Autor Thema: Daimonia - Einstiegszene  (Gelesen 329 mal)

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Offline Rilyn

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Re: Daimonia - Einstiegszene
« Antwort #20 am: 12 Januar 2018, 18:59:40 »
Röstis soll man nicht rösten, aber Xaranis brachte mich gerade auf einen relevanten Gedanken, deshalb greife ich ihr Beispiel auf:

Frau Müller würde mich durchaus interessieren, denn Frau Müller, wenn auch weit weg, unbekannt, ist eine einzelne Person, die aus einem mir unbekannten Grund ihr Leben beendet hat. Dahinter steckt eine Geschichte, ein großer Konflikt, den sie nicht lösen konnte. Etwas, das ohne Zweifel am Ende einer persönlichen Entwicklung steht, und damit großes Potential für Identifikation, Mitgefühl und Neugier birgt, wie es denn dazu kam.

Der Weltuntergang dagegen ... Na, der passiert eben. Der einzige Hinweis auf eine Beteiligung ist "der Höhepunkt unserer kleinen Geschichte", und das ist vage wie auch leicht zu überlesen, ohne eine emotionale Beteiligung. Natürlich kaufe ich es einem Charakter ab, des ganzen Weltuntergangs und Drumherums überdrüssig zu sein, aber er wirkt ja nicht mal so ... Er handelt nur, scheinbar ziellos, nimmt am Rande wahr. Das Ganze als Ich-Erzähler, so dass ich beim Lesen auch damit rechne, dass er eben nicht fremdcharakterisiert wird, sondern auch selbst dazu beitragen sollte, durch seine Wahrnehmung, sein Erleben.

Zitat
Aber dort hinten, am Horizont sammeln sich stahlgraue Wolken, mit Blitz und Donnergrollen, um so zu tun, als würden sie vom nahenden Inferno berichten? Kennt ihr diese Tage?
Hier ist mir noch eine Formulierung aufgefallen: Zumindest "um so zu tun" ist nicht nötig.

Aber zurück zum Erleben:

Zitat
Nun ... Über mir strahlte die Sonne heiß vom Himmel. Es war der letzte Sommertag. Und am Horizont türmten sich im tiefsten Schwarz die Wolken auf. Sie kündigten das Ende der Welt an.
Hier sollen nun Resignation und gleichzeitig drohende Gefahr von ungeahnten Ausmaßen rüberkommen, aber weder das eine noch das andere kommt bei mir an; stattdessen eher ein Versuch einer Satire? Ich bin nicht sicher (beim Lesen, nicht beim Rösten). Beim Rösten bin ich mir sicher, dass es nicht geklappt hat, das eine oder andere rüberzubringen.
Das liegt zum einen an zu viel Gewicht auf "kennt ihr diese Tage?" und den Tagen selbst sowie dem "na, naaa?" ... und hier geht unter, dass diese Wolken tatsächlich das Ende der Welt ankündigen. Dazu kommt - charaktergemäß, aber nur mit der Info aus dem Röstthread und nicht von sich aus - dass der Protagonist schon keinerlei persönlichen Bezug herstellt, was er nun von "diesen Tagen" hält, weshalb er sie so ausführlich erwähnt; damit bleibt ein Wortspiel im Vordergrund, das den ersten Teil des Vergleichs für irrelevant erklärt, und damit den ersten Satz.

Zitat
„Gleich ist es soweit“, krächzte der Rabe auf meiner Schulter. Seine Tonlage ließ keinen Zweifel daran, dass er sich auf den bevorstehenden Höhepunkt unserer kleinen Geschichte freute. Mit jeder Silbe, die ihm über scharfen Kanten seines Schnabels entkam, ruckte sein Kopf aufgeregt vor und zurück. Dabei wechselte sein Stand von einem Bein auf das andere. Ich spürte seine kleinen Krallen. Abwechselnd kratzten und bohrten sie sich in meine Haut.
Hier kommt viel Stimmung des Raben rüber. Es ist nicht die reine Sympathie, weshalb er interessanter ist, denn der Ich-Erzähler bleibt blass. Und bei näherer Betrachtung zappelt der Rabe auch nur herum, denn die unterstrichenen Sätze geben keine neue Information, außer der körperlichen Reaktion des Raben. Statt das in Kürze reinzupacken - krächzte der Rabe und trippelte auf meiner Schulter von einem Bein aufs andere - folgen zwei komplette Sätze. Du musst ja nicht alles komplett zusammenkürzen, aber ich habe mal kursiv markiert, was problemlos raus kann und hier nur alles in die Länge zieht ... aber wozu? Mit jedem Satz, der nicht in die Handlung, ins Erleben zieht, verlierst du mich als Leser weiter.

Zitat
Vielleicht wollte er mich auf diese Weise zu einer Reaktion provozieren.
Das hier ist jetzt interessant und auch noch ein direkter Gedanke. Aber vor welchem Hintergrund? Desinteresse *trotz* eines einmaligen, unerwarteten, ungewollten Ausgangs? Oder Desinteresse *aufgrund* dieser Dinge? Oder weil er es schon hundertmal miterlebt hat? Das muss hier nicht geklärt sein, aber es gibt keinen Anhaltspunkt für mich, keine grobe Richtung, denn der Weltuntergang oben las sich so ernstgemeint wie einer in der Fernsehzeitung.

Zitat
Demonstrativ gelassen drehte ich mich um.
Das behauptet er, aber da ich überhaupt nicht an ihn ran komme, merke ich nichts von Gelassenheit, und was hinter der demonstrativen solchen steckt.

Zitat
„Eh“, beschwerte sich das Krähenvieh. Mit flatternden Flügeln hopste er auf mir herum. „Ich will das sehen.“
Das ist locker formuliert und passt nicht zur gleichgültigen Gesamtstimmung, die du erreichen möchtest. Außerdem bleibt der Rabe hibbelig. Was er ja sein darf, aber es ist zu präsent und zieht wiederum die Aufmerksamkeit des doch so gleichgültigen Ich-Erzählers auf sich.

Zitat
Mit einem Satz sprang er hinüber auf das Geländer des Balkons.
Bleibt aber später trotz seiner nicht dort, und der Grund dafür ist viel zu vage ... sorgt er sich? :wiejetzt:
Es wäre umgekehrt okay, wenn er hier den Erzähler nur nervt, aber du hängst hier mit der Absicht, einen Ich-Erzähler "von außen" zu charakterisieren, zwischen den Figuren und letztlich bei keinem der beiden.

Zitat
Eigentlich wollte ich nicht sprechen. Ich tat es trotzdem: „Ob ich die Sache noch schlimmer machen würde, wenn ich dir jetzt den Hals umdrehe?“
Der kursive Teil impliziert, dass er's nicht tun wird. Nicht, dass ich damit rechne, aber die Drohung darf ruhig direkt sein: "Mache ich die Sache noch schlimmer, wenn ich dir den Hals umdrehe?"

Alles in allem wirkt dein Erzähler unbeteiligt, aber nicht in einer Weise, die ich als Resignation oder anderweitige Absicht herauslese, sondern als Problem des Textes. Er berichtet, er erlebt nicht nennenswert. Ich glaube, dass du durch die Egoperspektive eine Erwartungshaltung etablierst, die eine Fremdcharakterisierung in dieser Art - ohne Erleben - nicht möglich macht. Aber es wäre auch keine Lösung, einfach in die dritte Person zu wechseln.

Ich hoffe, mit diesem verspäteten Blah konnte ich dir noch etwas weiterhelfen. :)

Liebe Grüße, :kaffee2:
Ril
  • Ich schreibe gerade: Zuviel auf einmal.

Offline Zitatus

  • Oberdämon
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Re: Daimonia - Einstiegszene
« Antwort #21 am: 15 Januar 2018, 06:08:12 »
Danke für euer Feedback.
Einstampfen. Einen anderen Eingang für die Story finden.

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