Autor Thema: Die Quercus - (k)eine Sternstunde der Menschheit (überarbeitete Version)  (Gelesen 119 mal)

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Offline Robur

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Moin moin

so - habe das Kapitel nun überarbeitet. Im Prinzip ist der Handlungsablauf ähnlich geblieben, doch ich habe das Tempo zunächst rausgenommen, um ein wenig Raum zur Darstellung der Welt zu haben. Malget ist beunruhigt aber nicht panisch. Dann wird das Tempo erhöht - Lebensgefahr! Ich hoffe mir ist es gelungen, meinen Schreibstil angemessen zu straffen. Anschließend kommt ein Teil, in dem Malget bloß angespannt abwarten kann - es vergeht eine subjektiv sehr lang erscheinende Zeitspanne, der Raum für den einen oder anderen Gedanken lässt. Dann wird es noch langsamer, sie nimmt weitere Geräusche aus dem Rest des Schiffes wahr. So war es zumindest gedacht und ich hoffe mir ist die Umsetzung einigermaßen gelungen. Ich wäre denkbar, wenn sich der eine oder andere erneut dazu äußern könnte.




Das Piepen des Kommunikators holte Malget aus dem Schlaf. Von jahrelanger Gewohnheit geführt, streckte sie die Hand nach dem kleinen Gerät aus und nahm die Anfrage entgegen, bevor sie überhaupt richtig wach war.
»Ja?«
Sie vernahm Sorrins Stimme: »Malget? Entschuldige die-« Ein lautes Knacken unterbrach kurz die Verbindung. Es rauschte, dann hörte sie wieder ihren Techniker: »...Bett, oder?«
»Sorrin?« Malget war noch schläfrig, doch allein die Tatsache, dass Sorrin sich mitten in der Nacht bei ihr meldete, führte dazu, dass sich leise Besorgnis in ihr regte.
Vorsichtig richtete sie sich auf. Ihr in die Jahre gekommene Körper ächzte. Mit einer Handbewegung wischte sie über den Sensor und die Hälfte der in die Decke integrierten Leuchtpanele erwachte zum Leben – die andere Hälfte blieb, wie üblich, dunkel. Das Licht fiel auf ihr kleines Quartier, das grade eben genug Raum für ihr Bett, einen an die Wand geschweißten Metallschrank und eine vom Holzwurm zerfressene Kommode bot. Auf dem Metallboden lag ein handgeknüpfter Teppich, der schon alt gewesen war, als Malget noch Windeln getragen hatte.
Als Sorrin antwortete, rauschte und knackte es derart, dass Malget ihn kaum verstehen konnte: »...beim Antimateriegenerator. Und… denken wir… recht widerspr...«
»Sorrin? Ich höre dich kaum! Mit der Verbindung scheint etwas nicht zu stimmen.« Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Die Bordzeit betrug 1:36 Uhr. Selbst Sorrin befand sich um diese Uhrzeit meistens im Bett.
Seine Antwort bestand aus einem nahezu durchgehenden Rauschen, bei dem nur wenige Wortfetzen durchdrangen. Mit einem verärgerten Schnaufen beendete sie die Verbindung und rief stattdessen die Kommandobrücke. Ihr Navigator Gene nahm die Verbindung an. »Malget, was kann ich zu so später Stunde für dich tun?«
Im Gegensatz zu Sorrin war seine Stimme klar verständlich. Auch dies trug dazu bei, ihrem ungutem Gefühl neue Nahrung zu geben. Sie fragte sich, was die Störung in der Verbindung zu Sorrin hervorgerufen haben könnte. Bloß ein fehlerhaftes Gerät auf Sorrins Seite oder war etwas anderen der Grund?
»Hat Sorrin sich bei dir gemeldet?«, wollte sie wissen.
»Sorrin? Nein, weshalb?«, fragte Gene überrascht.
Es musste etwas im Argen liegen, wenn Sorrin sich zuerst bei ihr, der Kommandantin meldete, anstatt die Kommandobrücke zu informieren. Innerhalb der letzten acht Jahre, in denen er sich als Hauptverantwortlicher um das Wohlergehen des uralten und zugleich hochsensiblen Antimateriegenerator kümmerte, war er niemals wegen Kleinigkeiten zu ihr gekommen, sondern hatte sich stets selbst darum gekümmert. Es war ein gutes Zeichen, wenn sie schon lange nichts mehr von ihm gehört hatte. Nun erinnerte sie sich mit Unbehagen daran, dass er sie erst kürzlich erneut wegen benötigter Ersatzteilen angesprochen hatte. Der Generator stammte noch aus der Zeit vor dem Fall des Imperiums und inzwischen dürfte sich kein Originalteil mehr darin befinden. Doch Ersatzteile waren teuer und irgendwie hatte Sorrin den Generator bisher mit viel Liebe und noch mehr Flickmaterial zusammenhalten können, sodass sie das Thema Ersatzteile immer weiter aufgeschoben hatten. Malget ist sich der Notwendigkeit stets bewusst gewesen und dennoch hatte sie entschieden die Credits lieber für Essen, Wasser oder andere lebensnotwendige Ersatzteile auszugeben. Sie hoffte, dass sich dies jetzt nicht rächen würde.
»Er hat mich eben angepiept, doch die Verbindung war derart schlecht, dass ich nichts verstanden habe«, erklärte sie Gene.
»Schlechte Verbindung?«, brummte ihr Navigator, während Malget ächzend aus dem Bett stieg.
„Ich vermute mal er hält sich beim Antimateriegenerator auf“, überlegte Gene. „So weit ich informiert bin, müsste der Generator grade laufen. Wir… ja, wir befinden uns grade im zweiten Generiervorgang. Sorrin hat die Tanks schon einmal füllen können.“
Malget trug lediglich eine ausgewaschene Stoffhose und ein weites Hemd, machte sich aber nicht die Mühe sich vollständig zu begleiten. Sie warf sich ihren zerschlissenen Bademantel über und stieg in ihre Boots.
»Ich gehe rüber und sehe nach«, teilte sie mit. Es würde nichts bringen jemanden rüber zu schicken, wenn keine störungsfreie Verbindung etabliert werden konnte. Sie musste selbst überprüfen, was dort geschah.
Sie hörte, wie Genes Finger über die Konsole klackerten. »Hm. Von hier aus sehe ich nichts. Keine Warnmeldung… aber Sorrin hat vor kurzem auch zusätzliche Überwachungssensoren angebracht – hatte sie in dem Wrack gefunden, das wir letzten geplündert haben. Leider haben wir sie noch nicht mit der Kommandobrücke verbunden.«
»Ich melde mich«, erwiderte Malget knapp und unterbrach die Verbindung.
Sie verließ ihr Quartier und eilte den schmalen Korridor entlang, der durch nachträglich angebrachte Spinde noch weiter eingeengt war. Stille herrschte auf dem Raumschiff, einzig unterbrochen von dem Rauschen und Klopfen der Leitungen und ihrer eiligen Schritte.
Der Antimateriegenerator lag von Malgets Quartier aus gesehen auf der gegenüberliegenden Seite des Raumschiffes, sodass sie beschloss den Weg über das Zentralmodul zu nehmen. Bei der Quercus handelte es sich um ein zylindrisches Konstrukt, welches aus acht aneinander geschweißten, mittelgroßen Transportschiffen bestand. Da es sich hierbei um acht unterschiedliche Modelle handelte, sah das Ergebnis entsprechend zusammengewürfelt aus. Doch die Quercus war ein gutes und robustes Schiff – bewohnt seit mehr als hundertdreißig Jahren.

Am Durchlass zur nächsten Speiche erklomm Malget mit einem Ächzen die in die Wand eingelassenen Sprossen und kletterte durch die Deckenöffnung in die Röhre hinein. Rasch ließ die durch die Rotation erzeugte Schwerkraft nach und schon bald konnte sie sich abstoßen und schwerelos in das Zentralmodul hinein gleiten. Wie immer schwebten zahlreiche Spielzeuge in der Luft – die Kinder der Quercus hatten ihren Spaß an der Schwerelosigkeit. Kurz verspürte Malget einen Anflug von Ärger. Wie oft hatte sie befohlen nicht eine solche Unordnung zu hinterlassen? Angesichts der aktuellen Umstände, verflog der Ärger über diese Banalität jedoch so schnell wie Gesteinsspliter im Solarsturm. Malget vollführte einen halben Salto, wodurch sie mit den Füßen voran in die gegenüberliegende Speiche schwebte. Dabei blähte sich ihr Bademantel auf, den sie mit einer ärgerlichen Bewegung wieder ordnete. Dann war sie im Inneren der Speiche und wenige Sekunden später hatte die künstliche Schwerkraft sie erneut erfasst und sie musste nach den Sprossen greifen, um an ihnen herab zu klettern.

Unter sich hörte sie die aufgeregte Stimme von Jarava und gleich darauf Sorrin, der seine Adoptivtochter anschnauzte, dass dies nicht sein könne. Malget beeilte sich hinab zu steigen. Als ihr Fuß die letzte Sprosse verließ und sich auf den Metallboden des Korridors stellte, der die Messe mit dem Maschinen- und dem Laderaum des Teilschiffes verband, stieß Sorrin einen derart lauten Fluch aus, dass seine Stimme durch den Korridor hallte. Malget folgte den Geräuschen in den Laderaum, in dem der Antimateriegenerator untergebracht war. Die hierzu gehörigen Gerätschaften nahmen den Frachtraum des Schiffes so sehr ein, dass man sich nur seitwärts und durch immerwährendes Ducken zwischen ihnen bewegen konnte. Im ersten Moment konnte Malget weder ihren Techniker noch dessen Adoptivtochter sehen.
»Sorrin?«, rief sie und schob ein Bündel Kabel beiseite.
»Malget, endlich bist du hier! Wir haben… verdammt...« Er verstummte.
»Was ist hier los?«, verlangte sie ungeduldig zu wissen und schob sich durch den Maschinendschungel vorwärts, bis sie nach einem halben Dutzend Schritten jene Lichtung erreichte, in dessen Zentrum der Antimateriegenerator aufragte. Das übermannsgroße Gerät war durch zahlreiche Kabel und Schläuche mit seiner Umgebung verbunden und erinnerte sie aufs neue an ein Organ, das über zahlreiche Arterien, Venen und Muskelstränge mit seinem Körper verbunden war. Dieser Vergleich war angesichts der zentralen Funktion des Generators nicht allzu abwegig. Sie gewahrte Sorrin, der neben dem Generator kniete und mit verzweifelten Blick auf sein Slade starrte. Ihr fischäugiger Techniker trug nur ein fleckiges Unterhemd und verblichene Shorts. Jarava hatte sich zumindest die Zeit genommen Schuhe anzuziehen. Sie stand angespannt neben ihrem Adoptivvater.
Malget trat an die beiden heran. »Jetzt redet mit mir!«
Sorrin sah kurz zu Malget auf, konzentrierte sich dann aber wieder auf das kleine Gerät in seiner Hand. »Ich… also… die Werte, sie… es sieht übel aus«, stammelte er und wischte auf der Anzeige hin und her, hielt inne, runzelte die Stirn, sah erst den Generator an, bevor er einen Blick mit Jarava tauschte.
»Hol sie her«, zischte er angespannt, woraufhin Jarava loshastete, als habe sie nur auf diese Aufforderung gewartet.
»Sorrin, bei den Sternen!«, fauchte Malget ungehalten. »Jetzt erkläre mir, was hier vor sich geht. Was stimmt nicht mit dem Gerät?«
»Das… ich...«, stotterte Sorrin und blickte mit großen Augen zu ihr auf. »Ich habe vorhin doch alles überprüft. Doch dann habe ich diese Meldung bekommen und… ich weiß nicht… die Werte des Magnetfeldes sind…« Er stockte und sah wieder auf sein Slade. Dessen Display zeigte eine Reihe von Zahlen, die sich in rascher Folge änderten.
»Bei den Sternen, drück dich gefälligst deutlich aus!«, rief Malget entnervt. Sorrins Angst war ansteckend: Sie spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Nervös blickte sie zu dem wuchtigen Gebilde und stellte sich vor, wie die tödliche Antimaterie darin hin und herwirbelte.
»Ich… ich befürchte wir sollten ihn rauswerfen«, stieß Sorrin aus.
»Bitte?!« Malget starrte entgeistert auf ihren Techniker hinab und als ihr die Bedeutung seiner Worte erst richtig bewusst wurde, setzte ihr Herzschlag für einen Moment aus. Sie schnappte nach Luft und trat instinktiv einen Schritt vom Generator zurück. Als ob ihr das tatsächlich helfen würde, wenn der Generator tatsächlich explodierte.
»Bist du dir sicher?«, presste sie atemlos hervor. »Ganz sicher? Gibt es wirklich keinen anderen Weg? Können wir nicht...«
Auf Sorrins Gesicht erschien ein verzweifeltes Grinsen und Malget erinnerte sich daran, wen sie hier vor sich hatte. Wenn von Sorrin ein solcher Vorschlag kam, dann gab es definitiv keine andere Alternative. Trotz der tödlichen Gefahr fragte sie sich, wie sie jemals wieder an einen neuen Antimateriegenerator gelangen sollten. Sie schluckte hart, dann straffte sie die Schultern. »Gut, dann bereitet alles vor. Wie lange braucht ihr? Wie viel Zeit haben wir, bis er...«
»Kann ich nicht sagen aber wir sollten ihn so schnell es geht loswerden Jarava holt schon die Raumanzüge. In fünf Minuten ist er draußen.« Sorrins Stimme hatte seltsamerweise an Festigkeit gewonnen, auch wenn seine Lippen noch immer zu jenem irren Ausdruck verzogen waren.
Malget nickte. Sorrin sprang auf und begann den Generator von den unzähligen Schläuchen abzudrehen. Für Malget sah es aus, als würde er ein noch pumpendes Herz vom Rest seines Körpers lösen.
Sie griff nach ihrem Kommunikator. Gene nahm ihre Verbindung so schnell an, als habe er nur auf darauf gewartet. Vermutlich entsprach dies sogar der Wahrheit.
»Gene, kannst du mich verstehen?«
Bloß Rauschen. Mit einem Fluchen steckte sie  das Gerät wieder ein.
Der Alarm schrillte los. Malget fuhr zusammen als habe sie der Blitz getroffen. Sie tauschte einen Blick mit Sorrin, der ebenfalls erstarrte war. Noch während Malget sich fragte, ob der Alarm vielleicht durch Sorrins Tätigkeit ausgelöst worden sein könnte, sah sie, wie Panik in seinen hervorquellenden Augen aufflackerte.
»RAUS!«, brüllte er. Hastig sprang er zum nächsten Kabel und begann es zu lösen. Vor Schreck gelähmt stand Malget erst reglos da, dann schoss Adrenalin durch ihren Körper. Getrieben vom Alarm kämpfte sie sich durch den Kabelwald zurück und wäre beinahe mit Jarava zusammengeprallt, die ihr mit zwei leichten Raumanzügen beladen entgegenkam. Malget drückte sich in das Kabelgestrüpp und Jarava hetzte an ihr vorbei.
Als sie den Korridor erreichte, gewahrte Malget das Zittern ihrer Hand, während sie den massiven Schalter betätigte. Zischen und Quietschend glitt das luftdichte Schott in seine Verriegelung. Mehr konnte Malget in dieser Situation nicht tun und hasste sich dafür. Sie wandte sich ab und eilte so schnell es ihre alte Hüfte erlaubte zur Brücke dieses Teilschiffes. Von dort aus war es zwar lediglich möglich, die Kameras einzuschalten, um das Geschehen zu verfolgen, doch um zur Kommandobrücke zu gelangen, hätte sie erneut die Quercus durchqueren müssen. Das würde zu viel Zeit kosten. Als sie die Stufen zur Brücke erklomm, kam ihr ehemalige Chefmechaniker Gransich aus dem Verbindungskorridore zum benachbarten Jerkas-Teilschiff. Im Gegensatz zu Malget war er vollkommen bekleidet. Mit ihm erreichte sie ein intensiver Geruch nach altem Schweiß und Alkohol, der Malget momentan vollkommen egal war.
»Was ist los? Ist das etwa- ?« Er musste brüllen, um sich über den Alarm hinweg verständlich zu machen.
»Sorrin wirft den Antimateriegenerator raus«, rief sie ihm über die Schulter zu.

Malget erreichte den beengten Kommandoraum und setzte sich auf den Drucksessel, der einst für den Piloten bestimmt gewesen ist. In diesem Moment verstummte der Alarm. Vielleicht weil Sorrin den Generator abgekoppelt hatte, vielleicht weil Gene ihn deaktiviert hatte. Egal, nebensächlich.
Malgets Finger flogen klackernd über die Konsole und drei der Monitore erwachten flimmernd zum Leben. Der vierte blieb schwarz. Sie gab hastig weitere Befehle ein und ein Bildschirm nach dem anderen zeigte Aufnahmen der noch funktionierenden Außenkameras. Sie schaltete die Unnötigen weg, sodass nur die Aufnahmen jener zwei Kameras blieben, welche die noch geschlossene Ladeluke im Bild hatten. Es war dunkel, da sie sich auf der von der Sonne abgewandten Seite der Quercus befanden. Sie konnte nur abwarten und beobachten und mit bebenden Lippen Gebete an all jene Götter schicken, an die sie niemals geglaubt hatte.
Hinter ihr stiegt Gransich schnaufend die Metallstufen hinauf. »Der Antimateriegenerator! Möge das Imperium uns gnädig sein!« Er hustete erneut.
Malget spürte, wie eine sachte Erschütterung durch das Schiff ging und auf beiden Kameras war zu sehen, wie sich die Luke unendlich langsam öffnete. Licht drang aus dem sich weitenden Spalten und kaum dass die Öffnung groß genug war, erschienen Sorrin und Jarava in ihren Raumanzügen. Es war nicht auszumachen wer von beiden wer war. Sie schoben und zogen den wuchtigen Generator, der sich auf am Boden angebrachten Schienen bewegte, die irgendeiner der Erbauer der Quercus in weiser Voraussicht dort angebracht hatte. Lose Kabel schleiften hinter ihm her. Die Bewegungen der beiden Personen wirkten auf Malget unerträglich langsam und sie hatte das Bedürfnis die beiden zur Eile anzutreiben.
Als das große Gerät das Ende der Führungsschienen erreicht hatte, wurde es durch die Rotation nach unten gezogen. Eine der beiden Gestalten im Raumanzug stieß sich ab und bekam den Generator zu fassen. Das Halteseil zog sich straff. Mit angehaltenem Atem beobachtete Malget, wie die Person etwas am Gerät verrichtete. Sie versuchte die Packs zu aktivieren, die vor Ewigkeiten an dem Generator angebracht worden waren. Wann hatten sie diese das letzte Mal erneuert? Vor zwanzig Jahren? Dreißig? Hoffentlich funktionierten sie noch. Zwar würde allein die Rotation ausreichen um den Generator von der Quercus fortzuschleudern, doch die Packs würde die Geschwindigkeit deutlich erhöhen. Jede Sekunde könnte zählen.
Endlich stieß sich die Gestalt vom Generator ab. Sekunden später zündeten die Packs, was Malget ein erleichtertes Japsen entlockte. Sie hielt die Armlehnen des Drucksessels gepackt. Hinter ihr gab Gransich ein heiseres Stöhnen von sich.
Angetrieben von den Packs beschleunigte der Generator und war innerhalb weniger Sekunden aus dem Blickfeld der Kamera verschwunden. Malget löste ihre verkrampften Hände von den Armlehnen und gab mit steifen Fingern Befehle ein. Eine der Kameras richtete sich so aus, dass sie den Flug des sich entfernenden Antimateriegenerators verfolgen konnte.

Offline Robur

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Gransich murmelte etwas vor sich hin und ließ sich so schwer in den Drucksessel des Copiloten fallen, dass die Aufhängung knirschte. »Bei den Sternen! Wie konnte das nur…?«
»Weiß ich auch nicht«, zischte Malget gestresst und konnte sich nur mit Mühe zurückhalten Gransich anzufahren. Sie lehnte sich vor und betätigte die Kommunikationsanlage. »Sorrin? Jarava? Könnt ihr mich hören?«
Sie wartete ab, doch es kam keine Bestätigung. Vermutlich hatten die beiden in der Hektik die in den Anzügen integrierten Kommunikationsgeräte nicht eingeschaltet. Doch das war ohnehin nicht notwendig, denn mit der verbliebenen Kamera beobachtete Malget, wie die sich eben außerhalb der Quercus befindliche Gestalt die Ladeluke wieder erreichte.
»Das ganze Schiff hätte es zerreißen können«, murmelte Gransich. »Ich brauche einen Schluck. Du auch?«
Malget ignorierte ihn. Sie lies den Bildschirm mit dem Antimateriegenerator nicht aus den Augen und schaltete auf eine andere Kamera um, nachdem die erste Kamera den Generator aufgrund der Rotation der Quercus aus dem Blick verloren hatte. Obwohl sich das Gerät rasch entfernte, war die Gefahr noch lange nicht vorüber. Es kam Malget so vor, als würde sie das atemlose Ticken eines herabzählenden Countdowns vernehmen. Der Generator würde explodieren und die einzige Frage war, ob er zuvor genügend Distanz zwischen sich und die Quercus bringen würde.
Gransich brummelte etwas unverständliches. Stoff raschelte und der Schraubverschluss seines Flachmannes quietschte.
Malget versuchte abzuschätzen, wie lange es dauern würde, bis sie außer Gefahr sein würden. Die Berechnung war jedoch unmöglich durchzuführen, sie enthielt zu viel Unbekannte. Sie wusste weder wie schnell die Packs das Gerät beschleunigten, noch wie groß die Explosion und deren Reichweite sein würde. Berichten zur Folge reichte ein Generator aus, um eine ganze Stadt auszulöschen. Eine reichlich vage Angabe, die vermutlich eine ansehnliche Portion an Übertreibung enthielt und vor allem eines war: Nicht hilfreich.
Hinter Malget erklangen Schritte und sie wandte sich um. Sorrin betrat die Brücke. Das Gesicht, mit den großen Fischaugen, war gerötet. Er hatte den Raumanzug ausgezogen und trug erneut nur die Shorts und sein fleckiges Unterhemd. In seinem Gesicht stand eine seltsame Mischung aus Unglauben und Schuldbewusstsein.
»Jetzt können wir nur noch auf Fortunas Gnade hoffen«, schnaufte er und strich mit bebender Hand die schweißnassen Haare zurück. Hinter ihm erschien die dürre Gestalt von Jarava, die ihre Arme eng um den Oberkörper geschlungen hatte.
»Bei den Sternen..«, murmelte Gransich gefühlt zum tausendsten Mal und bot Sorrin seinen Flachmann an, den dieser mit einer fahrigen Handbewegung ablehnte. Er beugte sich vor um über Malgets Schulter hinweg auf den Monitor zu blicken. Der Generator war kaum noch zu erkennen. Die Packs hatten aufgehört zu feuern und nur noch die Reflexion des Sonnenlichts hob ihn von der Dunkelheit ab.
Jarava trat langsam näher. Ihre Stimme bebte: »Wie weit ist er weg? Sind wir außer Gefahr?«
Sorrin verzog das Gesicht. »Ohne einen anderen Gegenstand als Maßstab kann man das nur schwer abschätzen. Aber er sieht schon recht... klein aus.«
„Also ist er weit genug weg?“, bohrte die junge Frau nach.
Sorrin zuckte mit den Schultern, woraufhin seine Adoptivtochter frustriert schnaubte. Angespannt beobachteten das Quartett, wie der Generator auf dem Bildschirm kleiner und kleiner wurde. Immer wieder blitze es kurz auf, doch die große Explosion ließ noch auf sich warten. Vermutlich nur kleine Staubkörner, die mit der Antimaterie reagierten.
Vom Korridor hörte man das Weinen von Säuglingen und aufgeregte Stimmen einiger wenigen Crewmitglieder, die momentan nicht in der Lage waren, sich ebenfalls als Erntehelfer zu verdingen: Mütter mit Säuglingen, Kranke, Alte und jene, die für den Betrieb des Schiffes unverzichtbar waren oder sich um wichtige Reparaturen kümmern mussten.
Auf dem Monitor leuchtete ein greller Blitz auf und anschließend blieben nur noch die unendliche Schwärze und das Licht der Sterne. Die Antimaterie hatte mit der Materie des Generators reagiert. Wäre dies innerhalb der Quercus geschehen, hatte es das Schiff zerstört. Auf dem Monitor wirkte das Ereignis enttäuschend unspektakulär.

Jarava stieß ein Japsen aus und schlug die Hände vor das Gesicht. „Fortuna sei gedankt!“
Gransich murmelte etwas unverständliches, während Sorrin erleichtert aufatmete. Malget selbst schloss kurz die Augen und sammelte sich. Erleichterung machte sich in ihr breit. Allerdings nur für einen kurzen Moment. Nun, wo das Entsetzen sich aufgelöst hatte, blieb Raum für die Fragen nach dem Danach.
Der Antimateriegenerator war ein elementarer Bestandteil ihres Schiffes, denn er produzierte die für den Antrieb notwendige Antimaterie. Ohne Generator keine Antimaterie und ohne Antimaterie keine Hyperraumflüge. Zwar war es möglich Antimaterie zu kaufen, doch diese war teuer und zudem nicht überall erhältlich. Noch seltener waren jedoch die Generatoren selbst und damit ebenso kostspielig. Zwar gab es mittlerweile Neubauten, doch Malget traute diesen improvisierten Konstrukten nicht und wollte daher keines an Bord ihres Schiffes haben. Selbstverständlich waren auch die alten Geräten aus der Zeit vor dem Fall des Imperiums äußerst fehleranfällig, doch meistens funktionierten diese noch immer besser als die Produkte irgendwelcher Bastler.

[dies war etwas die Hälfte des ersten Kapitel - ab hier rückt das Problem einen neuen Generator zu besorgen in den Mittelpunkt]

Online Lilith

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Hallo Robur!

Jetzt komme ich endlich mal dazu, etwas zu deinem Text zu sagen.
Ganz allgemein vorweg: Textausschnitte, die über die Grenze von 20 000 Zeichen hinausgehen, haben noch eine geringere Chance, geröstet zu werden als lange Auszüge aus Geschichten generell.
Rösten erfordert einiges an Mühe, einen Text aufmerksam und konzentriert genug zu lesen, um anschließend etwas Hilfreiches dazu sagen zu können, wird noch schneller ermüdend, wenn der Text in sich nicht abgeschlossen und man dazu gezwungen ist, darüber hinauszudenken.

Ich werde es leider auch nicht schaffen, deinen ganzen Text hier auf den Grill zu legen, aber ein paar meiner Gedanken dazu möchte ich denn hier aufschreiben. Darum ist meine Röstung eher allgemein gehalten, statt auf Details einzugehen.

Zunächst einmal: In der überarbeiteten Version hast du deiner Geschichte erfolgreich den Haken gezogen - leider. Der Hook, das ist das, was den Leser bei der Stange hält, ihn wie einen Fisch an der Angel zappeln lässt und an dem du als Autor ihn durch die Untiefen deines Texts ziehst.
In der vorigen Fassung war das:
Zitat
Der Alarm riss Malget so abrupt aus dem Schlaf, dass sie trotz ihres Alters aufrecht im Bett saß.
Jetzt steht da:
Zitat
Das Piepen des Kommunikators holte Malget aus dem Schlaf.
Nicht nur im Vergleich finde ich das mau.

Schau mal, was da in der ersten Version direkt an Spannung aufgebaut wurde:
1. Alarm! Das kann nichts Gutes bedeuten.
2. Nachts! Das macht die Lage noch prekärer.
3. Eindringlich! Die ältliche Protagonistin lässt sich davon so aufschrecken, dass sie aufrecht im Bett sitzt, obwohl es ihr aufgrund ihres Alters schwer fällt.

Und jetzt?
1. Ein Kommunikator piept. Aha. Jemand will reden. Hm.
2. Jemand wacht auf. Aha.

Das ist blutleer. Da passiert etwas, aber es ist völlig belanglos. Alltäglich.
Und nicht mal in dieser Alltäglichkeit bietet sich für mich als Leserin irgendetwas, das mich genug aus dem Trott herausreißen würde, um mein Interesse zu wecken.
Schade. :weissnicht:

Mein Eindruck ist, dass du sehr damit beschäftigt bist, dem Leser deine Fantasie zu übertragen. Ihm vor dem geistigen Auge dein Raumschiff genau so auszustatten wie du es siehst, wie es dir vertraut ist, weil du es dir ausgedacht hast. Diese Vorstellung versuchst du auch im Leser zu erzeugen, damit er das alles auch so intensiv fühlen und sehen kann wie du.
Aber im Augenblick erzeugst du damit meines Erachtens nach mehr Umstände als Intensität. Das macht den Text schwer und langatmig. Es geht nicht darum, dass du nicht ausführlich sein darfst, du musst es nur an der richtigen Stelle tun, Handlung, Gefühl und Bühnenbild in Einklang bringen und an der richtigen Stelle - und dabei gerne bunt und ausgestaltet, doch umso pointierter - zu setzen, damit sie umso eindrucksvoller im Gedächtnis bleiben.
Noch wirkt dein Text auf mich überladen.
Das hängt auch mit der Sprache zusammen. Bei dir mischt sich Nominalstil mit ausdrucksschwachen Verben - und das ist leider auch Berichtsstil, Beamtendeutsch, und ermüdend zu lesen. Du formulierst oft umständlich, könntest schneller zum Punkt kommen, stattdessen ziehen sich deine Sätze und die Beschreibungen bleiben unpräzise, allgemein gehalten. Ja, das kann die Fantasie anregen. Wenn man es richtig und dosiert einsetzt. Bei dir hingegen mischt sich Detailfülle mit Luftblasen aus Eindrücken ... Beides verlangsamt und erschwert das Lesen.

Und ich gestehe, darüber ist mir fast der Moment, ab dem es spannend werden sollte abhanden gekommen. Lebensgefahr? Hm, wo denn? Ach so.
Und das sollte nicht passieren.
Du hast den Text in der Überarbeitung deutlich aufgebläht. Die vorige Version war straffer und stringenter - und selbst da fanden es viele Röster schon schwer, in der Hülle und Fülle an Erklärungen und Einzelheiten nicht unterzugehen.

Mein Tipp an dich: Fokus! Fokussiere dich und deinen Text.
Geh ihn mal Absatz für Absatz durch und frage dich: Was wollte ich dem Leser damit sagen? Das muss nichts Großes sein, es kann einfach heißen: Ich wollte Malgets Lebensraum beschreiben, ich wollte dem Leser das Bild vermitteln, das ich im Kopf habe.
Und dann schau dir pro Abschnitt an, was du gesammelt hast. Such dir die wichtigsten Punkte aus dieser Liste heraus, die gerade für die Geschichte wichtiger sind, zwei, höchstens drei und überarbeite den Abschnitt dahingehend. Auf ihnen muss das Hauptaugenmerk liegen.

Das war's fürs Erste.
Und wenn du Fragen hast, hak ruhig nach. :)

Liebe Grüße!
Lilith
« Letzte Änderung: 22 Januar 2018, 22:37:49 von Lilith »
  • Ich schreibe gerade: stuffs
"Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller."
- Bodo Kirchhoff

Offline Robur

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Vielen Dank!

Ich habe den Eindruck, dass ich momentan eine Detailröstung weniger brauche, als eine ganz allgemeine Einschätzung, wie du sie mir hier gegeben hast. Hast mir da ganz schön zu denken mitgegeben :) Und nun sitze ich hier und weiß gar nicht, was ich nun darauf antworten soll. Ist ja schon ein schwerer Brocken, den du mir überreichst - und für den ich auch dankbar bin ^^

Nun liegen drei verschiedene Versionen des Kapitels vor mir und ich weiß schon gar nicht mehr, was ich damit anfangen soll. Die erste ist zu bummelig, weil ich viele Infos in eine aktionreiche Szene packen will. Die zweite Version ist derart gestrafft, dass sie mir nicht mehr gefällt. Der dritten (die hier eingestellte) scheint der Hook zu fehlen. Und ja - ich mag den ersten Satz in der ersten Version auch lieber. Anderseits stimme ich Ulis Kommentar zur ersten Version zu: Die ursprüngliche Handlung bietet keinen Raum für den gemächlichen Beginn, den ich anscheinend haben will...

Vielen Dank auch für die Anmerkung, dass ich bei den Beschreibungen präziser sein muss. Sobald ich mich entschieden habe, wie der Beginn nun sein soll, werde ich mich mal daran setzen.

Phu... da liegt wirklich noch einiges an Arbeit vor mir, beweist mir aber ein weiteres Mal, wie sinnvoll es war sich im Forum anzumelden :)


Offline Ayira

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Vielen Dank!

Ich habe den Eindruck, dass ich momentan eine Detailröstung weniger brauche, als eine ganz allgemeine Einschätzung, wie du sie mir hier gegeben hast. Hast mir da ganz schön zu denken mitgegeben :) Und nun sitze ich hier und weiß gar nicht, was ich nun darauf antworten soll. Ist ja schon ein schwerer Brocken, den du mir überreichst - und für den ich auch dankbar bin ^^

Nun liegen drei verschiedene Versionen des Kapitels vor mir und ich weiß schon gar nicht mehr, was ich damit anfangen soll. Die erste ist zu bummelig, weil ich viele Infos in eine aktionreiche Szene packen will. Die zweite Version ist derart gestrafft, dass sie mir nicht mehr gefällt. Der dritten (die hier eingestellte) scheint der Hook zu fehlen. Und ja - ich mag den ersten Satz in der ersten Version auch lieber. Anderseits stimme ich Ulis Kommentar zur ersten Version zu: Die ursprüngliche Handlung bietet keinen Raum für den gemächlichen Beginn, den ich anscheinend haben will...

Vielen Dank auch für die Anmerkung, dass ich bei den Beschreibungen präziser sein muss. Sobald ich mich entschieden habe, wie der Beginn nun sein soll, werde ich mich mal daran setzen.

Phu... da liegt wirklich noch einiges an Arbeit vor mir, beweist mir aber ein weiteres Mal, wie sinnvoll es war sich im Forum anzumelden :)

Einfache Lösung: Wähle die erste Version mit dem klaren Alarm - aber straff die unnötigen Beschreibungstexte. Die sind an dieser Stelle nicht wichtig. Ich mag Geschichten, die einen sofort durch Spannung fesseln, anstatt gemächlich die Welt zu beschreiben (subjektives Gefühl, aber gut). Du hast eine Notsituation, einen Spannungsbogen --> das weckt Interesse (Hook).

Dein Problem im ersten Text war, dass du der Notsituation mit deinen Beschreibungen die "Not" genommen hast. Schmeiß die weg bzw. bau sie später ein, wenn die Gefahr gebannt ist und Malget wieder verschnaufen kann. Sie könnte nach dieser Nahtoderfahrung das Leben bzw. ihre Umgebung ... intensiver/bewusster als sonst wahrnehmen, vielleicht auch erleichtert, dass ihr der Schrotthaufen nicht um die Ohren geflogen ist, weil da scheppert schon das, dort ist das schon zigmal angeschweißt worden und trotzdem schon wieder locker ... So in die Richtung. Oder sie kehrt NACH dieser Sache in ihr Schlafgemach zurück und du beschreibst DA, was nötig ist, um den Leser an ihrer Umgebung teilhaben zu lassen.
Aber eben nicht in dem Moment, wo ihr aller Leben in Gefahr ist.

 :cheese:

Hoffe, ich konnte dir helfen ;-)
« Letzte Änderung: 24 Januar 2018, 11:46:45 von Ayira »
  • Ich schreibe gerade: Neseret - Atem des Feuergottes