hat.

Zitat
Erzählst du eine Geschichte? Die von der Puppe, die gemartert wird? Oder nur im Blick des Betrachters?(So es denn eine Puppe ist (hoffentlich).) Stellvertretend wofür? Die Bank beim Spielplatz als Handlungsort ist unheilverkündend.
Oder eher die Geschichte vom Nebeneinander des Freundlichen und des Unheilvollen, ohne dass es auffällt?
Das würde eher zu dem passen, was du als ein Thema ansagst: Du nennst es Bezugslosigkeit. Eine Form von Unfähigkeit zum Kontakt, zur Kommunikation, auch zum Ganz-vor-Ort-Sein lese ich.
Wer da geht und sieht und bezuglos sich fühlt, bleibt offen bzw. wirkt es wie ein allgemeines Urteil. So ist das Leben. Das Leben aller, im Grunde.
Du liest das richtig bzw. so wie ich es mir gedacht habe und denke.
Aber genau dieses allgemeine Urteil sehe ich für den Leser als Problem an, einen Weg in den Text zu finden - es ist ihr Urteil über das Leben, auch über das der anderen. Dennoch bleibt es nichts als ihr Lebensgefühl, so abgetrennt zu sein, dass sie es als Ausdruck von allem empfindet.

In einer früheren Version war der Ich-Erzähler noch etwas näher dadurch, dass die eigene Hand als "meine Hand" bezeichnet wurde. Das habe ich herausgestrichen, weil ich es nicht passend fand. Aber etwas ähnliches werde ich mir für den ersten Satz überlegen müssen, damit der Text besser zieht.

Zitat
Oder die Erzählerfigur, deren Bewusstseinsstrom wir folgen, ist so in den Hintergrund getreten, dass sie gar nicht mehr aufscheint. Ist sich selbst so unwichtig oder so machtlos, auf irgendetwas einzuwirken?
So nimmt sie sich wahr, fühlt sie sich, genau.

Zitat
Es gibt Wahrnehmung(en), ohne Zusammenhang, sagst du. Es gibt Sätze mit verborgener Bedeutung, die einen alarmieren oder den Spürsinn wecken. Sofern es nicht zu viele werden.
Wenn es zu schwierig wird zu folgen, gibt man auf. Was zieht den Leser über die unverständlichen, nur erahnten Passagen hinweg?
Bsp.:
Zitat
Hinter den Rücken spricht es sich leichter. Weiter führt nur der Weg.
Wessen Rücken? Wieso nur? Was führt nicht weiter?
Da könnte ich den Text respektive die Aussage tatsächlich schärfen.
Die Rücken "der anderen" (angenommen, versteht sich, denn sie hat ja keinen Kontakt zu "den anderen") und wenn man weiter will, dann muss man einen Weg gehen. Ja, das ist abstrakt. Ja, das könnte stärker verankert sein. Immerhin steht der Weg auch im Titel, ist symbolisch und real zugleich (sie geht ganz konkret einen Weg entlang).

Zitat
Zitat
Es besser machen, das können sie immer. Die anderen, hinter denen das Ich zurückbleibt, die ein Loch in es reißen, sobald sie zurückbleiben.
Wer sind sie? Wer bleibt wann zurück und warum reißen sie Löcher?
Ist es dieses Ich, das am Ende - als Reaktion? - ein Loch reißt in den Mann mit der Puppe? In der Vorstellung oder konkret?
Genau dieses verlorene Ich ist es.

Zitat
Wenn ich mich festlegen sollte, würde ich jetzt, nach mehrmaligem Lesen, sagen, du erzählst die Vorgeschichte (konkret die Stunde oder so davor, in aufblitzenden Stückchen auch mögliche Hintergründe) eines Angriffs.
Ja.

Zitat
Ein verwirrtes, gequältes (oder sich gequält fühlendes) Erzählerhirn voller Angst vor der Verlorenheit, dem Sich-Selber-Verlorengehen. Ist es ein Angriff auf sich selbst? Das Lied und die letzten beiden Sätze legen mir das nahe, aber sicher verstanden habe ich es nicht.
Und das ist Absicht und Krux zugleich.

Zitat
Das soll dir als mein Eindruck genügen, sowohl wie der Text wirkt, als auch die Assoziationen betreffend. Das Lied: nun, es funktioniert, indem es nicht stört und die Handlung zu untermalen oder sogar zu dirigieren scheint. Besser wäre es wohl, es zu kennen und damit die Teile, die ungehört im Ohr klingen (ich kenne es nicht).
Nein, das ist schon ganz richtig so, denn so soll es wirken und nicht stören. :)
Ein kleiner Hintergedanke (meinerseits) war noch, dass sich Erzählzeit und erzählte Zeit hier decken. Die beiden Textausschnitte geben da etwas vor, das ungefähr der Lesedauer entspricht.
Wie ich schon an Uli geschrieben habe: Der konkrete Inhalt des Liedes (ich interpretiere es als die Geschichte eines Autounfalls) würde wohl eher verwirren als dem Leser beim Verstehen dieses (!) Texts zu helfen.

Zitat
Insgesamt würde ich einem solchen Text wohl eher kopfschüttelnd begegnen, wie einem Rätsel, spannend, herausfordernd, aber bei zu geringem Erfolgserlebnis im Entziffern auch frustrierend. Mir wäre es also lieber, du erzähltest die Geschichte klarer oder es gäbe eine Form von Bezugsrahmen, die es leichter macht.
Da gebe ich dir recht, uneingeschränkt.
Mit dem Bezugsrahmen tue ich mich noch etwas schwer, ich habe den Eindruck, der Text wirkt schon durchaus so, wie er soll, aber es gibt Probleme, die ihn sperrig machen und für manchen Leser (wie es bei Xaranis der Fall war) sperren. Perfekt kann er nicht für jeden Leser sein, aber allein dadurch, welche Mühe sie sich beim Verstehen gegeben hat, um den roten Faden dann doch nicht zu finden, gibt mir das zu denken.

Umso glücklicher bin ich über deinen zweiten Anlauf, denn darin bringst du eigentlich alles auf den Punkt, was ich mir beim Schreiben und darüber hinaus gedacht habe. Das funktioniert also und darüber freu ich mir ein Loch in den Bauch. :dops:

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Also: Person A, in deren Bewusstsein wir schauen, geht spazieren (auch wenn das keine so lockere Handlung zu sein scheint, wie man mit dem Begriff üblicherweise verbindet). Sie/er sucht nämlich den Weg und hat Schwierigkeiten, sich zwischen vielen verschiedenen Eindrücken zu orientieren.
A sieht auf einer Bank eine Kleinfamilie aus Eltern und einem Kind auf der nahen Schaukel, daneben einen Mann mit Puppe. Deren Schädel weist einen roten Streifen auf, was A als Verletzung bzw. Zerstörung (Schädel eingeschlagen) interpretiert.
Wenn man Puppe statt Kind setzt, sieht A ein gequältes, zerstörtes Kind (das Wort 'vergnügen' später legt Missbrauch nahe), dem Täter ausgeliefert, neben der heilen Familie, die nichts bemerkt oder sich davon nicht stören lässt.
Zwei Frauen: A ist also eine Frau.
Sie ist gehemmt:
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Hinter den Rücken spricht es sich leichter.
Sie lässt sich schnell verunsichern:
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Wäre es besser gewesen, sich leichter anzuziehen?

Und vor allem empfindet sie den Vorwurf der anderen, die alles immer besser machen.
Die anderen reißen ein Loch in sie, so schlimm fühlt es sich an. Sie bricht = zerbricht? Dort, wo keiner guckt, also heimliches Leiden.
Das Lied des Vogels = Freude entspricht nicht ihrem Lebensgefühl, nur die Folgen ableben zu müssen, ganz passiv (= erleidend), ohne Gestaltungsmöglichkeiten.

So schon das frühe Erleben: Eltern, die mit den Folgen ihrer Partnerschaft leben mussten, anders als erhofft, von den Kindern getröstet, vergebens zu heilen versucht. Ihre Eltern wohl. Sie das Bindeglied, die fesselnde Beziehungsfolge?
Schmerz muss versteckt bleiben, heimlich. Wieder ein Hinweis auf Unansprechbares, Nicht-Mitteilbares, das einen von den anderen trennt wie hinter Glas, einen sprachlos macht. 'Heimsuchen' verstärkt den Eindruck. Für A ist der Mann auf der Bank ein/ihr Quäler.
Das Lächeln weist den Schmerz und die Schuld dabei ihr zu.
Der Angriff auf ihn ist also ein Befreiungsschlag nach 'viel zu langer' Zeit. Welches Blut in weichen Ritzen sieht sie neben dem unterm Glas?
Die Puppe =A weint, weil Heilung nicht immer möglich ist, alles verloren gehen könnte, die große Angst. Wofür steht alles? Die heile Familienbeziehung daneben?
Die allesumfassende Sehnsucht nach dieser Form von Geborgenheit und Heilsein? Die nie gestillt wurde/wird: 'leer wie die Flasche'. Die die verzweifelte Aktion auslöst: Das zer-störende, sie abtrennende Element auslöschen, damit 'alles' noch eine Chance hat.
Aber der Schlussatz: 
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Vielleicht ist es das Leben, wenn man das Ziel nicht erreichen kann, bevor es abbricht.
Heißt das: Finde dich ab, du kannst deine Sehnsucht nicht erreichen? Und warum wieder das Verb 'brechen', so gewaltsam?
Was bleibt mir da noch zu sagen außer: "Genau"?
Aber was "alles" ist, das kann ich noch (er)klären: "Alles" ist sie, ihre Welt und damit die Welt, die sie verloren hat. Keinen Bezug mehr dazu. Ihre Welt ist in sich zerfallen und in Stücke gefallen wie Glas.
Und, ja, dieses Ziel kann sie nicht erreichen. Es bricht ab, zerbricht, ein Gewaltakt, der durch Gewalt keine (Er-)Lösung findet.
Sie findet keine.
"Vielleicht ist das das Leben."

Liebe eska, ich danke dir für deinen Eindruck. Was sich für dich wie Vermutung anfühlt, ist für mich klar gelesen. Mit dieser Frage triffst du aber einen wunden Punkt:
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Welcher Leser soll das leisten?
Diesem Leser kann und will ich helfen.

Lieben Dank für deine Eindrücke
und ebenso liebe Grüße,
Lilith
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"Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller."
- Bodo Kirchhoff

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #11 am: 12 Februar 2018, 22:41:36 »
Hallo Rilyn,

danke, dass du den Text trotzdem geröstet hast. :cheerful:
Und noch viel mehr für deine Leseeindrücke. :blume:

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Vielleicht ist es das Leben: an den Menschen vorüberzugehen,
Eine Betrachtung, aber ich sehe sie als die eines Erzählers, einen Gedanken, aus dem sich auch gleich eine Szenerie ergibt, ein Bild.
Ansonsten eine etwas traurige Grundstimmung, die sich steigern wird und eine gewisse Einsamkeit vermittelt, ganz leicht.
Ja, sie (also die Protagonistin und damit die Erzählerin) ist bzw. fühlt sich nicht verbunden. Weder mit den Menschen noch der Welt und meint, vielleicht sei das das Leben. In diesem ist sie zutiefst einsam, weil ihr die Bezüge fehlen. Zu den Dingen, den Menschen; sich.

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ohne Bezug, das Kind auf der Schaukel sehen, weiter hinten die Eltern auf einer Bank,
Familie ... eine fremde Familie, stellvertretend? Sie fängt so explizit den Blick, kein Zufall; zumindest nicht, dass sie den Gedanken einfängt.
Hm, die Familie selbst ist schon "Zufall", die hat sich sicher nichts dabei gedacht, ausgerechnet dann anwesend zu sein, während sie da langlatscht. Aber für die Protagonistin ist es kein Zufall. Insofern sieht sie mehr Verbindungen zwischen den Dingen, als sind, ohne sie zu (er)leben und richtig zu spüren.

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Zu der Rechten ein Mann – neben ihm eine Babypuppe.
Das Bild bewirkt, auch, weil es durch den Gedankenstrich abgesetzt ist und ohnehin schon "zusammenhangloser" als die Familie (und durch ein fehlendes zweites Kind), einen gewissen Grusel. Ich war versucht, "leichten Grusel" zu schreiben, aber leicht ist der nicht mehr, die Mutmaßung da, dass hier jemand an etwas ganz Bestimmtes denkt. (Das sich später bestätigt.)

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Auf ihrem Kopf verläuft ein roter Streifen, als habe ihr jemand den Schädel eingeschlagen.
Und das Gefühl wird verstärkt. Den Schädel eingeschlagen, das Kind "getötet".
Ja, diese Puppe ist der erste Bruch. Vorher waren die Bilder noch sanfter, die Welt noch heil. Der Mann und die Puppe brechen damit, wie er so ganz allein mit ihr sitzt, sie für sich hat, noch dazu der verquere Eindruck, jemand habe diesem (metaphorischen) Kind den Schädel eingeschlagen. x__x

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Zusammenhangslos, die Bilder, sie stürzen ein.
Und das, was gedacht wurde, löst etwas aus, reißt die Erzählerin aus der Szenerie und die in Stücke.
Am Ende nicht nur sie. :/

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Am Ende bleibt nicht viel: zwei Frauen, zwei Männer, das Kind; die Puppe.
Festhalten an dem, was da ist, bezugslos, emotionslos, Fakten.
Und die Bezüge untereinander sind wieder aufgelöst.

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Hinter den Rücken spricht es sich leichter.
Über die anderen (I can hear you [thinking]) und die anderen hinter dem eigenen, das vielleicht noch präsenter, auch durch den zweiten Teil der Liedzeile; gelesen, bevor ich das Lied angehört habe.
Ich mag, wie du die Liedzeile weiterführst: "I can hear you thinking", das ist es doch, was passiert, wenn jemand durch den Kopf geht, oder nicht? Was könnte er dort finden? Viel zu viele Gedanken, die besser verborgen blieben.

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Weiter führt nur der Weg. Vorwärts, vorwärts und selbst im Innehalten noch die Eindrücke sammeln. Der Kies unter den Sohlen, der knirscht, das Gras auf der Wiese, grün und frisch, die Sonne über dem Kopf,
Weg, weg, und Eindrücke sammeln, sich an ihnen entlanghangeln, bevor der Halt entgleitet. Achtsamkeit?
Ja, aber ohne tatsächlichen Bezug zu ihnen zu finden. Details ohne Bild, wie Uli es nannte.

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Die anderen, hinter denen das Ich zurückbleibt, die ein Loch in es reißen, sobald sie zurückbleiben.
Keine Zugehörigkeit, und Schmerz daraus, jedes Mal. Und ich muss auch an die Familie denken, die doch nichts mit der Erzählerin zu tun hat, außer vielleicht, sie an die eigene zu erinnern.
Interessant, dass du das direkt auf die Familie beziehst, das hätte ich nun nicht getan, für mich ist mehr der Mann und generell die Menschen auf dieser Welt, die große anonyme Masse der "anderen" eben. Das Leben der anderen, die Wege der anderen, die unergründlich sind und unhaltbar. Die nichts können als sie im Meer ihrer selbst ertrinken zu lassen - und das Selbst ist ein Meer, grenzenlos und weit ...

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Ein Gespräch, darin ein Gedanke, und die Gefühle zerstreuen sich in alle Richtungen.
Der Satz ist einfach zu gut. :)
Danke!

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Nur einem folgen, dann einem anderen, von hier nach dort rennen,
Orientierungslos, haltlos, getrieben, keins der Gefühle greifen können ...
Ihr großes Problem in drei Adjektiven. Wow. :wow:

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Dann geht der Weg sich von allein.
Hier strauchle ich zwischen zwei Gedanken: Wann geht der Weg sich von allein - wenn ein Gefühl erhascht wurde, eines, dem man folgen kann, oder umsehen, wo geht es weiter, und dem erstbesten Anhaltspunkt folgen, irgendetwas, etwa ... einem Vogel?
Ah, nein, der "Weg geht sich von allein", wenn man ein Gefühl gefunden hat, das einem eine Richtung gibt. Gefühle erzeugen Handlungsimpulse. Eins zu haben, gibt auch einen Weg vor, gibt etwas vor, das man tun könnte, bevor man verloren geht.

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Dann singt ein Vogel in den Bäumen und man könnte meinen, da freut sich einer des Lebens und läuft nicht nur die Folgen ab, die es nach sich zieht.
Selbstbestimmt, nicht nur sich entlanghangelnd an irgendetwas Greifbarem. Und dieser Versuch, nach etwas zu greifen, gleitet sofort ab in bittere Gedanken ...
Der Vogel ist alles, was sie nicht ist. Sein Lied ist alles, was ihr fehlt, sozusagen.
Wie drückte eska es aus? Sie "erleidet das Leben", kann sich nicht freuen, weil alles, was sie trifft, Leiden erzeugt.

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Dann bleibt da nur ein Kind, Junge oder Mädchen, einerlei, und ein Elternpaar oder auch nicht, die sich alle mehr erhofften, als sie am Ende bekamen, und wo doch nichts so war wie sie es wollten und einen Schmerz hinterließ, den Junge und Mädchen in den Jahren später zu heilen versuchen.
... und weiter in persönlichere, die gar nicht aus dieser Familie am Spielplatz heraus entstanden sind (sie hat nie genau hingesehen, weiß nicht, ob das Kind Junge oder Mädchen ist, aber es wäre sowieso einerlei) und das Eingeständnis: ein Elternpaar oder auch nicht, sie könnten auch keines sein, was weiß sie schon über die zwei? Aber die Erinnerung ist da, an eigene schmerzhafte Vergangenheit. Vielleicht betrachtet sie's auch allgemein, aber ich lese es als etwas persönliches.
Nein, es ist sehr persönlich. Wie alles hier.

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Ein Schmerz darf nie ein Schmerz sein.
Deshalb.
Für mich ist das der zentrale Satz des Textes.

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Freuen müsst ihr euch und singen wie die Vögel!
Ja, nur nie zeigen, wenn es einem schlecht geht, das will niemand sehen, Verbitterung mit einem Bild, das unmöglich ist, zumindest für sie.
Und ein Schmerz tut auch weh, sie will ihn nicht fühlen, oder will vielleicht, dass andere diesen Schmerz und (damit) auch sie wahrnehmen, kein Loch ins Ich reißen. Der Schmerz ist da, nur annehmen kann sie ihn nicht.
Genau, noch dazu hat sie das Gefühl, ihn nicht fühlen zu dürfen, als würden die anderen, als würde die Welt ihr diktieren, dass sie gefälligst fröhlich zu sein hätte, wie dieser Vogel, der einfach sein Lied singt, nicht leidet.
(Lied ... Leid ... Will mir das etwas sagen? :denk: :grinwech: )

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Wie all die anderen Menschen, die mit lächelndem Mund eine Straße passieren oder eine Bank heimsuchen und den Eindruck erwecken, es kümmere sie nicht, und bei ihnen, ja, da liefe alles besser.
Und nicht mehr nur die Vögel, Unmöglichkeit, jetzt anderen zugeschrieben, die sich auch nichts anmerken lassen. Aber sie weiß es nicht, auch das steckt hierin: Es kümmere sie nicht, da liefe alles besser.
Es ist auch ... bloße Annahme. Nur weil da jemand gerade lächelt und man dieses Lächeln sieht, heißt das ja nicht, dass der betreffende Mensch glücklich ist. Ein Lächeln ist schnell gelächelt. Es muss nicht mal ehrlich sein.
Mundwinkel hochziehen, das soll sogar die Stimmung heben, das liest man doch ständig in Ratgebern.
(Funktioniert auch, aber "glücklich" macht es noch lange nicht. :cheese:)

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Wenn hinter Grashalmen ein Glashals voller Zacken blitzt und die Hand sich zielsicher darum schließt, dann greift die Verlorenheit um sich, als wäre das Glück nicht mal in Momenten zu Hause.
Eine zerbrochene Flasche. Zufall. Die ist da, und in ihrer Verbitterung, im Schmerz, der sich Bahn brechen will, greift sie zu. Annehmen kann sie ihn nicht, aber sie kann etwas ergreifen, das ihr ermöglicht, Schmerz zuzufügen.
Ein Gedanke - will sie sich selbst verletzen?
Sie ist vollkommen haltlos, hat auch die Momente von vorhin nicht mehr, um sich daran zu klammern, den knirschenden Kies, das weiche Gras, den singenden Vogel. Beim mehrfachen Lesen denke ich auch: sie hört das Lied nicht mehr.
Stimmt.

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Sich in die Verlorenheit fallen zu lassen, das hieße ja, den Weg nicht mehr zu finden.
Nein, sie verletzt sich nicht ...
Hieran habe ich länger herumgedacht: Sich in die Verlorenheit fallen lassen, alles loslassen, nicht mehr kämpfen? Sich fallen lassen, weg von dem, was sie nicht aushalten kann. Aber eben auch nirgendwo hin finden.
"Sich in die Verlorenheit fallen lassen" - sich in das schmerzvolle Gefühl fallen lassen (nicht: es anzunehmen), hieße, verloren zu gehen, in dem Schmerz verloren zu gehen. Der Witz an der Sache ist: sie hat es längst getan. Ist längst verloren gegangen auf ihrer Flucht vor dem Schmerz.
Aber, ja, verloren zu gehen, ist gleichbedeutend damit, keinen Weg mehr zu haben, nicht zu wissen, wo man ist, wo etwas ist. Da geht alles verloren und man müsste es von nun an suchen, könnte keinem Weg mehr folgen.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso deutlicher schält sich für mich heraus, dass es dieser Weg ist, den ich präzisieren müsste, um dem Leser etwas an die Hand zu geben. Dieser unglückliche Lebensweg, auf dem sie umhertaumelt.

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Mann. Die Puppe,
Getrennt von den anderen, wieder eine Wahrnehmung. Und die Puppe, immer deutlicher.
In der sieht sie sich selbst.

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– die schnellen Wechsel, heute hier, morgen dort, der Geist bleibt in Bewegung und wenn er sich mit Neuem gefüttert hat, dann ist er bereit, das schnell zu verwerten und zu verwerfen und nur ein Minimum zu behalten, die schnellen Wechsel sollten ablenken können von dieser Angst, dass am Ende alles verloren geht. Gewöhn dich dran!
Es ist jetzt so, anders geht es nicht weiter, kein Anhalten und zur Ruhe finden, keine Entschleunigung und Zeit für sich finden (wollen?), nur äußere Eindrücke, Getriebenheit ... nein, eher schon weggeschwemmt mit der Flut, zu viel, zu viel!
Um zu ertrinken ...

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Du Gierschlund kriegst den Hals nicht voll,
Erster Gedanke: Wovon? Eindrücken, alles mitnehmen, festhalten wollen, alles verlangen, was versagt blieb und bleibt?
Zweiter: Wer? Sie, oder ... richtet sie das an ihren Täter und meint etwas anderes als das zuerst gelesene?
Genau und ... genau.
Sie kriegt den Hals nicht voll von "Leben", von Gedanken, Gefühlen, Eindrücken, nach denen sie sich so sehr sehnt, aber die ihr verwehrt bleiben (im Gegensatz zu den anderen, das ist ihr Vorwurf an die Welt). Und zum anderen ist es vom Täter ans Opfer gerichtet.
Dadurch dass im Folgenden ein Täter zum Opfer wird, findet die Umkehrung statt und damit kehrt sich auch der Addressat des Gesagten um.
Für mich sind es Worte, die an sie gerichtet wurden, die sie nun an jemand anderen (den Mann) richtet.

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die am anderen Ende niederrasen auf einen Schädel, den viel zu lange niemand eingeschlagen hat.
Und sie richtet all ihren Schmerz gegen denjenigen, der ihn ihr zugefügt hat. Oder vermutlich eher einen ganz anderen, der nur das Pech hat, da zu sein und sie an denjenigen zu erinnern.
Ja.

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bis Frau und Mann und Kind aufschrecken,
Bis die Familie etwas merkt ... Ihre Familie, die nie etwas von ihrem Schmerz merkte und darum nie versuchte, sie zu heilen.
Genau.

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Vogelgesang sich mischt mit Stimmen voll irren Geschreis von nirgendwo und überall her.
... und die (falsche?) Unschuld, die Ignoranz, die Fassade, die ihr noch mehr Halt entzogen hat, weil sie zu niemandem Zugang finden konnte und niemand zu ihr, zerbricht. Wessen Geschrei, ganz egal, das der Zeugen, des Mannes, das eigene, Hauptsache laut, hörbar, für alle!
Es übertönt auch alles, sie kann es gar nicht einordnen, es flirrt um sie herum, steht da in der Luft, genauso bezugslos wie sie selbst.

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Im Keuchen wird der Atem eins mit einem Lied, das am Ohr verklingt: So that was that.
Erschöpfung, und eine zweite Reminiszenz an etwas Grausiges, Vergangenes: Keuchen und ein Lied, das verklingt (nebenbei noch ein Gedanke an Vogelgesang und Unschuld) ... Und das war's.
Gleichzeitig zurückfinden in die Welt, wieder etwas Gegenwärtiges wahrnehmen; oder auch endgültige Vermischung von Vergangenheit und diesem Augenblick.

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Das Innehalten findet nur am Ende statt. Vielleicht ist es das Leben, wenn man das Ziel nicht erreichen kann, bevor es abbricht.
Sie kann nicht innehalten, nicht zur Ruhe kommen und zu sich finden ... und so auch ihr Ziel nicht erreichen, nur ihr Leben leben, bis -
Und was nun geschieht, bleibt offen.
Genau das war meine Absicht.
Ich denke mittlerweile, dass ich hier noch deutlichere Wegmarker setzen könnte, hier am Weg der Fremde. Also den Weg klarer einzeichnen und sie nur verwirrt drüberstolpern lassen könnte. Damit der Text besser einschlagen kann (pun not intended).

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Die Fragen kann ich nicht direkt beantworten und hoffe, dass das alles hier schon drinsteckt. :)
Ja, das tut es.

Du liest, viele Worte bleiben mir auch nicht. Das war jetzt eher ein Kommentar zum Kommentar, ich bitte darum, mir dies nachzusehen.
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Danke fürs lesen lassen! :b5:
*Blümelein nompf*
Danke für's Kommentieren! :cheerful:

Alles Liebe,
Lilith
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Offline Xaranis

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Re: Am Weg der Fremde
« Antwort #12 am: 12 Februar 2018, 23:11:07 »
Hallo Lilith,

ich bin dir noch eine Antwort schuldig. ;)

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Was ich noch nicht ganz verstanden habe, ist, wo du "Anonymität" als Thema rausgelesen hast. 

Direkt der Einstieg.
"Vielleicht ist es das Leben: an den Menschen vorüberzugehen, ohne Bezug, das Kind auf der Schaukel sehen, weiter hinten die Eltern auf einer Bank, froh, endlich etwas Zeit für sich gefunden zu haben."
Das Ganze trug wahrscheinlich maßgeblich zu meiner Verwirrung bei. Denn sowohl der Titel als auch der erste Satz ließen mich glauben, es ginge hier von der Thematik um die Anonymität im Miteinander, um Entfremdung, um Einsamkeit. Aber darum geht es nicht NUR - und vielleicht, ja vielleicht auch nicht einmal vorrangig.


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Deinen Gesamteindruck lese ich so, dass du keine Verbindung zwischen den einzelnen Inhalten herstellen konntest (wie die Protagonistin auch nicht), aber die Suche nach dem roten Faden dich verzweifelt genug gemacht hat, um aufzugeben. Diese Frustration beabsichtige ich dabei natürlich nicht.

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Die Fragen wurden immer mehr und mit jedem Satz verstand ich plötzlich immer weniger (weil ich wohl die Angelpunkte zuvor nicht verstand). Das war frustrierend, denn irgendwann hatte ich schlichtweg keinen Plan mehr, was da passiert. Frustiert - ja. Erstaunlicherweise ist es aber mir genauso wie Uli ergangen: Obwohl das alles sehr konfus war, hatte ich keine Sekunde das Gefühl, nicht zu Ende lesen zu wollen. Das ist - ungewöhnlich. Normalerweise ist es so: Wenn ich das Gefühl habe, den Text nicht zu verstehen oder merke, das ist so gar nicht meine Geschichte, dann habe ich nach ein paar Zeilen keine Lust mehr, weiterzulesen. Im Forum tue ich es trotzdem, auch wenn ich mich dazu manchmal ganz schön quälen muss. Bei deinem Text hatte ich keine Probleme damit, zu Ende zu lesen.

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"Vollkommen durchgeknallt" nicht, aber sicher nicht ganz da. Und, ja, stimmt, diese Leute sind ihr fremd - sie lösen aber etwas in ihr aus, das macht es persönlich, ohne dass sie einen wirklichen Bezug zu ihnen hätte (oder gar sich selbst), was dann wiederum zu den späteren Ereignissen führt.

Ich habe nicht so direkt mitbekommen, dass diese Leute in ihr etwas "ausgelöst" haben. Vielleicht so ansatzweise nach dem dritten, vierten Mal lesen. Ich denke, du wolltest dieses "etwas", das in ihr ausgelöst wurde durch die Puppe ausdrücken. Denn die passte für mich plötzlich nicht ins Bild (Spielplatz und Eltern, die ihre Ruhe genießen klingt nach friedlichem Alltag - und dann die Puppe mit dem eingeschlagenen Kopf??)
Allerdings bekam ich hier gedanklich den Bogen nicht rum. Vielleicht deshalb, weil mir ein Vergleichwert fehlte (Situation vor dem Zusammentreffen mit den Eltern - Zack, Veränderung - neue Situation mit geänderter Stimmung). Ich konnte also nicht an der Puppe festmachen, dass sich etwas "ändert". Ich habe lediglich gemerkt: Die passt nicht ins Bild. Der Text floss weiter, ich wartete auf Aufklärung und fand sie irgendwie nicht.

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Das ist das erwähnte Lied.
(Es ist mir nicht so wichtig, dass das Lied erkannt wird, meine Frage bezog sich mehr darauf, ob dieser fremde Text im eigenen Text stört, denn die Zeilen sind ja nicht von mir, insofern könnte es unpassend oder störend rüberkommen, weil es tatsächlich nicht aus einem Guss ist.)


Nun, mich hat es verwirrt. Aber das hat der Text ja in Gänze.  :denk:

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Hier verstehe ich ehrlich gesagt nicht, wie du diesen Rückschluss ziehst, dass die Tat bedeutungslos wäre. Sie ist abgeschlossen ("So that was that."), aber doch nicht das, was es mit der Protagonistin macht oder was daraus wird.
Oder liegt es eher daran, dass du mit der bisher auch nichts anfangen konntest, weil du keinen Zugang gefunden hast?

Ja, gut möglich. Denn von den dir genannten Rückschlüssen habe ich irgendwie - äh - keinen gezogen.  :heul:
"So that was that" klingt für mich wie: "So, nun da das geklärt wäre gehen wir über zu Punkt 2" oder "Staubwischen erledigt - jetzt noch Kochen und dann die Beine hochlegen".  :the_brow:

Ich bin froh, dass ich trotz meiner heillosen Planlosigkeit ein wenig zu deinem Text beitragen konnte. Auch wenn der Text anspruchsvoll bleiben soll: Den ein oder anderen "Anker" würde ich mir als Leser wünschen. Die Gefahr ist ja leider immer: Wenn man zu subtil arbeitet und zugleich zu viel Verständnis für diese subtilen Hinweise voraussetzt, kann es passieren, dass Leser den Faden verlieren. Dein Text erschien mir da wie ein Domino. Ein Steinchen dazwischen fehlte - und es ging nichts mehr weiter!

Liebe Grüße
« Letzte Änderung: 12 Februar 2018, 23:27:30 von Xaranis »
  • Ich schreibe gerade: an meinem historischen Roman